Aufsätze

Ursula Froitzheim

Arbeitseinsatz in der Industrie

Fremd- und Zwangsarbeiter in Wesseling [1]

Im Archiv der Stadt Wesseling ist eine rund 10.000 Karten umfassende Ausländer-Meldekartei aus der NS-Zeit überliefert. Sie enthält die Meldekarten der während des Krieges eingesetzten ausländischen Arbeiter und Arbeiterinnen, über die gesondert Buch geführt wurde. Die Überlieferung dieser Quelle ermöglicht zum einen die Beantwortung von Anfragen ehemaliger Zwangsarbeiter, die um eine Bestätigung nachsuchen. Darüber hinaus dient sie uns als Quelle für die historische Aufarbeitung. Sie wird zur Zeit im Rahmen eines wissenschaftlichen Projektes im Auftrag des Rates der Stadt ausgewertet mit dem Ziel, die Beschäftigung und den Aufenthalt dieser Menschen in Wesseling zu dokumentieren. [2] Der folgende Werkstattbericht bezieht sich auf die Erkenntnisse, die nach der Erfassung von ca. einem Drittel der Meldekarten gewonnen wurden. [3]

In Wesseling lebten im Jahr 1935 auf das heutige Stadtgebiet bezogen rund 8.000 Menschen. In Relation dazu ist die Anzahl von ca. 10.000 ausländischen Arbeitern, die von den Nationalsozialisten in Wesseling zur Arbeit verpflichtet wurden, ungewöhnlich hoch. Im Vergleich zu anderen Kommunen vergleichbarer Größe, die in der Lage waren, Zahlen zu Fremdarbeitern während der Kriegszeit vorzulegen, nimmt Wesseling damit eine Sonderstellung ein. [4] Sie ist zu erklären aus der Tatsache, dass die Gemeinde bereits vor dem Zweiten Weltkrieg ein wichtiger Industriestandort war, der mit der Entwicklung der Kriegswirtschaft und dem Bau des kriegswichtigen Hydrierwerkes Union Kraftstoff – kurz U.K., heute Shell & DEA Oil GmbH – noch an Bedeutung gewann. [5]

Dazu einige Angaben und Zahlen: Bereits vor dem Krieg bestanden die Chemische Fabrik (heute ein Werk der Degussa), ein Zweigwerk der Eisenbahnverkehrsmittel AG (EVA) (heute Eisenbahnreparaturwerk Brühl GmbH), eine Niederlassung der Deutschen Norton GmbH, die Firma Köln-Wesselinger Eisenbau, die Reederei Braunkohle GmbH Abt. Schiffahrt und eine Niederlassung der Feldmühle AG (heute Saint-Gobain Abrasives GmbH). Im Mai 1938 wurde mit dem Bau des Werkes der U.K. begonnen, im August 1941 lief die Produktion von Benzin an, 1942/43 deckten die Produkte der U.K. 5 Prozent des gesamten Treibstoffbedarfs des Deutschen Reiches. [6]

Der folgende Aufsatz beleuchtet daher insbesondere die Lage der Arbeiter und Arbeiterinnen in der Industrie, d. h. er fokussiert den Zwangsarbeitereinsatz innerhalb eines relativ kleinen Ortes mit einem hohen Anteil an ansässiger Großindustrie und dadurch bedingtem hohen Anteil an ausländischen Arbeitern.

Das Projekt der Dokumentation stützt sich zur Hauptsache auf die erwähnte Ausländermeldekartei, die in Wesseling aus der Kriegszeit erhalten geblieben ist. Dazu kommen noch Angaben zu ca. 398 Fremdarbeiter und Fremdarbeiterinnen aus Urfeld, die zusätzlich im Archiv der Stadt Bornheim recherchiert wurden, da der Stadtteil Urfeld früher zu Bornheim gehörte. Auf dieser Basis wird zur Zeit eine Datenbank erstellt, die mit Hilfe einer seriellen biographischen Auswertung die Darstellung des Aufenthalts und des Schicksals der Zwangsarbeiter in Wesseling ermöglicht. Dabei stehen die Fragen zu den Herkunftsländern, zu Alter, Geschlecht und Verweildauer der Arbeiter und Arbeiterinnen, zu den beschäftigenden Unternehmen, den Lebensbedingungen in den Lagern, zu Einzelschicksalen und Todesfällen im Vordergrund.

Die ursprüngliche Kartei des Wesselinger Archivs enthält Daten aus der Zeit von 1940 bis 1945. Die aus dem Archiv Bornheim zu Urfeld ergänzten Daten beginnen teilweise früher, da hier viele Slowaken in Quartieren wohnten, die als erste Arbeiter auf der Baustelle der U.K. tätig waren.

Die Entstehungsgeschichte der Kartei ist bekannt: alle Ausländer mussten melderechtlich erfasst werden. Bei neuen Transporten wurden Angestellte des Meldeamtes jeweils in das Lager gerufen, wo sie mit Hilfe eines Dolmetschers die Daten der neuangekommenen Arbeiter aufnahmen. Ihre Arbeit erfolgte unter den Bedingungen des Krieges und – verursacht durch die Vielzahl der Neuaufzunehmenden – häufig unter Zeitdruck. Sie wurde zusätzlich durch Sprach- und Verständigungsschwierigkeiten behindert und musste ab 1943 manchmal auch unter Bombenbeschuss durchgeführt werden. [7] Daher ist davon auszugehen, dass nicht alle Namen in der Meldekartei fehlerfrei wiedergegeben sind.


Abb. 1

Trotz vieler Schwierigkeiten wurde in der Regel akribisch aufgezeichnet und verwaltet. Selbst im Februar 1945 verlangte man noch von einem zwangsverpflichteten Arbeiter, um eine Aufenthaltsgenehmigung nachzusuchen. Soweit es bisher zu überblicken ist, gab es jedoch Unterschiede in der lückenlosen Überwachung durch das Meldesystem der Verwaltung. So sind die Angaben der Meldekarten von Zwangsarbeitern und Zwangsarbeiterinnen aus der Sowjetunion, den sogenannten ‚Ostarbeitern‘, auffällig genauer und widerspruchsfreier als etwa Angaben zu französischen Arbeitern, die als ‚Westarbeiter‘ auf der Stufenleiter der Rassenhierarchie einen weit höheren Platz in der NS-Ideologie einnahmen.

Als Dokument einer Bürokratie, die innerhalb eines menschenverachtenden Regimes funktionierte, bietet die Kartei insgesamt einen genauen Überblick über die Entwicklung des ‚Arbeitseinsatzes‘ von Fremdarbeitern in Wesseling. Ganz vollständig ist die Kartei allerdings trotz ihres großen Umfangs wahrscheinlich nicht. [8]

Das Beispiel Wesseling im Zahlenvergleich

Die massenhafte Rekrutierung ausländischer Arbeiter für die Kriegswirtschaft des Dritten Reiches und das Ausmaß, das diese auch in Wesseling erreichte, lässt sich in seiner Sonderstellung am besten in Zahlen vermitteln: Auf dem Höhepunkt des ‚Arbeitseinsatzes‘ waren im August 1944 im Deutschen Reich rund 7,6 Millionen ausländische Arbeiter registriert, die vorwiegend zwangsweise für die deutsche Kriegswirtschaft ausgebeutet wurden. Davon waren 1,9 Millionen Kriegsgefangene und 5,7 Millionen zivile Arbeitskräfte. In reinen Rüstungsbetrieben erreichte die Zahl der ausländischen Arbeitskräfte 1944 dabei 50% der Belegschaft. [9]

Die Zahlen des gesamten Arbeitsamtsbezirks Horrem, zu dem Wesseling gehörte, weisen für den September 1944 insgesamt 13.457 ausländische Zivilarbeiter aus, davon 9.824 Männer und 3.633 Frauen. [10]

Vergleichbare Daten zur genauen Anzahl der im Spätsommer 1944 in Wesseling eingesetzten ausländischen Arbeiter und Arbeiterinnen liegen zur Zeit noch nicht vor. Aus Verwaltungsberichten, lässt sich aber für den damaligen Amtsbezirk Wesseling, der Urfeld noch nicht mit einschloss, eine Zahl von rund 5.000 Ausländern (3.500 zivile Arbeiter und 1.500 italienische Militärinternierte) ermitteln. [11] Ein Hinweis auf die Größenordnung des Zustroms findet sich auch bereits früher in einem Schreiben des Amtsbürgermeisters von Wesseling an den Landrat in Köln vom 18. März 1942. Darin heißt es:

