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Hexenverfolgungen in Sachsen-Coburg(-Eisenach)

((1572-)1596-1633)

Ronald Füssel

20. November 2007

Das Herzogtum Sachsen-Coburg(-Eisenach) lag südlich des Thüringer Waldes im nördlichen Franken und gehörte zur ernestinischen Linie der Wettiner. Zusammen mit dem Henneberger Land im Südwesten Thüringens und den beiden fränkischen Hochstiften Bamberg und Würzburg bildete Sachsen-Coburg im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts eine Kernregion der deutschen Hexenverfolgungen.

Das Herzogtum Sachsen-Coburg(-Eisenach)

Der Besitz der wettinischen Linie der Ernestiner (bis 1547 Kurfürsten, danach Herzöge von Sachsen) erstreckte sich über weite Teile Thüringens und umfasste auch den in Franken gelegenen Coburger Raum. Mit der Teilung des ernestinischen Gesamthauses entstanden 1572 die beiden Herzogtümer Sachsen-Weimar (1572-1603) und Sachsen-Coburg-Eisenach (1572-1596). Das Herzogtum Sachsen-Coburg-Eisenach kam an die beiden Söhne Johann Friedrichs des Mittleren (reg. 1554-1567), Johann Casimir (reg. 1572-1633) und Johann Ernst (reg. 1596-1638), die jedoch noch bis 1586 unter der Vormundschaft des albertinischen Kurfürsten August (reg. 1553-1586) standen. Danach führte Johann Casimir die Regierungsgeschäfte zunächst auch im Namen seines jüngeren Bruders, doch 1596 teilten sie sich das Gebiet, und es entstanden die beiden Herzogtümer Sachsen-Coburg (1596-1633) und Sachsen-Eisenach (1596-1638). Johann Casimir blieb in Coburg, Johann Ernst residierte seitdem in Eisenach. Mit dem Tode Johann Casimirs im Jahre 1633 gelangte Sachsen-Coburg an seinen Bruder, der allerdings fünf Jahre später ebenfalls kinderlos verstarb. Damit war diese ernestinische Linie vollständig erloschen. Ihr Besitz fiel an die beiden Nachfolgestaaten des 1572 gegründeten Herzogtums Sachsen-Weimar (1572-1603), Sachsen-Weimar (1603-1640) und Sachsen-Altenburg (1603-1672), und wurde in der Folge Gegenstand weiterer ernestinischer Erbteilungen.

Die Hexenverfolgungen

Nachdem es in Coburg und Heldburg bereits seit 1532 zu einzelnen Hexenprozessen gekommen war, wurden während der langen Regierungszeit Herzog Johann Casimirs in Sachsen-Coburg(-Eisenach) nicht weniger als 178 Personen wegen Hexerei verfolgt. Zwar sind seit 1575 immer wieder einzelne Fälle dokumentiert, doch erst 1612 nahmen die Hexenprozesse stark zu. In den Jahren von 1612 bis 1619 sowie von 1628 bis 1631/32 kam es zu zwei ausgeprägten Verfolgungswellen.

Schauplatz der Verfolgungen in Sachsen-Coburg waren hauptsächlich die beiden Amtssitze Coburg und Heldburg sowie das Städtchen Hildburghausen, das bis 1640 noch zum Amt Heldburg gehörte. Dort wurden auch die Prozesse aus den umliegenden Ortschaften geführt, wobei in Heldburg ein Schösser, in Coburg und Hildburghausen dagegen ein Centgraf die Verfahren leitete. Jeder Verfahrensschritt musste durch die Rechtsbelehrung eines Spruchkörpers bestimmt und von der Regierung in Coburg bestätigt werden. In den Quellen fällt der kleine, zwischen Heldburg und Hildburghausen gelegenen Ort Streufdorf auf, für den zahlreiche miteinander verkettete Fälle verzeichnet sind.

Absoluter Höhepunkt der Coburger Hexenverfolgungen war die Periode zwischen 1628 und 1631/32, in der auch angesehene und wohlhabende Kreise der Coburger Oberschicht in den Sog der Inquisition gerieten. Neben anderen Ehefrauen von Ratsmitgliedern wurde im Juli 1628 auch die Frau des Bürgermeisters Andreas Bachenschwanz verbrannt. Ähnliches spielte sich zur gleichen Zeit in den benachbarten fränkischen Hochstiften Bamberg und Würzburg ab, wo man sogar Adelige und Geistliche hingerichtet hat und der 1628 verbrannte Bamberger Bürgermeister Dr. Haan als prominentestes Opfer (Renczes 1990) bekannt ist.

Die Coburger Verfolgungswelle war beendet, nachdem 1632 in Coburg vier Knaben zwischen neun und vierzehn Jahren wegen Mantelfahrens angeklagt wurden. Die drei jüngeren kamen frei, der ältere Knabe wurde im Juni 1632 enthauptet und verbrannt. Der Einmarsch der Wallensteinschen Truppen in Coburg entzog den Verfolgungen im September 1632 definitiv den Boden. Erst nach dem Dreißigjährigen Krieg kam es in den Ämtern Coburg, Eisfeld, Heldburg, Hildburghausen (ab 1640), Römhild und Tenneberg unter wechselnden Herrschaften bis in die neunziger Jahre noch einmal zu ca. 50 Hexenprozessen, doch es blieb meist bei Einzelfällen, die auch nur noch selten mit Todesstrafen endeten.

