19. Jahrhundert

Barthold Georg Niebuhr ( 1776-1831 )

 

"Ich werde hingegen suchen die Kritik der Geschichte [...], nicht nach dunklen Gefühlen sondern forschend, auszuführen; nicht ihre Resultate, welche nur blinde Meinungen stiften, sondern die Untersuchungen selbst in ihrem ganzen Umfange vortragen."

Einleitung zu den Vorlesungen über Römische Geschichte. October 1810, in: Kleinere historische und philologische Schriften. Erste Sammlung. Bonn 1828. S. 87.

 

Stimmen der Forschung

"Die erste überragende Gestalt auf dem Gebiete der modernen Historiographie, der Mann, der die Geschichtsforschung vom Nebenfach zur Würde einer unabhängigen Wissenschaft erhob, die vornehme Persönlichkeit, in der die größten Historiker der folgenden Generationen ihr begeisterndes Vorbild fanden, war Niebuhr."

George P. Gooch: Geschichte und Geschichtsschreiber im 19. Jahrhundert, Frankfurt a. M. 1964, S. 25.

 

"Als einer der Begründer der modernen Geschichtswissenschaft, als Urheber der historisch-kritischen Methode und als Verfasser eines klassischen Geschichtswerkes genießt Niebuhr noch heute eine, freilich etwas zur Konvention gewordene, große Autorität."

Karl Christ: Von Gibbon zu Rostovtzeff. Leben und Werk führender Althistoriker der Neuzeit, Darmstadt 1989, S. 26.

 

"Die Schule Niebuhrs, die neben dem Meister selbst Albert Schwengler, Karl Wilhelm Nitzsch und Heinrich Nissen umschließt, konzentriert sich, aus der neuhumanistischen Altertumswissenschaft heraus, auf die Alte Geschichte im prägnanten Verstande, das heißt auf die politisch-soziale Geschichte des Altertums und stellt damit zugleich die moderne Einheit von Geschichtsforschung und Geschichtsschreibung her."

Ulrich Muhlack: Geschichtswissenschaft im Humanismus und in der Aufklärung. Die Vorgeschichte des Historismus, München 1991, S. 412.

 

"N. begründete die philologisch-historische Quellenkritik, die grundlegend für die deutsche Geschichtswissenschaft wurde. Sein Werk, von detaillierter, auch schwerfälliger, komplizierter Darstellung und persönlicher Reflexion, prägte für ein halbes Jahrhundert das Bild von der Römischen Geschichte in Deutschland. Vor der eigentlichen Entfaltung des Historismus hat er die Wechselwirkung zwischen den Erfahrungen des Historismus mit seiner Gegenwart und der Bewertung der von ihm erforschten Vergangenheit nicht nur erkannt; er hielt praktische Erfahrungen in Politik und Verwaltung für den Historiker überhaupt für unentbehrlich."

Christoph Frhr. von Maltzahn in: Rüdiger vom Bruch/Rainer A. Müller (Hg.): Historikerlexikon. Von der Antike bis zum 20. Jahrhundert, München 1991, S. 224.

 

"Seit Barthold Georg Niebuhr aus einem Teilnehmer der Forschung zu einem ihrer Themen wurde, sind die beiden Aspekte, die Thomas Nipperdey nennt, die tragenden Säulen jeder Würdigung seiner historischen Bedeutung: N. habe die Geschichtswissenschaft revolutioniert, indem er die Überlieferung anhand seines politischen Fachwissens durchdrungen und kritisiert, aber zugleich eben auch auf eine neue Art geordnet habe. Mögen die folgenden Generationen für seine dabei getanen 'Mißgriffe' bisweilen starke Worte gefunden haben - die Reihe seiner Kritiker reicht von August Wilhelm Schlegel über Theodor Mommsen bis zu Eduard Fueter - so wurde ihm doch nie bestritten, der Gründer der modernen 'philologisch-historischen Quellenkritik' zu sein."

Gerrit Walther: Niebuhrs Forschung, Stuttgart 1993, S. 11.

 

"Overshadowed by Theodor Mommsen, the other great 19th-century historian of Rome, Barthold Georg Niebuhr - statesman, diplomat, financier, and official historian at the Prussian court - was largely forgotten after the later 19th century. However, he was one of the founders of German historicism, of attempts to make historical thinking follow the laws of natural science, and of modern source criticism. This may even be why Niebuhr was displaced, as he himself helped to achieve a radical critique of sources and of earlier historical writing. He was once characterized by Wilhelm von Humboldt as a scholar among statesman and a statesman among scholars."

