b) Bilder

2b. Bilder

    

Der Begriff des „Bildes“ ist weit (→ Zur Begriffsgeschichte). Hier beschränkt er sich auf materielle Bilder, vorrangig Tafelbilder und Druckgraphiken.

Der angestrebte chronologische Überblick über die Visualisierungsstrategien von den Zeitgenossen Luthers bis in die beginnenden 1960er Jahre kam nicht zustande, so dass dieser Teil zu einem späteren Zeitpunkt noch ergänzt werden wird.

 

1555 - 1800

 

Der Augsburger Religionsfriede von 1555, der den weltlichen Fürsten die Glaubensfreiheit für sich und ihre Untertanen zusichert, schlägt sich auch in der Bilderwelt nieder. Fortan bekennt man sich offen zur neuen Konfession, so genannte „Konfessionsbilder“ werden populär. Reformatorisch gesinnte Fürsten geben Werke in Auftrag, auf denen sie gemeinsam mit Luther abgebildet sind, und drücken damit offen ihre Zugehörigkeit zur lutherischen Kirche aus. Die Reformatoren und die Mitglieder der fürstlichen Familie werden dabei oft in eine biblische Szenerie oder eine von den Reformatoren durchgeführte gottesdienstliche Handlung eingebettet. Durch diese Ungleichzeitigkeit der Ereignisse wird die Reformationsgeschichte zu einem Teil der biblischen Geschichte und Luther zu einem Propheten, der den Menschen die Glaubensfreiheit gebracht und sie vom Joch der katholischen Kirche befreit hat. Dies wird von der Bevölkerung „ursprünglich, unmittelbar und lebendig wahrgenommen als eine Lebensweise - nicht so sehr als eine Lehre“ [1] wie das im 17. Jahrhundert der Fall sein wird. Der Reformator wird im ausgehenden 16. Jahrhundert auch bevorzugt so dargestellt, als Prediger des Evangeliums, als Prophet und Kirchenlehrer. Damit wird Luthers Werk zu einem Teil der Heilsgeschichte und Luther selbst zu einem Apostel.

Dass die Polemik zwischen den Konfessionen trotz des Religionsfriedens nach wie vor groß ist, beweist die hohe Anzahl an Spottbildern auf beiden Seiten. Während bei den Lutheranern vor allem der Papst das Feindbild schlechthin darstellt, wie bei der Druckgraphik Luther Triumphans, auf der Luther mit der Bibel über den Papst triumphiert, wird Luther von seinen Gegnern als falscher Prophet, Ketzer, Ausgeburt des Satans usw. bezeichnet und dargestellt. Aber auch unter den Anhängern der verschiedenen Reformatoren gibt es große Streitigkeiten, die starke Verurteilung der calvinistischen Lehren durch die Anhänger Luthers spiegelt sich in verschiedenen Bildern wider.

Das 17. Jahrhundert ist in der ersten Hälfte vor allem von der allgemeinen politischen Lage, dem 30-jährigen Krieg, und den großen Spannungen zwischen den Konfessionen geprägt. Auch die ersten 100-Jahr Jubiläen zum Beginn der Reformation und zur Ausrufung der Augsburger Konfession stehen ganz im Zeichen der Wirren des Krieges und des Konfessionalismus. Die lutherischen Reichsstände kämpfen gegen die calvinistischen um die „Vorherrschaft“ über die reformatorischen Reichsstände und die alleinige Anerkennung der wahren Lehre. Diese Auseinandersetzungen haben die Herausbildung eines theologisch bestimmten orthodoxen Lutherbildes zur Folge, das den Reformator „als evangelischen Kirchenvater mit unantastbarer Autorität, dessen Lehre mit dem Wort Gottes identisch war“ [2] darstellt. Aus dem Propheten des 16. Jahrhunderts wird nun im 17. Jahrhundert eine Lehrautorität, die Lebensweise wird nun als Lehre angesehen, das Luthertum bildet sich heraus.

In künstlerischer Hinsicht ist die Lutherrezeption im 17. Jahrhundert eher von Stagnation geprägt. Zunehmend setzt sich nun der Portraittyp des alten, beleibten Luthers nach der Vorlage von Cranach durch, die noch heute beliebteste Darstellungsform. Bei vielen Graphiken ist die Ähnlichkeit mit Luther jedoch kaum mehr vorhanden, da einerseits die künstlerischen Fertigkeiten zu wünschen übrig lassen, andererseits oft schon verfälschte Vorlagen verwendet werden. Ikonographisch wird die Lehrautorität Luthers unterstrichen, er wird vor allem mit der Bibel dargestellt, als gelehrter Bibelübersetzer.

