Quelle 2

Quelle 2: Augenzeugenbericht der Verbrennung durch Petrus Mladoniowitz (Auszug)

 

Petrus Mladoniowitz reiste mit den Vertretern der Prager Universität als deren Sekretär 1414 nach Konstanz und wohnte dort einige Zeit zusammen mit Jan Hus unter einem Dach, wo er auch Zeuge seiner Gefangennahme wurde. In der Folgezeit unterstützte er Hus in vielerlei Hinsicht: Er bestach dessen Wärter, um Hus eine bessere Haft zu sichern, leitete seine Briefe aus dem Kerker weiter und setzte sich immer wieder an offiziellen Stellen für ihn ein. Seine Erlebnisse von den Reisevorbereitungen bis zu den Konzilsverhandlungen schrieb er in einem Bericht nieder, aus dem hier eine gekürzte Fassung der Verurteilung und Verbrennung Jan Hus' (siehe dazu auch Verurteilung und Verbrennung des Jan Hus (Farbdrucke in der Chronik des Ulrich von Richental)) folgt.

Es wird hier die deutsche, der neuen Rechtschreibung angepasste Übersetzung der ursprünglich auf Latein verfassten Quelle zur Verfügung gestellt.

Als alle gegen den Magister vorgebrachten Artikel bereits beendet und verlesen waren, las ein kahlköpfiger und greiser Auditor und Prälat [...] das Schlussurteil gegen Magister Johannes Hus, und Magister Johannes antwortete zu gewissen Punkten dieses Urteils, indem er, auch wenn man es ihm wehrte, dagegen Einwände machte. [...]

Danach legte er auf Geheiß von sieben Bischöfen, die bei seiner Degradierung dabei waren, die Altargewänder an, als ob er eine Messe feiern wollte. Und als er die Alba anzog, sprach er: „Da mein Herr Jesus Christus von Herodes zu Pilatus geführt ward, hat man ihn mit einem weißen Gewand verspottet.“ [...] [D]ie genannten Bischöfe [begannen] sogleich [ihn] zu degradieren. Zuerst nahmen sie ihm den Kelch aus seinen Händen und sprachen [...] Fluchwort[e] [...] Und in der Folge nahmen sie die anderen Kleidungsstücke von ihm: die Stola, das Messgewand und andere usw., und bei den einzelnen Teilen stießen sie nach ihrer Weise eine Verfluchung aus. [...] Als alle diese Gewänder, wie erwähnt, von ihm genommen waren, gingen die genannten Bischöfe weiter an die Verletzung seiner Tonsur. [...] Und als sie ihm die Tonsur an vier Seiten, nämlich rechts und links, vorn und rückwärts mit einer Schere zerstörerisch angeschnitten hatten, sprachen sie zum Schluss folgende Worte: „Jetzt hat die Kirche bereits alle kirchlichen Rechte von ihm genommen und hat weiter nichts mehr mit ihm zu schaffen. Deshalb übergeben wir ihn dem weltlichen Gerichtshof.“ – Bevor sie aber eine Schandkrone aus Papier auf sein Haupt setzten, sprachen sie unter anderem zu ihm: „Wir überantworten deine Seele dem Teufel!“ – Und der Magister sagte mit gefalteten Händen und mit zum Himmel gerichteten Augen: „Und ich überantworte sie dem gütigsten Herrn Jesus Christus.“ [...] – Die Papierkrone aber war rund und ungefähr eine Elle hoch. Es waren drei schauerliche Teufel drauf gemalt, wie sie gerade die Seele mit ihren Krallen zerren und festhalten wollen. Und auf dieser Krone war der Titel seiner Prozesssache aufgeschrieben: „Dieser ist ein Erzketzer.“

Darauf sprach der König zu Herzog Ludwig [...]: „Geh hin und nimm ihn!“ Und der [...] übernahm den Magister, gab ihn in die Hände der Henker und geleitete ihn in den Tod. Als aber der bereits also gekrönte Magister aus der genannten Kirche [Hauptkirche der Stadt Konstanz] geführt wurde, verbrannte man auf dem Friedhof dieser Kirche zur gleichen Stunde, wie es hieß, seine Bücher. Als er es im Vorübergehen sah, lächelte er über ihr Tun. [...] Fast die ganze Bürgerschaft der Einwohner aber war in Waffen und geleitete ihn in den Tod.

