Tagungsbericht

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Kommunikation und Medien in der Frühen Neuzeit, 4. Tagung der Arbeitsgemeinschaft Frühe Neuzeit, Augsburg, 13.-15. September 2001

 

Kurzbericht zu Sektion IV: Kommunikationsraum Europa und Welt
(Leitung Prof. Dr. Mark Häberlein, Universität Freiburg)

Es existiert bislang weder eine Geschichte noch eine Theorie transkultureller und globaler Kommunikation in der Vormoderne. Folgerichtig wurden in dieser Sektion keine historischen Entwürfe von grosser Reichweite präsentiert, sondern konkrete Fallbeispiele. Konzeptionell liessen sie sich zum einen der Vorstellung von Europa als einheitlichem kulturellem System zuordnen (a), zum anderen dem Konzept der kulturellen Grenzen (b).

a) Im frühneuzeitlichen Europa hatte sich stärker als im Zeitalter der Nationalstaaten ein Raum intensiver kommunikativer Vernetzung herausgebildet. Konstitutive Elemente waren u. a. Reisen, gemeinsame Zeitrechnung und gemeinsame Sprache der gelehrten Kommunikation, die sich beispielsweise in europaweiter Rezeption wissenschaftlicher Werke oder in grossen Korrespondentennetzen manifestieren konnte. Um letzere ging es in den Beiträgen von Christl Karnehm (München) mit dem Netz des Augsburger Patriziers, Handelsherrn und Mäzens Hans Fugger (1531-1598) und von Martin Stuber (Bern) mit dem Netz des Berner Patriziers und Universalgelehrten Albrecht von Haller (1708-1777). Gemeinsam ist der eher ökonomisch-politisch ausgerichteten Fugger-Korrespondenz und der zum grösseren Teil innerhalb der Gelehrtenrepublik stattfindenden Haller-Korrespondenz einmal die europäische Dimension, wobei das Schwergewicht bei Fugger in den katholischen, bei Haller in den protestantischen Gebieten liegt. Und wenn das Netz Fuggers als Aktivposten mit für den Geschäftserfolg entscheidender Wirkung, als raffiniert eingefädeltes System von Geben und Nehmen, Hören und Weitersagen bezeichnet wird, so kann dies in hohem Mass auch für das Haller-Netz gelten. Eine weitere Gemeinsamkeit ist schliesslich die grosse Bedeutung der persönlichen Reisetätigkeit des jungen Fugger und des jungen Haller für den Aufbau des Netzes. Dabei wurden für die konkrete Ausprägung des Haller-Netzes aber auch zahlreiche andere Mobilitätstypen als bestimmend eingestuft, so akademische Stellensuche und wissenschaftliche Forschungsreise, Auswanderung und Verbannung, Funktionen in der Territorialverwaltung und Fremde Dienste, schliesslich auch Heirat.

