b) Geschichtsschreibung

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1b. Luther in der deutschen Geschichtsschreibung 1870- 1960

 

Die Geschichtswissenschaft als eigenständige Wissenschaftsdisziplin konsolidiert sich, methodisch wie institutionell, im deutschen Sprachraum endgültig in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Reformation avanciert in der historistischen Geschichtswissenschaft (Glossarlink: Historismus) zu einem Schlüsselthema. Mit ihr setzen sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts jedoch auch Historiker auseinander, die dem historistischen Paradigma kritisch gegenüber stehen.

Copyrightfragen haben zur Folge, daß Texte nur solcher Autoren umfänglicher bereitgestellt werden können, die vor 1937 verstorben sind.

 

Leopold (von) Ranke (1795-1886)

bewertet in seiner „Deutsche(n) Geschichte“ [1] die Reformation als Schlüsselereignis der deutschen Geschichte und sieht sie in Luther repräsentiert. Dieses Bild blieb auch nach der deutschen Reichsgründung 1871 populär, der deutsche Nationalismus entwickelte sich stürmisch.

Das Lutherjubiläum 1883 war einer der Höhepunkte des deutschen Nationalismus. Anlässlich dieses Ereignisses hielt

 

Heinrich von Treitschke (1834-1896)deutscher Historiker und einer der wichtigsten Lutherkenner der Zeit einen Vortrag über „Luther und die deutsche Nation“:

 

„In den hoffnungsvollen ersten Jahren seines öffentlichen Wirkens begrüßte ihn die Nation mit einer stürmischen Freude, wie sie der deutsche Boden erst in unseren Tagen wieder erlebt hat. Damals, als er zuerst der Katze die Schelle anband und dann kühn und kühner, fortgerissen von der zwingenden Macht des freien Gedankens und des wachen Gewissens, aus einem treuen Sohne der alten Kirche zum erklärten Ketzer ward, als er die Bannbulle des Papstes in das Feuer warf und in den flammenden Aufruf „An den christlichen Adel deutscher Nation“ seine Deutschen aufforderte zur Reform der Kirche und des Reiches an Haupt und Gliedern: da stand er vor Kaiser und Reich als der Führer der Nation, heldenhaft wie ihr Volksheiliger, der streitbare Michael; […] Da schien es wirklich, als sollten alle die elementarischen Kräfte, die in der tief erregten Nation arbeiteten, der Glaubensernst der frommen Gemüter, der Forschermut der jungen Wissenschaft, der Nationalhatz des ritterlichen Adels wider die welschen Prälaten, der Groll der misshandelten Bauern, sich zu einem mächtigen Strome vereinigen und gewaltig aufwallend alles römische Wesen aus unserem Staate, unserer Kirche hinwegschwemmen. Aber noch war unsere deutsche Königskrone fest verkettet mit der weltumspannenden Politik des römischen Kaisertums […] Das köstlichste Vermächtnis, das Luther unserem Volke hinterlassen hat, bleibt doch er selber und die lebendige Macht seines gottbegeisterten Gemüts. Keine andere der neuen Nationen hat je einen Mann gesehen, der so seinen Landsleuten jedes Wort von den Lippen genommen, der so in Art und Unart das innerste Wesen seines Volkes verkörpert hätte […] Wo immer deutsches und fremdes Volkstum feindselig aufeinander stößt, da war der Protestantismus allezeit unser sicherster Grenzhüter […]“ [2]

 

Hier wird Luther als der Führer der deutschen Nation dargestellt, der das tiefste Innere des deutschen Volkes schlechthin repräsentiert. Der Reformator wird als Wegbereiter für die deutsche Einheit dargestellt. Luther habe sich gegen den Einfluss des Judentums und der römischen Kirche in Deutschland zur Wehr gesetzt.

 

Weiterer Quellenauszug


Abb. 1

Der Protestantismus diente zur Abgrenzung der deutschen Nation nach außen. Die nationalistische Geschichtsschreibung sah in Luther einen Vorkämpfer gegen den Katholizismus und gegen den Sozialismus für ein preußisches und antisemitisches Deutschland, sie zog eine Linie von „Luther zu Bismarck“. Das Bild von Luther als deutschem Held und Begründer der deutschen Nation bot aber auch eine breite Angriffsfläche für Kritik.

