Lutherfeier 1883

Lutherrezeption im 19. Jahrhundert. Am Beispiel der „Luther-Nummer“ der Illustrirten Zeitung

 

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Das Jahr 1883 wurde in Deutschland anlässlich des 400. Geburtstages Martin Luthers zum Lutherjahr erklärt, was den Anlass zu vielen Formen des Gedenkens an das Wirken des Reformators bot. Die Reformation war in den Geschichtswissenschaften schon seit einiger Zeit verstärkt noch durch die Reichsgründung 1871, als Schlüsselereignis für die Nationswerdung Deutschlands betrachtet worden und Luther wurde im Jahr 1883 nun endgültig zu deren Symbolfigur. [1]. Dies schlug sich jedoch nicht nur im wissenschaftlichen Diskurs der Zeit nieder, sondern unter anderem auch in der Berichterstattung in Deutschland weit verbreiteten Zeitschriften wie der „Illustrirten Zeitung“.

I. Die „Illustrirte Zeitung“ [2]

Am 1. Juli 1843 erschien die „Illustrirte Zeitung. Wöchentliche Nachrichten über alle Ereignisse, Zustände und Persönlichkeiten der Gegenwart“ zum ersten Mal. Dieses von Johann Jacob Weber in Leipzig herausgegebene Periodikum war etwas völlig Neues auf dem deutschsprachigen Zeitungsmarkt und war bisher nur aus England und Frankreich bekannt (The Illustrated London News, L’Illustration). Als Vorläufer gilt das von Weber Anfang der 1830er Jahre herausgegebene „Pfennig-Magazin“, dem Ableger einer Zeitschrift des französischen Verlages Bossange Père, das durch Bilder und niedrigen Preis viele Leser ansprechen sollte, Mit der „Illustrierte Zeitung richtete sich Weber nun an den Bildungsbürger, wollte mit einer großen Fülle an Themen „den Männern Belehrung, den Frauen Unterhaltung und der Jugend Anregung“ bieten. Ihren innovativen Charakter, der wohl auch zu ihrem Erfolg beitrug (Nach eigenen Angaben hatte die Zeitung schon zwei Jahre nach ihrer Gründung 15.000 Abonnenten.) erhielt die Zeitung durch das reiche Bildmaterial, das die veröffentlichten Artikel anschaulich begleitete:

"Unser Vorsatz geht dahin, die Kultur in weitere Kreise zu tragen und die Bekanntschaft mit den Ereignissen im Staats- und Völkerleben, mit Kunst und Natur, überhaupt mit allen bemerkenswerten Vorgängen deutlicher und fruchtbarer zu machen. Die eingehendsten Schilderungen werden nur halb verstanden, ohne das Bild der Örtlichkeit, wo sie sich zutrugen, vor Augen zu haben. Nur wenn man Karten, Pläne, Gebäude, Landschaften, Kunstwerke, Maschinen, Geräte, mit einem Worte die beschriebenen Gegenstände in treuem Bilde vor sich sieht, wird die Kenntnis der Dinge klar und haftet fest in der Vorstellung und in der Erinnerung. Selbst die Persönlichkeiten, deren biographische Skizzen wir bringen, werden dem Leser vertrauter, wenn er zugleich ihre Portraits betrachtet."

Der Zeitschrift ging es nicht um die aktuelle Berichterstattung des Wochengeschehens (zumal die Produktion der Holzschnitte für eine Ausgabe acht Wochen Zeit in Anspruch nahm), sondern um die ästhetische Aufbereitung von Themen, die die Zeit prägten. Dementsprechend standen nicht Politik, sondern unterhaltsame Informationen zur Gesellschaft im Mittelpunkt der Zeitungsberichte.

II. Die Lutherausgabe der „Illustrirten Zeitung“

Die „Illustrierte Zeitung“ vom 20. Oktober 1883 steht ganz im Zeichen des Lutherjubiläumsjahres, anlässlich des 400. Geburtstags Luthers. Dementsprechend trägt diese Ausgabe den Namen „Luther-Nummer“ und zeigt auf dem Titelblatt Luther, dessen Eltern und wichtige Orte seines Lebens (Geburts- und Sterbehaus, die Wartburg und Wittenberg). Die Titelgeschichte ist ganz dem Reformator gewidmet. Auf der Innenseite des Titelblatts ist Text und Melodie des Liedes „Ein’ feste Burg ist unser Gott“ [3] abgedruckt. Die ersten 26 Seiten, die als Extraheft bezeichnet werden können, zeigen ca. 50 Illustrationen, von variierender Größe. Als Vorbilder dieser Holzschnitte dienten meist Gemälde zeitgenössischer Historienmaler (z.B. E. Heyn, K. Heyn, G. Spangenberg, W. Lindenschmitt, A. Noack) oder Stiche aus dem 16. Jahrhundert (A. Dürer, L. Cranach). [4]. Abgebildet sind Orte und Szenen aus Luthers Leben. Dazu gehören historische Ereignisse wie „Luther auf dem Reichstag zu Worms 1521“, Familienszenen, die Luther im Kreise seiner Familie zeigen, Porträts von Personen aus Luthers Umkreis, Denkmäler und Gedenkstätten (z.B. das Lutherdenkmal in Worms oder das Lutherzimmer auf der Wartburg). Aber auch Abbildungen von Luthers Hochzeitbecher oder Wappen sollen dem Zeitungsleser Einblicke in das Leben Martin Luthers gewähren.

