Aufsätze

Gabriele Scholz und Martina Zech

„Gezwungenermaßen“

Zwangsarbeit in der Region Rhein-Erft-Rur. Einleitung

Die Wanderausstellung und der vorliegende Band zum Thema Zwangsarbeit in der Region Rhein-Erft-Rur entstanden auf der Grundlage eines Beschlusses der „Arbeitsgemeinschaft der Archivarinnen und Archivare im Rhein-Erft-Kreis“ [1].

Die Arbeitsgemeinschaft besteht seit 1994. Ihr gehören neben den Kommunalarchiven auch die Staats-, Verbands- und Wirtschaftsarchive mit Sitz im Erftkreis, das Stadt- und Kreisarchiv Düren sowie die Archivberatungsstelle des Landschaftsverbandes Rheinland an.

Warum nehmen sich gerade Archivare des Themas Zwangsarbeit so intensiv an? Die Antwort ist leicht gegeben. Es sind die Archive, vor allem die kommunalen Archive, die seit einigen Jahren eine Vielzahl von Anfragen ehemaliger Zwangsarbeiter erhalten. Diese Menschen bitten uns heute um eine Bestätigung ihres zwangsweisen Aufenthaltes und ihrer Beschäftigung in deutschen Betrieben während des Zweiten Weltkrieges. Mit einer schriftlichen Bestätigung haben sie die Möglichkeit, Entschädigungszahlungen von der „Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ zu erhalten.

Die aus dieser Zeit erhaltenen Dokumente in den Archiven sind für viele ehemalige Zwangsarbeiter die letzte Hoffnung auf Anerkennung des Unrechts, das ihnen widerfahren ist. Viele von ihnen haben keinerlei Unterlagen, nur Erinnerungen an diese Zeit.

„Während des zweiten Weltkrieges (im Jahre 1942) war ich nach Deutschland zur Zwangsarbeit abgeschickt. [...] Heute ist es bekannt, daß jeder Ostarbeiter, der seine Beitragszeit (1942-1945) behaupten will, muß dokumentarischen Beweis nur aus deutschen Archiven vorzeigen. [...] Die Hilfe Deutschlands für uns hat eine große Rolle. Ich hoffe auf Bestätigung [...]. Es liegt mir viel daran.“ [2]

Aufgrund ihrer historischen Ortskenntnisse können die Archivare auch aus spärlichen Angaben der Anfragenden häufig erschließen, wo der Betroffene wahrscheinlich gearbeitet hat. Die Quellenlage gestaltet die Suche oft mühsam. Glücksfälle sind überlieferte polizeiliche Meldekarteien, aus denen die Daten zum Aufenthalt zu entnehmen sind. Wo dies nicht der Fall ist, nimmt die oft mühsame Suche nach anderen Quellen ihren Lauf. In vielen Fällen werden die Anfragen weitergeleitet in der Hoffnung, in anderen Archiven und Institutionen konkrete Spuren ausfindig zu machen. Mit ihrem Projekt möchte die Arbeitsgemeinschaft – über diese konkrete Hilfe hinaus – Zwangsarbeit in unserer Region darstellen und damit auch jener gedenken, für die nun jede Entschädigungszahlung zu spät kommt.

Zwangsarbeit war kein abstraktes Phänomen. Aus ihrer Heimat verschleppte Frauen, Männer und Jugendliche wurden auch in unseren Kommunen, bei Firmen, die z.T. heute noch bestehen, in großer Zahl zur Arbeit eingesetzt.

Aus der Geschichtsforschung ist bislang bekannt, dass insgesamt mehr als 13 Millionen Menschen während des Zweiten Weltkrieges im deutschen Einflußgebiet unter oft menschenunwürdigen Bedingungen leben und arbeiten mußten. Sie stellten im Spätsommer 1944 fast ein Viertel der Arbeitskräfte im Deutschen Reich. Für unsere Region geht man von mehreren Zehntausend Zwangsarbeitern aus. Exakte Zahlen sind aufgrund der Quellenlage kaum zu ermitteln. Hier dennoch einige annähernde Zahlen: In Wesseling waren z.B. mindestens 10.000 Ausländer zur Arbeit eingesetzt. In der Kreisstadt Bergheim waren rund 2.800 Ausländer gemeldet und in Bedburg sind rund 2.000 Zwangsarbeiter in Industrie und Landwirtschaft nachgewiesen. Hier sind noch mehrere Tausend bei der „Organisation Todt“ (OT) eingesetzte ausländische Arbeiter einzubeziehen. Zur Anzahl der Kriegsgefangenen in unserer Region liegen uns keine Zahlen vor, da sie nicht meldepolizeilich erfasst wurden.

