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Corinna Hauswedell

Deeskalation als Paradigma historischer Friedensforschung

aus: Corinna Hauswedell (Hrsg.): Deeskalation von Gewaltkonflikten nach 1945, Essen 2006 (Frieden und Krieg. Beiträge zur Historischen Friedensforschung, Bd. 7).

 

„Von allen Bekundungen der Macht beeindruckt die Menschen nichts so sehr wie Zurückhaltung.“

Thukydides

Wie nachhaltige Friedensprozesse in Gang zu setzen sind, ist seit der Beendigung des Ost-West-Konfliktes, mit neuer Brisanz jedoch seit dem „war on terror“, den die US-Administration in Reaktion auf die Anschläge des 11. September 2001 ausgerufen hat, und seit dem Irak-Krieg 2003 ins Zentrum internationaler Ordnungsvorstellungen gerückt. In den aktuellen Debatten über so genannte Neue Kriege, humanitäre Intervention und Nachkriegskonsolidierung ist die Friedens- und Konfliktforschung in besonderer Weise gefordert zu untersuchen, wie Bedingungen für eine zivile Konfliktbearbeitung, für staatliche und nichtstaatliche Strategien einer politischen Streitbeilegung aussehen können. Trotz ihrer augenfälligen Bedeutung ist aber die Frage nach einer friedensgerichteten Transformation kollektiver Gewaltverhältnisse historiographisch weit weniger systematisch untersucht worden [1] als die Geschichte der Genese von Gewaltkonflikten. Der Arbeitskreis Historische Friedensforschung betrat insofern mit seiner Jahrestagung 2004, aus der die Beiträge dieses Bandes hervorgegangen sind, in mancher Hinsicht inhaltliches und methodisches Neuland. In einer Zusammenschau disziplinenübergreifender und komparativer Forschungsperspektiven kontrastierte die Konferenz Erfolge und Fehlschläge der Entspannungsbemühungen während des Ost-West-Konfliktes mit den Deeskalations- und Transformationsansätzen vorwiegend innerstaatlicher Konflikte aus jüngerer Zeit auf dem afrikanischen Kontinent, im Nahen Osten sowie in Europa. Indem die Beiträge des Bandes sehr unterschiedliche historisch-politische Kontexte und Dynamiken einer Deeskalation politisch-militärischer Gewalt vorstellen, werfen sie die Frage auf, ob sich aus der Gegenüberstellung der bipolar geprägten Weltordnung und der gegenwärtigen, hegemonialen Machtkonstellation mit ihren asymmetrischen Konflikten Lehren oder Muster für künftige Konfliktanalyse und -bearbeitung gewinnen lassen. Anhand von Fallstudien zur deutschen Ostpolitik der Ära Brandt, zum Vietnamkrieg, dem KSZE-Prozess und der Regierungszeit Gorbatschows sowie zum israelisch-palästinensischen Konflikt, dem Eritrea-Äthiopien-Konflikt und dem Nordirland-Konflikt beschreiben und analysieren die Autorinnen und Autoren die Rollen und Strategien staatlicher und nichtstaatlicher, externer und interner Akteure sowie ihre jeweils unterschiedlichen politisch-kulturellen Prägungen und Zielperspektiven im Umgang mit Gewaltkonflikten.

Deesakalation zwischen Krisenmanagement und nachhaltiger Friedenssicherung

Ausgangspunkte und Beweggründe, um über Deeskalation nachzudenken, waren in der Vergangenheit und sind es heute konfrontative Zuspitzungen im internationalen System, Krisen und Kriege. Deeskalation nimmt vor allem die Konfliktdynamik und ihre kollektiven Gewaltakteure ins Visier. Im Kontext des Konfliktgeschehens zwischen und innerhalb von Staaten und Gesellschaften beschreibt Deeskalation einen aktiven politischen Prozess der Konflikttransformation. Er wird in der Regel mit dem Ziel initiiert, die Interaktion zwischen den Konfliktparteien so zu beeinflussen, dass militärisches Handeln und die damit einhergehenden Bedrohungen abgebaut und Chancen für einen friedensgerichteten, zivilen Konfliktaustrag eröffnet werden.

