Jan Hus - Lehre

2.b Jan Hus – Lehre

 

  • Kirchenverständnis

  • Sakramentsverständnis

  • Bibelverständnis

 

Kirchenverständnis

 

Die meisten Punkte, der auf dem Konzil von Konstanz gegen Jan Hus vorgebrachten Anklage, richteten sich gegen seinen Kirchenbegriff [1], bei dem er sich, im Gegensatz zu seinen übrigen Ansichten, sehr eng an John Wyclif anlehnte. Diese Nähe zum englischen Kirchenreformer lässt sich ganz leicht aus Hus' Schrift „De ecclesia“ ableiten, in der er einige Passagen sogar wörtlich aus Traktaten Wyclifs übernahm. [2]

Beide sahen sie die wahre Kirche als die Gemeinschaft derjenigen von Gott zum Heil Vorherbestimmten mit Jesus Christus an ihrer Spitze. [3] Ein weiterer Vertreter dieser sogenannten Prädestinationslehre war ein Jahrhundert später Johannes Calvin. [4] Da auch der Papst einer der Menschen sein kann, der nicht zum Heil, sondern zur Verdammnis vorher bestimmt ist, und da außerdem nur Christus das Haupt dieser wahren Kirche sein kann, erkannte Hus' das Primat des Papstes nicht an. Dessen Vorrangstellung unter allen Bischöfen führte er auf die Konstantinische Schenkung, also auf weltliche Grundlagen zurück. [5] Doch nicht nur die Stellung des Papstes als Haupt der Christenheit wurde von Hus abgelehnt, er stellte überhaupt die gesamte kirchliche Hierarchie in Frage und forderte von allen Bischöfen, Mönchen usw. ein apostolisches Leben in Armut. [6] Auch Wyclif zweifelte aufgrund der Sündhaftigkeit der Kirchenvertreter seiner Zeit an der Hierarchie der Kirche und forderte ein Leben in Armut nach dem Vorbild der Apostel. [7] Luther wiederum stellte nicht nur die Hierarchie und die Sonderstellung des Papstes, sondern gleich das gesamte Priestertum in Frage, da es sich nicht aus dem Neuen Testament ableiten ließ. Er propagierte das allgemeine Priestertum aller Gläubigen. [8]

Aus dieser Ablehnung der Sonderstellung kirchlicher Würdenträger folgte für Jan Hus auch, dass der Papst und die Bischöfe keine besonderen Vollmachten allgemeiner und schon gar keine solchen jurisdiktioneller Natur geltend machen konnten. Die Gesetze Gottes stellte er über die weltlichen und meinte mit „weltlich“ auch solche der Kirche, die sich nicht aus der Schrift ableiten ließen. [9] Er gab jedem einzelnen Christen die Aufgabe zu überprüfen, welche Gesetze mit denen Gottes im Einklang standen. Solche auf die das nicht zutraf, mussten nicht befolgt werden. Aus dieser Überlegung heraus entwickelte er „die Lehre vom notwendigen Ungehorsam der Christen“. [10] Bei Luther hatten vor allem die Bauern zuerst angenommen, dass auch er diesen „notwenigen Ungehorsam der Christen“ unterstütze und wähnten ihn im Bauernkrieg (1524-1525) deshalb auf ihrer Seite. Zuerst setzte er sich auch für den Frieden ein, stellte sich aber, als die Gewalt der Bauern noch zunahm in seiner Schrift „Wider die Mordischen vnd Reubischen Rotten der Bawren“ auf Seiten der Fürsten, die, seiner Meinung nach, aufgrund der gottgewollten Ordnung das alleinige Recht auf das Schwert und somit auf die Macht hatten. [11]

Sakramentsverständnis

 

