Die pragmatische Sanktion von Bourges Quelle

1.a.3 Pragmatische Sanktion von Bourges: 30. Juni 1438 (Auszüge)

 

Die Pragmatische Sanktion von Bourges wurde am 7. Juli 1438 von Karl VII. von Frankreich erlassen. In ihr wurden die Beschlüsse des seit Anfang Juni in Bourges versammelten Klerus vereinigt. Grundlage waren die Dekrete des Basler Konzils, welche, nach teilweise erfolgter Angleichung an die königlichen Interessen, übernommen wurden. Die vorliegenden Auszüge sind Übersetzungen des lateinischen Originals.

Bemerkungen über die Dekrete des Konzils von Basel.

Dieses heilige Allgemeine Konzil hat nun im Hinblick darauf, daß diese Entartungen in der Kirche Gottes immer wieder, Tag für Tag emporschießen und daß die so schlimm verdorbenen Sitten sie [wie eine Seuche] anstecken, dafür gesorgt, allen offen die Mahnungen des Heils vorzutragen und für das was das zuvor Gesagte anlangt, soweit es mit Gott möglich ist, wirksam Vorsorge zu treffen; besonders […] hat es bestimmte Dekrete, Anordnungen und feierliche Statuten geschaffen und erlassen. […]

Aufforderung des Basler Konzils an den französischen Klerus, die vorgelegten Dekrete zu akzeptieren.

Sie haben in höchster Liebe Uns, die Prälaten und übrigen Kirchenmänner, die die Kirche Unseres Königreiches und Unserer Dauphiné verkörpern, mit besonderer Eindringlichkeit gemahnt und beschworen, Wir möchten doch bitte die Dekrete, Statuten und Anordnungen, die von dieser heiligen Synode aus besagten Gründen geschaffen und erlassen wurden, an[zu]nehmen und [zu] übernehmen […]

Bemerkungen über die Zusammensetzung der Klerusversammlung.

[…] Wir haben darüber eine reifliche Besprechung in Unserem Großen Rat durchgeführt und daraufhin jüngst die Erzbischöfe, Bischöfe, bedeutende Kapitel, Äbte, Dekane, Pröpste, sonstige Prälaten und Kirchenmänner, die Magister, Doktoren, Wissenschaftler der Universitäten und andere aus Unserem Königreich und Unserer Dauphiné in sehr großer und reicher Zahl bei Uns in dieser Stadt Bourges zusammengerufen und versammeln lassen […]

Grundsätzliche Akzeptanz der Basler Reformdekrete – jedoch mit teilweisen Abänderungen.

Dies alles samt und sonders und vieles andere was aus Vorgenanntem als Nachteil folgt, dürfte dem göttlichen Willen ohne Zweifel mißfallen, ja es führt zu einem großen Nachteil von Uns und der Kirche Unseres Königreiches und Unserer Dauphiné, auch zu ihrem größten Schaden; vom Gewissen getrieben können Wir Uns dies nicht länger ohne schwerste Beleidigung Gottes verhehlen; die Prälaten und sonstigen Kirchenleute, die die genannte Kirche Unseres Königreiches und Unserer Dauphiné verkörpern, erkennen, daß zur Wiederherstellung all des Besagten offenbar die Dekrete der heiligen Basler Synode eine angemessene Vorsorge getroffen haben; nach einer unter ihnen durchgeführten vielseitigen und längeren Eröffnung, Erörterung und Beratung haben sie beschlossen: Die genannten Dekrete, Anordnungen und Statuten dieser heiligen Basler Synode sollten sofort und unverzüglich angenommen werden, teils einfach, wie sie vorliegen, teils mit bestimmten Abänderungen […]

Recht des Königs in kanonische Wahlen einzugreifen.

Ferner: Diese Versammlung zu Bourges glaubt nicht, es sei zu tadeln, wenn der König und die Fürsten seines Königreiches – fern jeder Drohung und etwaiger Gewalt – irgendwann freundliche und wohlwollende Bitten äußern für Leute, die sich wohl verdient gemacht haben und eifrig tätig sind für das Wohl des Gemeinwesens, des Königreiches und der Dauphiné.

Dem Papst werden Nominierungen von Anwartschaften untersagt.

Die Versammlung beschloß: Huldvolle Anwartschaften und Nominationsrechte, die vom höchsten Bischof ausgegangen sind, und daraufhin erfolgte Nominationen, über die gemäß der Entscheidung dieses Dekrets des Basler Konzils Apostolische Prozesse begonnen worden sind, sollen bis kommende Ostern, keinesfalls jedoch länger hingenommen werden. […]

Bevorzugte Behandlung von Universitätsabsolventen bei der Besetzung von Kirchenämtern.