Benedikt Stuchtey: Niebuhr, B.G..: German (danish-born) historian, in: Kelly Boyd (Ed.): Encyclopedia of Historians and Historical Writing, Vol. II, London/Chicago 1999, S. 871.

 

Biografie

27.08.1776

Geboren in Kopenhagen als Sohn von Carsten Niebuhr (Forschungsreisender) und Christiane Sophie, geb. Blumenberg

1794-1796

Studium der Rechtswissenschaften, Naturwissenschaften, Philosophie und Geschichte in Kiel, erste Kontakte zu Johann Heinrich Voß und Johann Wolfgang Goethe

1796

Privatsekretär des dänischen Finanzministers Graf Schimmelberg

1797

Sekretär der dänischen königlichen Hofbibliothek

1798-1799

Studienaufenthalt in England und Schottland

1800

Ehe mit Amalie Behrens, kinderlos

1804

Direktor der Dänischen Staatsbank

1806

Führender Finanzpolitiker in Preußen durch die Vermittlung des Freiherrn vom Stein

1809

Neuordnung der preußischen Staatsfinanzen durch Niebuhr als Geheimem Staatsrat und Sektionsleiter für das Staatsschuldenwesen und die Geldinstitute

1810

Ausscheiden aus der preußischen Regierung, Ernennung zum Hofhistoriographen, Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften

1810-1813

Lehrtätigkeit an der Berliner Universität

1813

Rückkehr in den preußischen Finanzdienst

1815

Tod der ersten Ehefrau

1816

Ehe mit Margarethe Luise Hensler; vier Kinder, darunter Carsten Nikolaus (von) Niebuhr (1817-1860), ebenfalls preußischer Politiker und Historiker

1816-1823

Gesandter Preußens im Vatikan in Rom

1824-1825

Mitglied des Preußischen Staatsrates

1825

Venia legendi an der Bonner Universität, Lehrtätigkeit

1825

Gründung der Zeitschrift "Rheinisches Museum"

02.01.1831

Gestorben in Bonn

 

Werke (Auswahl)

1803-1806

Zur Geschichte der Römischen Staatsländereien, Bonn 1803-1806

1811-1832

Römische Geschichte, 3 Bde., Bonn 1811-1832 (Berlin 1973f.)

1814

Preußens Recht gegen den sächsischen Hof, Berlin 1814 (Mikrofiche-Ausgabe Berlin 1999)

1815

Über geheime Verbindungen im preußischen Staat, und deren Denunciation, Berlin 1815

1820

Inscriptiones Nubienses. Commentatio lecta in conventu Academiae Archaeologiae, Rom 1820

1828

Kleine historische und philologische Schriften, Bd. 1, Bonn 1828 (Osnabrück 1969)

1842

Nachgelassene Schriften nichtphilologischen Inhalts, hg. von Markus Niebuhr, 2 Bde., Hamburg 1842

1843

Kleine historische und philologische Schriften, Bd. 2, Bonn 1843 (Osnabrück 1969)

1845

Geschichte des Zeitalters der Revolution, hg. von Markus Niebuhr, 2 Bde., Hamburg 1845

1846-1848

Historische und philologische Vorträge an der Universität zu Bonn, 3 Bde., Berlin 1846-1848

1847-1851

Vorträge über alte Geschichte. An der Universität zu Bonn gehalten, hg. von Markus Niebuhr, 3. Bde., Berlin 1847-1851

1918

Briefe und Schriften. Ausgewählt und eingeleitet von Ludwig Lorenz, Berlin 1918 (Berlin 1928)

1926-1929

Die Briefe Barthold Georg Niebuhrs, hg. von Dietrich Gerhard/William Norvin, 2 Bde., Berlin 1926-1929

1993

Briefe und Schriften. Ausgewählt und eingeleitet von Ludwig Lorenz, Mikrofiche-Ausgabe, Egelsbach u.a. 1993

 

Sekundärliteratur

Bridenthal, Renate: Was there a Roman Homer? Niebuhr's Thesis and Its Critics, in: History and Theory 11 (1972), S. 193-213.

Bengtson, Hermann: Barthold Georg Niebuhr und die Idee der Universalgeschichte des Altertums. Rektoratsrede vom 11.5.1960, Würzburg 1960.

Blanke, Horst W.: Die Kritik der Alexanderhistoriker bei Heyne, Heeren, Niebuhr und Droysen. Eine Fallstudie zur Entwicklung der historischen-philologischen Methode in der Aufklärung und im Historismus, in: Storia della Storiografia 13 (1988), S. 106-127.

Eyssenhardt, Friedrich: Barthold Georg Niebuhr. Ein biographischer Versuch, Gotha 1886.

