I. Zeitschriften/Buchmarkt

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I. Der Zeitschriften- und Buchmarkt im Frankreich des 18. Jahrhunderts - von Claus von Wagner

3. Französische Literatur im Ancien Régime

Das gedruckte Buch war das Hauptmedium der Aufklärung. Diese oft aufgestellte Behauptung beruht jedoch eher auf Wahrscheinlichkeit als auf handfesten Beweisen. Denn trotz der vermehrten Buchproduktion spielten handschriftlich angefertigte Werke, etwa in der Untergrundliteratur und bei kleinen Gruppen noch immer eine wichtige Rolle - zumindest in der Frühaufklärung.


Abb. 1

Insgesamt betrachtet wandelte sich die französische Literatur auf ihrem Weg hin zur Französischen Revolution von einer höfischen zu einer bürgerlichen [21]. Genauer gesagt: Es wurde zwar weiterhin höfische Literatur produziert, aber ihre Bedeutung schwand in dem Maße, in dem die bürgerliche Literatur an Bedeutung gewann. Diese Literatur war dabei jedoch keineswegs nur für den dritten Stand geschrieben worden, dazu war das Bürgertum zu wenig in sich "geschlossen".

Produzenten und Rezipienten fanden sich vielmehr in unterschiedlichen sozialen Gruppen. Die Beteiligung der einzelnen Gruppen am literarischen Prozess ist jedoch noch nicht erschöpfend erforscht. Während die Literatur "bürgerlicher" wurde, rekrutierten sich die Autoren auch im späten 18. Jahrhundert noch aus denselben Schichten, aus denen sie schon im frühen 17. Jahrhundert stammten.

Auch die Buchdrucker und -händler organisierten sich bis zur Französischen Revolution 1789 in traditioneller Weise. Nur langsam begann man ein kapitalistisches Wirtschaftsverhalten an den Tag zu legen.

3.1 Die französische Literatur der Aufklärung

3.1.1 Die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts

Aufgrund der Fülle von Büchern und Schriften ist es an dieser Stelle nur möglich, einen skizzenhaften Überblick über die Literatur im Frankreich des 18. Jahrhunderts zu geben. Natürlich stand die Buchproduktion im Zeichen der Aufklärung. Die ersten Werke mit aufklärerischem Inhalt waren bereits Ende des 17. Jahrhunderts, in der Regierungszeit Ludwigs XIV veröffentlicht worden. Für diese Zeit waren die absolutistische Willkürherrschaft und scheiternde innenpolitische Reformansätze kennzeichnend.

Egal ob belletristische oder philosophische Literatur, die Werke einte die Kritik an religiösen Dogmen und den kirchlichen Institutionen. Ebenso attackiert wurden Missstände in der Justiz und bei Hofe. Man stellte das althergebrachte Wertesystem infrage. Maßstab aller Dinge sollte nunmehr die Vernunft sein. Der Kanon der klassischen französischen Literatur hatte seine Gültigkeit verloren. Dichter wie Voltaire schrieben zwar noch Tragödien nach den formalen Vorgaben des 17. Jahrhunderts, doch diese hatten inhaltlich nichts mehr mit ihren traditionsreichen Vorgängern gemein.

Verbürgerlichung

Die neuen alten Werke verherrlichten den Gedanken der Toleranz und brachten eine neue Figur auf die Bühne - den bürgerlichen Helden. Hatte Molière sich noch über das bürgerliche Leben lustig gemacht, wurden nun gerade diese bürgerlichen Tugenden gewürdigt. Zu erinnern ist unter anderem an Diderots Schauspiele, die versuchten, das bürgerliche Leben realistisch zu schildern. Immer wichtiger wurde der Roman, in der Frühaufklärung vor allem durch Werke von Lesage, Marivaux oder Prévost d'Exiles. Auch der Staatstheoretiker Montesquieu wurde mit einem Roman - mit den Lettres Persanes (1721) - berühmt. In diesen äußerte er politische, moralische und philosophische Kritik.

Auch Voltaire verwandte für seine philosophischen Aufsätze die beliebte Briefform. Seine Romane und Erzählungen setzten sich auf unterhaltsam-satirische Art kritisch mit der absolutistischen Gesellschaft auseinander. 1759 erschien sein wohl berühmtester Roman Candide oder Der Optimismus. Eine Verballhornung der Leibnizschen These von der "besten aller Welten".

3.1.2 Die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts


Abb. 2

Die Kritik an der absolutistischen Gesellschaft begann sich um die Mitte des 18. Jahrhunderts zu verschärfen. Der erste Band der von Diderot und D'Alambert herausgegebenen "Enzyklopädie" erschien. Mit diesem Höhepunkt der Aufklärung ging eine starke Veränderung des literarischen Lebens in Frankreich einher. Es war nun bestimmt von Zensur, Verboten, aber auch Verfolgungen, die besonders ab 1758 - nach einem Attentat auf Ludwig XV. - einsetzten.

