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Nur wenige Geschehenszusammenhänge der frühneuzeitlichen Geschichte (1) wirken so unmittelbar bis in unsere eigene Gegenwart fort wie derjenige der Reformation. Und so gehört denn auch die Reformationsgeschichte, wie etwa ein Blick auf den „Bildungsplan für das Gymnasium in Baden-Württemberg“ vom 4. Februar 1994 lehrt, mit den Eckdaten 1517 als „Beginn der Reformation“ und 1555 als deren Ende bis heute zum klassischen Bildungskanon (zumindest) in Deutschland.

Forschungssituation

Die Geschichte der Reformation zählte und zählt zu den klassischen Themenfeldern der deutschsprachigen wie internationalen Forschung. Maßgebliche Vertreter gerade der deutschsprachigen Historiographie sahen im Gefolge der von Leopold (von) Ranke (2) gegebenen Deutung der Reformationsgeschichte in der Reformation Martin Luthers den eigentlichen Beitrag Deutschlands zum Entstehen einer „neuen Zeit“ um 1500. Erst die Internationalisierung und Entkonfessionalisierung der Forschung in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg haben auch der einseitig national wie konfessionell verengten deutschen Reformationsgeschichtsschreibung entscheidend neue Impulse zu vermitteln vermocht. Die Geschichte der Reformation wird heute in zeitlich, räumlich wie sachlich umfänglichere Kontexte eingeordnet als es einer Geschichtsschreibung möglich war, die Geschichte entlang der großen Taten großer Männer erzählte. Bislang ist es der Forschung freilich nicht gelungen, die faszinierende Vielgestaltigkeit der methodischen Zugangsweisen zur Reformationsgeschichte in einer neuen Synthese zusammenzuführen.

Begriff „Reformation“

Der Begriff der „Reformation“ hatte im zeitgenössischen Sprachgebrauch einen unspezifischeren Bedeutungsgehalt (3) als in unserer Gegenwart. Aus dem divergierenden zeitgenössischen und modern-wissenschaftlichen Sprachgebrauch resultiert eine Vielzahl von Forschungskontroversen um den Charakter des reformatorischen Prozesses und eine Fülle von Etikettierungen (Stadtreformation, Fürstenreformation, Gemeindereformation usw.), die das Verständnis der Reformationsgeschichte letztlich weniger erhellen denn erschweren. In Anlehnung an grundsätzliche Überlegungen Robert W. Scribners (4) wird daher im Folgenden zwischen „reformatorischen Bewegungen“ und „Reformationen“ unterschieden. Dabei wird unter „reformatorischen Bewegungen“ das auf der Grundlage der reformatorischen Theologien (von wem auch immer artikulierte) Verlangen nach Kirchenreform verstanden, unter „Reformation“ der Prozeß, durch den weltliche Obrigkeiten dieses Reformverlangen in institutionelle Formen überführten. Im Aufeinander-bezogen-sein von reformatorischen Bewegungen und Reformationen gewinnt die Reformation als ein Geschehen Gestalt, dessen historische Wirkmächtigkeit über seinen kirchenreformerischen Ausgangspunkt weit hinaus reicht.

Ein solches Verständnis von Reformation heißt nicht, die Reformationsgeschichte ausschließlich vom „Staat“ her zu denken und damit zu verengen, sondern der Dialektik der theologisch-kirchlichen, gesellschaftlich-kulturellen wie politischen Seite des reformatorischen Geschehens Rechnung zu tragen. Und: Es heißt auch, den Aspekt der Reformation angemessen zu gewichten, der die Reformation von allen vorhergehenden, spätmittelalterlichen kirchenreformerischen Bemühungen unterschied und aus dem ihr erst ihre, wenn auch in zahllosen Brechungen, letztlich bis zu unserer Gegenwart fortdauernde Wirkmächtigkeit erwuchs – den Willen (zumindest etlicher) weltlicher Obrigkeiten, die kirchenreformerischen Bestrebungen in die von ihnen regierten Gemeinwesen zu implementieren (5).