Hensler, Dora (Hg.): Lebensnachrichten über Barthold Georg Niebuhr aus Briefen desselben und aus Erinnerungen einiger seiner nächsten Freunde, 3 Bde., Hamburg 1838 -1839.

Heuss, Alfred: Barthold Georg Niebuhrs wissenschaftliche Anfänge. Untersuchungen und Mitteilungen über die Kopenhagener Manuskripte und zur europäischen Tradition der lex agraria (loi agraire), Göttingen 1981.

Kraus, Hans-Christof: Die verfassungspolitischen Ideen Barthold Georg Niebuhrs, in: Frank-Lothar Kroll (Hg.): Neue Wege der Ideengeschichte. Festschrift für Kurt Kluxen zum 85. Geburtstag, Paderborn 1996, S. 285-305.

Maltzahn, Christoph Frhr. Von: Niebuhr, Barthold Georg (1776-1831), in: Rüdiger vom Bruch/Rainer A. Müller (Hg.): Historikerlexikon. Von der Antike bis zum 20. Jahrhundert, München 1991, S. 223f.

Oehme, Marlis: Die römische Villenwirtschaft. Untersuchungen zu den Agrarschriften Catos und Columellas und ihrer Darstellung bei Niebuhr und Mommsen, Bonn 1988.

Reill, Peter H.: Barthold Georg Niebuhr and the Enlightenment Tradition, in: German Studies Review 3 (1980), S. 9-26.

Rytkönen, Seppo: Barthold Georg Niebuhr als Politiker und Historiker. Zeitgeschehen und Zeitgeist in den geschichtlichen Beurteilungen von B.G. Niebuhr, Helsinki 1968.

Straub, Johannes: Barthold Georg Niebuhr 1776-1831, in: Bonner Gelehrte. Beiträge zur Geschichte der Wissenschaften in Bonn, Bonn 1968.

Schulin, Ernst: Neue Beiträge zur Niebuhr-Forschung, in: Zeitschrift für Historische Forschung 11 (1984), S. 69-74.

Stuchtey, Benedikt: Niebuhr, B.G. German (danish-born) historian, in: Kelly Boyd, (Ed.): Encyclopedia of Historians and Historical Writing, Vol. II, London/Chicago 1999, S. 871-873.

Trende, Adolf (Hg.): Forschungen zur internationalen Finanz- und Bankgeschichte. Barthold Georg Niebuhr als Finanz- und Bankmann, Berlin 1929.

Vischer, Eduard: Niebuhr und Ranke, in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 39 (1989), S. 243-265.

Walther, Gerrit: Barthold Georg Niebuhr. Römische Geschichte, in: Volker Reinhart (Hg.): Hauptwerke der Geschichtsschreibung, Stuttgart 1997.

Walther, Gerrit: Niebuhrs Forschung, Stuttgart 1993.

Wirth, Gerhard (Hg.): Barthold Georg Niebuhr. Historiker und Staatsmann. Vorträge bei dem anläßlich seines 150. Todestages in Bonn veranstalteten Kolloquium vom 10. - 12. November 1981, Bonn 1984.

Witte, Barthold C.: Der preußische Tacitus. Aufstieg, Ruhm und Ende des Historikers Barthold Georg Niebuhr 1776-1831, Düsseldorf 1979.

Wolf-Dahm, Barbara: Barthold Georg Niebuhr, in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Bd. 6, S. 717-721.

 

Links

a) Quellen

 

(N.N.)

 

b) Sekundärinformationen

 

Bestandsinformation

http://archiv.bbaw.de/archiv/archivbestaende/abteilung-nachlasse/nachlasse/niebuhr_barthold

Kurzbeschreibung der Bestände der Nachlassabteilung des Archivs der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

Anbieter: Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften

 

Kirchenlexikon

http://www.bautz.de/bbkl/n/niebuhr_b_g.shtml
Das biographisch-bibliographische Kirchenlexikon - Biografie und besonders Literatur sehr umfangreich.
Anbieter: Verlag Traugott Bautz

 

Lexikoneintrag

http://en.wikipedia.org/wiki/Barthold_Georg_Niebuhr
Informationen zu Leben und Werk aus der EB von 1911
Anbieter: Wikipedia - Freie Internetenzyklopädie

 

Informationen

http://www.gesetzlose-gesellschaft.de/n/niebuhr.phtml

Links, Kurzinfos und Texte rund um Barhold Georg Niebuhr

Anbieter: Die Gesetzlose Gesellschaft zu Berlin,

 

Florian Kiuntke, Christian Irsfeld 

15.07.2003

 



Erstellt: 03.03.2006

Zuletzt geändert: 02.08.2013


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