I. Frauen

Frauen am französischen Hof – von Katja Zahn

1. Verweiblichung des Hofes ab dem 15. Jahrhundert

Dass Frauen am Hof geduldet waren, ist ein Phänomen des 15. Jahrhunderts. Zurecht spricht der französische Historiker Guy Chaussinand-Nogaret auch von der "Verweiblichung des Hofes" ab dem 15. Jahrhundert. Dahinter verbirgt sich die Beobachtung, dass Frauen immer mehr Einfluss durch ihre stetige Präsenz bei Hofe gewinnen. Eine neue Form der Sozialität, der Gefühle und der Lebensart hält mit den Frauen Einzug. Die Hofdamen repräsentieren den neuen höfischen Charme. Die neue Weiblichkeit führte Fröhlichkeit und Leidenschaft am Hof ein. Die zahlreichen Verehrer, unter ihnen vor allem Schriftsteller und Künstler, verliehen dem Hofleben in Versailles Lebendigkeit. Die Frauen wurden zur seelisch-moralischen Stütze des Königs.

2. Berühmte Frauen am französischen Hof und ihre prägenden Traditionen

Prägend wirkten vor allem die Traditionen der Königin. Anne de Bretagne verströmte beispielsweise den speziellen bretonischen Charme ihrer Heimat am Hof. Sie schuf als Königin das "Haus der Prinzessin" mit 9 Damen (= dames galantes) und 35 bis 40 Ehrenjungfrauen als Gegenpol zum Haus des Königs mit seinen Beratern. Die Ehrenjungfrauen mussten schön und diskret gegenüber den Männern sein.


Abb. 1

Laut Guy Chaussinand-Nogaret existierte am Hof eine "atmosphère de galanterie", die fast schon Bordellcharakter hatte. Auch Katharina de Medici setzte Akzente, doch die Weiterentwicklung der Gesellschaft war Sache der Favoritin. Unter Charles VII, Louis XII, Francois I und hauptsächlich unter Henri II hielt die italienische Eleganz Einzug bei Hofe. Viele Italienerinnen wurden unter Katharina de Medici Hofdamen. Die Sitten verfeinerten sich und die höfische Damenwelt zeichnete sich durch Charme und Diplomatie aus.


Abb. 2

Der König war von nun an umgeben von einem großen Kreis von Frauen: Mutter, Schwestern, Gattin, Mätressen, Begleitdamen und die allgemeinen Hofdamen, die durch Titel bzw. Herkunft zum Hofadel gehören. Die Ziele der höfischen Adelsdamen und auch der Begleitdamen waren in erster Linie, von der Macht und dem Glanz des Königs zu profitieren und bestenfalls so in seiner Gunst zu stehen, dass man eine Karriere als Hofdame und Salonière einschlagen oder sogar den begehrten Rang der Favoritin erreichen konnte.

3. Die Polygamie in Versailles

Am Hofe herrschte Polygamie, was für die Kirche zwar stets ein Skandal blieb, doch ab Francois I sich als normal etablierte. Die maîtresse royale entwickelte sich zur Institution, für die eigene Riten und Protokolle galten. Das "Amt" galt als würdevoll und als Symbol der Macht und des Vermögens. Die Favoritin des Königs war fortan das Sinnbild der französischen Weiblichkeit. Die Augen eines ganzen Volkes waren auf sie gerichtet. In Versailles verglich man sie mit der Sonne, was verdeutlicht, welch zentrale Stelle ihr zugedacht war. Sie prägte den Stil einer ganzen Nation und wurde wie ein Idol verehrt.


Abb. 3

Durch diese Machtfülle war sie natürlich nicht nur von Freunden umgeben, sondern auch einer großen Schar von Neidern ausgesetzt. Die feste Institutionalisierung der Favoritin beschwor in erster Linie den Hass zwischen der Titelinhaberin und den Anwärterrinnen herauf, weil der feste Platz am Hofe eine große Machfülle mit sich brachte und das "Amt" noch begehrenswerter machte. Obwohl die Kirche das Mätressentum ablehnte, protegierten die Amtsträger bestimmte Maitressen-Anwärterrinnen, die ihre Interessen am Hofe vertreten sollten (Bsp: Kardinal Fleury, der tatkräftig Madame de Mailly unterstützte).