Anders als der Begriff der Gewalt [2] stellt Deeskalation bis dato weniger eine eigenständige theoretische Kategorie als vielmehr einen politischen und historischen Erfahrungsvorrat dar, den es zu systematisieren gilt. Die Definition des Universallexikons stellt Deeskalation (und ihren Gegenbegriff der Eskalation) eindeutig in den Kontext politischer und insbesondere militärischer Gewaltanwendung (bzw. deren Minderung); begrifflich erfasst werden allerdings eher die Methoden im Umgang mit Gewaltkonflikten als die Perspektiven dauerhafter Lösungsansätze. Dieser pragmatische Definitionsansatz enthält Chancen für ein Ad-hoc-Krisenmanagement, das jenseits ideologischer Scheuklappen und zum Nutzen der vom Konflikt Betroffenen möglicherweise Schlimmeres abwenden kann, birgt aber auch die Gefahr, dabei im Gestrüpp widerstreitender Interessen hängen zu bleiben und nicht zu den Wurzeln der Konflikte vorzudringen.

Es sind gerade diese Komplexität, die unterschiedlichen Inhalte und Formen und die darin angelegten Ambivalenzen, welche Deeskalation als Paradigma auch für die Historische Friedensforschung interessant machen. [3] Die Beantwortung der Frage, unter welchen Voraussetzungen militärische Gewalt aus einem Konfliktgeschehen verbannt werden kann, erfordert Kenntnisse über die historische Genese eines Konfliktes und die damit verbundenen politisch-kulturellen und mentalen Dispositionen der potenziell gewaltsam agierenden Gruppen. Nur wenn die jeweiligen historisch-gesellschaftlichen Bedingtheiten eines Gewaltkonfliktes konstruktiv auf die unversöhnlich erscheinenden Interessen, Ziele und Prägungen der Konfliktparteien bezogen werden können, lässt sich – im besten Fall – Deeskalation bis hin zur Entmilitarisierung der Gewaltpotentiale und Abrüstung der Gewaltmittel vollenden. [4] Diesen Spannungsbogen zwischen einem „positiven Frieden“, der nach Meinung mancher Politikwissenschaftler erst jenseits der Konfliktdeeskalation beginnt (vgl. u.a. Tobias Debiel in diesem Band), und einem „negativem Frieden“, für den Deeskalation lediglich eine (Initial-)Phase der Konflikttransformation beschreibt, hat auch die neuere ethno-soziologische Forschung, die sich vor allem mit „violent group conflicts“ innerstaatlicher oder innergesellschaftlicher Natur befasst, aufgegriffen:

„Deeskalation beschreibt den gegenläufigen Prozess einer Eskalation mit dem Ziel, kollektive Gewaltanwendung zu begrenzen. Eine erfolgreich zu Ende geführte Deeskalation führt zu Versöhnung und dauerhaftem Frieden. Der Begriff Deeskalation beschreibt aber auch den Vorgang der Rückführung kollektiver Gewalt auf ein niedrigeres Maß bzw. die Etablierung einer gewissen Gewaltkontrolle.“ [5] Diesen Definitionsansatz kann sich die Historische Friedensforschung sowohl wegen seiner Angebote zur vergleichenden Analyse von Konfliktprozessen als auch wegen der darin enthaltenen normativen Richtschnur zu eigen machen.

In der traditionellen Arbeitsteilung der akademischen Disziplinen stehen in der Regel politikwissenschaftliche, soziologische, psychologische und andere sozialwissenschaftliche Forschungen zur Beendigung bzw. Verhinderung von Kriegen und Gewaltkonflikten relativ unverbunden nebeneinander. Ökonomie, Völkerrecht, Ethnologie und Anthropologie, aber auch die Naturwissenschaften können gewichtige Beiträge leisten. Historische Friedensforschung bezieht sich von jeher und in selbstreflexiver Weise auch auf Kategorien, Begriffe und Konzepte der sozialwissenschaftlichen Friedens-, Konflikt- und Gewaltforschung. [6] Dies gilt naturgemäß umso mehr, je stärker sie ihre Gegenstände in der Zeitgeschichte sucht, die einen transdisziplinären Umgang mit methodischen und normativen Prämissen und Forschungsansätzen besonders nahe legen. Von Bedeutung für die Fragestellungen dieses Bandes sind politikwissenschaftliche Erträge, die (vorwiegend im Rahmen der Disziplin der Internationalen Beziehungen) während der Zeit der bipolaren Konfrontation gewonnen wurden,[7] sowie zahlreiche sozialwissenschaftliche Studien, die seit 1989 über Probleme der Kriegsbeendigung und Friedenskonsolidierung (Peacebuilding) erschienen sind. [8]

Kriegsvermeidung oder „self-sustained conflict“?

