I. Höfische Musik

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I. Höfische Musik - Michael Trinks

5. Die Musik unter Ludwig XV.- die wichtigsten Vertreter

5.1) Jean-Philippe Rameau (1683-1764)

5.1.1) "Traité de l´harmonie"- die "neue" Harmonielehre

Jean-Philippe Rameau wurde 1683 in Dijon geboren. Sein Vater war Organist der dortigen Haupt-Kirche. Auch der Sohn schlug die Laufbahn eines Kirchenmusikers ein. Jedoch bevor er eine eigene kleine Stelle in Clermont en Auvergne bekam, machte er 1701/1702 die für die Musiker dieser Zeit obligatorische Italienreise und spielte während dieser Zeit bei verschiedenen Theatergruppen.


Abb. 1

1706 siedelte Rameau nach Paris über, wo er Organistenstellen in Vororten von Paris zugewiesen bekam. Dennoch hielt er es neun Jahre dort aus, bevor er zuerst nach Lyon und dann, 1722, erst einmal wieder nach Clermont en Auvergne zog.

Dennoch hatte Rameau etwas entscheidendes geleistet: 1722 brachte er seine "Harmonielehre, auf ihre natürlichen Grundsätze zurückgeführt" heraus.


Abb. 2

Dies war ein bahnbrechendes Werk. Im Gegensatz zu seinem bedeutenden Kollegen in Deutschland, dem Kirchenmusiker Johann Sebastian Bach, forderte er die Abwendung von dessen Kompositionsweise nach den alten Regeln des Kontrapunkts und lehrte stattdessen die natürliche Umkehrung der Akkorde.

Mit diesem Werk hätte Rameau eigentlich aus seinem Schattendasein heraustreten müssen, jedoch fand er nicht die Zustimmung und Anerkennung, die ihm zugestanden hätte. Zwar äußerte sich der bedeutende Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) positiv über dessen Harmonielehre, jedoch waren Rameaus Zeitgenossen überaus skeptisch gegenüber dieser musikalischen Neuerung eines unbekannten und offensichtlich unbedeutenden Organisten.

Nach weiteren zehn Jahren in Clermont versuchte Rameau 1732 erneut sein Glück in Paris - diesmal jedoch mit einer Oper, die er auch ziemlich bald zur Aufführung brachte. Ihr Titel war "Samson" . Wohl aufgrund des ernsten biblischen Textes hatte sie beim Publikum, das in der Zeit massiv mit leichten italienischen Opern verwöhnt wurde, keinen großen Erfolg. Der erbitterte Kampf auf den Bühnen zwischen der italienischen und der französischen Musikauffassung ging einem erneuten Höhepunkt zu, dem sogenannten Buffonistenstreit, der besonders im Jahre 1752 für Furore sorgte.

Nur der einflussreiche und mächtige Steuerpächter La Pouplinière, der in Paris als kompetenter Musikkenner und wichtiger Musikmäzen bekannt war, erkannte das Talent Rameaus und förderte ihn von nun an nach Kräften. Somit gilt La Pouplinière quasi als "Entdecker" Rameaus.

5.1.2 Die erneute Zeit der "opéra tragique" (Tragische Oper)

Bereits ein Jahr später, 1733, führte Jean-Philippe Rameau seine "opéra tragique" "Hippolyte et Aricie", die er zwar nach seiner neuen Harmonielehre komponierte, aber dem Aufbau nach ganz im Stile und in der Tradition Lullys beließ, auf.


Abb. 3

Mit diesem Werk hatte er zum ersten Mal einen wirklich durchschlagenden Erfolg - sogar beim König. Denn Ludwig XV. ernannte ihn daraufhin zu seinem Hofkomponisten ("compositeur de cabinet"). Dies war die erste "eigenständige" Ernennung des noch jungen Königs Ludwig XV. im Bereich der Kunst/Musik. Kardinal Fleury, der die Übergangsregierung leitete, hatte nach dem Tod La Landes dieses Hofamt nicht mehr vergeben, da er die Notwendigkeit für diesen Kostenfaktor, auf den er dieses Amt reduzierte, nicht sah.

Inwieweit diese Ernennung vom König aber wirklich selbst getroffen wurde, läßt sich im Nachhinein nur noch schwer nachvollziehen. Sein Interesse an Kunst und Musik war - im Gegensatz zu seinem Urgroßvater Ludwig XIV. - eher gering. Außerdem hatte bereits zu dieser Zeit seine Mätresse, die Marquise de Pompadour, einen bedeutenden Einfluss auf ihn - und zwar besonders in Fragen der Kunst und des guten Geschmacks. Sie war es, die sich für die Unterhaltung des Königs verantwortlich fühlte und seinen Geschmack in eine bestimmte Richtung lenkte. Jedoch bezieht sich dieser Einfluss eher auf die kleinen und von ihr selbst veranstalteten "Divertissements" als auf die großen und offiziellen Anlässe, für die Rameau eingestellt wurde.