„Seit der Errichtung des Vierjahresplanwerkes [gemeint ist die U.K.] hat sich die Einwohnerzahl des Amtsbezirks seit 1939 von rd. 7.000 auf rd. 12.000 erhöht.“ [12]

Bei der Betrachtung der bisher für Wesseling ermittelten Gesamtzahl von 10.033 Fremdarbeitern und Fremdarbeiterinnen ist zu bedenken, dass diese Menschen nicht alle gleichzeitig in Wesseling gearbeitet haben, vielmehr wurde diese Anzahl für die Gesamtzeit von 1939-1945 erhoben. Dennoch liefert sie im Kontext zu den oben erwähnten Zahlen Anhaltspunkte dafür, in welch hohem Ausmaß die Wesselinger Industrie in die Kriegswirtschaft des nationalsozialistischen Regimes und in die Ausbeutung der Fremdarbeiter eingebunden war. Deutlich wird dies auch durch ein Einzelbeispiel, das die Situation in der Union Kraftstoff veranschaulicht: Im Sommer 1941 hatte die U.K 6.000 Beschäftigte, davon waren zu diesem frühen Zeitpunkt des Arbeitseinsatzes 2.700 Personen – also 45% – Ausländer. Für den Juli 1944 ist dank der englischen Abwehr, die damals das Werk ausspionierte, die Zahl von 2.194 beschäftigten Ausländern bei insgesamt 6.594 Beschäftigten der U.K. – also einem Drittel – belegt. [13]

Alle diese Menschen kamen aus 18 verschiedenen Ländern, bzw. waren aus vielen Ländern nach Wesseling verbracht worden: Die größte Zahl, nämlich 2.669 von ihnen, kam aus Belgien, gefolgt von 2.278 Franzosen, unter ihnen auch viele Nordafrikaner aus Algerien und Marokko, einige wenige aus Vietnam (einem Teil des ehemaligen Indochina). 1.638 Arbeiter kamen aus Italien, teilweise als Militärinternierte, 1.603 aus den Niederlanden, 1.098 aus der Sowjetunion, 303 aus Polen, 172 aus der Tschechoslowakei, 50 aus Jugoslawien, 40 aus Spanien, 23 aus Bulgarien, 11 aus Ungarn, 10 aus Griechenland, je 9 aus Dänemark und Luxemburg, 8 aus der Schweiz, 5 aus Portugal, 2 aus der Türkei und 1 aus Rumänien und 107 von ihnen waren staatenlos.

Der weitaus größte Teil von ihnen stammte – anders als in einigen anderen Kommunen, die bereits Dokumentationen vorgelegt haben und wo die Zahl der Arbeiter und Arbeiterinnen aus Osteuropa überwog [14] – aus den Staaten West- und Südeuropas. In der Gegenüberstellung waren es: 8.188 Arbeiter aus den besetzten Nachbarländern Niederlande, Belgien, Luxemburg, Frankreich und aus Italien, 1.401 Arbeiter aus der Sowjetunion und Polen.

Der Einsatz sowjetischer und französischer Arbeiter

Die folgende Darstellung fußt auf der Auswertung der 3316 Wesselinger Meldekarten der sowjetischen und französischen Arbeiter. Die Angaben dieser Karten sind bislang vollständig in der Datenbank erfasst.

Verteilung nach Wirtschaftssektoren

Ein Vergleich der einzelnen wirtschaftlichen Bereiche, in denen die Arbeiter in Wesseling eingesetzt wurden, ergibt für die beiden Nationen folgendes Bild: [15]

        Industrie:                 2.306 Arbeiter     (69,5 %)

        Landwirtschaft:             86 Arbeiter         (2,6 %)

        Gewerbe und Privathaushalte:     40 Arbeiter         (1,2 %)

        Sonstige:                 10 Arbeiter         (0,3%)

        Keine Angabe vorhanden:     914 Arbeiter         (27,6 %)

         (wahrscheinlich Industrie)

Für die letzte Gruppe ist mit hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass mit einigen wenigen Ausnahmen auch sie in der Industrie beschäftigt waren – dies belegen vereinzelte beigeheftete Arbeitskarten. Der Gesamtanteil der Industriearbeiter erhöht sich damit auf ca. 96,2% gegenüber ca. 3,8% in den anderen Bereichen.

Unterbringung

In der Frage der Unterbringung dieser Vielzahl von Fremdarbeitern sind die Erkenntnisse zur Zeit noch lückenhaft. Klar ist: in Wesseling entstanden große Lagerkomplexe. Das erste große Zivilarbeiterlager war das Südlager, das zur U.K. gehörte. Es befand sich auf dem Gelände des heutigen DEA-Schwimmbades und ist heute noch vielen Wesselingern bekannt, da es nach dem Krieg zum Obdach vieler Flüchtlinge wurde. Es ist davon auszugehen, dass solche großen Lagerkomplexe wie etwa der große Komplex Süd mit später vier Teilbereichen erst nach und nach entstanden. Die Lager in Wesseling wurden also mit der wachsenden Zahl der ausländischen Arbeiter ausgebaut und erweitert, soweit nicht neue errichtet wurden.

Später besaß jede der großen Firmen in Wesseling mindestens ein oder evtl. auch ein zweites Lager auf oder in unmittelbarer Nähe des eigenen Firmengeländes. So die Deutsche Norton, die Feldmühle, die Köln-Bonner-Eisenbahn, die Pohlig A.G. Des weiteren unterhielt die Reederei Braunkohle ein Lager in der Adolf-Hitler-Straße 1, heute Kölner Straße. Von der damaligen Chemischen Fabrik (heute Degussa) liegen Adressen von mindestens zwei Lagern vor, Hindenburgstraße 68 und Hindenburgstraße 58, heute ebenfalls Kölner Straße. Ebenso sind von der EVA das Lager ‚Godorfer Burg‘ bekannt und ein weiteres kleineres auf dem gegenüberliegenden Firmengelände. Auf einem Schiff auf dem Rhein waren italienische Militärinternierte untergebracht. Ein weiteres großes U.K.-Lager war das Rheinlager an der Ostseite des Firmen-Geländes, in dem sich seit 1942 die Frauen aus der Sowjetunion befanden und das teilweise auch als Straflager fungierte. [16]


Abb. 2

Die überwiegende Mehrheit der ausländischen Arbeiter war in den großen Firmenlagern untergebracht, ein Vorgehen, das den Einsatz von einer Vielzahl von Zwangsarbeitern erst ermöglichte und daher in der Industrie typisch war.

Eine Vorstellung von der Größe der Firmenlager in Wesseling gewinnt man, wenn man bedenkt, dass allein die Zahl der französischen Arbeiter zusammen mit den Arbeitern und Arbeiterinnen aus dem Gebiet der Sowjetunion, die das Südlager der U.K. durchlaufen haben, mindestens rund 2.300 ausmachte. Im Rheinlager waren es mindestens 406. [17] Bei den vier Komplexen des Südlagers ist von folgenden Endkapazitäten auszugehen: Süd I 650 Personen, Süd II 1.000 Personen, Süd III 300 Personen und Süd IV 60 Personen. Im Rheinlager waren bis zu 650 Arbeiter und Arbeiterinnen untergebracht, in den Lagern Norton 140, Feldmühle 140, EVA 80 und Pohlig 50. [18] Die Größe und Vielzahl der Barackenlager machten Wesseling während des Krieges nach einem Urteil Albert Essers zu einer „Stadt der Lager“. [19]


Abb. 3

Daneben und vor allem zuvor gab es vermutlich noch die Unterbringung in bereits existierenden Gebäuden, wie in einer Reihe kleinerer Unterkünfte in Gastwirtschaftssälen, in Feldscheunen und später auch in Schulräumen. Die genaue Zahl und die exakte Lokalisierung solcher Quartiere werden aber auf Grund der uns vorliegenden Unterlagen nur sehr schwer zu ermitteln sein. In der Anfangszeit, als noch keine geeigneten Unterkünfte, erst recht nicht solcher Größenordnung, bereitstanden, wurde manche behelfsmäßige Lösung geschaffen. [20] Einige wenige Privilegierte unter den Westarbeitern, etwa mitverpflichtete Firmenchefs, Chefmonteure, Dolmetscher oder andere Funktionsträger innerhalb der Ordnung des NS-Arbeitereinsatzes, erhielten auch die Erlaubnis, privat zu wohnen, z.B. in einem Bonner Hotel oder unter einer Kölner Adresse, weniger häufig in Wesselinger Privatquartieren.

