Quelle 6

Quelle 6 Die Basler (Prager) Kompaktate (Auszug)

 

Bei den Basler (Prager) Kompaktaten vom 26. November 1433 handelt es sich um das Endergebnis der Verhandlungen zwischen Kaiser Sigmund und Papst auf der einen Seite und den Utraquisten, der gemäßigten Strömung der Hussiten, auf der anderen Seite. Die Taboriten stellten sich gegen diese Vereinbarung, mussten dann aber durch die Utraquisten 1434 in der Schlacht von Lipany eine vernichtende Niederlage einstecken und waren somit keine ernstzunehmenden Gegner mehr. Die Basis der Verhandlungen auf dem Konzil von Basel waren die Vier Prager Artikel (Auszug), was sich auch sehr gut aus der direkten Bezugnahme der Kompaktate auf die Artikel ablesen lässt.

Es wird hier die deutsche, der neuen Rechtschreibung angepasste Übersetzung der ursprünglich auf Latein verfassten Quelle zur Verfügung gestellt:

Im Namen unseres Herrn Jesus Christus! Das im Folgenden Niedergelegte wurde mit der Gnade des Heiligen Geistes zwischen den Legaten des Heiligen Allgemeinen Konzils von Basel und der Generalversammlung des ruhmreichen Königreichs Böhmen und der Markgrafschaft Mähren in der Stadt Prag (am 26. November 1433) vertraglich vereinbart.

Friedensvereinbarung zwischen den Konzilsteilnehmern und Böhmen und Mähren.

Erstens: Die genannte Versammlung wird einen guten, festen und ewigen Frieden und die kirchliche Einheit empfangen, annehmen und akzeptieren im Namen des besagten Königreiches und der besagten Markgrafschaft und an Stelle ebendieses Königreiches und ebendieser Markgrafschaft und von allen und jedem einzelnen, die darin wohnen und die zu ihrer Partei gehören. Diesen Frieden und diese kirchliche Einheit werden sie in geziemender Weise bekennen und bekräftigen.

[...] [D]ie genannten Gesandten [werden] kraft des genannten Heiligen Konzils [...] alle kirchlichen Zensuren aufheben und völlig abtun. Und sie werden dann allen Christgläubigen und den einzelnen im besonderen Weisung geben, dass niemand sich herausnehmen darf, künftig das genannte Königreich und die Markgrafschaft wegen des Vergangenen zu schmähen oder sie und ihre Einwohner anzugreifen und zu kränken. [...]

Bemerkungen zum zweiten der Vier Prager Artikel (Laienkelch). Das Abendmahl unter beiderlei Gestalt wurde erlaubt, die Priester hatten aber darauf hinzuweisen, dass Christus sowohl im Brot als auch im Wein vollständig enthalten ist.

Hinsichtlich des Inhalts des Ersten Artikels, den die Unterhändler des genannten Königreiches und der genannten Markgrafschaft dem Heiligen Konzil vorgelegt haben – er lautet: „Die Kommunion der hochheiligen Eucharistie, die unter den beiden Gestalten, des Brotes und des Weines, (empfangen) nützlich und heilbringend ist, soll allen Christgläubigen im Königreich Böhmen und in der Markgrafschaft Mähren sowie an den Orten, wo sie ihre Anhänger haben, von den Priestern ungehindert gespendet werden“ – ist folgendes vereinbart worden: Die Böhmen und Mähren, die wahrhaft und wirklich die Einheit mit der Kirche und den Frieden annehmen und sich in allen Dingen, außer der Kommunion unter beiden Gestalten, an den Glauben und die Riten der Gesamtkirche halten, diejenigen also, welche diesen Brauch haben, sollen weiterhin unter beiden Gestalten kommunizieren [... sofern sie] das Alter der Unterscheidung erreicht haben und sie mit Ehrerbietung und Frömmigkeit zum Heil und Nutzen im Herrn erbeten haben. Dabei ist jedoch immer folgendes zu beobachten: Die Priester sollen denen, die auf diese Weise kommunizieren, jeweils erklären, dass sie fest zu glauben haben, dass unter der Brotsgestalt nicht nur das Fleisch, und unter der Gestalt des Weines nicht nur das Blut, sondern dass unter jeder von beiden Christus ganz enthalten ist. [...]