In seinem Amt, das er erst mit knapp 50 Jahren erlangte, versuchte er den Stil der von Lully begründeten französischen Oper fort-, aber auch weiterzuführen. Rameau führte dabei nicht nur rein musikalisch den ernst-erhabenen, malerischen und tänzerischen Stil der Lully-Opern instrumental und vokal fort, sondern entsprach auch der französischen Forderung nach einem literarisch anspruchsvollen Text.


Abb. 4

Kein Geringerer als Voltaire hatte beispielsweise dessen "Debüt" in Paris, den "Samson", geschrieben, und auf "Hippolyte et Aricie" folgte Racines Tragödie "Phèdre". Hatte Rameau hohen literarischen Geschmack, so wurden ihm die berühmten Dichter ihrerseits gerecht. Voltaire urteilte 1735 über Rameaus erfolgreiche Oper "Les Indes galantes", in der die Thematik des Kolonialismus und die unersättliche Neugierde der Menschen in dieser Zeit an fernen und fremden Welten aufgegriffen wurde: "Rameaus viele kleine Noten mögen die Lullysten wohl aufregen, aber auf die Dauer wird der Geschmack von Rameau zum führenden Geschmack der Nation werden. Drei bis vier Generationen ändern die Ohren einer Nation." (Hermann Missenharter (Hg.): Die Großen der Kunst, Literatur und Musik. Frankreich, Stuttgart : 1961, S. 365.). In dieser Einschätzung durch Voltaire wird die Reserviertheit gegenüber den Neuerungen Rameaus erneut deutlich.

Insgesamt komponierte Jean-Philippe Rameau 22 Opern und acht festliche Ballette, die durchweg im für Richelieu erbauten Theatersaal des "Palais Royal" aufgeführt wurden. Diese Information ist deshalb interessant, da demnach keines seiner Werke von Madame Pompadour aufgegriffen und in ihrem privaten - extra für den König eingerichteten - "Théâtre des petits appartements" zur Aufführung gebracht wurde. Dies lässt doch einige Rückschlüsse über den Musikgeschmack des Königs beziehungsweise seiner Mätresse zu, da Rameau somit wirklich nur zu den offiziellen Anlässen am Hofe erklang.

Im Privaten dagegen bevorzugten die beiden dann doch eher die "Klassiker" wie Lully und Couperin, aber auch besonders die italienischen Werke.

Auch wenn Rameau zu Lebzeiten zwar geachtet, aber dennoch verkannt war, übte er einen großen Einfluss auf die Musikentwicklung der folgenden Zeit aus. Er wirkte auf Christoph Willibald Gluck ebenso wie noch auf die neueren Vertreter der französischen Musik wie Giacomo Meyerbeer (1791-1864), César Franck (1822-1890) und Claude Debussy (1862-1918).

Am "Missverstehen" seiner Musik lag es wohl auch, dass er bis zu seinem Tode 1764 vom König nicht in die Akademie der Wissenschaften aufgenommen wurde.

5.2 Buffonistenstreit

Auf den ersten Blick ist der Buffonistenstreit leicht darzulegen: Es ging um die Frage, welche Musik als die richtige und qualitätvolle angesehen wurde - die leichte italienische oder die eher schwere und ernste französische Musik, die "opera buffa" oder die "opéra tragique". Dabei fiel Jean-Philippe Rameau eine maßgebliche Rolle zu.

Ihren Höhepunkt fand dieser Konflikt im Jahre 1752, als eine italienische Operntruppe mit Giovanni Battista Pergolesis (1710-1736) Intermezzo "La serva padrona" einen enormen Erfolg beim Pariser Publikum hatte und somit die französische Tradition in Frage stellte.

Jedoch schwelte diese Querele schon lange vor dem offenen Ausbruch von 1752. Dabei kann man insgesamt die "querelle des bouffons" in zwei Phasen unterteilen.

In der ersten Phase ging es darum, ob die französische Überlieferung der italienischen Oper vorzuziehen sei. Dabei standen sich die progressiven und die konservativen Kräfte am Königshof gegenüber. Das war auf der einen Seite der "Coin de la Reine" mit den Enzyklopädisten und vor allem Jean-Jacques Rousseau, die für ein weniger stilisiertes, "natürlicheres", am bürgerlichen Publikum orientiertes Musikideal stritten, und auf der anderen Seite der "Coin du Roi", in dem die Verteidiger der klassischen französischen Oper sich für eine explizit französische Musik einsetzten.


Abb. 5

Rameau, der bedeutendste Komponist unter Ludwig XV., hatte in dieser Zeit einen schweren Stand, da er je nach Argument einmal zu der einen Seite und das andere Mal zur anderen Seite gezählt wurde, oder anders ausgedrückt: er wurde je nach Lage von beiden Seiten kritisiert und gelobt, gehörte also keiner Partei wirklich an.