Im Zuge der konfessionellen und militärischen Auseinandersetzungen entstehen erneut Karikaturen, die sich die Streitigkeiten zwischen Lutheranern, Kalvinisten und Katholiken sowie die militärischen Niederlagen der Protestanten während des Krieges zum Hauptthema machen. So etwa die Darstellung eines dickbäuchigen Luthers, der nach den protestantischen Niederlagen auf Wanderschaft gehen muss. Als sich gegen Ende des Jahrhunderts die Konfessionen endgültig etablieren und die Glaubensstreitigkeiten zurückgehen, werden zwar noch weiterhin Spottbilder veröffentlicht, aber der konfessionelle Charakter in Lutherbildnissen tritt stark zurück und macht Platz für die neuen Strömungen des darauf folgenden Jahrhunderts.

Das 18. Jahrhundert ist vor allem von zwei unterschiedlichen Strömungen geprägt, dem Pietismus und der Aufklärung. Der Pietismus, der sich am Anfang des Jahrhunderts entwickelt, kann als Reaktion auf die lutherische Orthodoxie gesehen werden, bei der die biblische Lehre im Mittelpunkt stand. Das Ziel der Pietisten ist hingegen nicht so sehr das Studium der Bibel, sie streben vielmehr eine intensive persönliche Verbundenheit mit Christus an und betrachten Luther darin als Vorbild. Diese neue tiefe Frömmigkeit kann man auch an Portraits aus dieser Zeit erkennen, die Gesichtszüge von Luther sind weicher.

Ganz im Gegensatz zu diesen Lutherauffassungen der Orthodoxie und des Pietismus steht die Aufklärung. Neue Erkenntnisse in der Naturwissenschaft führen dazu, dass nun die Vernunft an oberster Stelle steht und alte Ideale ablöst. „Als höchste Tugend galt nun nicht mehr innerliche Frömmigkeit, sondern Weltoffenheit, Erziehung zum Staatsdienst und zum Beruf“. [3] Luther wird nun vermehrt in verschiedenen Lebenssituationen dargestellt, als fröhlicher Hausvater oder in Ehesituationen. Solche Arten von Gemälden werden jedoch erst im 19. Jahrhundert eine beliebte Darstellungsweise und das bürgerliche Lutherbild entscheidend prägen.

Der Reformator wird zu einem Geisteshelden, der ganz im Sinne der Aufklärung dem mittelalterlichen Aberglauben abgeschworen und somit den Weg für Kritik und ein freies Gewissen geebnet hat. Das aufklärerische Lutherbild spiegelt diese Vernunft wider, indem es Nüchternheit und Sachlichkeit ausstrahlt und keinen Platz für persönliche Attribute lässt, Luther wird sogar mit fast kahlem Kopf dargestellt.

Anders als im 16. und auch noch im 17. Jahrhundert drücken die Bildnisse Luthers nun nicht mehr die Zugehörigkeit zur protestantischen Konfession aus, sondern dienen mehr der Erinnerung und Belehrung. Auch das 200-Jahr Jubiläum zur Verkündung der Augsburger Konfession wird nun, nach dem Ende der konfessionellen Streitigkeiten, umfangreicher begangen. Luther wird zudem als Freiheitsbringer und Held der Aufklärung gefeiert, was schon erste Ansätze an das im 19. Jahrhundert aufkommende Lutherbild als nationaler Held erkennen lässt.

 

1800 - 1870

 

Im 19. Jahrhundert ändert sich die Darstellung Luthers grundlegend, obwohl einige Tendenzen auch gegen Ende des 18. Jahrhunderts schon sichtbar waren. In der großen Umbruchsphase um 1800, die Gesellschaft, Staat und Kirche gleichermaßen betrifft, entsteht ein neues Verständnis der Person Luthers. Der Reformator erfährt eine starke Personalisierung, er wird für die neuen Bedürfnisse dieser Zeit zu verschiedenen Typen stilisiert und für ideologische Zwecke verwendet. Vor dem Hintergrund einer neuen Geschichtsauffassung, in der gerade Subjektivismus eine große Rolle spielt, wird die Person Luthers auf verschiedene Weise neu inszeniert. Auch das 300-Jahr-Jubiläum zur Augsburger Konfession 1830 steht ganz im Zeichen dieser Veränderungen.

So wird Luther im Prozess der Nationalstaatsbildung im Zuge des Erwachens eines neuen Nationalgefühls als großer Deutscher und Patriot dargestellt, die Klassik feiert ihn als Schöpfer der deutschen Sprache und Personifikation des christlich-deutschen Geistes, indem seine Bedeutung für die Entwicklung des freien Geistes in den Mittelpunkt gestellt wird. Im Gegensatz zur Aufklärung wirken die Lutherbilder des anbrechenden 19. Jahrhunderts „menschlicher und persönlich zugewandter, der Blick trifft nun den Betrachter“. [4]

In der Romantik werden nun auch graphische Bildfolgen aus Luthers Leben und große Historienbilder immer populärer. Das für das 19. Jahrhundert so typische bürgerliche Lutherbild entsteht, eine wahre Flut an Illustrationen zu Luthers Leben mit beschaulichen Szenen wird veröffentlicht: Heirat, Luther als Familienvater, Luther am Sarg der Tochter, Sommerfreuden, die Familie unter dem brennenden Weihnachtsbaum, bürgerliche Wohnstube usw. Das Familienleben rückt in den Mittelpunkt, die Familie als kleinste Einheit des Staates wird propagiert. Luther ist als Vorbild des guten Ehemanns und Vaters nur allzu willkommen. Natürlich entstehen auch weiterhin Bilder zu den historisch wichtigen Ereignissen des Reformators, aber Luther wird zunehmend als Mensch mit eigenem Leben wahrgenommen und nicht mehr so sehr als Begründer einer Konfession.