Wie schon erwähnt, waren die Hauptkonfliktpunkte zwischen Hus und der Kirche sein Kirchenbegriff und er stelle auch längst nicht so radikal, wie hundert Jahre später Luther, die Sakramente in Frage. Dennoch gab es auf dem Konzil zu Konstanz intensive Diskussionen über die Auslegung der Sakramente. Die größte Uneinigkeit herrschte bei der Eucharistiefeier, also beim Abendmahl. Man warf Hus mehrmals vor, ein Anhänger der Wyclif'schen Remanenztheorie zu sein, die besagt, dass Brot und Wein bei der Wandlung nicht vollständig in Leib und Blut Christi übergehen, sondern es sich eher um eine figurative Präsenz Jesu handelt. Für Wyclif war die Transsubstantiation, also die vollständige Wandlung der Substanzen Brot und Wein in Jesus Christus, nicht mit dem von ihm vertretenen Realismus vereinbar. [12] Hus wies diese Anschuldigung immer wieder von sich [13], näherte sich in seinen Auslegungen aber gegen Ende seines Lebens immer mehr der Remanenzlehre an. [14] Die Kirche vertrat also eine Realpräsenz Christi im konsekrierten Brot und Wein. Auch Luther vertrat diese Realpräsenz, aber nur für die Dauer der Abendmahlsfeier, und er lehnte die Transsubstantiationslehre ab. Johannes Calvin und Zwingli [15] hingegen fassten Brot und Wein nur als Symbol für Christus auf und vertraten eine geistige Gegenwart, eine Spiritualpräsenz Jesu. [16] Weiters warf man Jan Hus auf dem Konzil vor, den Laienkelch zu predigen. Bis ins 13. Jahrhundert war es üblich gewesen, auch den Laien die Kommunion in beiderlei Gestalt, also Brot und Wein, zu reichen. Später kam man, unter anderem aus hygienischen Gründen, davon ab und die Kommunion für Nichtkleriker bestand nur noch aus dem Leib Christi, also aus Brot. Von den Anhängern Hus' wurde nun aber der Laienkelch wieder gefordert und auch praktiziert. Dieser, der das Wahrzeichen der hussitischen Bewegung werden sollte, wurde auf dem Konzil von Konstanz 1415 noch verboten, aber schon wenige Jahre später für das Königreich Böhmen erlaubt (siehe: Nachfolge Jan Hus' – Hussitenkriege). [17] Auch die neuen lutherischen Abendmahlsgemeinden reichten die Kommunion an ihre Anhänger unter beiderlei Gestalt. [18]

Bibelverständnis

 

Schon bei Wyclif findet sich die Betonung auf die Bibel und die Kirchenväter als alleinige Grundlage für den Glauben. Er entwickelte daraus eine Lehre der sola scriptura [19] die auch Jan Hus stark beeinflusst, der sie, wie auch schon den Wyclifschen Kirchenbegriff, übernimmt. [20] Bei Luther ist die Bibel als einzige Quelle des Glaubens (sola scriptura), eine der drei Säulen seiner Lehre (sola fide, sola gratia). [21]

Alle drei Reformatoren ziehen bei ihren Ablehnungen gewisser Praktiken immer wieder das Argument heran, dass sich darüber keine Nachweise in der Bibel bzw. im Neuen Testament finden. Schlussendlich waren sie auch alle drei mehr oder weniger in die Übersetzung der Bibel in die jeweilige Nationalsprache involviert. Wyclif beteiligte sich zwar nicht persönlich daran, lieferte aber wichtige Impulse [22], Jan Hus propagierte sie sehr stark [23] und Martin Luther machte sich während seines Aufenthaltes auf der Wartburg sogar selbst an die Übersetzung der Heiligen Schrift.

 

Drescher, Veronika 

Anmerkungen

  • [1]

    Vgl. Mladoniowitz, Peter von, Hus in Konstanz (= Slavische Geschichtsschreiber III hg. von Günther Stökl) übersetzt, eingeleitet und erklärt von Josef Bujnoch, Graz / Wien / Köln 1963, S. 26-27.

  • [2]

    Vgl. Macek, J., Hus, Johannes, in: Lexikon des Mittelalters V, München / Zürich 1991, Sp. 230-231, hier speziell, 231.

  • [3]

    Vgl. Brandmüller, Walter, Das Konzil von Konstanz 1414-1418. Teil 1: Bis zur Abreise Sigismunds nach Narbonne (= Konziliengeschichte Reihe A: Darstellungen), Paderborn (u.a.) 1991, S. 331.

  • [4]

    Vgl. Elze, Reinhard / Repgen, Konrad (Hgg.), Studienbuch Geschichte. Eine europäische Weltgeschichte. Band 2. Frühe Neuzeit 19. und 20. Jahrhundert, 5. Aufl., Stuttgart 1999, S. 79.

