Reformation digital

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Einführungstext Reformation digital

 

Über Reformation digital

Studentisches Benutzerverhalten 2003 vs. 2012-03-31

Webinhalte 2003 vs. 2012

 

Über Reformation digital

Am Beginn dieser „Linkseite“ stand das studentische Projekt „Reformation digital“, das aus einem 2003 von den Professorinnen Haug-Moritz und Holtz an der Universität Tübingen abgehaltenen Seminar hervorging (mehr dazu hier). Idee und Ziel war es, eine neue Historikergeneration, die vermehrt das Internet für ihr Studium nutzen würde, am Beispiel des Themas „Reformation“ auf die Suche nach Materialien zu schicken, die für die eigene wissenschaftliche Arbeit gewinnbringend herangezogen werden können, um dabei sowohl ihre Ergebnisse als auch ihre Eindrücke und Erfahrungen mit dem sich damals immer rascher etablierenden WWW zu dokumentieren. Dass dies freilich nur eine Momentaufnahme darstellen und nicht auf Vollständigkeit abzielen konnte, war allen Beteiligten bewusst. Die breite Rezeption der Seite, die alsbald auf Google ganz oben rangierte, zeigte nicht nur die Brisanz der Fragestellung, was denn im vielgepriesenen WWW tatsächlich an wertvollen Informationen zur Reformation vorhanden sei, sondern ebenso die Notwendigkeit, von universitärer Seite aktiv in den Gestaltungsprozess einzugreifen.

Unter der Ägide von Prof. Haug-Moritz, mittlerweile an der Univ. Graz tätig, entstand daher das wesentlich umfangreichere „Reformationsportal“, auf dem Sie sich momentan befinden, – ein Portal, das von Studenten erarbeitete Texte und aufbereitetes Quellenmaterial zu zentralen und forschungsaktuellen Bereichen der Reformationsgeschichte, bereitstellt (mehr zur Konzeption hier). Dieses Portal wird seit 2005 in jährlichen Lehrveranstaltungen an der Universität Graz schrittweise erweitert und hat international, nicht zuletzt online, bereits vielfach Anerkennung und Aufmerksamkeit erfahren.

Rund 10 Jahre nach Beginn des Projektes stellten sich die Herausgeberinnen und Bearbeiterinnen abermals die Frage, inwieweit sich denn mittlerweile der studentische Umgang mit dem WWW verändert hat, und ob und wie sich – jenseits der schieren Menge – auch die Art und Form der Onlineinhalte zum Themenfeld Reformation gewandelt hat. Der vage Eindruck „alles ist anders“ sollte einer genaueren Analyse zugeführt werden, weshalb im WS 2011/2012 erneut zehn Studenten das Projekt „Reformation digital“, diesmal unter der Leitung von Dr. Kasper-Marienberg, in Angriff nahmen. Analoge Bereiche zu 2003 wurden direkt verglichen, neue Bereiche jedoch, wie etwa Text- und Bildquellen, institutionelle und wissenschaftliche Inhalte etc. erstmals neu erschlossen.

Aus arbeitspragmatischen Gründen wurden bei der Analyse kommerzialisierte Seiten des Buchhandels ebenso wie die omnipräsente Wikipedia, die freilich stets zu den Toptreffern gehört, ausgeklammert. Die Beschreibung der Links erfolgte in den meisten Fällen nach dem 2003 entwickelten Kriterienkatalog.

Studentisches Benutzerverhalten 2003 vs. 2012

Eine Auswertung der zehn Fragebögen ergab im Vergleich zu 2003, dass die Studierenden nach wie vor besonders die gezielte und schnelle Informationsbeschaffung als wichtigstes Potential des Internets ansehen. Dabei wurde mehrfach auf das ständige Wachstum an Informationsmaterial hingewiesen, das jedoch nicht wie 2003 als Grenze des Internets im Sinne von „Informationsmüll“, sondern vielmehr vorwiegend als positive Entwicklungsmöglichkeit interpretiert wurde. Offenbar hat hier eine Benutzeradaption statt gefunden und es wurde eine erhöhte Fähigkeit entwickelt, mit größeren Informationsmengen umzugehen, ohne dadurch überfordert zu sein.

Im Vergleich zu 2003 wurde des Weiteren die globale Kommunikationsmöglichkeit sowie der Wissensaustausch bzw. die Möglichkeiten zur Vernetzung erstmals als ebenso zentral hervorgehoben. Dies mag auf die Nutzung von social networks nicht nur zu Unterhaltungszwecken, sondern auch im Rahmen des Studiums bzw. akademischer Kreise hinweisen. Die Nutzung von Emails wurde hingegen nur von zwei Studierenden in diesem Kontext benannt – in einem Fall explizit, um mit ProfessorInnen zu kommunizieren.