In Wesseling-Süd, im großen Lagerkomplex der U.K., entstand auch eine Einrichtung, die zentrale Aufgaben für die Gemeinden des Umkreises wahrnahm. Hier wurde, wie in nahezu allen Großbetrieben in Deutschland, auf Anordnung des Arbeitsministers ein zentrales Bordell eingerichtet, das auch für den Besuch der ausländischen Arbeiter aus den Nachbargemeinden bestimmt war. [21] Grund waren Befürchtungen von Partei und deutschen Sicherheitsbehörden: Um ‚volkspolitischen Gefahren‘ vorzubeugen, versuchte man den sexuellen Kontakt von Ausländern aller Nationen mit Deutschen zu unterbinden, wagte gegenüber den ‚Westarbeitern‘ aber nicht, ein generelles Verbot auszusprechen. Polen dagegen drohte die Todesstrafe. Sie wurde zunächst zwar noch nicht, nach dem Sieg über Frankreich aber in zahlreichen Prozessen verhängt und vollstreckt. [22]

Außerdem gibt es Indizien für ein 1944 von der Gestapo eingerichtetes betriebliches Erziehungslager auf dem Gelände des Lagers Süd II, einer Sonderform der bis dahin üblichen sogenannten ‚Arbeitserziehungslager‘. [23] Dies waren Straflager mit KZ-ähnlichen Haftbedingungen, in denen die Insassen abschreckend diszipliniert werden sollten. Die Gestapo wies hier solche Menschen ein, denen z.B. Vergehen wie ‚Arbeitsflucht‘ oder ‚Arbeitsbummelei‘ vorgeworfen wurden – ‚Delikte‘, die fast ausschließlich die zwangsverpflichteten ausländischen Arbeiter betrafen, was auch durch die Wesselinger Kartei bestätigt wird.

Eine beträchtliche Zahl von Zwangsarbeitern kam insbesondere in den beiden letzten Kriegsjahren aus anderen Orten Deutschlands nach Wesseling, da durch die Zerstörungen des Bombenkriegs Verlegungen, Umstrukturierungen und Wiederaufbauarbeiten erforderlich wurden. Dies unterstreicht die Bedeutung der Wesselinger Produktion für die deutsche Kriegswirtschaft einerseits sowie die große Aufnahmekapazität der Lager andererseits: So wurden allein 151 französische und 46 sowjetische Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen, also zusammen 197 Menschen, ermittelt, die im Juli 1943 aus dem Osten Kölns nach Wesseling kamen. Auch aus anderen Gebieten kamen Fremdarbeiter nach Wesseling. Aus der Region und aus den Gemeinden des heutigen Erftkreises, insbesondere aus Brühl, Hürth, Bedburg, Bergheim sowie aus dem heutigen Kölner Stadtteil Sürth wurden sowjetische Arbeiter und Arbeiterinnen hierher verlegt. Französische Arbeiter kamen aus weiter entfernten industriellen Zentren oder aus Orten mit industriellen Großbetrieben, z. B. aus Essen, Dortmund, Leverkusen, und auch aus Troisdorf nach Wesseling, eine Tatsache, die vermutlich mit einem möglichst berufsnahen Einsatz zu erklären ist. [24] So weit das bisher zu erkennen ist, hat die Wesselinger Industrie insgesamt mehr Arbeiter aufgenommen, als aus Wesseling abgezogen wurden.

Anwerbung und Zwangsdeportation

Der ‚Arbeitseinsatz‘ all dieser Menschen in Wesseling war abhängig vom Kriegsverlauf, bzw. im Falle der Tschechoslowakei von den den Krieg vorbereitenden politischen Ereignissen: Als erste kamen im Mai/Juni 1939 Slowaken, bezeichnenderweise nachdem Hitler zwei Monate zuvor im März 1939 die Tschechoslowakei zerschlagen und die Slowakei zu einem Satellitenstaat des ‚Großdeutschen Reiches‘ degradiert hatte. Sie waren in der Nähe der U.K., in Urfeld untergebracht.

Die Arbeiter aus Frankreich kamen Ende 1940/Anfang 1941 nach Wesseling, ein halbes Jahr nachdem Frankreich am 22. Juni 1940 den Waffenstillstand angeboten und das Land unter deutsche Besatzungsherrschaft gekommen war. Aus der Sowjetunion kamen die ersten Arbeiter und Arbeiterinnen im Mai/ Juni 1942 in den Ort. Hitler hatte am 22. Juni 1941 die Sowjetunion überfallen und nach dem schnellen Gewinn großer Gebiete begannen die ersten Transporte nach Deutschland im Dezember 1941.

Damit wird klar: Der ‚Arbeitseinsatz‘ folgte der Logik der Ausbeutung. Auch hinter der de jure freiwilligen Anwerbung der ersten Fremdarbeiter, z. B. aus dem von Deutschland besetzten Frankreich, stand in vielen Fällen eine Form von Zwang, und zwar ein ‚struktureller Zwang‘. Er wurde erzeugt durch Arbeitslosigkeit und materielle Not, die zwar nicht ursprünglich durch Krieg und Besatzung geschaffen wurden, die jedoch für viele Menschen nun unausweichlich wurden, weil ihnen die Existenzgrundlage genommen wurde. [25] Erst später folgten dann in Frankreich gesetzliche Regelungen für Zwangsmaßnahmen und Zwangsrekrutierungen wie beispielsweise durch den ‚service obligatoire du travail‘ im Sommer 1942. Sie wurden vergleichbar auch in Holland und Belgien geschaffen. [26]

Für die Zwangsarbeiter aus dem Osten, die aus der Sowjetunion und aus Polen verschleppt wurden, steht der Zwangscharakter ganz außer Frage. Er war auch den Menschen in Wesseling sehr bewusst, wie aus den Aussagen von Zeitzeugen hervorgeht. Ein Beispiel dazu schildert auch Albert Esser. Er berichtet von der jungen Ukrainerin Anna, die als Haushaltshilfe in seine Familie gekommen war:

„Anna, aus einem Dorf bei Kiew stammend, war an einem Sommertag 1942 zufällig in Kiew auf dem zentralen Platz, als plötzlich deutsche Lastwagen auffuhren. Greifkommandos aus SS und Wehrmacht zerrten gezielt junge Frauen und Männer auf die Lastwagen und fuhren mit ihnen davon. Eine Woche später war Anna in Wesseling.“ [27]

Jan M. Baarsen, der 1943 aus den Niederlanden nach Deutschland deportiert wurde, schildert Vergleichbares:

„1943 mußte ich zur Arbeitsverpflichtung nach Deutschland. Aus Prinzip meldete ich mich nicht, aber dadurch bekam ich keine Lebensmittelkarten mehr, und obendrein war es gefährlich zu Hause zu bleiben: – Ich mußte untertauchen. [...] Wir [...] wurden damals um 1 Uhr durch acht Feldgendarme und den Sicherheitsdienst aus unserer Schlafstelle geholt. [...] Die Fensterscheiben wurden eingeschlagen und Taschenlampen und Revolver auf uns gerichtet. [...] Es blieb uns nichts anderes übrig, als zu gehorchen.“ [28]

Biographische Daten

Ziel der Auswertung der Meldekartei ist, ein biographisches Profil der Menschen zu erstellen, die in Wesseling zwangsweise zur Arbeit eingesetzt wurden. Für einige von ihnen, für die französischen Arbeiter und die Arbeiter und Arbeiterinnen aus der Sowjetunion, können wir bereits Angaben liefern.

