Das Wiener Konkordat (1448)

1.a.1 Das Wiener Konkordat (1448)

 

1. Vorgeschichte

Mit dem Tod Kaiser Sigismunds 1437 während des Konzils von Basel fiel den Kurfürsten vorübergehend die Entscheidungsgewalt im Konflikt zwischen Papst und Konzil zu. [1] Eugen IV. hatte 1437 dem päpstlichen Leitgedanken neue Geltung verschaffen wollen und die Kirchenversammlung im selben Jahr geschlossen. Den vorgeschriebenen Verschiebungen nach Ferrara und Florenz kam man von Seiten des Konzils kaum nach und verblieb mehrheitlich in Basel. Die Wahl des Gegenpapstes Felix V. 1439 war die Folge und bescherte dem Abendland abermals ein Papstschisma. [2] Ebenso wie die Kurfürsten, entschied sich auch der neue König Albrecht II. vorerst für eine neutrale Haltung, [3] die das Reich auch in den nächsten Jahren beibehielt. [4]

Mit der sogenannten Mainzer „Akzeptation“ wollte man von Seiten der deutschen Metropoliten und des Herrschers in kirchlichen Belangen unabhängiger werden. Da die Reichsfürsten in ihren Meinungen divergierten, war Papst Eugen IV. jedoch gezwungen, sich einzeln mit den Territorialherren abzusprechen, um das Reich dadurch wieder seiner Obedienz zuzuführen und seine Anerkennung zu erlangen. [5] 1445 gab Friedrich III. seine Neutralität auf, sprach sich für Eugen IV. aus und forderte dafür entsprechende Gegenleistungen. Der Habsburger konnte so für sich und seine Stammlande zahlreiche Zugeständnisse erringen: [6]

  • Gründung des Bistums Wien;

  • Gründung neuer Diözesen im Osten seiner Herrschaft;

  • Verfügungsgewalt über eine größere Anzahl vakant werdender Pfründen in Kirchen und Klöstern; [7]

 

Da Eugen IV. diesen Katalog nicht gänzlich akzeptierte, jedoch Friedrich III. auf dessen vollständige Akzeptanz bestand, stellte der Papst dem König die Kaiserkrönung und finanzielle Unterstützung in Aussicht. Darüber hinaus gestand er ihm die Verfügung über 100 Pfründe, sowie das Nominationsrecht in den Bistümern Trient, Brixen, Gurk, Triest, Pedena (Pičanj) und Chur zu. Die diesbezüglichen Formulierungen hielt Eugen IV. aber bewusst unklar. [8] Es zeigte sich aber in der Privilegienvergabe dezidiert, dass die Päpste ihren politischen Einfluss nur durch Zuhilfenahme weltlicher Mächte retten konnten, die in Zukunft eine von Papsttum und bestehender Kirchenorganisation losgelöste Gewalt darstellen sollten. [9]

Die führenden Stände erreichten mit den Fürstenkonkordaten vom 5. und 7. Februar 1447 ihre Einigung mit Eugen IV., der kurze Zeit später verstarb. [10] Friedrich III. griff die Verhandlungen kurze Zeit später mit dessen Nachfolger Nikolaus V. wieder auf. Nachdem zwischen beiden Parteien am Aschaffenburger Fürstentag (Juli 1447) noch eine gemeinsame Verständigung stattgefunden hatte, schloss man am 17. Februar das Wiener Konkordat, welches das Reichsoberhaupt im Namen der Deutschen Nation (pro natione Alamanica) unterzeichnete. [11]

2. Inhalt und Bewertung

Inhaltlich hatte das Dokument weitestgehend die Konkordatsbestimmungen von 1418 übernommen. Wenngleich eine Wiedereinführung der verhassten Annaten erfolgte, gewährleistete das Wiener Konkordat gegenüber den präkonziliaren Bestimmungen verminderte Abgaben für die deutsche Kirche. [12] Im einzelnen umfasste es folgende Punkte:

  • Dem Papst gebührt das Recht, alle Ämter, deren Inhaber innerhalb zweier Tagesreisen von Rom entfernt versterben, zu besetzen;

  • Das kanonische Wahlrecht größerer Domkapitel und Klöster wird anerkannt, sofern der Papst keine „würdigere und nützlichere“ Person findet;