Zeitliche, räumliche und inhaltliche Begrenzung

Arbeitet man mit einem solchen Reformationsbegriff, so wird es möglich, konzeptionell die beiden wichtigsten Impulse neuerer reformationsgeschichtlicher Forschung im Rahmen eines solchen Portals aufzugreifen – die europäische Perspektive und die erweiterte zeitliche Kontextualisierung des reformatorischen Geschehens -, ohne sich genötigt zu sehen, die Reformation als Teilepoche der frühneuzeitlichen Geschichte zeitlich zu „zerdehnen“. Denn so unbezweifelbar der reformatorische Prozeß sich noch bis weit in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts erstreckt, so markieren doch die Jahre 1555 bis 1560 insofern eine Zäsur als sich einerseits die Reformationen der ersten Jahrhunderthälfte in dieser Zeit endgültig konsolidierten (Reich, Schweiz, England, mit Einschränkung Skandinavien), andererseits die reformatorischen Bewegungen, sei es in Frankreich, Schottland, Polen oder den Niederlanden, eine neue Dynamik gewannen.

Gegenstand des Portals ist die Geschichte der Reformation in Europa bis 1560, nicht die europäische Geschichte im Zeitalter der Reformation. Europa wird dabei in Anlehnung an die zeitgenössische Begrifflichkeit als der geographische Raum der lateinischen Christenheit (6) gefaßt. Was auf den ersten Blick wie ein Spiel mit Worten erscheinen mag, hat weitreichende Konsequenzen für die dargebotenen Inhalte: Im Rahmen des Portals nicht thematisiert werden – um nur zwei Beispiele anzuführen - so bedeutsame Entwicklungen wie die europäische Überseeexpansion und auch ökonomische Veränderungsprozesse bleiben ausgeblendet. Nur pragmatisch, nicht von der Sache her zu begründen, sind diese Auslassungen. Ziel und Zweck eines solchen Portals aber legen einen solchen enger gefaßten Zugriff nahe.

Zweck und Aufbau

Im Rahmen des Portals werden Lehr- und Lernmaterialien präsentiert, die es erleichtern sollen, einen Zugang zur Geschichte der Reformation in Europa zu finden. Es wendet sich an SchülerInnen und LehrerInnen ebenso wie an Studierende und WissenschaftlerInnen, die im Rahmen ihrer Lehrtätigkeit reformationsgeschichtliche Fragen behandeln. Eine Ergänzung, keinen Ersatz der in gedruckter Form vorliegenden Quellenwerke, Handbücher und sonstigen Hilfsmittel zur Reformationsgeschichte stellt das Portal dar. Darüber hinaus erschließt es gezielt Internetressourcen, welche die eigene Weiterarbeit vereinfachen sollen.

Das Reformationsportal präsentiert die Geschichte der Reformation in Europa auf der Grundlage des aktuellen Forschungsstandes und ist bestrebt, die Vielfalt der Annäherungen an das Forschungsfeld „Reformationsgeschichte“ zu dokumentieren. Ausgehend von den Rahmenbedingungen, ohne die der reformatorische Prozeß nicht verstanden werden kann („Reformation im Kontext“), stellt es Materialien bereit zur Reformation in theologie- und kirchengeschichtlicher Perspektive („Reformation – theologisch“), ohne diese auf die reformatorischen Theologen und Theologien zu begrenzen. Es bietet ferner Materialien, die es erlauben, „reformatorische Bewegungen und Reformationen“ in ihrem zeitlichen wie geographischen Verlauf nachzuvollziehen und erschließt deren politik- (Reformation – politikgeschichtlich), sozial- (Reformation – sozialgeschichtlich) wie kommunikationsgeschichtlichen (Reformation – kommunikationsgeschichtlich) Voraussetzungen und Folgen. Der Tatsache, daß noch unser gegenwärtiges Geschichtsverständnis oftmals mehr von den Bildern und Vorstellungen geprägt ist, die sich die Nachgeborenen im Zuge ihrer eigenen Gegenwartsbewältigung von der Reformation machten, denn von dem Geschehenszusammenhang der Reformation selbst, trägt das Portal zudem Rechnung („Mythos“ Reformation). Eine kommentierte Linkliste und eine Zusammenstellung der online verfügbaren wissenschaftlichen Publikationsorgane runden das Portal ab.