Ebenso wie 2003 schätzten die Studierenden die Möglichkeiten des Mediums Internet für ihr Studium sehr hoch ein – insbesondere für Themen- und Literaturrecherchen ist das WWW mittlerweile das Instrument der Wahl. Erst von hier aus erfolgt als zweiter Schritt der Griff zum Medium Buch. Digitalisierte Quellen wurden jedoch nur von zwei Studierenden genutzt, hier scheint die zunehmende Anzahl an online verfügbaren Quellen auf Studierendenlevel möglicherweise noch nicht ausreichend wahrgenommen zu werden.

Im Gegensatz zu 2003 scheint der Umgang mit dem Netz so selbstverständlich und alltäglich geworden zu sein, dass 9 von 10 Studierenden nicht mehr präzise auf die Frage nach der Frequenz ihres Internetkonsums antworteten. Neben „ständig“ und „häufig“, war „täglich“ die genaueste Angabe, die zu lesen war – sie dürfte stellvertretend sein.

Wie 2003 wurde auch 2012 am Ende der Lehrveranstaltung allgemeines Erstaunen darüber zum Ausdruck gebracht, wie diskrepant sich das tatsächliche Angebot im WWW zum Themenfeld Reformation und insbesondere den Unterbereichen Reformatoren und Kulturgeschichte im Gegensatz zu den Erwartungen der TeilnehmerInnen verhielt.

Webinhalte 2003 vs. 2012

Die 2012 wesentlich dominantere Präsenz von Google im Vergleich zu 2003 ließ unmittelbar die Frage „Kann mehr denn auch mehr?“, die Frage nach optimierten Recherchemöglichkeiten in unüberschaubaren Trefferquoten zum Themenfeld Reformation, aufkommen. Der erste Beitrag des neuen „Reformation digital“ beschäftigt sich daher mit Suchstrategien jenseits von Wikipedia, versucht sich aber auch einem Verständnis von Trefferreihung, Standortbezogenheit und der Einbindung Googles in andere Suchmaschinen und Metasuchmaschinen im Rahmen des Themenfeldes Reformation anzunähern. Dass die klassische Suche ebenso wie das Lesen gedruckter Literatur keine Alternative mehr zum WWW, sondern vielmehr bereits einen integralen Teil desselben darstellt – dafür steht Googlebooks, ebenso wie zahlreiche Onlinelibraries, Onlinebibliothekskataloge und neuerdings auch akademische social networks. Es stellte sich daher die Frage, welche momentgebundenen Ergebnisse lassen sich zum Themenbereich Reformation finden und welche Interrelationen sind zu erkennen.

Von universitärer Seite, insbesondere von Lehrenden, wird das Web offenbar erst in ersten Ansätzen zur Präsentation von Lehrinhalten genutzt. Vereinzelt finden sich Vorlesungsskripte, die jedoch ohne den Besuch der jeweiligen Lehrveranstaltung kaum weiterführend, weil nicht aus sich selbst heraus verständlich sind. Sie stehen als Zufallsfunde frei verfügbar im Netz, wenngleich so manches Mal kaum grundlegenden wissenschaftlichen Kriterien entsprechend, da teilweise keine Fußnoten oder weiterführende Literatur angegeben werden. Hier ist anzunehmen, dass ein Großteil der universitären Lehr- und Lerninhalte noch in geschützten Bereichen angeboten wird und damit im WWW nicht direkt aufzufinden ist. Eine gezielte Nutzung des WWW zur breiten universitären Wissensvermittlung können hingegen sogenannte Lernportale darstellen, wie sie im deutschsprachigen Raum etwa von der Münsteraner, der Wiener und der Grazer Universität zur Frühen Neuzeit angeboten werden. Dieser Onlinezweig des kostenlosen E-Learnings steht noch am Beginn, wird aber in den kommenden Jahren vermutlich an Bedeutung zunehmen.

War die Präsentation digitaler Quellen zur Reformationsgeschichte zu Beginn sowohl von „Reformation digital“ (2003) als auch des „Reformationsportals“ (2005) ein Onlinenovum, bietet das WWW mittlerweile eine unüberschaubare Anzahl von hochwertigen, wissenschaftlich verwendbaren Digitalisaten. Im deutschsprachigen Raum ist die systematische Erschließung und digitale Aufbereitung von Quellen fest in institutioneller Hand. Insbesondere Bibliotheken und besonders die BSB München sind hier federführend aktiv. Mittlerweile stehen bereits Metadatenbanken wie Europeana zur Verfügung, die die Angebote der verschiedenen Institutionen zu bündeln suchen. Zunehmend werden hierbei nicht nur mittel- und west-, sondern auch osteuropäische Bestände integriert – eine Zugangsmöglichkeit, die auch die Forschungen zur Mediengeschichte der Reformationszeit langfristig revolutionieren dürfte.