Altersstruktur

In bezug auf die Altersstruktur lässt sich folgendes feststellen: Aus der Sowjetunion kamen fast ausschließlich sehr junge Menschen. Das Alter der meisten von ihnen lag zwischen 16-19 Jahren, also jünger als 20 Jahre. Als jüngste unter ihnen war Jewdoki K. aus dem Kreis Dnepropetrowsk in der Wesselinger Industrie beschäftigt. Als sie im Juni 1942 zur Fa. Feldmühle kam, war sie noch keine 14 Jahre alt! Dagegen war das Gros der Fremdarbeiter, die aus Frankreich kamen, älter. Die Altersverteilung war bei ihnen vor allem sehr viel gleichmäßiger. Ein Schwerpunkt lag auch hier bei den Jüngeren, jedoch bei der Altersgruppe der 19-23-Jährigen. Aber anders als bei den Menschen aus der Sowjetunion kamen aus Frankreich auch Arbeiter im Alter zwischen 25 und 45 Jahren in großer Zahl.


Abb. 4

Verteilung Männer/Frauen

Der Anteil der Frauen unter den französischen Arbeitskräften war äußerst gering. Er lag mit 47 Frauen bei nur 2%. Dagegen waren es aus der Sowjetunion zu 67% (734) Frauen, die nach Wesseling deportiert wurden. Diese Tatsache belegt wiederum eindrucksvoll die Wirksamkeit der Rassenhierarchie: Während man im Gegensatz zum Ersten Weltkrieg deutsche Frauen vom Arbeitseinsatz zu verschonen suchte, fühlte man sich aus ideologischen Gründen zu einer solchen Schonung gegenüber den als minderwertig angesehenen slawischen Völkern nicht verpflichtet.


Abb. 5

 

Ausgeübte Tätigkeiten

Ebenso aufschlussreich sind die Angaben zu den ausgeübten Tätigkeiten: Von den insgesamt 1.044 sowjetischen Arbeitern und Arbeiterinnen wurde die Mehrzahl (895 bzw. 85,7%) stereotyp als Hilfsarbeiter/in bezeichnet und in der Industrie eingesetzt, – wenige führten andere Berufsbezeichnungen wie: Landarbeiter/in und Gartenarbeiter/in (beide zusammen machten nur 117 bzw.11,2% aus). Ganz selten erscheinen die Angaben Hausgehilfin, Schlosser, Montagehelfer oder auch Schülerin. Dagegen war das Berufsspektrum der 2.272 französischen Arbeiter wesentlich differenzierter: [29] Am Anfang, etwa bis Frühjahr 1941, während der Aufbauphase der U.K., kamen Bauhilfsarbeiter in großer Zahl. Bauhilfsarbeiter zusammen mit Arbeitern, Hilfsarbeitern und Tiefbauarbeitern machten zusammen 933 d.h. 41% der französischen Arbeiter in Wesseling aus. Es folgten Montagehelfer (263 bzw. 11,5%), Anstreicher (139 bzw. 6,1%), Schlosser (120 bzw. 5,3%) Elektriker (117 bzw. 5,1%), Mechaniker (51 bzw. 2,2%), aber auch Matrosen (29 bzw. 1,3%). Der Bereich der Landarbeit war so gut wie nicht vertreten: Hier waren nur zwei französische Arbeiter eingesetzt.

Herkunft

Auch die Herkunftsorte geben weitere Aufschlüsse. Aus der Sowjetunion kamen in der überwiegenden Mehrheit Menschen aus verschiedenen Orten der Ukraine zum NS-Arbeitseinsatz nach Wesseling, so z.B. aus den Bezirken Dnepropetrowsk, Poltawa, Nikolajew, Saporoschje. Andere kamen aus dem Gebiet von Kursk. Die französischen Fremdarbeiter dagegen stammten zum allergrößten Teil aus Arbeiterwohnorten des Großraums Paris, so z. B. aus St. Denis, Argenteuil, Aubervilliers, und aus Paris selbst – zum kleineren Teil aus anderen industriellen Ballungsräumen des besetzten Frankreichs, aus Städten wie Lille, Amiens, Le Havre und Rouen.

Zusammengefasst ergibt sich daher folgendes Bild: Es waren mehrheitlich sehr junge Mädchen aus der Ukraine, die, da beruflich noch wenig ausgebildet, als angelernte Hilfskräfte mithelfen mussten, in den Wesselinger Werken die Kriegsproduktion aufrechtzuerhalten. In einigen Fällen besaßen sie eine gute Schulbildung und lernten während ihres Aufenthalts nicht selten, sich gut in deutsch zu verständigen, wenn sie z.B. von Wesselinger Familien an Sonntagen zu Aushilfstätigkeiten ins Haus geholt wurden. [30]

Aus Frankreich wurden offensichtlich Teile der Arbeiterschaft bzw. der Unterprivilegierten rekrutiert, möglicherweise diejenigen, die bereits arbeitslos waren oder die es mit der Verschärfung durch die Kriegssituation und Besatzung geworden waren. Dies zeigen der überproportional hohe Anteil der jungen Arbeiter sowie der relativ große Anteil der über Vierzigjährigen. Auffallend unter ihnen ist die große Gruppe der Nordafrikaner, der Marokkaner und Algerier mit französischer Staatsbürgerschaft, die fast ein Fünftel (393, d.h.17,3%) der französischen Fremdarbeiter in Wesseling ausmachte. Ebenso die allerdings zahlenmäßig sehr kleine Gruppe der Vietnamesen. Auffallend ist weiter der Umfang des Firmeneinsatzes, also die Reihe französischer Fremdfirmen, die mit ihren Arbeitern bei der U.K. tätig waren. Da diese Firmen oft die besseren Möglichkeiten besaßen, Arbeiter zu finden, fungierten sie als Zuträger, die im Rahmen einer Dienstverpflichtung ihre Arbeiter als Leiharbeiter an die deutschen Firmen weitervermieteten. [31]

Dauer des Aufenthalts

Gemessen an den absoluten Zahlen des Zwangsarbeitereinsatzes in Wesseling waren die ‚Ostarbeiter‘ und ‚Ostarbeiterinnen‘, also die Menschen aus der Sowjetunion, zunächst weniger stark vertreten als französische Arbeiter. Vergleicht man jedoch dazu die Aufenthaltszeiten beider Gruppen, so ergibt sich ein anderes Bild: Die ‚Ostarbeiter‘ und ‚Ostarbeiterinnen‘ waren viel länger im ‚Arbeitseinsatz‘, in der Regel mindestens zwei Jahre, vielfach bis zum Ende des Krieges, als sie von den Amerikanern befreit wurden. So wird dies z. B. auch von Anna N. aus Lichowka im Kreis Dnepropetrowsk in ihrer Anfrage an das Wesselinger Stadtarchiv berichtet. [32] Die ersten großen Transporte kamen von Mai bis Juli 1942 nach Wesseling. Von diesen 249 ‚Ostarbeitern‘ und ‚Ostarbeiterinnen‘ waren am Ende des Krieges, also nach über 21.2 Jahren noch 64,7% (157) anwesend.

Dagegen blieben die Arbeiter aus Frankreich wesentlich kürzer. Von der ersten Welle der 523 im obigen Sinne noch ‚freiwillig‘ angeworbenen französischen Arbeiter, die Wesseling zwischen November 1940 bis Frühjahr 1941 erreichten, waren nach drei Monaten (August 1941) 14% (73) nicht mehr da, nach einem knappen 3.4 Jahr (Ende 1941) 42% (224), und bis Ende 1942 also nach etwas über 1 3.4 Jahren waren 89% (466) nicht mehr in Wesseling. Der hohe Prozentsatz von 89% lag zum einen daran, dass die meisten Arbeitsverträge zunächst nur für ein Jahr abgeschlossen worden waren. Andererseits wurden sie in der Regel jedoch übergangslos verlängert und ab Mai 1942 galten sie nach Anweisung des Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz Fritz Sauckel als auf unbestimmte Zeit geschlossen und konnten nur mit Zustimmung des Arbeitsamtes aufgekündigt werden. [33] In dieser Zahl ist auch der nicht unerhebliche Anteil der Fremdarbeiter enthalten, die nach Hause geschickt worden waren, – in der Sprache der NS-Bürokratie heißt das: „in die Heimat entlassen“– etwa weil sie krank oder aus anderen Gründen arbeitsunfähig geworden waren.