Allgemeine Bemerkungen zu den übrigen drei Artikeln (Predigtfreiheit, Armut der Geistlichen, Bestrafung der Todsünden).

Zum Inhalt der drei folgenden Artikel ist von den vorher erwähnten Legaten des Heiligen Konzils Folgendes gesagt worden: Hinsichtlich der katholischen Wahrheitslehre muss solcherweise nüchtern und behutsam vorgegangen werden, zumal von Seiten eines Heiligen Allgemeinen Konzils, dass die Wahrheit in so wohlausgewogenen Formulierungen erklärt wird, dass sie niemandem künftig mehr einen Anstoß zum Fall und einen Anlass zum Irrtum bietet und dass sie [...] nichts enthält, was durch seine Dunkelheit zum Fallstrick werden könnte.

Bemerkungen zum vierten Artikel (Bestrafung der Todsünden). Die Bestrafung dieser darf nur durch den zuständigen Richter und gemäß den Gesetzen in der Bibel und nicht durch Privatpersonen geschehen.

Hinsichtlich der Eindämmung und Bestrafung der Sünden habt ihr folgenden Artikel aufgesetzt: „Alle Todsünden, zumal die öffentlich bekannten, sollen durch diejenigen, die es angeht, in vernünftiger Weise und gemäß dem Gesetze Gottes unterbunden, bestraft und ausgerottet werden“. Hier ist die Formulierung: „durch die, welche es angeht“ zu allgemein gefasst und kann unter Umständen ein Stein des Anstoßes werden. [...] Wir meinen daher, dass nach dem Urteil der Heiligen Schrift und den Zeugnissen der heiligen Lehrer dies als katholische Lehre zu gelten hat: Alle Todsünden, vor allem die öffentlichen, sind, soweit dies vernünftigerweise geschehen kann, gemäß dem Gesetz Gottes und den Weisungen der heiligen Väter zu unterbinden, zu bestrafen und auszurotten. Doch liegt die Vollmacht, die Übeltäter zu bestrafen, nicht bei Privatpersonen, sondern steht nur denen zu, welche über sie (die Übeltäter) Jurisdiktion besitzen unter Wahrung des Zuständigkeitsbereiches und der Ordnung von Recht und Gerechtigkeit.

Bemerkungen bezüglich des ersten Artikels (Predigtfreiheit). Die Predigt darf frei gehalten werden aber nur durch offizielle Priester und nicht durch Laien.

Hinsichtlich der Frage der Predigt des Gotteswortes hat euer Artikel folgenden Wortlaut: „Das Wort Gottes soll von den Priestern des Herrn und geeigneten Leviten frei und getreu verkündet werden.“ Damit aber niemand das Wort „frei“ zum Anlass für eine zügellose und schädliche Willkür nehmen kann, die ja auch ihr nach eurer wiederholten Beteuerung nicht wollt, muss dieser Begriff genauer umschrieben werden. Wir meinen also, dass nach der Lehre der Heiligen Schrift und den Zeugnissen der heiligen Lehrer Folgendes als katholisch zu halten ist: Das Gotteswort soll von den Priestern Gottes und dazu geeigneten Leviten, die durch die zuständigen Oberen anerkannt und beauftragt sind, in Freiheit verkündet werden, aber nicht an beliebigem Ort, sondern in gewissenhafter Ordnung: Dabei ist die Autorität des Bischofs, dem in allem die oberste Ordnungsvollmacht zukommt, gemäß den Weisungen der heiligen Väter zu respektieren.

Bemerkungen zum dritten Artikel (Armut der Geistlichen) mit zwei Thesen, die ein katholischer Gesandter dazu aufgestellt hat. Diese bestimmen, dass die Kirche und Kleriker (ausgenommen Mönche) rechtmäßig erworbenes Gut besitzen dürfen.