Um die Zensur zu umgehen, wurden die Werke anonym oder im Ausland veröffentlicht. Der Verlagsort war oft fingiert. Die Inhalte der Schriften reichten von Philosophie über Kunstkritik bis hin zu Naturwissenschaften. Man bot die Gedanken oft in unterhaltsamer Art und Weise feil, indem man sie zum Beispiel in belletristische Werke einstreute. Einer der folgenreichsten Schriftsteller war Jean-Jacques Rousseau. Er widersprach der übertriebenen Fortschrittsgläubigkeit der Aufklärung und zeichnete im Gesellschaftsvertrag (1762) das Ideal einer bürgerlich-demokratischen Gesellschaft.

Empfindsamkeit

Trotz des von der Frühaufklärung propagierten Rationalismus hielt mit der Individualisierung der Gesellschaft eine neue Art des Lesens Einzug. Das Lesen legte die ihm vom Rationalismus auferlegten Fesseln ab. Lektüre wurde individueller, empfindsamer. Die Wissenschaft spricht von der Durchdringung des subjektiven Lebens des Lesers [22]. Einer der Höhepunkt der durch das gefühlvolle Schrifttum Englands ausgelösten empfindsamen Literatur, war Jean-Jacques Rousseaus Briefroman Julie oder Die neue Héloise (1761). Rousseau traf damit genau den Zeitgeschmack seiner Landsleute.

Die Liebesgeschichte war - mit etwa 70 Auflagen vor 1800 - wohl einer der größten "Bestseller" des Ancien Régime. Die Gefühle, die das Werk auslöste, reichten von Weinkrämpfen bis hin zu Zusammenbrüchen. In Deutschland trat dieses Phänomen ein paar Jahre später im Gefolge mit Goethes Briefroman Die Leiden des jungen Werther auf. In den Jahren nach seiner Veröffentlichung grassierte in Deutschland ein wahres Wertherfieber, welches sich sowohl in der Mode, als auch in der Selbstmordrate junger Menschen bemerkbar machte.

Neben diesen Natur- und Gefühlsdarstellungen hielt jedoch auch die Kritik an den Praktiken der Gesellschaft des Ancien Régime an (Choderlos de Laclos). Der Lyrik kam in der Zeit der Aufklärung nahezu keine Bedeutung zu.

3.2 Der Roman

Eine Gattung der französischen Literatur des 18. Jahrhunderts ist mit der Aufklärung so eng verbunden wie keine andere - der Roman. Selbst die Verachtung durch die Zensur und all die Widrigkeiten mit denen man diesem Genre vor allem von einer moralisch argumentierenden Warte aus begegnete, konnten seinen unaufhaltsamen Aufstieg nicht bremsen. Welche explizite Bedeutung dem Roman bei der Verbreitung aufklärerischen Gedankengutes im Frankreich des 18. Jahrhunderts zukam, ist jedoch nicht vollständig geklärt.

Fest steht, dass er ein bedeutendes Medium der Aufklärung darstellte. Und das nicht nur, da Voltaire, Montesquieu oder Rousseau sich seiner bedienten, um ihre philosophischen, religiösen oder politischen Überlegungen weiterzureichen. Gerade die Erforschung der Gefühls- und Gedankenwelt des Einzelnen, mit der psychologischen Analyse, mit der Betonung der Sensibilität des Menschen, hat dazu beigetragen, der "bürgerlichen Seele" ein neues Selbstbewusstsein und neue Werte zu vermitteln [23]. Und das entgegen der starren Normen und Begriffe der Ständegesellschaft.

Zwischen Vernunft und Gefühlen

Mit einem Widerspruch allerdings musste der Roman leben: Wo die Frühaufklärung die Vernunft als König des Handels pries, da stellte der Roman das Gefühl an vorderste Stelle. Doch dieser Widerspruch, der Kampf zwischen "raison" und "passion", war auch seine Stärke. Durch die Darstellung genau dieses Kampfes wurde der Roman zum ergänzenden Element der Aufklärung. Zeigte er doch einem Konflikt, der die Zeitgenossen beschäftigte, zuweilen besser als manche theoretische philosophische Schrift. Deshalb ist es kein Widerspruch, dass gerade die Prediger der Vernunft wie Voltaire, Diderot, Prévost oder Rousseau sich dieser fiktiven Erzählprosa bedienten.