Die kürzere Verweildauer erklärt sich darüber hinaus auch durch Flucht. Die Absetzbewegung unter den Fremdarbeitern aus Frankreich war besonders groß. Selbst die mehr oder minder Freiwilligen der ersten Phase hatten schnell erkannt, wie wenig die angetroffenen Lebensverhältnisse mit den Versprechungen der Anwerbestellen übereinstimmten. [34] Sie ergriffen massenweise die Flucht, oft schon bei der ersten Gelegenheit, die sich ihnen bot. Die meisten von ihnen nutzten den ihnen zugestandenen Erholungsurlaub. So ist die Zahl der auf den Meldekarten vermerkten Fluchten bzw. der aus dem Urlaub nicht Zurückgekehrten mit 34% unter den französischen Arbeitern enorm hoch. Ähnliches ist nach einem ersten Überblick auch bei den Arbeitern aus Belgien und den Niederlanden zu vermuten.

Das System der Strafen

Die Fluchtbewegungen suchten die NS-Behörden bald in den Griff zu bekommen: Sie entwickelten ein berechnetes, stufenweises Verfahren, das die Rückkehr der Zwangsverpflichteten sicherstellen sollte. Die Arbeiter wurden – nach Nationalitäten geordnet – in Gruppen für den Urlaub eingeteilt und die nachfolgende Gruppe für die bereits vorausgegangene, gestartete Gruppe als Bürge genommen und gegebenenfalls mit Urlaubsentzug belegt, soweit bis letztlich jeglicher Urlaub gestrichen wurde. [35]

Dies ist ein Beispiel aus dem umfassenden Straf- und Reglementierungssystem, mit dem staatliche Stellen wie Betriebe die sehr große und schon allein deswegen schwer zu überwachende Zahl der ausländischen Arbeiter belegten.

Die Überwachung und Disziplinierung der Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen wurde gerade auch innerhalb der großen Firmenlager, wie sie in Wesseling existierten, zu einem großen Problem, dem die NS-Behörden mit einem abgestuften Strafsystem zu begegnen suchten. Dabei ist zwischen Strafen in der Zuständigkeit des Lagers und Strafen in der Zuständigkeit von Polizei und Gestapo zu unterscheiden. Eine Dienstanweisung für das Wachpersonal vom Juni 1942, verfasst von der Stapo Köln, listet die lagerinternen bzw. betriebsinternen Strafen auf. Dort heißt es in Bezug auf die nun in großer Zahl aus der Sowjetunion deportierten Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen:

„Im Lager und an der Arbeitsstelle herrscht strenge Zucht und Ordnung. Die Arbeiter haben den Anordnungen der Wachmänner und außerdem den Anweisungen des Lagerpersonals, im Betriebe des Betriebspersonals Folge zu leisten. Wer sich den ergangenen Anordnungen nicht fügt oder seine Arbeit nachlässig verrichtet, wird bestraft. Als Strafen sind zugelassen:

1. Ordnungsübungen nach Beendigung der Arbeitszeit,

2. Zuteilung zum Straftrupp,

3. Entziehung der warmen Tagesverpflegung

bis zu drei Tagen in der Woche;

4. Arrest auf die Dauer von höchstens drei Tagen [...]

Strafen zu 3) und 4) sind außerdem der zuständigen Staatspolizeileitstelle mitzuteilen.

Schwere Disziplinarvergehen, Unbotmäßigkeiten, Sabotagehandlungen oder -versuche, Geschlechtsverkehr und kriminelle Verfehlungen sind unverzüglich der aufsichtsführenden Staatspolizeileitstelle zu melden.“ [36]

Von diesen Strafen waren, wie die Auswertung der Meldekarten zeigt, auch die sogenannten ‚Westarbeiter‘ betroffen. Auch sie unterlagen mit zunehmender Verschärfung solchen Zwangsmaßnahmen bis hin zur Verfolgung und Bestrafung durch die Gestapo. Deren Maßnahmenkatalog ist einem Schreiben der Stapo Köln zur Festnahme des Iwan Sch. zu entnehmen, der bei der Fa. Norton in Wesseling arbeitete:

„Staatspolizeiliche Maßnahmen: Verwarnung erteilt.
– AEL auf die Dauer von 6 Wochen.
– KL.- für unbestimmte Zeit
. – Mit Rückführung ist nicht zurechnen.“ [37]

Daneben gab es noch von der Justiz verhängte Haftstrafen und besonders Geldstrafen, die in die Gemeindekassen flossen. Wesselinger Fremd- und Zwangsarbeiter wurden auch zu einem Faktor innerhalb der üblichen Finanzplanung der Gemeinde. Der Ansatz der Strafgelder, die im wesentlichen durch ihre Bestrafung erzielt wurden, wurde im Haushaltsplan von 3.500 RM im Jahr 1942 auf fast das Doppelte, d.h. auf 6.000 RM im Jahr 1943 aufgestockt. [38] Dies dokumentiert so wiederum die große Zahl der ausländischen Arbeiter in Wesseling.

Beide Ausländergruppen waren von den Geldstrafen gleichermaßen betroffen. Bestraft wurden insbesondere die ‚Ostarbeiter und Ostarbeiterinnen‘ für unerlaubte Reisen nach Bonn, Verlassen des Lagers oder das Antreffen ohne Ostabzeichen, das z. B. mit einer Strafe von 10,50 RM geahndet wurde. Bei den französischen Arbeitern lagen die eingeforderten Geldbeträge auffallend höher. Sie reichten von 15 RM wegen verbotenen Rauchens [39] bis zu rund 85 RM. [40]

Mit einer Arreststrafe wurden 13 Arbeiter und Arbeiterinnen belegt (5 Franzosen, 8 Sowjetbürger). Sie wurde für ein ähnliches Verhalten wie bei den Geldstrafen ausgesprochen, so z.B. für ‚unregelmäßiges Arbeiten‘, bzw. ‚Arbeitsverweigerung‘, ‚Umhertreiben‘, oder das ‚Nichttragen des Ostabzeichens‘. Was dieser Arrest bedeutete, das beschreibt der niederländische Zwangsarbeiter Baarsen, der eine solche Strafe im Südlager verbüßen musste:

„Zur Strafe musste ich mich bis auf meine Unterhose ausziehen und drei Tage und drei Nächte sollte ich ohne Essen und Trinken in einem kleinen Einzelbunker verbringen, wo in einer Seite drei Schlitze für Frischluft waren.“ [41]

Arrest wurde vor Ort verbüßt und dauerte höchstens drei Tage.

Auch die Haftstrafen, die in Gefängnissen von Bonn und Köln verbüßt wurden, waren zeitlich genau begrenzt. Wenn es sich nicht, wie in den meisten Fällen, um U-Haft handelte, erstreckten sie sich, soweit vermerkt, über 2-6 Wochen. Mit Haft bestraft wurden insgesamt 62 Ausländer, 54 der französischen und nur 5 der sowjetischen Arbeitskräfte. Als ‚Delikte‘ wurden genannt: Arbeitsverweigerung, verbotenes Rauchen, Körperverletzung, Diebstahl und Einbruch, Urkunden- bzw. Bezugsscheinfälschung, Wirtschaftsvergehen, verbotenes Glücksspiel sowie Sittlichkeitsverbrechen.

Zusammenfassend lässt sich feststellen: Im Unterschied zu den sowjetischen Arbeitskräften wurden französische Fremdarbeiter mehr durch Maßnahmen auf der Ebene von Justiz und Polizei diszipliniert. Bei der Anwendung von innerbetrieblichen Sanktionen sind demgegenüber, teilweise auch wegen der geringen Anzahl der Vermerke, kaum größere Unterschiede in der Behandlung der beiden Ausländergruppen zu ermitteln.

Anders verhält es sich bei den Fällen, die in den Zuständigkeitsbereich der Gestapo und ihres Willkürsystems fielen. In der Wesselinger Kartei wurden z.B. bei insgesamt 62 d.h. 6% der Sowjetbürger/innen Weitermeldungen der Firmen oder des Lagers an die Gestapo erfasst. Dabei handelt es sich – soweit Begründungen aus der Kartei ersichtlich sind – nahezu ausschließlich um Fluchtfälle von sowjetischen Zwangsarbeitern und Zwangsarbeiterinnen. [42] Der betreffende Eintrag lautete dazu meist gleichförmig: „Laut Mitteilung der Firma flüchtig. Meldung an Gestapo.“ Dieses Vorgehen entsprach insgesamt den staatspolizeilichen Verfügungen. Danach sollten Fluchtfälle von den Betrieben gemeldet und über Ortspolizei- bzw. Kreispolizeibehörde der Gestapo zugeleitet werden. [43] Fluchten und sogenannte ‚Arbeitsvertragsbrüche‘ der ausländischen Arbeiter wurden damit mehr und mehr zu einem der vorrangigen Handlungsfelder der Gestapo.