Für die generelle Erforschung des Themas Zwangsarbeit in der NS-Zeit legte Ulrich Herbert bereits 1985 ein Standardwerk vor. Mark Spoerer veröffentlichte jüngst eine zusammenfassende Darstellung des bisherigen Kenntnisstandes. Es existieren auch Studien auf lokaler und regionaler Ebene, dennoch blieb in der größeren Zahl der Fälle das Kapitel Zwangsarbeit in der Geschichte der einzelnen Orte bislang unerforscht. Welche ausländischen Arbeiter sind – während der Kriegszeit – als „Zwangsarbeiter“ zu betrachten? Wie ist die Abgrenzung gegenüber den deutschen dienstverpflichteten Arbeitern zu ziehen? Welche Unterschiede bestanden bei den verschiedenen Herkunftsnationen und wie war der Übergang von freiwilliger Arbeitsaufnahme in Deutschland zur zwangsweisen Festsetzung und schließlich zur zwangsweisen Deportation? Das sind Fragen, die jeweils individuell beantwortet werden müssten. Die Frage der Einbeziehung der Kriegsgefangenen stellt sich ebenfalls.

Den Versuch einer Kategorisierung unternimmt Mark Spoerer. Er kommt zu dem Schluss, „dass sich zwischen den idealtypischen Extrempolen absoluter Freiwilligkeit und totalen Zwangs ein weites Kontinuum erstreckte“ [3] Die NS-Rassenideologie fand in einer Kategorisierung der Menschen aus den verschiedenen Ländern ihre Umsetzung. Manche sogenannte „Westarbeiter“ kamen zunächst freiwillig, wurden dann aber unter Zwang hier gehalten. Viele Polen und Franzosen wurden als Kriegsgefangene zur Arbeit eingesetzt und später in Zivilarbeiter „umgewandelt“. Dies geschah auch gegen ihren Willen. Italienische Arbeiter kamen zunächst als Verbündete. Nach dem Wechsel des Bündnisses unterlagen sie als „Militärinternierte“ den strengen Bedingungen, wie sie für die übrigen Kriegsgefangenen galten. In der vorliegenden Dokumentation werden die sogenannten „Zivilarbeiter“ und die zur Arbeit eingesetzten Kriegsgefangenen gleichermaßen als Zwangsarbeiter betrachtet, zumal sie, wie beschrieben, den Status auch wechselten und alle unter ähnlichen Bedingungen leben und arbeiten mussten. Die Zuständigkeit lag nur bei anderen Organisationen. Während die Kriegsgefangenen nach Abschluss eines rechtskräftigen Überlassungsvertrages zwischen Wehrmachtskommandantur und „Gefolgschaftsführer“ eines Betr iebes aus den Stammlagern (STALAG) an die Arbeitsstätten abkommandiert wurden, erfolgte die „Vermittlung“ von Zivilarbeitern generell durch die regionalen Arbeitsämter, z.B. die Arbeitsverwaltung in Horrem mit ihren Außenstellen u.a. in Brühl und Bedburg.

Die Forschungsarbeit der Arbeitsgemeinschaft besteht aus zwei Einzelprojekten: Einer Wanderausstellung und einer begleitenden Publikation.

Die thematisch gegliederte Ausstellung umfasst 34 Schautafeln, die ausgewählte Schwerpunkte aufzeigen und erläutern. [4] Eine Arbeitsgruppe hat hierzu alle Quellen zum Thema aus den Archiven der Region gesichtet, ausgewählt und den Themen zugeordnet.