Was faszinierte den französischen Leser so am Roman? Der Roman gewährte Einblicke in eine Welt, die nicht mehr der lange als unumstößlich geltenden christlichen Ordnung entsprach. Die Welt der Romane war voller niederer Motive, dunkler Gestalten und verzehrender Leidenschaften. Die Ständeordnung wurde als verantwortlich für das Auslösen tragischer Schicksale gezeigt und die Skepsis gegenüber dem herrschenden Weltbild wurde nur durchsichtig verhüllt. [24]

Zensur


Abb. 3

Dass der Staat versuchte, diese Einblicke mit dem Mäntelchen der Zensur zu verdecken, hat dem Roman nicht geschadet. Im Gegenteil, denn gerade dadurch, dass die Zensur oftmals ohne inhaltliche Argumente einem Druckwerk die Druckerlaubnis verweigerte, allein weil es der Gattung des Romans entsprach, wurde der Roman als eigenständige Gattung gefestigt.

Natürlich versuchte man die Zensur zu unterlaufen. Bücher wurden im Ausland weiter produziert und über die Grenze ins Land geschmuggelt. Ein oftmals sehr abenteuerliches, wenn auch sehr lukratives, Unterfangen. Deshalb ist zu unterstreichen, dass der Aufstieg der Romangattung im 18. Jahrhundert natürlich auch wirtschaftliche Gründe hatte. Die Buchhändler wussten um die enorme Breitenwirkung des Romans.

Der Reiz der Authentizität

Grund hierfür war neben einer wachsenden Leserschaft, begünstigte durch den Buchhandel, der preiswerte taschenbuchähnliche Ausgaben in hohen Auflagen produzierte, natürlich auch die Art seiner Rezeption. Die fiktionale Darstellung wurde vom Leser der damaligen Zeit als realistisch empfunden. Eine aufregende Vorstellung. Dieser Reiz verschaffte dem Roman eine Leserschaft, die weit über die gebildeten Schichten hinausging und auch jene erreichte, die bisher als "literaturunwürdig" gegolten hatten.

Damit wurden die Inhalte der Romane sowie die Inhalte der Aufklärung an jene herangetragen, die sich damit wohl sonst nie beschäftigt hätten. An der Bewusstseinsbildung in der Aufklärung dürfte der Roman also einen nicht geringen Anteil gehabt haben. [25]

3.3 Weiterführende Literatur

Geißler, Rolf: Der Roman als Medium der Aufklärung. In: Gumbrecht, Hans Ulrich; Reichardt, Rolf; Schleich Thomas (Hg.): Sozialgeschichte der Aufklärung. Teil II: Medien. Wirkungen, Wien 1981, 89-110.

Arend, Elisabeth: "Bibliothèque". Geistiger Raum eines Jahrhunderts. Hundert Jahre französischer Literaturgeschichte im Spiegel gleichnamiger Bibliographien, Zeitschriften und Anthologien (1685 - 1789), Bonn 1987.

Mass, Edgar: Der Romanleser im Ancien Régime Bemerkungen zur Forschungsmethodik. In: Berger, Günter (Hg.): Zur Geschichte von Buch und Leser im Frankreich des Ancien Régime. Beiträge zu einer empirischen Rezeptionsforschung, Rheinfelden 1986, 69-99.

 

 

[21] Vgl. Wittmann, Reinhard: Gibt es eine Leserevolution am Ende des 18. Jahrhunderts? In: Chartier, Roger; Cavallo, Guglielmo (Hg.): Die Welt des Lesens. Von der Schriftrolle zum Bildschirm, Franfurt / New York / Paris 1999, 424 f.

[22] Vgl. Wittmann, Reinhard: Gibt es eine Leserevolution im Endes des 18. Jahrhunderts? In: Chartier, Roger; Cavallo, Guglielmo (Hg.): Die Welt des Lesens. Von der Schriftrolle zum Bildschirm, Franfurt / New York / Paris 1999, 434 f.

[23] Vgl. Geißler, Rolf: Der Roman als Medium der Aufklärung. In: Gumbrecht, Hans Ulrich; Reichardt, Rolf; Schleich Thomas (Hg.): Sozialgeschichte der Aufklärung. Teil II: Medien. Wirkungen. Wien 1981, 109f.

[24] Vgl. Geißler: Der Roman, 110.

[25] Vgl. Geißler: Der Roman, 110.

 

Empfohlene Zitierweise

Wagner, Claus von: 3. Französische Literatur im Ancien Régime. Aus: Madame de Pompadour - Der Zeitschriften- und Buchmarkt im Frankreich des 18. Jahrhunderts, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/62zew/

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Erstellt: 16.03.2006

Zuletzt geändert: 16.03.2006


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