Die Franzosen waren im Gegensatz zu den geflohenen ‚Ostarbeitern‘ und ‚Ostarbeiterinnen‘ weniger der Verfolgung der Gestapo unterworfen, sondern mehr von der Polizei und Justiz überwacht. Offenkundig machte sich hier bemerkbar, dass man sich auf Seiten der politischen Führung in Hinsicht auf die besetzten westeuropäischen Länder – nicht zuletzt aus einer Mischung aus politischen und ideologischen Gründen – zu mehr Rücksichtnahme veranlasst sah. [44]

Jedenfalls blieben auch die französischen Arbeiter in Wesseling nicht von einer Verfolgung durch die Gestapo verschont. Nach unseren Unterlagen wurden 14 Franzosen in ein Arbeitserziehungslager eingewiesen, fast immer für die Dauer von sechs Wochen. Überwiegender Anlass für eine solche Bestrafung waren im Sinne der NS-Verwaltung offenbar gravierendere Fälle von Flucht: Sie wurden als ‚Arbeitsvertragsbruch‘ bezeichnet. Demgegenüber waren von dieser Art der Bestrafung deutlich weniger, d.h. insgesamt nur sechs sowjetische Arbeitskräfte betroffen. Dies legt den Schluss nahe, dass die Einweisung in Arbeitserziehungslager mit einer begrenzten Aufenthaltsdauer als Disziplinierungsmaßnahme vorrangig den französischen bzw. westeuropäischen Arbeitern in Wesseling vorbehalten blieben. Namentlich aufgeführt werden Arbeitserziehungslager in Hunswinkel, Aachen-Burtscheid, Mülheim/Ruhr für französische und Vohwinkel ausschließlich für sowjetische Arbeiter.

Einweisungen ins KZ sind in drei Fällen und Entlassungen aus dem Straflager Köln-Deutz nach Wesseling sind in zehn Fällen vermerkt. Sie betreffen mit einer Ausnahme nur sowjetische Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen. KZ-Orte wurden nicht näher bezeichnet. Ebenso sind 21 weitere unterschiedliche Fälle von Gestapohaft verzeichnet, 18 von Sowjetbürgern und nur drei von Franzosen. Zuständig waren die Stapostellen Köln und Düsseldorf.

Als Fazit ist festzuhalten: Soweit dies aus den Meldekarten hervorgeht, wissen wir damit bisher von mindestens 101 Ausländern in Wesseling, das heißt von rund 1% der eingesetzten französischen aber rund 8% der sowjetischen Arbeiter und Arbeiterinnen, die in das Blickfeld der Gestapo gerieten, die von ihr gesucht und verfolgt wurden und deren weiteres Schicksal möglicherweise in ihren Händen lag. Eine genauere Klärung der angegebenen auswärtigen Lageradressen wird diese Zahlen wahrscheinlich noch erhöhen. Sie bleiben jedoch insgesamt eine schwer zu bestimmende Größe.

Betrachtet man die registrierte Zahl der flüchtigen französischen Arbeiter (oben mit rund 34% angegeben) und die Zahl der als flüchtig erfassten ‚Ostarbeiter und Ostarbeiterinnen‘, die rund 11% aller sowjetischen Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen in Wesseling ausmachten, so ist leicht vorstellbar, wie sehr sich die Situation besonders mit den Zerstörungen und der zunehmenden Misere der letzten beiden Kriegsjahre zu einem drängenden Problem der Arbeitsverwaltung und der Sicherheit entwickelte. Ihm suchten die NS-Behörden daher mit Hilfe von regelmäßigen Razzien, Straßen- und Zugkontrollen und Parteistreifen zu begegnen. Dazu heißt es in einer Anordnung der Staatspolizeistelle Köln vom 19.09.1943:

„Die in letzter Zeit zunehmenden Fluchtfälle der ausländischen Arbeitskräfte bedeuten eine erhebliche Gefahr für die Sicherheit des Reiches und des Arbeitseinsatzes. Die bisher ergriffenen Massnahmen haben nicht genügt, um diesem Übelstand abzuhelfen. [...] Im Bereich jeder Kreispolizeibehörde hat mindestens vorläufig 2 mal im Monat unter Beteiligung aller verfügbaren Polizeikräfte und der Stadt- und Landwacht, womöglich unter Hinzuziehung von SA, SS und der mit der Bewachung ausländischer Arbeitskräfte beauftragten Parteigenossen, Sonnabends bzw. Sonntags eine Razzia stattzufinden.“ [45]

Hier wird deutlich, wie das NS-Regime unter Aufbietung aller Kräfte versuchte, die Situation, die es durch den Zwangseinsatz, die Ausbeutung und die Drangsalierung eines Heeres ausländischer Arbeitskräfte geschaffen hatte, in seinem Sinne wieder beherrschbar zu machen.

In dem Katalog der Strafen gegen die Zwangsarbeiter war sogar die Todesstrafe enthalten. Für Wesseling können zwei Fälle von Hinrichtungen nachgewiesen werden. [46] Wie sich aus dem Sterbenotizregister entnehmen lässt, war einer der beiden Hingerichteten der Pole Leon D.; er wurde am 8. Mai 1943 erhängt. [47]

Todesfälle

Durch die massiven Luftangriffe auf die Wesselinger Industrieanlagen, die seit 1943 verstärkt einsetzten, waren die Zwangsarbeiter in besonderem Maß gefährdet. Ihre Lager besaßen meist nur Splitterschutzgräben, die als Schutzmaßnahme völlig unzureichend waren. Bunker durften sie nicht aufsuchen. Häufiger wurden sie bei der Arbeit überrascht oder wurden zu gefährlichen Aufräumarbeiten nach den Angriffen herangezogen. Allein für den 19. Juli 1944, nach dem 1.000-Bombenangriff, einem Inferno, bei dem das U.K.-Werk zu 20% zerstört wurde, verzeichnet das Wesselinger Sterbenotizregister von den 41 Opfern insgesamt 31 Ausländer, davon aus dem Lager Süd 22 Niederländer, Belgier, Italiener und Franzosen und dazu neun namenlose ‚Ostarbeiter und Ostarbeiterinnen‘, die nicht einmal mehr identifiziert werden konnten. Bei einem weiteren großen Angriff am 15. September 1944 wurden zwei Deutsche, aus dem Südlager dagegen wiederum 29 Italiener und Westarbeiter getötet. [48] Heimweh, Angst, Bedrohung und Tod gehörten damit zum Alltag des Lagerlebens.

Zusammenfassung

Im Überblick lassen sich die Besonderheiten des Zwangsarbeitereinsatzes in Wesseling, das bereits damals zu einem bedeutenden Standort der industriellen Produktion herangewachsen war, wie folgt darstellen:

  • Besonders hervorstechend in Wesseling war die große Zahl der anwesenden Fremdarbeiter und die im Verhältnis dazu kleine Gemeinde. Sie erreichte im Jahr 1942 mit 5.000 Ausländern fast die Hälfte der gesamten Einwohnerschaft. Damit lebten in Wesseling ausländische Arbeiter und Einheimische in annähernd gleicher Verteilung. Wesseling wurde zu einer Stadt der Lager.

  • Im Unterschied zu vergleichbaren Kommunen, in denen die Zwangsarbeiter aus der Sowjetunion und aus Polen überwogen, betrug der Anteil der ‚Westarbeiter‘ (ca. 8.200) in Wesseling fast das Sechsfache der Arbeiter aus Osteuropa (ca.1.400).