  • Die Nachbesetzung einer Stelle obliegt in den „päpstlichen“, ungeraden Monaten (Jänner, März, usw.) dem Papst, in den geraden Monaten dem ordentlichen Kollator (Bischof, Domkapitel, Stiftskapitel, Abt und Konvent);

  • Eindeutige Regelung der Annaten;

  • Unklare Rechte für die Deutsche Nation;

  • Erlaubnis eines weiteren Konzils;

 

Problematisch war im Einzelnen, dass sich zahlreiche Pfründeninhaber an der päpstlichen Kurie aufhielten und dem Papst im Falle ihres Ablebens die Möglichkeit auf Ämternachbesetzung gewährten. Auch das Nominierungsrecht einer „würdigeren und nützlicheren“ Person, darf nicht unterbewertet werden. Was das Zugeständnis an die Deutsche Nation und die Einberufung eines zukünftigen Konzils anbelangt, so waren diese Formulierungen sehr undeutlich gehalten. [13]

3. Nachgeschichte

Da einzelne Bischöfe dem Wiener Konkordat erst nachträglich beitraten, kann von dessen allgemeinen Akzeptanz erst ab 1479 gesprochen werden. Zwar fand es Eingang in die Reichsabschiede von 1497, 1498 und 1500, [14] doch seine Geltung war nie unumstritten. Trotz allem blieb es bis 1803/06 in Kraft. [15] Das Wiener Konkordat ist ebenso wie die Pragmatische Sanktion von Bourges von 1438 ein Zeugnis dafür, dass eine allumfassende Lösung der causa reformationis nicht durchführbar war und deswegen in einzelnen Konkordaten individuell vereinbart werden musste. [16]

Quellen:

Text des Wiener Konkordats

 

Moritz Lenglachner 

Anmerkungen

  • [1]

    Vgl. Helmrath, Johannes, Das Basler Konzil 1431-1449. Forschungsstand und Probleme, Köln 1987, (= Kölner historische Abhandlungen. Bd. 32.) S. 289.

  • [2]

    Vgl. Zschoch, Hellmut, Die Christenheit im Hoch- und Spätmittelalter. Von der Kirchenreform des 11. Jahrhunderts zu den Reformbestrebungen des 15. Jahrhunderts. Göttingen 2004, (= Zugänge zur Kirchengeschichte. Bd. 5.) S. 264.

  • [3]

    Vgl. Helmrath, Konzil, S. 291.

  • [4]

    Vgl. ebda, S. 295.

  • [5]

    Vgl. Bertrams, Wilhelm, Der neuzeitliche Staatsgedanke und die Konkordate des ausgehenden Mittelalters, 2. Aufl., Rom 1950, (= Analecta Gregoriana. Vol. 30. Sectio B/3.) S. 132-133; Helmrath, Konzil, S. 297-298.

  • [6]

    Vgl. Koller, Heinrich, Kaiser Friedrich III., Darmstadt 2005, (= Gestalten des Mittelalters und der Renaissance.) S. 105.

  • [7]

    Vgl. ebda, S. 106.

  • [8]

    Vgl. ebda, S. 107; Niederstätter, Alois, Das Jahrhundert der Mitte. An der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit, Wien 2004, (= Österreichische Geschichte. 1400-1522.) S.306.

  • [9]

    Vgl. Engel, Josef (Hg.), Die Entstehung des neuzeitlichen Europa, 4. Aufl., Stuttgart 1994. (= Handbuch der europäischen Geschichte. Bd. 3.) S. 31.

  • [10]

    Vgl. Schwaiger, Georg, Wiener Konkordat, in: Lexikon des Mittelalters. Bd. 9. CD-Rom-Ausgabe, Stuttgart 2000, Sp 88.

  • [11]

    Vgl. Koller, Friedrich III., S. 108.

  • [12]

    Vgl. Helmrath, Konzil, S. 317-318.

  • [13]

    Vgl. Koller, Friedrich III., S. 109.

  • [14]

    Vgl. Helmrath, Konzil, S. 321.

  • [15]

    Vgl. Schwaiger, Konkordat, Sp. 88-89.

  • [16]

    Vgl. Meyer, Andreas, Das Wiener Konkordat von 1448 – Eine erfolgreiche Reformation des Spätmittelalters, Tübingen 1986, (= Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven. Bd. 66.) S. 113-114.

Empfohlene Zitierweise

Lenglachner, Moritz: Das Wiener Konkordat, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/2v7/

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Erstellt: 04.06.2012

Zuletzt geändert: 12.06.2012


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