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Wirkungsbereiche

VI. Auswirkungen auf Europa

 

Die Revolution konnte aufgrund ihres universellen Geltungsanspruchs nicht auf Frankreich beschränkt bleiben. Sowohl ideell als auch konkret - in Form des Krieges - griff sie über die Grenzen hinaus. Auch wenn die große politische Umwälzung der europäischen Staatenwelt auf das Konto Napoleons ging, so liegen doch die Ursprünge dieser Entwicklung im ersten Revolutionsjahrzehnt.

 

1. Revolution, Reform, Restauration

Gegenentwurf zur alten Ordnung 

Die politischen Leitprinzipien der Französischen Revolution waren Ideen von grenzüberschreitender Sprengkraft, die in Europa begeisterte Zustimmung ebenso wie leidenschaftliche Ablehnung hervorriefen; immer jedoch war die Revolution gedanklicher und argumentativer Angelpunkt für Befürworter wie Gegner. Die Revolutionäre und das französische Volk hatten einen radikalen Gegenentwurf zu den bisherigen Fundamenten der europäischen Gesellschaften - christliche Kultur und monarchischer Ständestaat - Realität werden lassen. 

Vorbildcharakter 

Der revolutionäre Funke entzündete in den Nachbarstaaten - meist lokal beschränkte - Aufstandsbewegungen und führte vielerorts zur Gründung von Jakobiner-Clubs, wie z.B. in Mainz. Die Französische Revolution als die Revolution schlechthin behielt Vorbildcharakter für die europäischen Revolutionen von 1830 und 1848 und die russische von 1917. 

"Revolution von oben" 

Auf die deutschen Einzelstaaten und ihre Regenten übten die französischen Ereignisse einen unverkennbaren Modernisierungsdruck aus: In Preußen wurden umfassende Reformen des Staatswesens in den Bereichen Agrarordnung, Militär, Recht und Bildung durchgeführt, in einigen süddeutschen Staaten wurden vergleichbare Neuerungen darüber hinaus durch den Erlass von modernen Repräsentativverfassungen ergänzt und untermauert. 

Reform statt Revolution 

Eine wachsende liberale Bewegung kämpfte für das Recht der öffentlichen Meinungsäußerung und der politischen Mitbestimmung.

Bewusst, mit Blick auf die Gewaltexzesse der Terreur-Phase, plädierten die europäischen Liberalen und Demokraten jedoch mehrheitlich für den Weg der Reform. 

neue politische Kultur 

Eine Beeinflussung durch das französische Vorbild lässt sich auch für die politische Kultur feststellen: eine radikalere Publizistik trug zu intensiver, polarisierter Meinungsbildung bei, die wirkungsmächtige Freiheits- und Gleichheitssymbolik fand Eingang in die öffentliche Kultur und es bildeten sich unterscheidbare politische Lager heraus (Konservative, Liberale, Demokraten). 

Restauration 

Die Anhänger des monarchischen Legitimitätsprinzips schlossen sich auf europäischer Ebene zu einer restaurativen Abwehrfront zusammen und versuchten - die Französische Revolution als "Schreckgespenst" vor Augen - die Forderungen nach Volkssouveränität, Liberalismus und Verfassungsstaatlichkeit zu unterdrücken. 

Durchsetzung der bürgerlichen Gesellschafts- ordnung 

Längerfristig gesehen setzten sich im Laufe des 19. Jahrhunderts wichtige Prinzipien der Französischen Revolution im west- und mitteleuropäischen Raum durch, wobei das Element der Demokratisierung schon unter Napoleon weit zurückgedrängt wurde: (zumindest bedingte) Volkssouveränität, Mitbestimmungs- und Selbstverwaltungsrechte der Bürger und Kommunen, Gleichheit vor dem Gesetz, Garantie des Eigentums, Freiheit der Person, wirtschaftliche Liberalisierung. Unter dieser Perspektive zeigt sich die Französische Revolution als Wegbereiterin der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaftsordnung. 


Abb. 1Bread of Liberty

 

 

2. Krieg und staatliche Neuordnung

vom Defensiv- zum Eroberungskrieg 

Nachhaltige Wirkung auf viele europäische Staaten und auf Europa als Machtgefüge hatte die Französische Revolution durch ihre militärische Dimension. Dabei wandelte sich der Charakter des Krieges in seinem Verlauf: War er als Defensivkrieg gegen die konterrevolutionären Fürsten und Monarchen und als "Befreiungsfeldzug" für deren Untertanen begonnen worden, so dominierte spätestens ab Sommer 1794 hegemoniales Expansionsstreben, das häufig mit einer wirtschaftlichen Ausbeutung der besetzten Gebiete einherging. 