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, zunächst während des Kalten Krieges und dann nach dem Ende der bipolaren Systemkonfrontation seit den 1990er Jahren, sind sehr unterschiedliche politische Erfahrungen mit Strategien und Instrumenten der Konfliktbearbeitung gesammelt worden. Sie umfassen ein breites Spektrum von Szenarien und Stadien der Deeskalation: Diese reichten von vielfältigen Formen politischer Entspannungsbemühungen, einseitiger und multilateraler Vertrauensbildung, Vermittlung und Mediation, klassischer internationaler Diplomatie sowie so genannten track-two-Initiativen zivilgesellschaftlicher Herkunft, über Sanktionsregime, Waffenstillstandsvereinbarungen, Rüstungskontroll- und Abrüstungsmaßnahmen bis hin zu Friedensschlüssen, -verträgen und -abkommen unterschiedlicher Reichweite.

Der Wandel der internationalen Beziehungen, Ordnungsvorstellungen und Konfliktwahrnehmungen seit 1945 mit der Zäsur von 1989/90 hat auch die Akteursperspektiven für Deeskalation verändert. Während sich bis zum Ende des Ost-West-Konflikts die Grenzen zwischen Krieg und Frieden relativ eindeutig bestimmen ließen, gehört die Verwischung dieser Trennlinien zwischen militärischem und zivilem Handeln zu den relativ neuen Phänomenen der Zeit seit 1990. Während der militärisch und ideologisch hoch gerüsteten Ost-West-Konfrontation, in welcher die nukleare Abschreckung mit einer gegenseitig versicherten Zerstörungskapazität (Mutually Assured Destruction, MAD) erfunden wurde, richteten sich Deeskalationsstrategien vor allem auf das Ziel der Kriegsvermeidung – nicht immer erfolgreich, wie die zahlreichen Stellvertreterkriege, die „heißen Kriege im Kalten Krieg“, zeigten. [9] Krisen zwischen den Supermächten waren immer auch ein Tanz auf dem atomaren Vulkan. Neuere Forschungen [10] befassen sich mit der Frage, ob der Ost-West-Konflikt aufgrund seiner endogenen Strukturen ein sich selbst erhaltendes System von Eskalation und Deeskalation darstellte und insofern eher ein „self-sustained conflict“ als ein vermiedener Krieg war (vgl. Jost Dülffer in diesem Band).

Kommunikation, Dialog, Verhandlungsfrieden

Zu den unbestrittenen Deeskalationsleistungen zählen Historiker und Politikwissenschaftler die Initiierung von Dialogstrategien im Kalten Krieg, die – mit der Zielperspektive der Schaffung gemeinsamer Sicherheit zwischen Ost und West – zur Détente und infolge des KSZE-Prozesses schließlich zur Auflösung der Systemkonfrontation führten (vgl. die Beiträge von Gottfried Niedhart, Peter Schlotter und Wilfried Loth in diesem Band). Kommunikatives Handeln, [11] das die Interessenlagen der „anderen“ Konfliktpartei zumindest partiell einbezieht, kann als Gegenbegriff bzw. Ergänzung zu strategischem Handeln, das sich auf die Durchsetzung der jeweils eigenen Interessen konzentriert, verstanden werden. Kommunikation und Dialog schaffen also die Voraussetzungen für den Austausch von Informationen und Sinndeutungen, um in Gewaltkonflikten abwesendes Vertrauen oder zumindest Kenntnisse über gegenseitige Erwartungen herzustellen. Sie machen Konfliktgegenstände erst verhandelbar und können mithin als zentrale Kategorien und Instrumente von Deeskalation gelten, die jenseits der jeweiligen Konfliktkonstellation Geltung besitzen.

