a) Literatur

1a. Die Rezeption Luthers in der Literatur

 

Der Begriff der „Literatur“ ist allgegenwärtig, seine Definition jedoch gestaltet sich, auch und gerade, weil er in der Neuzeit grundsätzlichem Wandel unterlag, schwierig. Hier wird er in dem Sinn verwandt, dass in diesem Teil die Rezeption der Reformation in den Texten solcher Autoren dokumentiert wird, die sich nicht als Geschichtswissenschaftler, sondern als Publizisten und Literaten der Reformation bedienten, um eine Gegenwartsdeutung zu liefern. Ausgewählt wurden vor allem solche Texte, deren Narrative für den Kulturprotestantismus besonders einflussreich waren.

Die Copyrightproblematik erlaubt es nur Texte solcher Autoren umfänglicher bereitzustellen, die vor 1937 verstorben sind.

 

Gotthold Ephraim Lessing (1729 – 1781)

„Lutherus steht bei mir in einer solchen Verehrung, dass es mir, alles wohl überlegt, recht lieb ist, einige kleine Mängel an ihm endeckt zu haben, weil ich in der Tat der Gefahr sonst nahe war, ihn zu vergöttern.“ [1]

„Luther, du! – Großer, verkannter Mann! Und von niemandem mehr verkannt als von den kurzsichtigen Starrköpfen, die, deine Pantoffeln in der Hand, den von dir gebahnten Weg schreiend, aber gleichgültig daher schlendern! Du hast uns von dem Joch der Tradition erlöset:“ (Absagungsschreiben an Goethe, Anhang der „Parabel“, 1778. [2] )

Quellenauszug


Abb. 1

 

Johann Gottfried Herder (1744 – 1803)

„Er ists, der die deutsche Sprache, einen schlafenden Riesen, aufgewecket und losgebunden; er ists, der die scholastische Wortkrämerei, wie jene Wechslerische, verschüttet; er hat durch seine Reformation eine ganze Nation zum Denken und Gefühl erhoben.“ (Fragmente. Von der neuern römischen Literatur. 1767. [3])

 

„Luther kämpfte lange mit sich, ehe er mit der Welt anfing zu kämpfen, und blieb immer, trotz eiserner Härte und Stärke im Werke seines Berufs, im Privatleben der weichste und redlichste Mann, der mit sich selber mehr rang, als manche von ihm glauben.“ Vom Erkennen und Empfinden der menschlichen Seele, 1778. Sämtl. Werke 8 [4]

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Abb. 2

 

Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)

„Wir wissen gar nicht, was wir Luthern und der Reformation alles zu danken haben. Wir sind frei geworden von den Fesseln geistiger Borniertheit, wir sind in Folge unserer fortwachsenden Kultur fähig geworden, zu Quelle zurückzukehren und das Christentum in seiner Reinheit zu fassen. (…) Je tüchtiger aber wir Protestanten in edler Entwicklung voranschreiten, desto schneller werden die Katholiken folgen.“ (Gespr. mit Eckermann, 17. Febr. 1832. [5])

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Abb. 3

 

Novalis/ Friedrich von Hardenberg (1772 – 1801)

„Was war natürlicher, als dass endlich ein feuerfangender Kopf öffentlichen Aufstand gegen den despotischen Buchstaben der ehemaligen Verfassung predigte und mit um so größerem Glück, da er selbst Zunftgenosse war. (…) aber sie vergaßen das notwendige Resultat ihres Prozesses, trennten das Untrennbare, teilten die unteilbare Kirche und rissen sich frevelnd aus dem allgemeinen christlichen Verein, durch welchen und in welchem allein die echte, dauernde Wiedergeburt möglich war.“ Die Christenheit oder Europa. Ein Fragment. 1799. Schriften, hrsg. von J. Minor II (1923). [6]

 

Ernst Moritz Arndt (1769-1860)

Wiewohl Arndt das Fach Geschichte an den Universitäten Greifswald und Bonn lehrte, wurde er weniger als Historiker denn als früher Verfechter nationaler Ideen rezipiert, die er durch eine intensive publizistische Tätigkeit verbreitete.