Schwesterrepubliken 

Die Gründung von Schwesterrepubliken in Italien und der Schweiz boten ebenso wie die deutschen Rheinbundstaaten die Möglichkeit zu direkten Eingriffen in die dortigen Verhältnisse, die oft intensive Modernisierungen der betroffenen Gebiete zur Folge hatten. 

napoleonische Kriege 

Was unter der Revolution begonnen hatte, wurde von Napoleon fortgeführt. Seine Kriegszüge dehnten den französischen Einfluss auf ganz Europa aus, riefen aber schließlich eine breite Front des Widerstands gegen die französischen Eroberer und Besatzer hervor, die am Ende siegreich war und in die Neuordnung der europäischen Staatenwelt durch den Wiener Kongress mündete. 

"Flurbereinigung" in Deutschland 

Als eine "territoriale Revolution" kann man die Auswirkungen der Kriege auf die deutschen Einzelstaaten bezeichnen. Die Entschädigung linksrheinischer Fürsten, die Säkularisation der geistlichen Besitztümer und Herrschaften und schließlich die gesamte räumliche Neustrukturierung, die in einer Reduktion von circa 2.000 selbständigen Herrschaften auf 35 Bundesstaaten resultierte, hinterließen eine völlig veränderte politische Landkarte. Zweifelsohne gab die Revolution den Anstoß zum Untergang des Alten Reiches. 

 

3. Leitbegriff Nation

 

Mit der Revolution und dem europaweiten Krieg trat eine Idee ihren Siegeszug an, die noch viel wirkungsmächtiger werden sollte als die Ideale "Freiheit" und "Gleichheit": die Idee der Nation. 

Nation und Gleichheit 

Die Entstehung der "Nation" als politischer Leitbegriff hängt eng mit dem Egalitätsprinzip zusammen, denn die Forderung nach Gleichheit und Partizipation aller Bürger am Staat erweiterte automatisch den Nationsbegriff, der bisher an eine privilegierte Elite gebunden war, auf das ganze Volk. Umgekehrt konnte so auch die Forderung nach nationaler Einheit zu einem Angriff auf die auf Ungleichheit beruhende Gesellschafts- und Herrschaftsordnung werden. 

das Volk als Nation 

Gegen die ständische Beschränkung des Nationsbegriffs argumentierte auch Abbé Sieyès 1789 in der Generalständeversammlung, als er die Vertreter des Dritten Standes, der die überwältigende Mehrheit der französischen Bevölkerung ausmachte, zu Repräsentanten der Nation erklärte. ("Was ist der Dritte Stand? - Alles.") 

Nation als Legitimationsprinzip 

Die Nation wurde, wie es sich in der Französischen Revolution beobachten lässt, zur Begründung für politisches Handeln, in der Innen- wie in der Außenpolitik. 

Vereinheitlichung 

Viele der Maßnahmen der Revolutionsregierungen zielten auf die nationale Homogenisierung, sei es die Reform der Verwaltung, die Abschaffung regionaler Sonderrechte, die Bildungsmaßnahmen oder etwa die Bestrebungen zur Durchsetzung des Französischen als einheitliche Nationalsprache. 

Sinnstiftungsfunktion 

Nach dem Wegfall bzw. dem Bedeutungsverlust traditioneller Identifikationsangebote wie Stand, Konfession oder Dynastie übernahm die "Nation" verstärkt diese Funktion der Sinnstiftung. Als säkulare Glücksvorstellung verhieß sie Gemeinschaft, Orientierung und soziale Besserstellung für alle. Bald nahmen die Riten, Feiern und Vorstellungen, die auf die Nations-Idee bezogen waren, quasi-religiösen Charakter an. 

Selbstbestim- mungsrecht der Völker 

Ebenfalls ein Kind der Französischen Revolution ist das Selbstbestimmungsrecht der Völker, auf das sich in der Folgezeit viele Völker und Volksgruppen bei ihrem Kampf um nationale Souveränität beriefen. Das Selbstbestimmungsrecht diente auch als Rechtfertigung für die damit verbundenen Kriege, denn kaum eine Nationalstaatsbildung des 19. Jahrhunderts gelang unblutig. 

Nationalisierung des Krieges 

Waren Kriege früher hauptsächlich eine Angelegenheit der adeligen Führungsschicht, von Söldnern oder nach Bedarf rekrutierten Untertanenverbänden, so wurde er durch die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht zur nationalen Aufgabe jedes Bürgers. Einher mit dieser "Nationalisierung des Krieges" ging außerdem die enge Verknüpfung von Innen- und Außenpolitik, die frühere Jahrhunderte so nicht kannten. 

Nationalismus 

Im Laufe des 19. Jahrhunderts verlor der revolutionäre, auf Egalität abzielende Ursprung des Nationsbegriffs an Bedeutung gegenüber stärkeren Ab- und Ausgrenzungstendenzen, welche die Entstehung des "Nationalismus" markieren. 

 

Empfohlene Zitierweise

Büttner, Sabine: VI. Auswirkungen auf Europa. Aus: Die Französische Revolution - eine Online-Einführung: Wirkungsbereiche, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/3fz121/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 22.12.2005

Zuletzt geändert: 27.06.2006


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