  • Während gewöhnlich die massenweise Rekrutierung ausländischer Arbeitskräfte erst nach Kriegsbeginn einsetzte, wobei in den von Deutschland eroberten Ländern Einsatzgruppen der Arbeitsämter den besetzenden Truppen auf dem Fuße folgten, kamen nach Wesseling bereits im Mai 1939 in großer Zahl Slowaken, deren Heimat zwei Monate zuvor von Deutschland abhängig geworden war. Ursache war der Baubeginn des großen Hydrierwerks der U.K., das als Vierjahresplanwerk im Rahmen der Rüstungsproduktion geplant wurde. Es verfügte nicht, wie andere schon bestehende Firmen, über eine Stammbelegschaft. Die U.K. war daher besonders zu Anfang, während der Bauphase, aber auch später für die laufende Produktion in besonderem Maße auf Fremdarbeiter angewiesen.

  • Infolge der Bedeutung und des Umfangs der Produktion befanden sich in Wesseling überörtliche Einrichtungen im Rahmen des Ausländereinsatzes: Hier wurde ein Bordell eingerichtet, das auch den ausländischen Arbeitern des Umlandes zugänglich war. Mit großer Wahrscheinlichkeit bestand gegen Ende des Krieges im Komplex des Lagers Süd ein von der Gestapo eingerichtetes Arbeitserziehungslager. Außerdem deuten die Daten der bisher erfassten beiden Ausländergruppen darauf hin, dass Wesseling bei den im Verlauf des Krieges notwendig gewordenen Umschichtungen mehr Fremdarbeiter aufgenommen als abgegeben hat.

  • Mit über 95% Einsatz der ausländischen Arbeitskräfte in der Industrie und der Unterbringung der Menschen in großen Lagern, stellt Wesseling ein Beispiel für den massenhaften Zwangsarbeitereinsatz im Rahmen der industriellen Produktion dar.

Anmerkungen

  • [1]

    Dieser Beitrag war ein Werkstattbericht während eines laufenden Projektes. Die Resultate der Forschungsarbeit wurden in einer gesonderten Dokumentation veröffentlicht: Ursula Froitzheim, Arbeit als Kriegsbeute. Der Einsatz von Fremd- und Zwangsarbeitern in Wesseling 1939-1945, in Zusammenarbeit mit dem Archiv der Stadt Wesseling, im Auftrag der Stadt Wesseling, Wesseling 2004.

  • [2]

    Siehe das Standardwerk zum Thema: Ulrich Herbert, Fremdarbeiter, Politik und Praxis des „Ausländereinsatzes“ in der Kriegswirtschaft des Dritten Reiches, Berlin/Bonn 1985, auf das sich dieser Aufsatz in wesentlichen Bezügen stützt; siehe seit neuestem auch Mark Spoerer, Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz, Ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und Häftlinge im Deutschen Reich und im besetzten Europa, München 2001. Zu Wesseling hat Albert Esser bereits einen grundlegenden Beitrag vorgelegt, der in prägnanter Form einen Überblick über die Situation in Wesseling gibt, vgl. Albert Esser, „Fremdarbeiter“ in unserer Stadt, Anmerkungen zur Ausbeutung ausländischer Zwangsarbeiter zwischen 1939 und 1945, in: Wesselinger Heimat- und Geschichtsblätter (WHGB) 28/1997, S.40-47.

  • [3]

    Die hier angegebenen Zahlen sind daher noch als vorläufig anzusehen.

  • [4]

    In vielen Fällen fehlen entsprechende Meldeunterlagen aus dieser Zeit (eine gesonderte Kartei, Meldebücher, Hausbücher und Lagerlisten). Für die Stadt Langenfeld wird z.B. die Zahl von 2243 Fremdarbeitern genannt, vgl. Stadt Langenfeld (Hrsg.), Fremdarbeiter in Langenfeld 1939-1945, Beiträge zur Langenfelder Stadtgeschichte, Langenfeld 2000, S.114; für Hilden wird eine Zahl von 3739 ausländischen Arbeitern aufgelistet, vgl. Gerd Müller, Dokumentation, Nationalsozialismus in Hilden 1918-1945, Bd. 15, Sonderband; im Amt Kerpen wurden nach den Angaben des Stadtarchivs bei rund 10.000 Einwohnern 669 Fremdarbeiter verzeichnet.

  • [5]

    Heute gehört das Werk zur Shell Deutschland Oil GmbH.

  • [6]

    Vgl. Esser, Fremdarbeiter, S.41; Weitere Angaben zur U.K. wurden im wesentlichen entnommen: Hans-Josef Joest, Kraftakte, Ein halbes Jahrhundert Union Kraftstoff Wesseling, Düsseldorf, Wien, New York 1987, S.20-34.

  • [7]

    Vgl. Zeitzeugeninterview vom 5.03.1987 Stadtarchiv Wesseling I 12/1.

  • [8]

    Dies ergab sich aus einigen wenigen Anfragen von ehemaligen Zwangsarbeitern und Zwangsarbeiterinnen in Wesseling, die das Archiv trotz der guten Quellenlage leider nur negativ beantworten konnte, da sich ihr Aufenthalt nicht nachweisen ließ.

  • [9]

    Die Zahlenangaben gelten für das Gebiet des deutschen Reiches. Sie wurden entnommen aus: Herbert, Fremdarbeiter, S.11.

  • [10]

    Aus der Statistik von Mark Spoerer in: Mark Spoerer, NS Zwangsarbeiter im Deutschen Reich. Eine Statistik vom 30. September 1944 nach Arbeitsamtbezirken, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte (VfZ) 49/2001 Heft 4 S.665-685, S.679.

  • [11]

    Vgl. Stadtarchiv Wesseling B/1046 S.69f.

  • [12]

    Stadtarchiv Wesseling B/815 S.83.

  • [13]

    Vgl. Joest, Kraftakte, S.28, des weiteren: Esser, Fremdarbeiter, S.42.

  • [14]

    Vgl. dazu Stadt Langenfeld (Hrsg.), Fremdarbeiter in Langenfeld, S.369; vgl. ebenso: Gerd Müller, Dokumentation, Nationalsozialismus in Hilden.

  • [15]

    Durch Arbeitsplatzwechsel sind hier Mehrfachnennungen möglich.

  • [16]

    Vgl. dazu den Zeitzeugenbericht des Niederländers Jan M. van Baarsen, der zwangsweise nach Deutschland verbracht wurde und 1944 in Wesseling bei der U.K. arbeitete, Wolf Tüllmann (Bearb.), Zeitzeugen, in: WHGB 15 (1991), S.15-20, S.16.

  • [17]

    Bei einigen Meldekarten fehlt die Angabe der Wohnadresse; diese Arbeiter und Arbeiterinnen sind daher nicht zuzuordnen.

  • [18]

    Die Angaben zur Aufnahmekapazität stammen aus: Martin Weinmann (Hg.), Das nationalsozialistische Lagersystem, Frankfurt/Main 2001, S.405.

  • [19]

    Esser, Fremdarbeiter, S.43.

  • [20]

    Vgl. dazu Zeitzeugenberichte Stadtarchiv Wesseling I 42/2 und I 14.

  • [21]

    Es entstand nach einem Zeitzeugenbericht im Zuge der Besetzung Frankreichs; vgl. Stadtarchiv Wesseling I 62/1; außerdem existiert für das Bordell in Wesseling eine Anweisung der Stapo Köln vom 17.2.1942 über Urlaubscheine für Polen, die an alle Landräte des Bezirks gerichtet war, Stadtarchiv Kerpen Amt Kerpen 2960.

  • [22]

    Vgl. Herbert, Fremdarbeiter S.148; mindestens eine öffentliche Exekution eines polnischen Zwangsarbeiters ist auch in Wesseling erfolgt und auch durch mehrere Zeitzeugenberichte belegt; vgl. Stadtarchiv Wesseling I 15/2 und 31/2, vgl. auch die Ausführungen S.41. Die Gründe, die dazu führten, sind noch nicht genauer bekannt. Albert Esser vermutet eine Bestrafung wegen Geschlechtsverkehrs mit einer Deutschen. Esser, Fremdarbeiter S.46.

  • [23]

    Vgl. Tätigkeitsbericht der Stapo Köln vom 9.11.1944, HStAD 34/8, darauf bezieht sich gleichfalls: Gabriele Lotfi, KZ der Gestapo, Arbeitserziehungslager im Dritten Reich, Stuttgart, München 2000, S.243.