 

Ernst Troeltsch (1865-1923)

beispielsweise sah in Luther keinen Vorkämpfer für die Freiheit, sondern einen mittelalterlichen Geist.Quellenauszug


Abb. 2

 

Kritisch mit dem vorherrschenden Lutherbild setzte sich auch der Basler Kunst- und Kulturhistoriker

Jacob Burckhardt (1818-1897)

auseinander.Quellenauszug


Abb. 3-4


4

Der Erste Weltkrieg brachte keinen Bruch in die Lutherrezeption der Zeit, im Gegenteil, der Reformator wurde verstärkt für politische Zwecke instrumentalisiert, eine regelrechte Lutherrenaissance setzte ein. Luther wird zum Vorkämpfer für die deutsche Nation stilisiert. Sowohl die Zeit der Reformation als auch der Erste Weltkrieg werden zu schicksalhaften Ereignissen der Nation. Die Feiern zum Jubiläum des „Thesenanschlags“ 1917 standen im Zeichen der Durchhaltepolitik. Festpublikationen trugen Titel wie „Deutschlands Schwert durch Luther geweiht“. Es galt den deutschen Geist Luthers zu erhalten.

 

Der Hamburger und Berliner Historiker

Max Lenz (1850-1932)

setzte den Krieg explizit in einen Zusammenhang mit Luther:

„Würde Luther unsern Krieg als den seinen anerkennen? Zugegeben, dass die Güter, die wir verteidigen, die Gedanken, für die wir kämpfen, auf seiner Religion ruhen, dass unser Gott stärker ist als der unserer Feinde? Würde er für den Sieg unserer Waffen beten […]? Würde er selbst vielleicht als Feldprediger, der gewaltigste von allen, mitgehen und unser und unsere Feldgrauen darüber aufklären, dass dies der rechte Krieg sei, weil er ein Notkrieg, ein Krieg sei zu des Vaterlandes Errettung, und dass sie darum den neuen Türken, den „grausamen Tyrannen“, die unser Deutschland zerdrücken wollen, getrost entgegengehen müssten? Mit anderen Worten, gibt es eine Brücke, die von Luthers Religion zu dem neuen Deutschland, zu den Lebensinteressen und den Idealen, zu den Heiligtümern, für die wir heute kämpfen hinüberführt?“ [3] Zudem seien alle Vorkämpfer Deutschlands von Hegel, Bismarck bis Treitschke protestantisch gewesen, daher zeichne sich der Geist der Nation, den es zu erhalten gelte, durch seine protestantische Konfession aus. Max Lenz sieht mit dem Zusammenbruch des ‚evangelischen Kaiserreichs deutscher Nation’ den Abschluss einer einheitlichen Epoche, welche mit Luther ihren Anfang genommen habe: Luther hat das Reich angestrebt, Bismarck realisierte es und im November 1918 ging es unter:

„Es sind die beiden Großen, die am Anfang und Ausgang einer Periode stehen, deren innere Einheit heute umso deutlicher heraustritt, als sie seit dem November 1918 durch den staatlichen und sittlichen Niederbruchs unseres Volkes von der Gegenwart getrennt ist“ [4]Die deutsche Nation nach Lutherscher Manier bildete einen Gegenpol zum Imperialismus des römisch- fränkischen und des französischen Reiches und impliziert Kritik an der neuen Versailler Ordnung.

 

Gerhard Ritter (1888-1967) [5]

schrieb 1925 eine Lutherbiographie mit dem Untertitel „Gestalt und Symbol“, welche prägend war für die Luther- Forschung der 1920er und 1930er Jahre. Darin fand eine deutliche Heroisierung Luthers statt. Luther wurde als Ahnherr des deutschen Wesens dargestellt, Ritter sah Luther als Begründer der deutschen Kulturnation und somit untrennbar mit dieser verbunden: „Nur wir Deutschen vermögen seine Bedeutung ganz zu erfassen, weil nur, wer seines Blutes und Geistes ist, ihn aus der Tiefe seines Wesens versteht. [6] Für Ritter war die Reformation das ausschlaggebende Ereignis für die deutsche Selbstfindung. Ritters Verständnis von Luther und der Reformation, behauptete, nicht zuletzt, weil sich Ritter unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erneut intensiv mit der Reformationszeit auseinandersetzte, für weite Teile der westdeutschen Geschichtswissenschaft ein hohes Maß an Verbindlichkeit.Für die Nationalsozialisten war die Reformation Luthers die „Deutsche Revolution“ analog zur Französischen. Zudem wurden Luthers Ansichten über die Juden gerne zitiert und so für ihre Zwecke instrumentalisiert. Zudem wurde Luther auch gegen den Kommunismus eingespannt.