4. Die Stellung von Königin und Mätressen

Der König von Frankreich hatte demzufolge immer mindestens zwei Frauen an seiner Seite, "l'une pour régner sur les affaires, l'autre pour le coeur" (Chaussinand-Nogaret, Guy, Femmes du Roi, S. 8). Der außerehelichen Affäre wurde auf diese Weise die Heimlichkeit genommen. Der Ehebruch war öffentlich und allgemein toleriert. Die Maitressen lebten mit der Königin unter einem Dach. Die Favoritin, la maîtresse en titre, und die Königin mussten sich arrangieren. Oftmals konnte ein friedliches Nebeneinander dadurch aufgebaut werden, dass beide Damen ihren eignen Handlungsspielraum hatten. Jede hatte ihren speziellen offiziellen Status: die Gattin repräsentierte das "vie publique" und die Favoritin das "vie privée" des Königs. Beide sicherten zwar die königliche Nachkommenschaft, doch allein die Königin konnte in der Regel die Dynastiezukunft sichern.

Die Kinder spielten am Hof kaum eine Rolle, lediglich der Dauphin und die Madame royale - mithin die älteste Tochter - waren am Hof präsent, alle anderen wurden meist außerhalb von Versailles von Ammen versorgt (vgl. hierzu: Held, Jutta: Frauen im 18. Jahrhundert, S. 36-40).

Die Königin hatte drei Möglichkeiten, auf die Staatsziele Einfluss zu nehmen: durch Heirat, Geburten und ihre Regentschaft auf Zeit.

Der Favoritin hingegen stand nur eine gewisse Zeit der Einflussnahme zur Verfügung, da ihr Amt eher von Schönheit und Jugend abhing - sie war ersetzbar. Sie war der Gunst und den Launen des Königs ausgeliefert, während die Königin ihre Rolle auf Lebenszeit besaß.

In der allgemeinen Wahrnehmung verkörperte die Königin Ordnung, Legitimität, Orthodoxie und Immobilität bzw. Beständigkeit. Die Maitresse hingegen steht für Bewegung, Wohlgefallen, Inspiration und für den "frischen Wind" am Hof. Sie ist sowohl Muse für den König als auch für Architekten, Dichter und Maler. An der Seite des Königs verkörpert die Favoritin den Stil Frankreichs: "elle donne le ton, crée la mode, impose son magistère aux créations de l'art et ce n'est pas en vain qu'existe, exemple, un style Pompadour" (ebenda, S. 17).

Mit dem Einzug der Frauen wurde der Hof das Zentrum der Mode, Literatur, Politik - das Zentrum der Zivilisation schlechthin. Versailles war für Außenstehende das Paradies auf Erden. Dass es in der Realität oftmals eher einem Ort der Langeweile, der Intrigen und Tränen glich, schildert Madame Pompadour in ihren Briefen jedoch sehr eindrucksvoll. Wie eingangs kurz erwähnt, formte die Favoritin den Stil am Hofe. Die dort tätigen Künstler entsprachen ihrem Kunstgeschmack, und auch die rauschenden Feste trugen ihren Stempel. Die speziellen Bauten für die Favoritinnen auf dem Schlossgelände von Versailles symbolisieren das Gewicht ihres Geschmacks am Hof. Die maîtresse royale kümmerte sich um die Künste, Wissenschaften und Sitten. Ihr Verlangen nach Ruhm, Öffentlichkeit und Luxus kostete den König häufig viel Geld.

Vornehmlich war sie natürlich für die Zerstreuung und das Wohlergehen des Königs zuständig: "pour la reine les pleurs, la prière et le renoncement; pour la maîtresse l'amour, l'argent, le pouvoir et les fêtes." (ebenda, S. 16). Doch auch ihr politischer Einfluss und ihre Autorität wurden manchem Minister zum Verhängnis. Vor allem für ausländische Botschafter war ihre Gunst vielfach entscheidend.

 

Empfohlene Zitierweise

Zahn, Katja: Frauen am französischen Hof. Aus: Madame de Pompadour, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/5y/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 16.03.2006

Zuletzt geändert: 16.03.2006


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