Quellenauszug


Abb. 4

 

Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831)

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Abb. 5


Abb. 6

 

 

 

Joseph von Eichendorff (1788 – 1857)

beschäftigte sich in den literaturhistorischen Arbeiten seiner Spätzeit mit den geistigen Folgen der Reformation. In seiner „Geschichte der poetischen Literatur Deutschlands“ (1857) spricht er der Reformation ebenfalls eine geistige Revolution zu und rühmt, im Zusammenhang mit den ersten protestantischen Kirchenliedern, Luthers „heldenhafte, durchaus volksmäßige Persönlichkeit und hinreißende Sprachgewalt“. [7]

 

Thomas Mann (1875 – 1955)

„Martin Luther, eine riesenhafte Inkarnation deutschen Wesens (…). Ich liebe ihn nicht, das gestehe ich offen. Das Deutsche in Reinkultur, das Separatistisch-Antirömische, Antieuropäische befremdet und ängstigt mich, auch wenn es als evangelische Freiheit und geistliche Emanzipation erscheint, und das spezifisch Lutherische, das Cholerisch-Grobianische, das Schimpfen, Speien und Wüten, das fürchterlich Robuste, verbunden mit zarter Gemütstiefe und dem massivsten Aberglauben an Dämonen, Incubi und Kielkröpfe, erregt meine instinktive Abneigung. Ich hätte nicht Luthers Tischgast sein mögen, ich hätte mich wahrscheinlich bei ihm wie im trauten Heim eines Ogers gefühlt und bin überzeugt, daß ich mit Leo X., Giovanni de Medici, dem freundlichen Humanisten, den Luther "des Teufels Sau, der Babst" nannte, viel besser ausgekommen wäre.“ [8]

 

Gottfried Benn (1886-1956)

nennt Luther in einem Brief von 1935 einen „der größten Vernichter des besseren Deutschtums, Zerstörer der großen mittelalterlichen Kultur“. [9]

 

Hermann Hesse (1877 – 1962)

Luther ist „in seiner Stärke und seiner Schwäche, in seinem Guten und Bösen, recht ... (ein) Urbild deutschen Wesens, deutscher Genialität, deutscher Zerrissenheit, deutscher Hemmungen“ [10]

 

Literaturhinweise:

Aland, Kurt: Martin Luther in der modernen Literatur, in: Karl Lehmann (Hg.) Luthers Sendung für Katholiken und Protestanten, München, 1982, S. 116 – 146.

Bornkamm, Heinrich: Luther im Spiegel der deutschen Geistesgeschichte, Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen,1955.

Brinks, Jan Herman: Einige Überlegungen zur politischen Instrumentalisierung Martin Luthers durch die deutsche Historiographie im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert, Zeitgeschichte, 22. Jahrgang, Juli/August, Wien 1995, Heft 7/8, S. 233-248. in: http://www.sussex.ac.uk/Units/cgjs/publications/HBLutherDeu.doc [Stand: 30. 11. 2006]

Müller, Johann Baptist (Hrsg.): Die Deutschen und Luther. Texte zur Geschichte und Wirkung, Stuttgart 1983.

Lohse, Bernhard: Martin Luther - Eine Einführung in sein Leben und sein Werk, 2. durchges. Aufl., C. H. Beck, München, 1982.

Zeeden, Ernst Walter: Martin Luther und die Reformation im Urteil des deutschen Luthertums, Bd.1, Herder, Freiburg, 1950.

Zeeden, Ernst Walter: Martin Luther und die Reformation im Urteil des deutschen Luthertums, Bd.2, Herder, Freiburg, 1952.

 

Kargl, Karina; Kasper, Verena; Haug-Moritz, Gabriele 

 

Anmerkungen

  • [1]

    Zeeden, 2, S. 303.

  • [2]

    Bornkamm: Luther, S. 201.

  • [3]

    Bornkamm: Luther, S. 205.

  • [4]

    Bornkamm: Luther, S. 216.

  • [5]

    Bornkamm: Luther, S. 218.

  • [6]

    Bornkamm: Luther, S. 239.

  • [7]

    Bornkamm: Luther, S. 247 – 248.

  • [8]

    Mann: Deutschland und die Deutschen, S. 320. zitiert nach: Jan Herman Brinks.

  • [9]

    Aland: Martin Luther, S. 120

  • [10]

    Aland: Martin Luther, S. 121



Erstellt: 17.07.2007

Zuletzt geändert: 08.01.2009


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