  • [24]

    Zahlen zu den anderen Nationen konnten bisher noch nicht ermittelt werden, da sie noch nicht erfasst sind. Es ist also mit weit höheren Zahlen zu rechnen.

  • [25]

    Die Anwerbung unter den französischen Arbeitern bewegte sich nicht im Rahmen üblicher Arbeitsmigration, wie sie z.B. schon vor dem Krieg besonders bei Niederländern und Polen bestand. Bezeichnenderweise setzte der Zuzug französischer Arbeiter erst nach Beginn der deutschen Besetzung Frankreichs ein: Die erste Welle französischer Arbeiter kam, wie bereits erwähnt, Ende 1940 Anfang 1941 nach Wesseling. Außerdem kamen sie nahezu ausschließlich aus dem besetzten Teil Frankreichs. Krieg und Besatzungsherrschaft hatten die Existenzgrundlagen vieler Menschen zerstört. Die Menschen waren geflohen und viele Betriebe stillgelegt. Insgesamt ist für die Anfangszeit in Frankreich von einer vielschichtigen Realität des Arbeitseinsatzes auszugehen, zu der tatsächliche Freiwilligkeit oder Freiwilligkeit im offiziellen Sinn ebenso gehörten wie eine allerdings begrenzte zwangsweise Verschickung, vgl. dazu Yves Durand, Vichy und der Reichseinsatz, in: Ulrich Herbert, (Hrsg.), Europa und der „Reichseinsatz“, Ausländische Zivilarbeiter und KZ-Häftlinge in Deutschland 1938-1945, Essen 1991, S.184-199, S.199.

  • [26]

    Vgl. dazu: Ulrich Herbert, Französische Kriegsgefangene und Zivilarbeiter im deutschen Arbeitseinsatz 1940-1942, in: La France et l‘Allemagne en guerre, sous la direction de Claude Carlier (et al.), Paris 1990, S.509-529, S.521. Zu Belgien und den Niederlanden: Wolfgang Schumann, Ludwig Nestler u.a., Die faschistische Okkupationspolitik in Belgien, Luxemburg und den Niederlanden, Berlin 1990, S.270.

  • [27]

    Esser, Fremdarbeiter., S.43, vgl. ebenfalls die Zeitzeugenberichte Stadtarchiv Wesseling I 42/2; 64/2.

  • [28]

    Jan M. van Baarsen, Zeitzeugen. S.15.

  • [29]

    Aufgrund der sehr differenzierten Angaben der Berufe sind hier mit Ausnahme der Landwirtschaft und der Schifffahrt nur die größeren Gruppen erwähnt. Eine Berufsklassifizierung erfolgt bei der Gesamtauswertung aller Daten.

  • [30]

    Vgl. dazu die Zeitzeugenberichte Stadtarchiv Wesseling I 42/2, 64/2, 56/2.

  • [31]

    Zur Rolle der Fremdfirmen vgl. auch das Schreiben des Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz Fritz Sauckel vom 22.10.1942, Stadtarchiv Lechenich, Lechenich LE 800. In Wesseling kamen die französischen Arbeiter mit den Firmen Jean Meier, Paris, (372 Arbeiter) Girault, Paris (147), Geers, Antwerpen (79), Perriere, Paris (30) und Didier, Paris (5). Dabei war die Fa. Meier aus Paris nahezu ausschließlich unter den Nordafrikanern aus dem Großraum von Paris aktiv, die belgische Fa. Geers im Bereich Lille, Calais, Roubaix, also im Département Pas de Calais.

  • [32]

    Anfrage der Anna N. an das Stadtarchiv zur Bestätigung ihrer Arbeit als Zwangsarbeiterin in Wesseling. Mehrfach liegen auf den Meldekarten der sowjetischen Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen keine Abmeldedaten vor. Wir haben in solchen Fällen eine Anwesenheit bis zum Ende des Krieges vorausgesetzt, da dies aus anderen Quellen zu erschließen ist.

  • [33]

    Vgl. dazu Herbert, Französische Kriegsgefangene und Zivilarbeiter, S.520.

  • [34]

    Nach diesen Versprechungen sollten die französischen Arbeiter in sozialer und rechtlicher Hinsicht den deutschen Arbeitern gleichgestellt sein, vgl. Helga Bories-Sawala, Franzosen im Reichseinsatz, Deportation, Zwangsarbeit, Alltag; 3 Bde., Frankfurt 1996, Bd. I S.251f und Bd. II S.109.

  • [35]

    Vgl. dazu die Anordnung des Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz Fritz Sauckel vom 2.10.1943, Stadtarchiv Kerpen Amt Kerpen 2961. Sie ging über den Regierungspräsidenten in Düsseldorf an alle Landräte und Polizeipräsidenten des Bezirks.

  • [36]

    Stadtarchiv Kerpen Amt Kerpen 2961.

  • [37]

    Schreiben an den Landrat vom 8.07.1944, das der Karte des Iwan Sch. beigeheftet war. AEL bedeutet Arbeitserziehungslager. Die Aufenthaltszeiten betrugen nach Lotfi (KZ, S.99 und S.122) anfangs 6-8 Wochen, später in der Regel drei Monate; KL bedeutet hier Konzentrationslager.

  • [38]

    Haushaltsplan Stadtarchiv Wesseling. B/80.

  • [39]

    Vermutlich wegen der Gefahr am Arbeitsplatz, z.B. im Hydrierwerk.

  • [40]

    Dies ist mehr ein Beleg für die bessere Bezahlung der französischen Arbeiter und nicht für ihre höhere Bestrafung. Nach den Tarifregelungen für ‚Ostarbeiter‘ sollte die Entlohnung der sowjetischen Arbeiter so gering wie möglich gehalten werden. Sie standen anders als z.B. die französischen Arbeiter außerhalb der deutschen Arbeitsordnung. Ab 1942 unterlagen sie außerdem einer sogenannten Ostarbeitersteuer, die von ihren Löhnen neben den Kosten für Unterbringung und Verpflegung abgezogen wurden, so dass ihnen so gut wie nichts übrig blieb; vgl. dazu Herbert, Fremdarbeiter S.199.

  • [41]

    Jan M. van Baarsen, Zeitzeugen, S.17.

  • [42]

    Als weiteres ‚Delikt‘ neben der großen Zahl der Fluchten wurden der Gestapo auch einige wenige Diebstähle angezeigt.

  • [43]

    Vgl. dazu das Schreiben der Gestapo an die Kreispolizeibehörden in den Regierungsbezirken Köln und Aachen vom 9.02.1943 Stadtarchiv Kerpen Amt Kerpen 2961.

  • [44]

    Zu den außenpolitischen Motiven vgl. auch Lotfi, KZ, S.126. In ihrer rassistischen Kategorisierung ordneten die Nationalsozialisten den zwar fremdvölkischen, aber rassisch näherstehenden Franzosen einen weit höheren Platz zu als den an unterster Stelle dieser Rangordnung stehenden ‚Ostarbeitern‘, was auch seinen Niederschlag in gesetzliche Regelungen und Erlasse fand, die das Leben der französischen Arbeiter bestimmten. Sie waren sehr viel weniger streng. Nach einem Erlass des Reichssicherheitshauptamtes vom Herbst 1940 unterlagen sie aber dennoch den üblichen staatspolizeilichen Maßnahmen, auch bis zur Einweisung ins KZ; vgl. dazu Herbert, Fremdarbeiter S.116 und 409.

  • [45]

    Stadtarchiv Kerpen Amt Kerpen 2962.

  • [46]

    Vgl. Esser, Fremdarbeiter, S.46.

  • [47]

    Sterbenotizregister, Stadtarchiv Wesseling. Y 30 Nr.52/43

  • [48]

    Sterbenotizregister, Stadtarchiv Wesseling. Y 30 Nrn.128-158/44 und Nrn. 189-218/44 ; vgl. Denk-Stunde des Vereins für Orts- und Heimatkunde e.V., Wesseling, auf dem Friedhof Friedensweg am 7.5.1995, hier S.7-9.

Empfohlene Zitierweise

Froitzheim, Ursula: Arbeitseinsatz in der Industrie. Fremd- und Zwangsarbeiter in Wesseling, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/v9z2a/

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Erstellt: 17.10.2006

Zuletzt geändert: 31.10.2006


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