Das Coburger Quellenmaterial ist reichhaltig und lässt vor allem für die Phase von 1628 bis 1631/32 interessante Details erkennen. Die Behörden in Coburg haben auf das massive Verfolgungsbegehren der Bevölkerung reagiert und dieses aufgegriffen. In diesem Zusammenhang sind vor allem die Einziehung von Strafgeldern „zur beförderung dergleichen inquisitions procese, die hexerey belangend“ zu nennen sowie die während der Auseinandersetzungen um den Coburger Schöppenstuhl erfolgte Einsetzung eines „besonderen Advokaten“ und natürlich die 1629 vom Herzog erlassene „Gerichtsordnung, die Hexerey betreffend“.

Die Strafgelder

Aufgrund der zahlreichen Verfahrensschritte und der jeweils damit verbundenen Gebühren waren Hexenprozesse recht kostenintensiv. Und obwohl die Carolina in Artikel 204 eigentlich vorsah, dass die Gerichtskosten von den Gerichten bzw. der Obrigkeit zu tragen waren, zog man diese Gelder in allen thüringischen Herrschaften von den Angeklagten oder deren Erben ein. Doch gerade die zahlreichen Verfahren gegen arme und mittellose Personen gestatteten nur selten eine Deckung der aufgelaufenen Prozesskosten, die dann aus der Kasse der Landesherren beglichen werden mussten. Daher orientierte man sich in Sachsen-Coburg an Bamberg und Würzburg und versuchte während der zahlreichen Hexenprozesse des Jahres 1628 die Defizite aus den Verfahren gegen arme und mittellose Personen durch entsprechende Mehreinnahmen aus den Prozessen gegen wohlhabendere Angeklagte wieder auszugleichen. Von den Erben dreier vermögender hingerichteter Frauen wurden Strafgelder in Höhe von 100, 400 und 1.000 Reichstalern eingezogen. Diese Gelder glichen nicht nur die bis dahin entstandenen Verluste aus, sondern konnten u. a. auch für städtische Bauvorhaben Verwendung finden. Die Einziehung weiterer Strafgelder ist nicht bekannt.

Der Streit um den Coburger Schöppenstuhl und die Gerichtsordnung

Der Schöppenstuhl Coburg wurde 1598 von Herzog Johann Casimir und seinem Bruder eingerichtet und bestand bis 1648. Er hat in hohem Maße zur Urteilsfindung in thüringischen Hexenprozessen beigetragen, doch sein Einflussbereich blieb größtenteils auf den Henneberger und Coburger Raum beschränkt.

1628 warf der lutherische Hofprediger Dr. Nikolaus Hugo dem Coburger Schöppenstuhl vor, dass er „keinen rechtmeßigen eiffer, zu bestraffung der Hex: und Zauberey, anwende, die schuldige Personen, wieder so vieler Zeugen außagen, ledig zehle, die tortur zu gelindt erkenne, nachleßig allenthalben verfahre und dadurch den verfluchten leuten, gleichsamb patrocinire“. Das Quellenmaterial und die überlieferten Entscheidungen der Coburger Juristen bestätigen diese schwerwiegenden Vorwürfe allerdings nicht. Die Coburger Schöppen setzten sich gegen ihre Kritiker zwar mehrfach schriftlich zur Wehr, konnten jedoch die Vorwürfe auch in den kommenden Jahren nie ganz aus der Welt räumen.

Herzog Johann Casimir unterstützte seine Juristen nicht. Vielmehr orientierte er sich an der Bamberger Institution des „Hexenkommissars“ und setzte im September 1629 Dr. Georg Mund als „besonderen Advokaten“ ein. Durch dessen weitreichende Kompetenzen und Befugnisse in den Hexenprozessen, beschnitt er die bisher den Gang des Verfahrens bestimmende Rolle des Schöppenstuhls deutlich. Bereits im Februar 1629 hatte der Herzog seine „Gerichtsordnung, die Hexerey betreffend“ erlassen. Darin legte er die Aufgaben und Pflichten der zahlreichen an den Verfahren beteiligten Personen fest und regelte in der zugehörigen „Taxordnung“ auch deren Einkünfte.

Johann Matthäus Meyfart

Im September des Jahres 1629 forderte Herzog Johann Casimir in einem „Befehl an die Geistlichen wegen des Lasters der Hexerei“, dass die Geistlichen auf dem Lande alles, was ihnen außerhalb der Beichte Verdächtiges zu Ohren komme, an die Regierung weitergeben sollten, damit das Laster der Hexerei mit besonders christlichem Eifer bekämpft werden könne.

