Reformation im Kontext

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Thema 1: Reformation im Kontext

 

Zum Thema

Das Geschehen der Reformation kann nicht angemessen verstanden und erklärt werden, wenn es nicht vor dem Hintergrund der spätmittelalterlichen kirchlich-religiösen, sozialen wie politischen Entwicklungen betrachtet wird. Diese Erkenntnis der neueren reformationsgeschichtlichen Forschung hat die herkömmliche, eindimensionale Sicht der Reformation als eines Geschehens relativiert, das es erlaubt, den Beginn der neuzeitlichen Geschichte auf die Jahre um 1500 zu datieren. Statt dessen sind gegenwärtig Fragen nach der Gemengelage von spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Elementen in der Geschichte der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts ins Zentrum der wissenschaftlichen Beschäftigung gerückt. Das neu erwachte Problembewußtsein hat bislang zwar zu sehr interessanten Neubewertungen geführt, nicht zuletzt was die theologiegeschichtliche Einordnung der Reformation anbelangt, von einer auf dieser Grundlage versuchten neuen Gesamtdeutung des Reformationszeitalters aber ist die Forschung gegenwärtig noch weit entfernt.

Inhalte

Die Reformation betraf Kirche und Kirchenorganisation der aus spätantiken Wurzeln (1) hervorgegangenen lateinischen Kirche des Westens. Die orthodoxen Kirchen des Ostens blieben unberührt. Schon im Spätmittelalter führte das Bestreben der weltlichen Herrscher, einen größeren Einfluß auf die Kirche ihrer jeweiligen Länder zu gewinnen, zu einer Fragmentierung der unter dem Primat des Bischofs von Rom, des Papstes, stehenden Christenheit.

Verbreitet artikulierte sich bereits in vorreformatorischer Zeit Kritik an Papst und Geistlichkeit. In Frankreich, England und Böhmen entstanden kirchenreformerische Bewegungen, die von der Kirche als Häresien verfolgt wurden.

Deutete man lange Zeit die spätmittelalterlichen kirchenreformerischen Bestrebungen als Indikatoren eines Verfalls der überkommenen Kirche, so wird heute eher das gesteigerte Frömmigkeitsbedürfnis der Laien herausgestrichen.

Daß die Kirchenkritik seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts eine qualitativ neue Dimension bekam, hängt vor allem mit zwei Entwicklungen zusammen  – mit der Veränderung gelehrter Wissensbestände im Zeichen des Humanismus und den neuen Möglichkeiten, Wissen und Informationen zu produzieren und zu reproduzieren, seit der Gutenbergschen Erfindung der beweglichen Lettern (Druck).

Ebenfalls schon in das Spätmittelalter zurück datieren die außen- wie innenpolitischen Entwicklungen, die für den Verlauf der Reformationsgeschichte von ausschlaggebender Bedeutung werden sollten: Mit der osmanischen Expansion nach Mitteleuropa und dem Konflikt der habsburgischen und valoisschen Dynastien um die Vormachtstellung insbesondere im Mittelmeerraum entstanden zwei (nicht nur) den Gang der Reformationsgeschichte prägende Konfliktfelder. Zugleich waren es vorrangig diese „neuen“ außenpolitischen Herausforderungen, die in der bis dahin politisch wenig verdichteten Mitte Europas, im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation (2), einen Prozeß in Gang setzten, der von der Forschung als „Reichsreform“ bezeichnet wird. Der Begriff suggeriert freilich ein höheres Maß an Zielgerichtetheit dieses Prozesses als ihm tatsächlich eignete.

 

(1) Um 400 n.Chr. wurde das Imperium Romanum in einen west- und oströmischen Herrschaftsbereich mit den Hauptstädten Rom bzw. Byzanz geteilt.

(2) So lautet die am Ende des 15. Jahrhunderts entstehende Bezeichnung des Staatsgebildes, das – bis 1806 – den politischen Organisationsrahmen Mitteleuropas darstellte. Wiewohl vom heutigen Belgien im Westen bis zum heutigen Polen im Osten, von Dänemark bis ans Mittelmeer sich erstreckend und von großer kultureller wie ethnischer Vielfalt geprägt, wird im gegenwärtigen Sprachgebrauch dieses Gemeinwesen oftmals - verkürzend und in der Verkürzung verfälschend - als „Deutschland“ bezeichnet.

 

Empfohlene Zitierweise

Thema 1: Reformation im Kontext. Aus: Reformation, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/8r/

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Erstellt: 10.05.2006

Zuletzt geändert: 10.05.2006


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