Das Portal ist ein „work in progress“. Gemeinsam mit Studierenden des Instituts für Geschichte der Karl-Franzens-Universität Graz wurden im WS 2004/05 die Materialien des Themenfeldes „Reformation – politikgeschichtlich“ erarbeitet.

Das Redaktionsteam freut sich über jede Art von Hinweisen, Rückmeldungen und Kommentaren.

(1) In der Geschichtswissenschaft hat sich – beschleunigt seit den 1960er Jahren – innerhalb der „Neueren Geschichte“ eine Teilepoche „Frühe Neuzeit“ („early modern history“, „histoire moderne“) herausgebildet. In der deutschsprachigen Forschung wird die frühneuzeitliche Geschichte als Geschichte des 16. bis 18. Jahrhunderts konzeptualisiert. Jüngst gerät, auch im Rückgriff auf bereits früher vorgetragene Einwände, die Frage nach der durch den Epochenbegriff suggerierten Eigenständigkeit und Einheitlichkeit dieser drei Jahrhunderte wieder verstärkt in die Diskussion.

(2) Leopold (von) Ranke (1795-1886) publizierte erstmals in den Jahren 1839 bis 1847 seine für die Deutung der Reformationsgeschichte bis in unsere Gegenwart wirkmächtige sechsbändige „Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation“.

(3) Der Begriff Reformation in seinem heutigen auf das kirchengeschichtliche Geschehen verengten Bedeutungsgehalt wurde erstmals von katholischen Theologen des 17. Jahrhunderts verwandt und fand erst seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert weitere Verbreitung. Luther verwandte ihn niemals, um sein eigenes Tun und dessen Wirkungen zu charakterisieren. Reformation („reformatio“) um 1500 kann sowohl eine schriftliche Ordnung für ein bestimmtes Gemeinwesen, z.B. Reformation der Reichsstadt Nürnberg 1484, heißen wie auch die Neuorganisation eines universitären Studienganges. Zugleich dient der Begriff als Sammelbezeichnung für die kirchenreformerischen Bestrebungen des Spätmittelalters. Re-formare meint dabei nicht erneuern, sondern das Überkommene wieder-herstellen.

(4) Robert W. Scribner, Paradigms of Urban Reform: Gemeindereformation or Erastian Reformation?, in: Leif Grane/Kai Hørby (Hgg.), Die dänische Reformation vor ihrem internationalen Hintergrund. The Danish Reformation against its International Background, Göttingen 1990, S. 111-128 (= Forschungen zur Kirchen- und Dogmengeschichte, 46).

(5) Von „implementieren“ nicht von „einführen“ ist hier die Rede, weil der von den Sozialwissenschaften geprägte Begriff der Implementation die Durchsetzung von neuen Normen und Ideen nicht als einen einseitig „von oben nach unten“ verlaufenden Prozeß versteht, sondern das wechselseitige Aufeinander-Bezogensein von Normgebern, den Obrigkeiten, und Normadressaten, den Untertanen, ins Zentrum des wissenschaftlichen Nachfragens rückt.

(6) Lateinische Christenheit meint den von der Papstkirche um 1500 organisatorisch, in Erzbistümern und Bistümern, erfaßten Raum, der, bei allen Entwicklungsunterschieden, von der lateinischen Kultur geprägt war. Er erstreckt sich von Spanien im Westen bis ins Baltikum im Osten, von Skandinavien im Norden bis nach Sizilien im Süden.


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