Eine weitere neue Plattform für Informationen zur Reformation im WWW bilden Museen, die nun auch online ihr Ausstellungsangebot darbieten. Derzeit sind vor allem ein französisches und ein schweizerisches Museum zu nennen, die das Angebot dominieren – die deutsche Museumslandschaft scheint noch medialen Aufholbedarf zu haben.

Bildmaterial zur Reformation findet sich aber nicht nur im musealen Bereich. Neben Wikimedias – dem visuellen Datenbankpendant zu Wikipedia – sind es vor allem öffentliche Träger, die zunehmend professionelle, jedoch vielfach kostenpflichtige Bilddatenbanken im Netz verfügbar machen. Übergreifend ist dabei die Suche nach Darstellungen prominenter Persönlichkeiten der Reformationszeit am erfolgreichsten, während die Erschließung nach Ereignissen, Daten, Themen etc. noch am Beginn zu stehen scheint. Ein weiteres Problem zeigte sich in der nach wie vor nicht einheitlichen Katalogisierung des Bildmaterials, die die wissenschaftliche Verwendbarkeit des Materials einschränkt.

Der Recherchebereich „Kommentierte Links – Allgemeines & Übergreifendes“ zeigt im Vergleich zu 2003, dass ein Großteil der damals recherchierten Seiten als „Internetleichen“ zu klassifizieren sind, die nicht mehr gewartet werden. Ein sich verschärfendes Problem, das angesichts des ständig wachsenden Angebots und damit auch einer erhöhten Unübersichtlichkeit eine valide Internetrecherche zunehmend erschwert. Lediglich die Seiten, die über institutionelle Träger, wie etwa Vereine, Kirchen, Universitäten, Bibliotheken etc. zur Verfügung gestellt wurden, erwiesen sich nach wie vor als aktiv und werden noch aktualisiert. Ein scheinbar klarer Trend also weg von privaten Seiten hin zu öffentlichen und halb-öffentlichen Trägern fachspezifischer Seiten. Dies mag mit der professionelleren, übersichtlicheren und ansprechenderen Darstellung der Inhalte korrespondieren, die von den Studierenden einhellig festgehalten wurde.

Auch die gezielte Suche nach einzelnen Reformatoren zeigt 2012 ein anderes und überraschendes Ergebnis. Während kaum eine der Seiten von 2003 überhaupt noch online oder einem Update zugeführt worden war, zeigte sich hingegen eine deutliche Verschiebung von privaten Websites zu Websites von kirchlichen und städtischen Trägern. Insbesondere die deutschen evangelischen Kirchen scheinen das WWW mittlerweile als pädagogische Plattform entdeckt zu haben, ebenso wie sich zahlreiche Heimat- und Wirkstätten bekannter Reformatoren ihrer einstigen Einwohner erinnern und diese nun in ihre mediale Selbstdarstellung einbinden. Die protestantische Präsenz scheint die bedeutenden katholischen Akteure der Reformationszeit hingegen beinahe verschwinden zu lassen – nur wenige Seiten lassen sich etwa noch zu Johannes Eck, Johannes Gropper oder Julius Pflug finden. Städtischen Seiten ebenso wie Onlineenzyklopädien scheint damit im WWW nunmehr eine erhöhte Erinnerungsaufgabe, wenngleich kaum auf wissenschaftlich verwertbarem Niveau realisiert, zuzukommen.

Auch im Linkbereich Reformation – Kulturgeschichte sind die Links von 2003 in den meisten Fällen mittlerweile nicht mehr online bzw. werden nicht mehr aktualisiert, die verbliebenen und neu hinzugekommenen werden größtenteils von öffentlichen Trägern zur Verfügung gestellt. Gleichwohl ist das Angebot eingeschränkt und im Vergleich zu 2003 erstaunlicherweise eher zurückgegangen. Neu hinzugekommen sind hingegen zahlreiche semiprivate Seiten von (Deutsch)LehrerInnen, die Unterrichtsmaterialien online stellen und somit die Öffentlichkeit des WWW bereits intensiver nutzen, als dies von Seiten der Universitätslehrenden der Fall ist.

 

Verena Kasper-Marienberg 

Empfohlene Zitierweise

Kasper-Marienberg, Verena: Einführungstext Reformation digital, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/2u0/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 08.05.2012

Zuletzt geändert: 10.10.2012


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