  • [5]

    Vgl. Mladoniowitz, Peter von, Hus in Konstanz (= Slavische Geschichtsschreiber III hg. von Günther Stökl) übersetzt, eingeleitet und erklärt von Josef Bujnoch, Graz / Wien / Köln 1963, S. 27.

  • [6]

    Vgl. Macek, J., Hus, Johannes, in: Lexikon des Mittelalters V, München / Zürich 1991, Sp. 230-231, hier speziell, 231.

  • [7]

    Vgl. Walsh, K., Wyclif John, in: Lexikon des Mittelalters IX, München / Zürich 1998, Sp. 391-393, hier speziell, 393.

  • [8]

    Vgl. Elze, Reinhard / Repgen, Konrad (Hgg.), Studienbuch Geschichte. Eine europäische Weltgeschichte. Band 2. Frühe Neuzeit 19. und 20. Jahrhundert, 5. Aufl., Stuttgart 1999, S. 67.

  • [9]

    Vgl. Mladoniowitz, Peter von, Hus in Konstanz (= Slavische Geschichtsschreiber III hg. von Günther Stökl) übersetzt, eingeleitet und erklärt von Josef Bujnoch, Graz / Wien / Köln 1963, S. 28

  • [10]

    Vgl. Macek, J., Hus, Johannes, in: Lexikon des Mittelalters V, München / Zürich 1991, Sp. 230-231, hier speziell, 231.

  • [11]

    Vgl. Eder, Manfred, Kirchengeschichte. 2000 Jahre im Überblick, Düsseldorf 2008, S. 151-153.

  • [12]

    Vgl. Walsh, K., Wyclif John, in: Lexikon des Mittelalters IX, München / Zürich 1998, Sp. 391-393, hier speziell, 392.

  • [13]

    Vgl. Brandmüller, Walter, Das Konzil von Konstanz 1414-1418. Teil 1: Bis zur Abreise Sigismunds nach Narbonne (= Konziliengeschichte Reihe A: Darstellungen), Paderborn (u.a.) 1991, S. 341-342.

  • [14]

    Vgl. ebda 331.

  • [15]

    Vgl. Elze, Reinhard / Repgen, Konrad (Hgg.), Studienbuch Geschichte. Eine europäische Weltgeschichte. Band 2. Frühe Neuzeit 19. und 20. Jahrhundert, 5. Aufl., Stuttgart 1999, S. 74.

  • [16]

    Vgl. Eder, Manfred, Kirchengeschichte. 2000 Jahre im Überblick, Düsseldorf 2008, S. 164.

  • [17]

    Vgl. Brandmüller, Walter, Das Konzil von Konstanz 1414-1418. Teil 1: Bis zur Abreise Sigismunds nach Narbonne (= Konziliengeschichte Reihe A: Darstellungen), Paderborn (u.a.) 1991, S. 360-370.

  • [18]

    Vgl. Jedin, H., Luther, in: Lexikon für Theologie und Kirche. 6, Freiburg 1961, Sp. 1223-1230, hier speziell Sp. 1227.

  • [19]

    Vgl. Walsh, K., Wyclif John, in: Lexikon des Mittelalters IX, München / Zürich 1998, Sp. 391-393, hier speziell, 393.

  • [20]

    Vgl. Macek, J., Hus, Johannes, in: Lexikon des Mittelalters V, München / Zürich 1991, Sp. 230-231, hier speziell, 231.

  • [21]

    Vgl. Jedin, H., Luther, in: Lexikon für Theologie und Kirche. 6, Freiburg 1961, Sp. 1223-1230, hier speziell Sp. 1225.

  • [22]

    Vgl. Walsh, K., Wyclif John, in: Lexikon des Mittelalters IX, München / Zürich 1998, Sp. 391-393, hier speziell, 393.

  • [23]

    Vgl. Macek, J., Hus, Johannes, in: Lexikon des Mittelalters V, München / Zürich 1991, Sp. 230-231, hier speziell, 231.

Empfohlene Zitierweise

Drescher, Veronika: Jan Hus - Lehre, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/2uu/

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Erstellt: 04.06.2012

Zuletzt geändert: 05.06.2012


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