Zweifelsohne sind internationale Politik, Konfliktregulierung und -prävention seit 1989/90 komplexer und unübersichtlicher geworden; das Auftreten des transnationalen Terrorismus hat zu Beginn des 21. Jahrhunderts eine weitere Dimension hinzugefügt. [12] Konfliktinterventionen, auch wenn sie mit dem Ziel der Deeskalation unternommen werden, stehen im Dienst widerstreitender Weltordnungsvorstellungen. Die neue Unipolarität mit ihren großen Machtasymmetrien hat einerseits die Enttabuierung militärischen Handels auf Seiten der mächtigen Staaten ebenso wie bei unterschiedlichen nichtstaatlichen Akteuren gefördert. [13] Es wurden andererseits aber auch neue Ressourcen für friedensfördernde Prozesse sichtbar. Zwischen 1988 und 2000 sind etwa vierzig Friedensvereinbarungen zur Regelung vornehmlich innerstaatlicher Gewaltkonflikte getroffen worden. [14] Das war auch für die vom Ost-West-Konflikt geprägte Friedens- und Konfliktforschung etwas Neues. An die Stelle des Siegfriedens, wie er vor allem für das Ende der beiden Weltkriege, aber auch für zahlreiche zwischenstaatliche Kriegsbeendigungen in der Geschichte typisch war, ist immer häufiger der Verhandlungsfrieden getreten [15] (vgl. auch William Zartman und Christine Bell in diesem Band). Diese Entwicklung war zugleich Resultat, aber auch Voraussetzung für die Entfaltung eines breiteren Spektrums von Deeskalationsmöglichkeiten, die auf eine stärkere Balance bzw. den Ausgleich zwischen den divergierenden Interessen eines Gewaltkonfliktes gerichtet sein können.

Peacebuilding in zivil-militärischen Grauzonen

Die Handlungsspielräume für Deeskalation und die Kenntnisse über ihre Wirkungsmechanismen haben sich also potenziell erweitert, aber auch an Komplexität gewonnen. Neben den Nationalstaaten treten zunehmend internationale staatliche und nichtstaatliche Organisationen, gesellschaftliche Gruppen und Individuen als handelnde Subjekte im Konfliktgeschehen auf. Staatliche Souveränität wird durch eine Vielzahl von widersprüchlichen Faktoren begrenzt bzw. relativiert, die auch mit den Herausforderungen des Globalisierungsprozesses zusammenhängen. [16] Dies gilt im Nord-Süd- ebenso wie im West-Ost-Verhältnis. Unter anderen sind dies Probleme ökonomischer Integration bzw. Desintegration, die Gefährdung sozialer und ethnischer Gefüge, die Verletzung von Menschenrechten sowie der Zerfall von Staatlichkeit. [17] Viele dieser Faktoren gehen einher mit einer Infragestellung des klassischen Gewaltmonopols, das aus dem System des Westfälischen Friedens hervorgegangen ist und unter anderem das Recht souveräner Staaten zur Kriegführung beschreibt. [18] Die Erosion der damit verbundenen Sicherheitsvorstellungen lässt neue Bedrohungswahrnehmungen entstehen und wirkt auch als neuer Katalysator für Gewalteskalationen der verschiedensten Art.

Seit den 1990er Jahren erlebte die Welt eine nicht unumstrittene Konjunktur von durch externe Akteure induzierten Krisen- und Konfliktinterventionen, einschließlich gezielter Militäreinsätze – mit und ohne Mandat der Vereinten Nationen; sie wurden zum Zwecke des Peacebuilding mit dem Ziel politischer Stabilisierung, humanitärer Hilfe oder Demokratisierung unternommen, so z.B. im ehemaligen Jugoslawien, auf dem afrikanischen Kontinent, in Afghanistan. Die Bundeswehr ist in den vergangenen 15 Jahren zu einem der größten Truppensteller weltweit bei so genannten internationalen Friedensmissionen mit unterschiedlichem Mandat und Intensität geworden. [19] Inwieweit dienten diese „gemischten“ Interventionen der Deeskalation im Sinne der Reduzierung militärischer Gewalt und der Eröffnung ziviler Handlungsspielräume? Das Bild ist widersprüchlich. Einige Friedensmissionen, z.B. in Liberia oder in der Demokratischen Republik Kongo, deuten darauf hin, dass Deeskalationsstrategien, auch wenn sie mit Entwicklungshilfeprogrammen einhergehen, nicht immer an die tiefer liegenden Konfliktursachen heranreichen, zuweilen sogar kontraproduktiv für eine nachhaltige Deeskalation sein können. Unter der Oberfläche momentaner politischer Stabilisierung können ökonomische und politische Gewaltkulturen bzw. Machtverhältnisse weiterwirken oder neu entstehen, [20] die eine Demokratisierung der Konfliktgesellschaften verhindern (vgl. den Beitrag von Richard Trivelli und Francesco Zapatelli in diesem Band). [21] Auch gegenüber vielen arabischen Staaten hat der Westen die Erfahrung gemacht, dass eine zum Teil über Jahrzehnte und unter Zuhilfenahme militärischer Mittel praktizierte Stabilisierung autoritärer Herrschaftsstrukturen zwar den Zugriff auf interessante (Energie-)Ressourcen und Bodenschätze sichern helfen kann, aber der Förderung von Demokratie und Menschenrechten in von Konflikten geschüttelten Gesellschaften nicht unbedingt dienlich ist. Halbherzig betriebene Deeskalationen bieten also Einfallstore für politisch begründete Doppelmoral – und umgekehrt.