Der vorliegende Band umfasst neben einigen Aufsätzen zum Thema einen Ausstellungskatalog sowie ein Inventar der Literatur und Quellen zum Thema. Im ersten Abschnitt der Dokumentation werden die wesentlichen Wirtschaftsbereiche der Region erfasst: Die Landwirtschaft, die Industrie und der Braunkohlenbergbau.

Susanne Harke-Schmidt beschreibt den Einsatz von Zwangsarbeitern in der Kerpener Landwirtschaft. Die im Stadtarchiv Kerpen überlieferten Quellen bilden dabei vor allem die behördliche Sicht des Arbeitseinsatzes ab. In der Landwirtschaft wurden Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter überwiegend in kleineren Gruppen oder als Einzelpersonen eingesetzt und auf den Höfen untergebracht. Das System von Verordnungen, Überwachung und Bestrafung wird hier besonders deutlich. Der Beitrag ermöglicht außerdem Einblicke in die persönlichen Lebensverhältnisse der größtenteils aus Osteuropa stammenden Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen in den landwirtschaftlichen Betrieben.

Ursula Froitzheim schildert in ihrem Beitrag über den Einsatz von Zwangsarbeitern in der Industrie am Beispiel Wesselings eine andere Situation. In den kriegswichtigen Betrieben war die Gruppe der aus Westeuropa stammenden Arbeiter die größte. Quellengrundlage bildet hier die in Wesseling überlieferte Ausländermeldekartei aus der Kriegszeit. Ausgewählte Ergebnisse der Auswertung der Meldedaten werden vorgestellt. Die für den massenweisen Einsatz von Fremdarbeitern typischen Arbeits- und Lebensbedingungen werden nachgezeichnet: Die Unterbringung in großen Lagern, die Überwachung und das System der Strafen.

Manfred Coenen dokumentiert vor allem anhand von Statistiken den Einsatz von Fremd- und Zwangsarbeitern in der rheinischen Braunkohleindustrie. Damit wird veranschaulicht, in welcher Zahl Menschen aus verschiedenen Nationen bei Abraumförderung und in den Gruben eingesetzt wurden. Die Braunkohle dominierte die industrielle Wirtschaft in der Kölner Bucht. Die Gruben waren über die Landkreise Köln und Bergheim verteilt.

Uwe Depcik behandelt den Einsatz der „Organisation Todt“ (OT) in der Umgebung von Bedburg im Sommer 1944. Die für Straßen- und Tiefbauprojekte zuständige OT beschäftigte europaweit mehr als 1,5 Millionen Zwangsarbeiter.

Karola Fings beschreibt die Maßnahmen der Staatspolizeistelle (Stapo) in Köln, die auch für die hier behandelte Region zuständig war. Anhand von Beispielen aus der Region beleuchtet der Beitrag die Verfolgung und Bestrafung von Zwangsarbeitern. Ein komplexes System von Vorschriften mit massiven Strafmaßnahmen wurde in NS-Deutschland gegen die ausländischen Arbeiter entwickelt.

Hans J. Domsta hat aus Zeitzeugenberichten, die im Dürener Stadt- und Kreisarchiv überliefert sind, eine Auswahl für den Band getroffen. Sehr deutlich wird hier die Perspektive der einheimischen Bevölkerung zu diesem Thema wiedergegeben. Der Beitrag lässt keinen Zweifel daran, dass der Einsatz von Ausländern in Gewerbe und Industrie der deutschen Bevölkerung präsent war.

Bozena Gryczka hat die beeindruckenden Briefe übersetzt, in denen ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter ihre Erinnerungen an die Zeit in Hürth schildern. Einige von ihnen werden auf Einladung der Stadtverwaltung im Frühjahr 2002 Hürth besuchen. Auffallend in den Briefen sind parallele Schilderungen dieser Menschen. Alle beschreiben z.B. die Mahlzeiten ähnlich, auch wenn sie in unterschiedlichen Lagern untergebracht waren. Die ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter erinnern sich dankbar auch an damals geleistete Hilfe durch Einheimische, vergessen werden aber auch nicht die Drangsalierungen und Demütigungen.