Der Grund lag hauptsächlich in seiner neuen Harmonielehre. Durch seine neuartige Art der Komposition brachte er ganz andere und ungewohnte Klänge und Klangmalereien als seine Vorgänger und Zeitgenossen, wodurch er aber auch beim Publikum vielfach auf Ablehnung stieß. Andererseits komponierte er aber genau im Stile Lullys und führte damit formal die französische Musiktradition fort, was wiederum für Zustimmung sorgte. Dieser "Widerspruch" in Rameaus Schaffen, mit dem die Anhänger dieser beiden Parteien nicht zurecht kamen, wurde erst durch Rousseaus "Lettre sur la musique française" von 1752 aufgehoben. Gleichzeitig wird damit die zweite Phase in der Auseinandersetzung eingeleitet.

Die entscheidende Frage war nach dem offenen Brief des Dichters und Musikers Rousseau nicht mehr, welche Musik die bessere sei, sondern, ob es überhaupt eine originär französische Musik gäbe, die man der italienischen Musik gegenüberstellen könne. Damit wurde die Position Rameaus nun neu und eindeutig definiert. Er wurde von nun an trotz seiner innovativen Musik zu den Traditionalisten, also zum "Coin du Roi" gezählt, und zwar wegen seiner unverkennbaren Tradition zu Lully - der ohne Zweifel auch unter Ludwig XV. noch als der Begründer der französischen Musik galt und hoch geachtet wurde.

Nun stellt sich aber die Frage, warum der seit Jahren schwelende Buffonistenstreit erst 1752 ausbrach, ausgelöst durch eine italienische Operntruppe mit Pergolesis Intermezzo "La serva padrona", die in Paris eineinhalb Jahre einen großen Erfolg damit feierte, obwohl die gleiche Operntruppe mit demselben Werk bereits sechs Jahre zuvor, also 1746, in Paris gastiert hatte - und zwar mit nur mäßigem Erfolg.


Abb. 6

Hatte sich der Musikgeschmack in diesen sechs Jahren so stark verändert, suchte das Publikum musikalische Abwechslung, oder war es einfach Zufall? In der Forschung ist man nun zu der Ansicht gekommen, dass wohl eher außermusikalische, politische Hintergründe für den offenen Ausbruch der Querele verantwortlich gewesen sind.

Die Jahre 1752/53 stellen einen Höhepunkt in der politischen Auseinandersetzung des überwiegend jansenistisch eingestellten Parlaments von Paris mit dem König dar. Hintergrund der Auseinandersetzung war die beabsichtigte Durchsetzung der anti-jansenistischen Bulle Unigenitus. Der Höhepunkt der Krise war im Mai 1753 mit der Exilierung des Pariser Parlaments erreicht. Auf diesen politischen Hintergrund der "Querelle des bouffons" macht besonders Jean Le Rond d´Alembert (1717-1783)  aufmerksam, der im Rückblick auf die Ereignisse von 1752/53 schrieb, die Bezeichnungen "Bouffoniste, Républicain, Frondeur, Athée" und "Matérialiste" seien zu dieser Zeit synonym gebraucht worden.

Das zweite Politikum im Hintergrund der "Querelle" war das Verbot der ersten beiden Bände der "Encyclopédie", das im Februar 1752 erfolgte. Mit der Verlagerung der Auseinandersetzungen auf das unverfänglichere Gebiet der Musik ließ sich trefflich gegen die absolutistischen Machtstrukturen streiten, zumal mit der "opéra tragique" Lullys ein allgemein bekanntes Symbol für diese Strukturen bereitstand.

In der gespannten, krisenhaften politischen Situation im Hintergrund lag also der eigentliche Unterschied der Aufführungsserie der "serva padrona" von 1752 zu der von 1746. Sechs Jahre zuvor konnte die als "revolutionär" empfundene und von den Enzyklopädisten unterstützte Musik noch nicht als Symbol der Opposition zu überkommenen absolutistischen Strukturen dienen.

Erst durch Friedrich Melchior Grimms (1723-1807) "Lettre sur Omphale" von 1752, in der die alte französische Oper scharf angegriffen wurde, ist Rameau als Vertreter dieser Musik und damit der überkommenen Strukturen des Absolutismus bezeichnet worden, wodurch er zu einem Gegner der Enzyklopädisten und aller anderen Reformer wurde.

Die Rolle von Madame de Pompadour im Buffonistenstreit ist nicht einfach zu klären, da sie zum einen die Enzyklopädie förderte und sich für die Aufhebung des Verbots einsetzte, also auf der progressiven Seite stand, während sie zum anderen aber auch eine glühende Verehrerin der Musik Lullys war, der mit seinen "opéra ballets" wie kein anderer dem absolutistischen König Glanz und Ansehen verlieh. Diese Verehrung kann man sowohl am Inventar ihrer Bibliothek sehen, wo kaum ein Werk Lullys fehlte, als auch am Programm ihres Privattheaters in den "pétits appartements", wo in regelmäßigem Wechsel Lully aufgeführt wurde.

 

Empfohlene Zitierweise

Trinks, Michael: 5. Die Musik unter Ludwig XV.- die wichtigsten Vertreter. Aus: Madame de Pompadour - Höfische Musik, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/5szea/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 13.03.2006

Zuletzt geändert: 13.03.2006


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