Die Feiern zum Geburtstag Luthers im November 1933 fanden zwar unter dem Banner des Hakenkreuzes statt, wurden aber nicht für die nationalsozialistischen Zwecke instrumentalisiert. Die neue Führung stand in kritischer Distanz zur Kirche, aber auch zu Luther, der schließlich als Theologe und Vertreter der Kirche nur bedingt für den Nationalsozialismus zu instrumentalisieren war. Luther wurde von den nationalsozialistischen Historikern weniger als Reformator gesehen, sondern als Revolutionär, seine Theologie wurde in Politik verkehrt. Die NSDAP hat sich nicht um ein einheitliches Lutherbild bemüht.

 

Alfred Rosenberg (1893-1946) [7]

sah in den Taten Luthers einen „Germanischen Charakterprotest“ und Luther als Verkörperung der deutschen/ germanischen Revolution, weniger als religiöse Figur. Luther sei der Inbegriff nordischen Abwehrwillens gegen die internationale, römische Kirche: “Luther hätte aber nicht protestiert, weil sein nordisches Blut gegen das römische Südländische rebellierte, sondern weil er ein „Gefangener der evangelischen Wahrheit“ gewesen wäre. Der gigantische Widerspruch des germanischen Wesens gegen Priesterschaften und ihre orientalischen Zeremonien- der ist von unseren späten, nur mit alttestamentarischen Zitaten ausgefüllten Priestern gar nicht mehr bemerkt worden. „Wird ein Priester erschlagen, so liegt ein Land im Interdikt; warum nicht auch, wenn ein Bauer erschlagen wird?“ fragte Luther“. [8]

Das vorherrschende Lutherbild wurde auch im Ausland rezipiert, so publizierte beispielsweise William Montgomery McGovern (1897-1964) 1941 ein Buch mit dem Titel „From Luther to Hitler: The history of fascist-nazi political philosophy“ [9], in dem er Luther zum Wegbereiter des Nationalsozialismus erklärte. Die „Sonderwegsthese“ wurde im Nachkriegsdeutschland von

Helmuth Plessner (1892-1985)

prominent aufgegriffen. [10]Die allmähliche Ablösung einer national und konfessionell aufgeladenen Deutungsperspektive seit den 1960er Jahren kündigt sich im Werk

Paul Joachimsens (1867-1930)

an. Quellenauszug


Abb. 45-8


4


5


6

 

Literaturhinweise:J. H. Brinks, Einige Überlegungen zur politischen Instrumentalisierung Martin Luthers durch die deutsche Historiographie im 19. und 20. Jahrhundert. In: Zeitgeschichte

7-8 /22.Jg. 1995, S. 233- 248.Johann Baptist Müller (Hrsg.), Die Deutschen und Luther. Texte zur Geschichte und Wirkung, Stuttgart 1983.Laurenz Müller, Diktatur und Revolution. Reformation und Bauernkrieg in der Geschichtsschreibung des „Dritten Reiches“ und der DDR, Stuttgart 2004.

 

Eggler, Sabine  

 

Anmerkungen

  • [1]

    Ranke, Franz Leopold von: Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation, 6 Bde., Berlin 1839-1847.

  • [2]

    Treitschke, Heinrich von: Deutsche Lebensbilder, Leipzig s.a., S. 10, 11, 28, 29.

  • [3]

    Lenz, Max: Kleine Historische Schriften Bd. II. Von Luther zu Bismarck. Berlin; München 1920, S.11.

  • [4]

    Ebd.

  • [5]

    Textauszüge von Gerhard Ritter zu Luther in: Müller, Johann Baptist (Hrsg.): Die Deutschen und Luther. Texte zur Geschichte und Wirkung, Stuttgart 1983, S. 105-110, 157, 158, 174-177, 201, 202.

  • [6]

    Ritter, Gerhard: Luther. Gestalt und Symbol. Berlin 1925, S.151.

  • [7]

    Textauszug von Alfred Rosenberg zu Luther in: Müller, Johann Baptist (Hrsg.): Die Deutschen und Luther. Texte zur Geschichte und Wirkung, Stuttgart 1983, S. 210-211.

  • [8]

    Rosenberg, Alfred: Protestantische Rompilger. Der Verrat an Luther und der Mythos des 20. Jahrhunderts. München, 10. Auflage. 1937, S.19.

  • [9]

    McGovern, William Montgomery: The history of fascist-nazi political philosophy, Boston, Mass. 1941.

  • [10]

    Textauszug von Helmut Plessner zu Luther in: Müller, Johann Baptist (Hrsg.): Die Deutschen und Luther. Texte zur Geschichte und Wirkung, Stuttgart 1983, S. 66-68.



Erstellt: 18.07.2007

Zuletzt geändert: 08.01.2009


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