b) Unter dem Leitbegriff der kulturellen Grenzen kann der Prozess der europäischen Expansion als umfassendes Phänomen interkultureller Begegnung konzeptionalisiert werden (Jürgen Osterhammel 1995). In diesem Modell wird die Aufmerksamkeit nicht nur auf feste Demarkationslinien gerichtet, sondern auch auf mehr oder minder offene Zonen der Interaktionen. Solche gegenseitige Verständigungs- und Adaptionprozesse wurden in den Beiträgen von Martin Papenheim (Düsseldorf) und Mark Häberlein (Freiburg) untersucht. Papenheims Untersuchungsraum ist das Gebiet um die bedeutende Festung Geldern in spanischer Zeit (1587-1703). Am Ausgangspunkt seines Forschungsplans stehen allgemeine Befunde für die gesamten spanischen Niederlande. So ist dort ein starker Einfluss der spanischen Mode und Sprache festzustellen; umgekehrt waren die flämischen Maler von grosser Bedeutung für die Kunstentwicklung in Spanien. Zu einem intensiven gegenseitigen Austausch kam es auch zwischen der protestantischen Mystik der Niederländer und mystisch-religiösen Strömungen karmelitischer Frömmigkeit der Spanier. Medien des Kulturaustausches waren jedoch nicht nur Bild und Schrift, sondern gerade auch die handelnden Akteure. Durch die Kaufleute, Studenten, Hofdamen und Soldaten wurde ein völlig anderes Bild des jeweiligen Landes vermittelt, als dasjenige, welches durch den Austausch von Ideen, Moden und Kunstwerken entstand. Versucht man nun in einem zweiten Schritt auf die Besonderheiten Gelderns zu fokussieren, stellen sich grosse methodische und thematische Schwierigkeiten. Ohne Ergebnisse bleibt das archäologische Vorgehen und auch ein an der Kulturraumforschung orientierter Ansatz erweist sich als wenig aussichtsreich, denn in Geldern befanden sich zu dieser Zeit weder Studenten, noch reiche spanische Fernhändler oder bedeutende Künstler. Die Fremden waren fast auschliesslich Soldaten, bei denen sich übrigens abweichend von der älteren Forschung eine viel stärkere Integration vermuten lässt, jedenfalls aufgrund Stichprobenuntersuchungen in den Kirchenbüchern der zivilen Pfarrei und der Militärseelsorge. Überhaupt scheint der Königsweg darin zu bestehen, sehr viel stärker lokale Quellen aufzuarbeiten, etwa die Rechnungen der Geldrischen Rechenkammer und die bis jetzt völlig unbeachteten Adelskorrespondenzen. Wenn man dieses regionale und lokale Schrifttum mit der überreichen Überlieferung der spanischen und Brüsseler Behörden zur Militärverwaltung der Niederlande verbindet, entsteht, so Papenheim, eine überaus dichte Quellenlage, die etwas von der Normalität dieser multikulturellen Gesellschaft der Frühen Neuzeit sichtbar machen könnte. Das zweite Fallbeispiel interkultureller Kommunikation bezieht sich auf das koloniale Nordamerika im 17. und 18. Jahrhundert, wo Häberlein die Vermittlungsprozesse zwischen europäischen Kolonisten und indianischen Ureinwohnern (v.a. Irokesen) untersuchte. Er stellte erstens fest, dass die Formen und Rituale der europäisch-indianischen Kommunikation in starkem Masse von indianischen Traditionen und Gepflogenheiten bestimmt wurden, so spezifische Begrüssungs-, Schenk- und Trauerzeremonien sowie ein ritualisierter, auf Konsens ausgerichteter Beratungs- und Verhandlungsstil. Europäer, die unter den Irokesen etwas erreichen wollten, versuchten diese Formen zu beachten, auch wenn die Verhandlungen für sie dadurch sehr anstrengend und ermüdend werden konnten. Zweitens betonte Häberlein die Bedeutung von kulturellen Vermittlern (cultural brokers), deren Rolle hauptsächlich auf ihrer Sprachkompetenz beruhte. Dabei passten sich diese bilingualen Vermittler europäischer oder indianischer Herkunft i.d.R. nicht einfach der je anderen Kultur an, sondern verknüpften vielmehr die beiden Lebensformen kreativ miteinander. Die Rolle dieser interkulturellen Kommunikatoren, und das ist der dritte Befund, ist ausgesprochen ambivalent zu sehen. Sie konnten aus ihrer Stellung zwischen den Kulturen durchaus Prestige schöpfen. Viele von ihnen starben aber auch eines gewaltsamen Todes, wurden des Verrats beschuldigt, unehrenhaft aus dem Dienst entlassen oder verfielen dem Alkohol. Außerdem konnten sich nur die wenigsten dieser Vermittler von kulturellen Stereotypen und Vorurteilen wirklich lösen.

 

Dr. Martin Stuber, Forschungsprojekt Albrecht von Haller, Medizinhistorisches Institut der Universtität Bern 

 

Empfohlene Zitierweise

Stuber, Martin: Kurzbericht zu Sektion IV: Kommunikationsraum Europa und Welt. Tagungsbericht zu: Kommunikation und Medien in der Frühen Neuzeit, 4. Tagung der Arbeitsgemeinschaft Frühe Neuzeit, Augsburg, 13.-15. September 2001, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/6n/

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Erstellt: 09.03.2006

Zuletzt geändert: 09.03.2006


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