c) Tagespresse

1c. Das Lutherbild in der österreichischen Tagespresse 1720/1883 – 1930

 

Um die Rezeption Martin Luthers in den steirischen Printmedien transparent zu machen, ist es für die Kontextualisierung unerlässlich, zuvor einen Exkurs über die bewegte Geschichte des lokalen Protestantismus darzulegen.

Die Reformation setzte in den deutschen Erblanden des Hauses Österreich etwa um 1520 ein und erreicht ihre Blüte in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, als sich weite Teile der Bevölkerung zum Luthertum bekannten. Die Gegenreformation und der Dreißigjährige Krieg bedingten ab ca. 1650 eine nahezu vollständige Rekatholisierung. So flohen allein in der Steiermark seit Beginn des 17. Jahrhunderts 2500 Menschen vor den Reformationskommissionen. Lediglich im Alpenraum (Ennstal, Ramsau, Schladming) konnte sich der evangelische Glaube in Form eines Geheimprotestantismus behaupten. Noch im 18. Jh. wurden Zwangsmaßnahmen gegen dieses letzte Bollwerk der Reformation in Form von „Transmigrationen“ nach Ungarn und Siebenbürgen durchgeführt. Erst mit dem „Toleranzpatent“ Joseph II. vom 13.10.1781 kam es zu einer Duldung der Protestanten. Nach der staatlichen Legalisierung bekannten sich in den Erblanden ein Jahr später bereits 73722 Personen zum evangelischen Glauben und in der Ramsau wird 1782 die erste Toleranzgemeinde gegründet. Ihr folgen Schladming 1782 und Wald und Tauern 1784. Die endgültige Gleichstellung mit den Katholiken wurde aber erst mit der Gewährung des „Protestantenpatentes“ in der Mitte des 19. Jahrhunderts durch Kaiser Franz Joseph I. erreicht, worauf 1852 in Gröbming und 1861 in Graz protestantische Gemeinden gegründet wurden.

Bei der Durchsicht eines Großteils der steirischen Periodika zwischen 1720 und 1955 sind entsprechend dem historischen Hintergrund des Themas sehr wenige Artikel zu finden gewesen. Systematisch gesucht wurde nach folgenden vier, in der Erinnerungskultur“ zentralen Ereignissen: a.) die Geburt Martin Luthers am 10.11. 1483; b.) „der Anschlag der 95 Thesen“ am 31.10. 1517; c.) Verlesung der Confessio Augustana am 25. 6. 1530; d.) der Augsburger Religionsfriede am 25.9. 1555.

Diese Schlüsseldaten sind in 50 und 100 Jahresschritten einer genauen Beobachtung unterzogen worden. Bei den frühen Zeitungen sind wegen der oft verspäteten Berichterstattung ein- bis zweiwöchige Intervalle zur Durchsicht gelangt. Dabei konnten lediglich in fünf Exemplaren trotz des sehr langen Zeitraumes Beiträge zum Thema Reformation ausgemacht werden.


Abb. 1-2


 


Abb. 3

Der früheste Artikel, in dem die Reformation behandelt wird, ist in der „Oststeirischen Zeitung“ [1] vom 16. November 1883 abgedruckt worden. Bei diesem Blatt handelt es sich um eine nicht sehr umfangreiche Bezirkszeitung, die zweimal im Monat erschien und dessen Verlag nach nur zwei Jahren wieder eingestellt wurde. Unter der Rubrik „Ausland“ beschreibt der Autor das Fest zum 400-jährigen Geburtsjubiläum von Martin Luther auf dem Riederwalde und seine große Bedeutung für Deutschland, weil sich der Kaiser und zwei Drittel des Volkes zum Protestantismus bekennen würden. Der Reformator wird in diesem Beitrag zwar als der Mann beschrieben, der den Deutschen die Schriftsprache gegeben hat, jedoch viel eindringlicher und auch mit einem kritischen Unterton nimmt der Verfasser dann Bezug auf die konfessionelle Spaltung des Landes, für die Luther verantwortlich sei. Lobend hebt er aber die süddeutschen Fürsten hervor, durch deren Standfestigkeit dieses Gebiet dem Katholizismus erhalten blieb und ergreift damit auch gewissermaßen Partei. Aus der Interpretation dieses Artikels ergibt sich ein negatives Bild Luthers, weil er einen tiefen Riss in der deutschen Nation verursacht hätte.

Ausführlich thematisiert die Wiener „Deutsche Zeitung“ [2] die vierhundertste Wiederkehr von Luthers Geburtstag.

Der nächste Artikel ist im „Grazer Tagblatt“ [3] am 1. November 1917 abgedruckt worden. Unter der Rubrik „Meldungen aus aller Welt“ wird hier über eine Bekanntgabe der Ofen- Pester Protestanten berichtet. Anlässlich der Reformationsfeier verlautbarte die Gemeinde, dass sie im Besitz des originalen Luthertestaments sei. Dieser Bericht ist sachlich und neutral gehalten und lässt daher keine Schlüsse auf die Einstellung der Zeitung gegenüber Martin Luther zu. Lediglich das Verschweigen des 400-jährigen „Thesenanschlagjubiläums“ könnte auf persönliche Motive seitens des Artikelverfassers schließen lassen.


Abb. 4-5


 

Dem „Grazer Kirchenboten“ [4], eine Evangelische Monatszeitung, hingegen schenkt in seiner Ausgabe vom 1. November 1917 der vierhundertsten Wiederkehr des Thesenanschlags breiten Raum.


Abb. 6-14









 

 

 

Ein weiterer Artikel ist am 29. Juni 1930 in der wöchentlich erscheinenden „Burgenlandwacht“ [5] (Link Graphik Text Burgenlandwacht) abgedruckt worden. Ebenfalls in der Rubrik „Aus aller Welt“ erschien ein Beitrag zur Jubiläumsmesse anlässlich der 400sten Wiederkehr der Confessio Augustana.


Abb. 15-16


 

Literaturhinweise:

Keute, Hartwig: Reformation und Geschichte, Göttingen 1980.

Sonnek, Grete: Der Protestantismus in der Steiermark, Graz 1968.

Zeeden, Ernst Walter: Martin Luther und die Reformation im Urteil des deutschen Luthertums, 2 Bde., Freiburg 1950.

 

Brodtrager, Friedrich 

 

 

Anmerkungen

  • [1]

    Die „Oststeirische Zeitung“ vom 16.11.1917.

  • [2]

    Die Wiener „Deutsche Zeitung“ vom 10.11.1883.

  • [3]

    Das „Grazer Tagblatt“ vom 1.11.1917.

  • [4]

    Der „Grazer Kirchenbote“ vom 1.11. 1917.

  • [5]

    Die „Burgenlandwacht“ vom 29.6.1930.

Empfohlene Zitierweise

Das Lutherbild in der österreichischen Tagespresse (1720/1883 – 1930). Aus: Reformation, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/117/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 18.07.2007

Zuletzt geändert: 08.01.2009


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