Die Wanderausstellung präsentiert zahlreiche, bislang zum größten Teil unbearbeitete und unveröffentlichte Quellen unterschiedlicher Gattung, die sich in unseren Archiven befinden: Fotos, Karteien, Baupläne, Polizeiprotokolle, Fahndungsaufrufe etc.

Im zweiten Abschnitt des Bandes werden diese Ausstellungsdokumente der folgenden thematischen Schwerpunkte katalogisiert dargestellt:

• Kriegsbeute: Arbeitskraft

• Der Arbeitseinsatz

• Die Lebensumstände

• Das Überwachungssystem

• Kriegsende: Endlich frei ?

• Entschädigung

Diese Gliederung entspricht der Präsentation der Tafeln in der Ausstellung. Eine Auswahl von Abbildungen aus der Ausstellung ergänzt diesen Bereich.

Um den Zugang zu weiteren Forschungen zu erleichtern, wurde im dritten Abschnitt ein Inventar der Literatur und der Quellen zum Thema „Zwangsarbeit in der Region“ erstellt. Wie für den gesamten Band, so gilt auch für das Inventar: Auch wenn wir keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben können, so nennt das Inventar alle bislang bekannten Quellen aus unseren Archiven. Auch Quellen, die aufgrund der gesetzlichen Bestimmungen nur eingeschränkt benutzbar sind, werden dokumentiert. Die Überlieferung zu unserer Region in anderen Archiven konnten wir nicht komplett wiedergeben. Wurden überregionale Fundstellen, die die regionale Quellenlage ergänzten, bekannt, so sind sie im Inventar mit aufgeführt. Das Inventar ist nach folgenden Themen gegliedert:

1. Literatur und Gedruckte Quellen

2. Meldung und Überwachung

3. Einsatzgebiete von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern

4. Lebensumstände

5. Nachkriegszeit

Das Inventar ist durch Register benutzerfreundlich erschlossen: Der Ortsindex ist von besonderer Bedeutung, da er das Auffinden von Quellen zu einem Ort erleichtert. Ein Sachindex ermöglicht den gezielten Zugriff auf Quellen zu Einzelthemen. Der Dank der gesamten Arbeitsgemeinschaft gilt allen, die die Realisierung der Ausstellung und des Begleitbandes unterstützt haben. Finanziell wurde das Projekt vom Ministerium für Städtebau und Wohnen, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen sowie den Trägern der beteiligten Archive gefördert. Zu danken ist auch der Shell & DEA Oil GmbH in Wesseling, der RWE Rheinbraun AG und dem NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln u.a. für die Bereitstellung von Quellen und Fotomaterial.

 

Anmerkungen

  • [1]

    Nachfolgend ist die Einleitung zur Begleitpublikation der Ausstellung „Gezwungenermaßen. Zwangsarbeit in der Region Rhein-Erft-Rur“ zu lesen. Außerdem finden Sie an dieser Stelle die Aufsätze, die in der Einleitung kurz beschrieben und skizziert werden.

  • [2]

    Auszug aus der Anfrage von Wera K. aus der Ukraine an die Stadt Wesseling vom Juli 2000.

  • [3]

    Mark Spoerer, Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz, Stuttgart/München 2001, S.

  • [4]

    Die Ausstellung wurde am 03. Mai 2002 in Wesseling eröffnet und war anschließend in zahlreichen Kommunen im Rhein-Erft-Kreis und im Kreis Düren sowie in der Stadt Bonn zu sehen. Sie kann nach wie vor bei der Arbeitsgemeinschaft ausgeliehen werden. Kontakt: Stadtarchiv Wesseling, Frau Martina Zech, Alfons-Müller-Platz, 50389 Wesseling. 02236/701319. mzech(at)wesseling.de

Empfohlene Zitierweise

Zech, Martina/Scholz, Gabriele: „Gezwungenermaßen“ - Zwangsarbeit in der Region Rhein-Erft-Rur. Einleitung, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/v9z27/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 17.10.2006

Zuletzt geändert: 31.10.2006


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