Schon bei diesen Darstellungen Luthers als Familienoberhaupt wird eine weitere ideologische Zuschreibung des Reformators deutlich: die des Mannes und der Autoritätsperson. Das entspricht auch ganz dem bürgerlichen Ideal des 19. Jahrhunderts. So wird in verschiedenen Bildern z.B. unauffällig auf die Fruchtbarkeit und Fortpflanzung von Luther hingewiesen. Bei den Werken, die seine historischen Taten thematisieren, wirkt er deutlich entschiedener und durch bestimmte Gesten außerdem oft sehr heroisch. War es früher die offene Hand, die auf der Bibel lag, so wird daraus nun eine Faust, die bestimmend auf die Bibel schlägt. Im späteren 19. Jahrhundert verstärken bestimmte Attribute aus dem Arbeitermilieu, wie Hammer und Amboss, diese heldenhafte männliche Zuschreibung und bleiben noch bis zum 1. Weltkrieg beliebte Motive bei Lutherdarstellungen.

Besonders hier wird die Bildpropaganda, die sich der populären Figur Luther bedient, bemerkbar, denn aus dem Reformator mit der demütigen Haltung und leisen Sprache, so Zeitgenossen, wird ein Mann mit stark heroischen Zügen.

Auch in der Historienmalerei, die sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt, dominieren heroische Szenen, in denen Luther als Patriot und Held dargestellt wird und sich unbeugsam einer fremden Macht widersetzt, so z.B. bei Luther auf dem Reichstag in Worms und der Verbrennung der Bannbulle.

Zu den bereits genannten Darstellungsformen gesellen sich ab 1850 durch neue Druck- und Reproduktionsverfahren so genannte Populargraphiken. Diese sind für breite Bevölkerungsschichten erschwinglich und da die Verehrung der Person Luthers im Vordergrund steht, in ihrer Funktion katholischen Heiligenbildchen teilweise nicht unähnlich.

Zusammenfassend kann für die Zeit der Nationalstaatsbildung gesagt werden, dass sich das Interesse an der Reformation von der ursprünglich zelebrierten neuen Konfession hin zur Person Luthers verlagert. Durch die fortschreitende Säkularisierung treten biblische Bilder und Bezüge in den Hintergrund, Luther selbst wird sozusagen Kult. Er wird dabei den neuen Bedürfnissen angepasst und verkörpert das bürgerliche Ideal dieser Zeit, den großen deutschen Helden. Diese Stilisierung findet mit der Gründung des deutschen Kaiserreiches noch längst keinen Abbruch, und auch im 20. Jahrhundert wird immer wieder bewusst darauf zurückgegriffen.

 

Literaturhinweise:

Eidam, Hardy/Seib Gerhard (Hrsg.): „Er fühlt der Zeiten ungeheuren Bruch und fest umklammert er sein Bibelbuch…“. Zum Lutherkult im 19. Jahrhundert, Berlin 1996.

Joestel, Volkmar/Strehle, Jutta: Luthers Bild und Lutherbilder. Ein Rundgang durch die Wirkungsgeschichte, Wittenberg 2003.

Marsch, Angelika: Bilder zur Augsburger Konfession und ihren Jubiläen, Weißenhorn 1980.

Rietschel, Christian: Lutherbilder des 16. bis 19. Jahrhunderts, in: Seib, Gerhard: Luther im Porträt. Druckgraphik 1550 -1900, Marburg 1983.

Schnell, Hugo: Martin Luther und die Reformation auf Münzen und Medaillen, München 1983.

 

Zeginigg, Mariella 

 

 

Anmerkungen

  • [1]

    Rietschel, Christian: Lutherbilder des 16. bis 19. Jahrhunderts, in: Seib, Gerhard: Luther im Porträt. Druckgraphik 1550 -1900, Marburg 1983, S. 15.

  • [2]

    Joestel, Volkmar/Strehle, Jutta: Luthers Bild und Lutherbilder. Ein Rundgang durch die Wirkungsgeschichte, Wittenberg 2003, S. 15.

  • [3]

    Joestel, Volkmar/Strehle, Jutta: Luthers Bild und Lutherbilder. Ein Rundgang durch die Wirkungsgeschichte, Wittenberg 2003, S. 25.

  • [4]

    Rietschel, Christian: Lutherbilder des 16. bis 19. Jahrhunderts, in: Seib, Gerhard: Luther im Porträt. Druckgraphik 1550 -1900, Marburg 1983, S. 16.

Empfohlene Zitierweise

Bilder. Aus: Reformation, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/11b/

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Erstellt: 19.07.2007

Zuletzt geändert: 08.01.2009


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