Die Versammlung hat beschlossen, damit um so mehr die Studien und besonders die Universitätsstudien des Königreiches und der Dauphiné durch Zuwachs an Wissenschaft gefördert werden, daß zur Unterstützung genannter Universitäten zwei Drittel von jenem Drittel der Pfründe, das nach dem Dekret des heiligen Basler Konzils über Pfründenvergabe nur an Graduierte verliehen werden soll, an diese zu verleihen sind. […]

Alleine Eugen IV. wird noch ein Fünftel der früheren Einnahmen zugestanden. Späteren Päpsten wird dieses Recht ausdrücklich verwehrt.

Nicht nur über das, was diese zu Erhebenden zur Zeit ihrer Erhebung besitzen, wie gesagt, sondern auch über all das, was von diesem unsern derzeitigen Herrn Papst bei der Erlangung dieser Pfründen mittelbar oder unmittelbar, an der Kurie oder auch außerhalb, aufzugeben geheißen oder befohlen wird, doch ohne Einforderung an Vakanzzahlung oder anderen Lasten, bleibt die Provision über das genannte Fünftel in den angeführten Fällen von Geldverfügungen unberührt. […]

Diese Versammlung wollte jedoch wegen der gegenwärtigen Notlage des derzeitigen Papstes und des Kollegiums der Herren Kardinäle, die heute bekanntlich noch anwächst, […] daß der genannte derzeitige Höchste Bischof das Recht haben solle, [...] auf den fünften Teil jener Taxe, der früher einmal durch den König und die Kirchen seines Königreiches und seiner Dauphiné erhoben wurde. […]

Diese Hilfeleistung wird gewährt nur als freiwilliges Geschenk, und nicht anders; auch ohne Beeinträchtigung der Freiheiten der gallikanischen Kirche, und selbstverständlich nur zu Lebzeiten dieses jetzigen Papstes. […]

Die Funktion des Papstes als höchste Appellationsinstanz wird enorm beschnitten.

Zustimmung findet die gerechte Entscheidung dieses Dekrets, daß künftig an niemanden – auch nicht an den Papst – unter Übergehung der Zwischeninstanz Berufung eingelegt werden darf und daß jeder, der sich in seinem Recht gekränkt fühlt, wenn er vor seinem Richter keine Gerechtigkeit erlangen kann, dann durch Appellation an den unmittelbaren Oberen dieses Richters Berufung einlegen darf; wenn jedoch der Papst der unmittelbare Obere dieses Richters ist, soll die Sache unbescholtenen Männern in den jeweiligen Gegenden anvertraut werden. […]

Bemerkungen zur völligen Abschaffung der Annaten (Eugen IV. wird immer noch ein Fünftel der früheren Einnahmen gewährt, s. o.).

Von jetzt an und in Zukunft soll es an der Römischen Kurie keinerlei Abgaben aufgrund von Vakanzen wie aufgrund des heiligen Palliums oder der minderen Servitienzahlungen geben, auch keine sonstigen Forderungen, ganz gleich, unter welchem Namen. […]

Aufforderung der Klerusversammlung an den König, die abgeänderten Dekrete zu akzeptieren und die Beschlüsse in Form einer „Pragmatischen Sanktion“ festzusetzen.

Zuletzt beschloß die Versammlung, man müsse insgesamt beim König darauf drängen, daß er diese Dekrete entsprechend den zuvor beschriebenen Abänderungsvorschlängen nunmehr annehmen und bestätigen möge, dabei seinen Parlamentshof und anderen Hofrichtern des Königreiches und der Dauphiné sowie den anderen Herren des Königreiches den strengen Befehl geben, Punkt für Punkt das Vorgenannte unverbrüchlich und für immer zu befolgen und befolgen zu lassen; wer das übertritt oder dem zuwider handelt, ist so zu bestrafen, daß es der Nachwelt zum Exempel dient, und darüber ist eine pragmatische Sanktion auszufertigen.

Zitiert nach:

Miethke, Jürgen / Weinrich, Lorenz (Hgg.), Quellen zur Kirchenreform im Zeitalter der großen Konzilien des 15. Jahrhunderts. Zweiter Teil, Darmstadt 1995, (= Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters. Bd. 38.) S. 412-441.

Das lateinische Original der Pragmatischen Sanktion von Bourges ist online unter den Ordonnances des rois de France (1782) über die Homepage der Gallica abrufbar.

 

Moritz Lenglachner 

Empfohlene Zitierweise

Lenglachner, Moritz: Die pragmatische Sanktion von Bourges Quelle, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/2vq/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 05.06.2012

Zuletzt geändert: 05.06.2012


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