Der Inhalt des letzten Artikels ist mit folgenden Worten ausgedrückt: „Es ist dem Klerus in der Zeit des Gesetzes der Gnade nicht erlaubt, in weltlicher Weise ein Besitzrecht über zeitliche Güter auszuüben.“ Dazu möchten wir daran erinnern, dass auf dem Heiligen Konzil über diese Frage in einer öffentlichen, feierlichen Sitzung verhandelt worden ist. Der vom Heiligen Konzil für diese Diskussion beauftragte Referent hat dazu zwei Thesen aufgestellt, die folgendermaßen lauten: Erstens – Kleriker, die keine Ordensleute sind, d. h. die nicht durch Gelübde gebunden sind, können jedwede Art von zeitlichen Gütern, Erbschaften, die ihnen von den Eltern oder sonst wie zukommen, und andere rechtmäßig erworbene Güter, die sie etwa durch Schenkung oder durch einen anderen rechtmäßigen Vertrag oder durch Ausübung einer rechtmäßigen Tätigkeit erworben haben, erlaubterweise haben und besitzen. Zweitens – die Kirche kann zeitliche Güter, bewegliche und unbewegliche, Häuser, Liegenschaften, Bauernhöfe, Städte, Weiler und Gemeinden erlaubterweise haben und besitzen und über sie ein Eigentumsrecht im Sinn des bürgerlichen Privatrechtes ausüben.

Diese Thesen wurden von dem Mann, der aus der Zahl eurer Gesandten an der Diskussion beteiligt war, akzeptiert, indem er betonte, dass sie dem Sinn seines Artikels nicht widersprächen, wenn man ihn nur recht verstehe. Denn er habe seinen Artikel im Sinne eines formellen bürgerlichen Besitzrechtes verstanden. [...]

Akzeptanz der hier geschlossenen Kompromisse, die Vier Prager Artikel betreffend. Man spricht sich auch dafür aus, die Einhaltung diese Kompromisse sehr genau überprüfen zu wollen um Missbräuche zu verhindern.

Die besagte Versammlung nimmt die Erklärung der besagten drei Artikel als der Wahrheit der Heiligen Schrift entsprechend willig an. Manche (Mitglieder der Versammlung) sind aber der Meinung, dass hinsichtlich des Inhaltes dieser drei Artikel mancherlei Missbräuche und Unordnungen entstanden sind. Darum beabsichtigt die Versammlung, durch ihre Gesandten beim Heiligen Konzil dringende Vorstellungen zu erheben, es solle für eine Abstellung dieser Missbräuche und dieser Verletzungen der Ordnung sorgen. [...]

Versprechen die Friedensvereinbarungen zu halten und allen Beteiligten entsprechende Urkunden auszuhändigen.

Für die Festigkeit und Wahrung des Friedens wird von den Legaten des Heiligen Konzils jegliche Garantie gegeben werden; ebenso wird die Konzilsbulle mit den Weisungen des Heiligen Konzils an alle Fürsten und benachbarten Gemeinden geleitet werden, sowie alles, was sonst noch notwendig oder nützlich ist. Von Seiten des genannten Königreiches und der Markgrafschaft werden Briefe mit Siegel und entsprechenden Diplomen ausgehändigt werden; dann wird der Friede ausgerufen und Weisung zu seiner Einhaltung gegeben werden, und alles übrige wird geschehen, was zur Wahrung des besagten Friedens und der Einheit notwendig und nützlich ist, usw.

zitiert nach:

Gill, Joseph, Konstanz und Basel-Florenz (= Geschichte der ökumenischen Konzilien; Band IX), Mainz 1967, S. 400-404.

 

Veronika Drescher 

Empfohlene Zitierweise

Drescher, Veronika: Hussitenkriege Quelle 6, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/2vg/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 06.06.2012

Zuletzt geändert: 06.06.2012

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