Auf diese Illustrationen folgt ein fünfseitiger Bericht von Julius Köstlin [5], (dieser schrieb auch in der Allgemeinen deutschen Biographie den Eintrag zu Martin Luther [6]) mit der Überschrift „Zur 400jährigen Jubelfeier der Geburt Martin Luther’s. Der Artikel bietet einen chronologischen Überblick über Luthers Leben und ist in 14 Kapitel gegliedert, die jeweils wichtige Lebensabschnitte zusammenfassen. Durch Seitenzahlen wird auf die Illustrationen verwiesen, die dem Leser das entsprechende Bild zur beschriebenen Situation liefern soll. Aber es werden auch Hinweise auf restaurierte Gedenkstätten und neue Luther-Denkmäler gegeben.

Der Grundton des Artikels ist ein verherrlichender, er sich sowohl auf die Person Luther, sein Leben und Wirken, als auch auf die Auswirkungen seiner Taten.. So betont Köstlin die bäuerliche Herkunft und „herbe Kindheit“ des streng erzogenen Luthers, der so zu „Ernst und Gewissenhaftigkeit“ angehalten wurde. Schon in der Schule soll seine „schöne allgemeine Geistesbegabung“ zu Tage getreten sein. Aber auch sein Privatleben, dem ein ganzes Unterkapitel gewidmet ist, zeigt ihn als Mann positiver Charaktereigenschaften, so kommt er „[…] schlicht und anspruchslos seinem allgemeinen menschlichen und christlichen Beruf als Gatte und Vater nach […] und schöpft hier auch die beste Erquickung für die großen Kämpfe und Arbeiten, die seine besondere Aufgabe waren.“ Kritische Stimmen zu Luther werden als „Feinde der Reformation“ abgetan. Ein weiterer Punkt, der dem Schreiber des Artikels wichtig gewesen zu sein scheint, war die Betonung der Verdienste des Reformators um die „Deutsche Nation“, dabei hatte Köstlin aber nicht nur die Einführung des deutschsprachigen Gottesdienstes und der „Verdeutschung der Bibel“ im Blickfeld, sondern auch die Figur Luthers als Kämpfer für eine Vereinigung Deutschlands: So hebt er hervor, dass sich „deutsche Ritter“ für Luther und seinen Ideen begeisterten, „die sich bei den allgemeinen Klagen der deutschen Nation über die römischen Bedrückungen, Rechtseingriffe und Gelderpressungen an die Spitze gestellt [hatten]“. Dementsprechend werden vor allem die spanischen Wurzeln Karls V. betont, dem „die deutschnationalen Gefühle wie die innern religiösen Gefühle eines Luthers fremd [waren]“.

Zusammengefasst kann festgestellt werden, dass Martin Luther in diesem Zeitungsbericht ganz in der Geisteshaltung des 19. Jahrhunderts präsentiert, als einen ehrlichen, gebildeten und familiären Mann, der für die Sache der deutschen Nation eintritt. Das Leben und die Taten Luthers sollen den Lesern als Vorbild dienen, so endet Köstlin mit den Worten: „Das Jubiläum der Geburt des großen Mannes aber ermahnt vor allem dazu, ihn, dessen Bild wir mit Recht auch in den äußeren Zügen festhalten, immer neu in seinem Wort und Geist zu vergegenwärtigen und mit neuer Kraft wirksam werden zu lassen.“

III. Literatur zur Illustrirten Zeitung

Geisthövel, Alexa, Eigentümlichkeit und Macht. Deutscher Nationalismus 1830-1851. Stuttgart 2003.

Obenaus, Sibylle, Literarische und politische Zeitschriften 1830-1848. Stuttgart 1986.

Seifert, Eberhard, Die Entwicklung der Illustrirten Zeitung in Leipzig von 1843 bis 1906. Diss. Leipzig 1942.

Wachtel, Joachim (Hrsg.), Facsimile Querschnitt durch die Leipziger Illustrirte Zeitung. München/Bern/Wien 1969.

Weber, Wolfgang, Johann Jakob Weber. Der Begründer der illustrierten Presse in Deutschland. Leipzig 2003.

Verfasserin: Jana Schumann 

 

Anmerkungen

Empfohlene Zitierweise

Schumann, Jana: Lutherrezeption im 19. Jahrhundert. Am Beispiel der „Luther-Nummer“ der Illustrirten Zeitung. Aus: Reformation, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/1md/

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Erstellt: 12.11.2008

Zuletzt geändert: 08.01.2009


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