Quelle 5

Quelle 5: Die Vier Prager Artikel (Auszug)

 

Die Vier Prager Artikel (Predigtfreiheit, Laienkelch, Armut der Geistlichen, Bestrafung der Todsünden) waren jene vier Punkte, auf die sich die gemäßigten und die radikalen Strömungen der Hussiten 1420 im Angesicht des drohenden Krieges mit König Sigmund einigen konnten. Ein Jahr später wurden sie auf dem Landtag von Tschaslau auch zum Landesgesetz erhoben. Auf dem Basler Konzil bildeten sie die Grundlage für die Verhandlungen zwischen König Sigmund und Papst auf der einen und den Utraquisten auf der anderen Seite.

Es wird hier die deutsche, der neuen Rechtschreibung angepasste Übersetzung der ursprünglich auf Latein verfassten Quelle zur Verfügung gestellt:

Wir, Bürgermeister und Räte und Schöffen und die ganze Bürgerschaft der Stadt Prag, der Hauptstadt des Königreichs Böhmen, tun in unserem und dem Namen der anderen Gläubigen dieses Königreichs zu wissen usw. Kund sei allen Christgläubigen, dass die Gläubigen im Königreich Böhmen für die nachstehenden Artikel einstehen und mit Gottes Hilfe, in Tod oder Leben, soviel sie vermögen, einstehen werden:

Der erste Artikel: Predigtfreiheit (gekürzt wurden weitere Bibelzitate).

Erstens, dass das Wort Gottes im Königreich Böhmen frei und ohne Hindernis von den Priestern des Herrn ordentlich gepredigt und nach dem Wort des Erlösers verkündigt werde: „Gehet hin in alle Welt und predigte das Evangelium aller Kreatur“ [...]

Der zweite Artikel: Laienkelch (gekürzt wurden weitere Bibelzitate).

Zweitens, dass das Sakrament der göttlichen Eucharistie unter beiderlei Gestalt, Brot und Wein, allen Christgläubigen, die ohne Todsünde sind, frei dargereicht werde nach dem Wort und Befehl des Erlösers, der da spricht: „Nehmet, esset, das ist mein Leib; und ... trinket alle daraus, das ist das Blut des Neuen Testaments, das vergossen wird für viele“ [...].

Der dritte Artikel: Armut der Geistlichen (gekürzt wurden weitere Bibelzitate).

Drittens, dass die weltliche Herrschaft über Reichtum und irdische Güter, welche der Klerus gegen das Gebot Christi zum Schaden seines Amtes und zum Nachteil des weltlichen Armes innehat, von ihm genommen und aufgehoben und der Klerus selbst zur evangelischen Regel und zum apostolischen Leben Christi und seiner Apostel zurückgeführt werde nach dem Wort des Erlösers [...]: „Und er rief seine zwölf Jünger ... und sandte sie, gebot ihnen und sprach: ‚Ihr sollt nicht Gold noch Silber noch Erz in euren Gürteln haben.‘ “ [...].

Der vierte Artikel: Bestrafung der Todsünden (gekürzt wurden die Sündenauflistungen).

Viertens, dass alle Todsünden, insbesondere die öffentliche, und die übrigen dem Gesetz Gottes zuwiderlaufenden Missstände in jedem Stand nach der Ordnung und auf vernünftige Weise durch die Verantwortlichen verhindert und abgestellt werden. Denn diejenigen, die solches tun, sind des Todes würdig, aber nicht nur die Täter selbst, sondern auch diejenigen, welche sie begünstigen, als da sind im Volke Hurerei, Schwelgen, Diebstahl, Mord, Lüge, [usw.] und dergleichen, im Klerus hingegen simonistische Häresien und Erhebung von Gebühren für die Taufe, Firmung, Beichte, das Sakrament der Eucharistie, [usw.] und unzählige andere Häresien, die daraus entstehen und die Kirche Christi beflecken, sowie ruchlose Unsitten, wie zum Beispiel die schändlichen Unehen samt der Erzeugung von Kindern und andere Unzucht, [usw.] und unzählige Täuschungen der einfachen Leute durch falsche Versprechungen.

Alle diese Dinge soll ein jeder gläubige Diener Christi und wahre Sohn seiner Mutter Kirche an sich und anderen verfolgen und wie den Teufel selbst hassen und verabscheuen, doch stets unter Wahrung der Ordnung und des Standes seiner Berufung. Wenn uns aber einer gegen unser frommes und heiliges Vorhaben schamlos, unerhörte Laster zuschreiben sollte, so sollen ihn die Christgläubigen wie einen falschen und ungerechten Zeugen behandeln, da in unserem Herzen kein anderer Gedanke wohnt, als aus aller unserer Kraft und Vermögen dem Herrn Christus zu gefallen und sein Gesetz und die Gebote und diese vier katholischen Punkte treulich zu erfüllen und auszuführen. Und jedem Bösewicht, der dem entgegensteht und der uns deswegen Widerstand leistet und uns wider Gott von diesem Entschluss abzubringen versucht und uns um der Verteidigung der evangelischen Wahrheit willen verfolgt, zu welcher ein jeder notwendig verpflichtet ist, müssen wir nach der evangelischen Berufung auf Grund der Vollmacht des weltlichen Tyrannen und einem grausamen Antichrist Widerstand leisten bis zum letzten. Und wenn durch irgendeinen aus unseren Reihen etwas Böses oder Anstößiges getan worden sein sollte, so bezeugen wir, dass das in jedem Falle gegen unsere Absicht geschehen ist, denn unser Vorhaben ist es, jedes Verbrechen auszutilgen. Wenn aber irgendeine Person oder eine Kirche an Gut oder Leib Schaden genommen haben sollte, so entschuldigt uns entweder die unausweichliche Notwendigkeit oder die notwendige Verteidigung des Gesetzes und unserer selbst gegen die tyrannische Gewalt. Gleichwohl tun wir kund, dass wir in allen Dingen zur Belehrung aus der Heiligen Schrift bereit sind, falls jemand meint, es falle auf uns auch nur ein böser Schein.

zitiert nach:

Benrath, Gustav Adolf (Hg.), Wegbereiter der Reformation (= Klassiker des Protestantismus Band 1), Bremen 1967, S. 368-371.

 

Veronika Drescher 

Empfohlene Zitierweise

Drescher, Veronika: Hussitenkriege Quelle 5, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/2vf/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 06.06.2012

Zuletzt geändert: 06.06.2012

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