Nachruf auf Helmut Beilner

| 2019

Nachruf auf Helmut Beilner, verfasst von Manfred Seidenfuß und Josef Memminger. Leider hat der Vorstand erst zu Anfang des Monats Oktober vom Ableben des Kollegen Beilner erfahren.

Nachruf auf Helmut Beilner (1940-2019)

Manfred Seidenfuß und Josef Memminger

 

Am 29. März starb Helmut Beilner im Alter von 78 Jahren. Nach seiner Emeritierung vom Lehrstuhl für Didaktik der Geschichte an der Universität Regensburg 2005 hatte er sich weitgehend aus dem aktiven Wissenschaftsbetrieb zurückgezogen. Äußerst rege und couragiert blieb er bis zu seinem Tode jedoch in der Erwachsenenbildung, z. B. in seinem Engagement für die Geschichtswerkstatt im Landkreis Dachau und als Leiter der Arbeitsgruppe Lokalgeschichte in seiner Heimatgemeinde Schwabhausen.

Helmut Beilner setzte sich sein ganzes Leben für geschichtsbewusstes Erinnern und Gedenken sowie für Völkerverständigung ein. Er selbst sah regionalgeschichtliche, grenzüberschreitende und europäische Perspektiven des Geschichtsunterrichts als seine bevorzugten Arbeitsgebiete. Das mag auch mit seiner Biografie zu tun haben. Er wurde am 24. April 1940 im mährisch-schlesischen Witkowitz (Vítkovice) geboren. Seine Familie musste den Heimatort nach dem Zweiten Weltkrieg 1946 verlassen. Die Migration führte ihn ins oberbayerische Wollomoos. Nach dem Abitur entschied sich Helmut Beilner für die Pädagogenlaufbahn. Er studierte an der Pädagogischen Hochschule München-Pasing und arbeitete anschließend als Grund- und Hauptschullehrer. Parallel dazu studierte er Geschichte, Pädagogik und Politikwissenschaft an der Ludwig-Maximilian-Universität in München, wo er dem renommierten Landeshistoriker und Mediävisten Karl Bosl aufgefallen sein musste, bei dem er 1971 mit einer damals innovativen Studie über die Emanzipation der bayerischen Lehrerin promoviert wurde, die als ein „Beitrag zur Geschichte der Emanzipation der Frau“ untertitelt wurde und in der lokalgeschichtlichen Reihe des Stadtarchivs München erschien. Den nächsten Qualifikationsschritt unternahm er an der Universität Bayreuth. Als wissenschaftlicher Assistent griff er die neue Konzeption „Geschichtsbewusstsein“ der noch jungen Wissenschaft der Didaktik der Geschichte auf, um seine Habilitation nicht nur historisch, sondern auch geschichtsdidaktisch zu kontextualisieren („Instanzen und Inhalte historischer Bewußtseinsbildung im Vorfeld des Geschichtsunterrichts zur Zeit der Weimarer Republik“, 2 Bände 1982).

Neben den historischen und theoretischen Arbeiten sind Helmut Beilners pragmatische Leistungen herauszustellen. Noch vor der Habilitation erarbeitete er pragmatische Handreichungen („Geschichte für die Sekundarstufe I“, 1976) und Schulbücher, die zunächst für die Sekundarstufe I, später für die Hauptschule („Geschichte in der Hauptschule, ab 1980) konzipiert wurden. Die Schulbuchreihe mag nicht die Aufmerksamkeit der progressiven („Fragen an die Geschichte“) oder auflagenstarken („Geschichtliche Weltkunde“, ab 1974) Lehrwerke gefunden haben. Sie zeigt aber, dass Helmut Beilner moderne geschichtsdidaktische Prinzipien und Herangehensweisen wie die Quellenorientierung, das entdeckende Lernen oder arbeitsunterrichtliche Elemente konzeptionell und konkret auf die bis dahin im Kontext historischen Lernens wenig beachtete Hauptschule zu implementieren verstand. Anerkennung für seine Arbeit brachte ihm der Auer-Verlag in Donauwörth entgegen, der nicht nur seine Schulbücher vertrieb, sondern ihn als Schriftleiter und Autor für die Zeitschrift „Pädagogische Welt“ gewann. Sicher übernahm Helmut Beilner diese Funktion nicht zuletzt deswegen, weil er grundlegende geschichtsdidaktische Einsichten auch einer Leserschaft, die mehrheitlich aus den Bereichen der Schulpädagogik und der Grund- und Hauptschulpädagogik kam, nahebringen wollte.

Sein wissenschaftliches Engagement wurde 1983 durch den Ruf auf die Professur für Didaktik der Geschichte an der Universität Passau honoriert. 1989 übernahm er schließlich im Institut für Geschichte der Universität Regensburg den Lehrstuhl für Didaktik der Geschichte, den er bis Ende 2005 leitete. Helmut Beilners Berufsbiographie macht deutlich, dass er interdisziplinär dachte und die Sprachen unterschiedlicher Domänen beherrschte. Nicht selten erkannte er frühzeitig die Bedeutung von Themen oder Forschungsstrategien, die erst später breiten Eingang in Fachdiskurse fanden. Über Kolleginnen und Kollegen der Pädagogik, Psychologie, Grundschulpädagogik und bei anderen Fachdidaktiken der Universität Regensburg fand er Inspiration und Unterstützung. Die empirische Erforschung von historischem Lernen und Geschichtsbewusstsein, mit einem modernen Design und in Anwendung anerkannter Methoden, wurde ein neues Arbeitsfeld in der letzten Dekade seiner wissenschaftlichen Arbeit. In der Community fanden diese empirischen Studien eine positive Resonanz. Nicht zuletzt ein als Bestandsaufnahme in der GWU erschienener Aufsatz (Empirische Forschung in der Geschichtsdidaktik, in: GWU 54, 2003, H. 3/4, S. 284-302) oder der Artikel zum selben Thema im „Wörterbuch Geschichtsdidaktik“ zeugen von diesem Profil. In Zusammenarbeit mit Martina Langer-Plän entstanden z. B. Untersuchungen zu den Herausforderungen der (Text-)Quellenarbeit oder zum Problem der Begriffsbildung, die heute noch als Grundlagenarbeit in diesem Bereich angesehen werden können.

Helmut Beilner vertrat als Lehrstuhlinhaber das Fach in der gebotenen Breite, wobei ihm Theoriefundierung und Praxisbezug gleichermaßen wichtig waren. Ein besonderes Anliegen war ihm auch die Weiterbildung von Lehrkräften aus dem regionalen Bereich, für die er regelmäßig mehrtägige Fortbildungen organisierte. Helmut Beilner war in allem ein zutiefst liberaler Mensch, dessen Position gegen Exkludierendes oder Diskriminierendes Gestalt hatte. Es sagt viel über Helmut Beilner aus, dass er sich bis zu seinem Tod aktiv für Verstehen, Verständnis und Verantwortung einsetzte.

Mit Helmut Beilner verliert die Geschichtsdidaktik einen bescheidenen, den Menschen herzlich zugewandten Wissenschaftler.