Als der Magister zur Hinrichtungsstätte kam. beugte er die Knie, betete mit ausgebreiteten Händen und mit zum Himmel empor gerichteten Augen inbrünstig [...]. – Die Hinrichtungsstätte aber war auf einer bestimmten Wiese zwischen Gärten, wenn man aus der Stadt Konstanz heraus gegen die Burg Gottlieber geht, zwischen den Toren und den Vorstadtgräben der genannten Bürgerstadt. [...] – Während er nun so, wie vorerwähnt, betete, fiel die genannte Schandkrone, die mit drei Dämonen ringsum bemalt war, von seinem Haupt. Er lächelte, als sein Blick darauf gefallen war. Und einige Söldner, die um ihn herum standen, sagten: „Man soll sie ihm wieder aufsetzen, damit er zugleich mit seinen Herren, denen er gedient hat, den Dämonen, verbrannt werde. Auf Geheiß des Henkers aber erhob sich der Magister von der Stelle des Gebetes [...]. Als sie ihm sein Gewand ausgezogen hatten, banden sie ihn mit Tauen an eine Säule, wobei er mit den Händen rückwärts an die genannte Säule gefesselt war. [...] Als man ihn aber am Hals mit einer berußten Kette zusammenschnürte, betrachtete er sie, lächelte und sprach zu den Henkern: „Der Herrn Jesus Christus, mein Erlöser und Heiland, ist mit einer härteren und schwereren Kette gefesselt worden, und ich Armer scheue mich nicht, um seines Namens willen gefesselt diese Kette zu tragen.“ – Die Säule aber war ein dicker Balken von der Stärke ungefähr eines halben Fußes. Man hat sie an einem Ende zugespitzt und in die Erde, in die genannte Wiese eingerammt. Unter die Füße des Magisters aber hat man zwei Bund Holz gelegt. der Magister trug noch seine Schuhe und eine Fessel an den Füßen, als er an den Pfahl gebunden war. Die genannten Holzbündel, die mit Stroh vermischt waren, legten sie überall rings um den Körper des so dastehenden Magisters bis an sein Kinn. An Holz aber waren es zwei Fuhren oder Wagen. Bevor aber der Magister angezündet wurde, trat der Reichsmarschall Hoppe von Pappenheim und mit ihm der Sohn des ehedem Klem an ihn heran, und sie forderten ihn auf, wie es hieß, sein noch heiles Leben zu retten und dem von ihm einst Gepredigten und Gesagten abzuschwören und es zu widerrufen. Der Magister aber blickte zum Himmel und antwortete mit lauter Stimme: „ Gott“, so sprach er, „ist mein Zeuge, dass ich das, was mir fälschlich zugeschrieben wird und was man mir durch falsche Zeugen aufgebürdet hat, niemals gelehrt und auch niemals gepredigt habe [...]. In dieser evangelischen Wahrheit aber, die ich geschrieben, gelehrt und gepredigt habe nach den Aussprüchen und Auslegungen der heiligen Lehrer, will ich heute gern sterben.“ Und als das der Marschall zusammen mit dem Sohn des Klem vernommen hatte, schüttelten sie einander die Hände und gingen sogleich von dannen.

Dann zündeten die Henker den Magister an. Er sang darauf mit lauter Stimme [...] – Und als er zum dritten Male begonnen hatte zu singen, schlug ihm alsbald der Wind die Flammen ins Gesicht, und also in sich betend und Lippen und Haupt bewegend, verschied er im Herrn. Im Augenblick der Stille aber, bevor er verschied, schien er sich zu bewegen, und zwar so lange, als man zwei oder höchstens drei Vaterunser schnell sprechen kann.

Als das Holz der genannten Bündel und Taue verbrannt war und immer noch eine Körpermasse dastand, die an der genannten Kette um den Hals hing, stießen darauf die Henker die genannte Masse zusammen mit der Säule zu Boden, belebten das Feuer weiter, und zwar mit einer dritten Holzfuhre und verbrannten die Masse vollständig. Sie gingen herum und schürten die Knochen mit Stangen zusammen, damit sie umso schneller zu Asche würden. Und als sie sein Haupt fanden, teilten sie es mit einer Stange in Stücke und warfen es wieder ins Feuer. Da sie aber unter den inneren Organen sein Herz gefunden hatten, spitzten sie einer Stange nach Art eines Spießes an und befestigte am Ende das Herz, brannten es besonders und schüttelten es beim Verbrennen mir Stangen und machten schließlich jene ganze Masse zu Asche. Und auf Geheiß der genannten Herren, des Klem und des Marschalls, warfen die Henker sein Hemd zusammen mit den Schuhen ins Feuer und sagten dabei: „Damit die Böhmen nicht etwa wie Reliquien halten, werden auch wir dir deinen Preis dafür geben.“ Das taten sie auch Und so luden sie zusammen mit den einzelnen genannten Aschenteilen der Holzscheite alles auf einen Wagen und versenkte es im nahen Rheinfluss daselbst und zerstreuten es.

zitiert nach:

Mladoniowitz, Peter von, Hus in Konstanz (= Slavische Geschichtsschreiber III hg. von Günther Stökl), Graz / Wien / Köln 1963, S. 249-257.

 

Veronika Drescher 

Empfohlene Zitierweise

Drescher, Veronika: Jan Hus - Biographie Quelle 2, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/2vc/

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Erstellt: 06.06.2012

Zuletzt geändert: 06.06.2012

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