Die meisten werden dies getan haben, doch es gab auch Ausnahmen. Johann Matthäus Meyfart (1590-1642), Doktor der Theologie, Schriftsteller und seit 1623 Rektor des Coburger Gymnasiums, verfasste um 1630, also auf dem Höhepunkt der Coburger Verfolgungen, eine Schrift, in der er sich sehr kritisch mit den Hexenverfolgungen auseinandersetzte: „Christliche Erinnerung/ An gewaltige Regenten und Gewissenhafte Prädicanten/ wie das abscheuliche Laster der Hexerey mit Ernst auszurotten/ aber in Verfolgung desselbigen auff Cantzel und Gerichtshäusern sehr bescheidentlich zu handeln sey.“

Der Autor stellte darin das Verbrechen der Hexerei nicht in Abrede, sondern richtete seine Kritik auf das widrige Prozesswesen. Meyfart griff damit als einer der ersten im 17. Jahrhundert die zu Beginn der Hexenverfolgungen noch regere Kritik am Hexereidelikt auf, formte sie jedoch zu einer Prozesskritik um. Doch selbst das war zur damaligen Zeit ein Wagnis. Daher traute sich Meyfart erst 1635 im sicheren Erfurt, wo er seit 1632 Theologie lehrte, seine noch in Coburg verfasste Schrift zu veröffentlichen. Für die erste große thüringische Verfolgungswelle (1598 bis 1631) kam dieser Appell allerdings zu spät. Erst 1703 erschien eine zweite Auflage, die dem Werk zwar zu einiger Aufmerksamkeit in Gelehrtenkreisen verhalf, aber erst nach dem Versiegen der Hexenprozesse erschien.

Literatur:

Egbert Friedrich, Hexenjagd im Raum Rodach und die Hexenprozeßordnung von Herzog Johann Casimir, Schriften des Rodacher Rückert-Kreises, Heft 19, Rodach 1995.

Ronald Füssel, Hexen und Hexenverfolgung in Thüringen, Landeszentrale für politische Bildung Thüringen (Hg.), Erfurt 2006 (2. Auflage).

Ronald Füssel, Die Hexenprozesse im Thüringer Raum und ihre Anklagepunkte, in: Rita Voltmer und Günter Gehl (Hg.), Alltagsleben und Magie in Hexenprozessen, Weimar 2003, S. 125-136.

Ronald Füssel, Die Hexenverfolgungen im Thüringer Raum, Hamburg 2003.

Rainer Hambrecht, Johann Matthäus Meyfart (1590-1642), sein Traktat gegen die Hexenprozesse und der Fall Margareta Ramhold, in: Michael Gockel und Volker Wahl (Hg.), Thüringische Forschungen. Festschrift für Hans Eberhardt zum 85. Geburtstag, Weimar u. a. 1993, S. 157-179.

Hexen und Hexenverfolgung in Thüringen, Begleitbuch zur Ausstellung Hexen in Thüringen im Schloß Elisabethenburg Meiningen vom November 2003 bis April 2004 (Südthüringer Forschungen 32, zugleich: Hexenforschung 8), Meiningen und Bielefeld 2003.

Gerhard Heyl, Die Zentralbehörden in Sachsen-Coburg 1572-1633, in: Jahrbuch der Coburger Landesstiftung 1961, S. 33-116.

Armin Human, Herzog Johann Casimirs „Gerichts-Ordnung die Hexerey betreffend: Publiciret ahm 21. February 1629“, in: Schriften des Vereins für Sachsen-Meiningische Geschichte und Landeskunde, Heft 29, 1898, S. 99-112.

Ingo Krauß, Extraordinaria Coburgensia, in: Coburger Heimatblätter 8, 1926, S. 86-103, 124-143.

Hans-Joachim Kretz, Der Schöppenstuhl zu Coburg, Diss. jur. Würzburg 1972.

Johann Matthäus Meyfart, Christliche Erinnerung [...], Erfurt 1635, in: Johann Reiche, Unterschiedliche Schriften vom Unfug des Hexenprozesses, Halle 1703, S. 357-584.

Ludolf Pelizaeus, Hintergründe der Entstehung von Meyfarts Kritik an den Hexenprozessen und seine Beeinflussung durch Spee, in: Spee-Jahrbuch 8, 2001, S. 33-62.

Andrea Renczes, Wie löscht man eine Familie aus? Eine Analyse Bamberger Hexenprozesse (Forum Sozialgeschichte 1) Pfaffenweiler 1990.

Erich Trunz, Johann Matthäus Meyfart. Theologe und Schriftsteller in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, München 1987.

Erich Trunz, Johann Matthäus Meyfarts Schrift gegen die Hexenprozesse, in: Gymnasium Casimirianum Coburg 1605-1980, Bericht über das Schuljahr 1979/80, S. I-XXIV.

 

Empfohlene Zitierweise

Füssel, Ronald: Sachsen-Coburg(-Eisenach). In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jdztm/

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Erstellt: 20.11.2007

Zuletzt geändert: 27.11.2007

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