Seitdem die Grenzen und Übergänge zwischen zivilem und militärischem Handeln in Konflikten fließender werden, treten auch die Ambivalenzen im Umgang mit und in Folge von Deeskalation deutlicher zutage. Übergangsphasen instabiler Friedensprozesse bzw. Formen unbeendeter Gewaltanwendung erfordern eine größere Trennschärfe bei der Analyse der Faktoren, die tatsächlich deeskalierend im Sinne einer effektiven Gewaltkontrolle wirken. Für die Friedenswissenschaften bedeutete dies – nolens volens – auch eine erneute Hinwendung zu den Phänomenen des Krieges. [22] Die Frage, wer unter welchen Bedingungen militärische Mittel einsetzen darf, bewegt seit dem „Krieg gegen den Terror“, mit dem das klassische völkerrechtliche Terrain verlassen wurde, in neuer Schärfe die politischen und wissenschaftlichen Kontroversen. Das Verhalten von Demokratien im Krieg steht auf dem Prüfstand; [23] der Schutz der Menschenrechte, wie er z.B. im Rahmen der Genfer Konvention verankert wurde, steht zur Disposition. [24] Das berührt auch die Problematik der Deeskalation. Historisch-komparative Analysen hätten die Prozesse der Depolitisierung bzw. Repolitisierung, also der Legitimität bzw. Legitimation von politischer Gewalt, zu untersuchen: In kriegerischen Auseinandersetzungen ging es selten nur um militärische Strategien, Waffen und Soldaten, und auch nicht nur um ökonomische Vorteile oder Territorialansprüche; meistens geht es auch um die politische Deutungshoheit im Konflikt, um Meinungs- und Definitionsführerschaft über historisch gewachsene Traditionen, Mythen und Symbole eines Gewaltkonfliktes, also auch gegenüber oder in gegnerischen Gesellschaften. Dies gilt umso mehr, je höher der Grad der Verfeindung, je länger die Konfliktgeschichte und je weniger ebenbürtig bzw. symmetrisch die Machtverteilung zwischen den Konfliktparteien zu bewerten sind. Deeskalationsbemühungen im israelisch-palästinensischen Verhältnis beispielsweise sind unter anderem auch daran gescheitert, dass objektive und subjektive Konfliktfaktoren – entweder aus der Sphäre der politisch-militärischen Hardware internationaler Ordnungspolitik oder aus der Software kulturell-mentaler Gewaltprägungen – nicht als komplementär verstanden wurden (vgl. auch Margret Johannsen in diesem Band).

Abrüstung beginnt in den Köpfen

Das Titelbild dieses Bandes ist in verfremdender Absicht den nordirischen Murals (Wandgemälden) entlehnt, die während und nach dem Bürgerkrieg von katholisch-republikanischer sowie protestantisch-loyalistischer Seite zur territorialen Abgrenzung bzw. als Orte der Erinnerung produziert wurden. Es soll den hohen Stellenwert der subjektiv-mentalen Dimension von Deeskalation verdeutlichen. Die Abrüstung der Köpfe oder, im Jargon des nordirischen Friedensprozesses, das „decommissioning of mindsets“ ist Voraussetzung für eine weiter reichende Deeskalation, die auch die Abrüstung der Waffen einschließt. Sie stellt keine Einbahnstraße dar, sondern betrifft die Subjekte aller in einen Gewaltkonflikt involvierten Akteursgruppen. Im Hintergrund mentaler Abrüstung muss sich ein Grad der politischen Anerkennung – und mithin der Legitimierung – der Interessen der jeweils anderen Seite vollziehen, der einen Gewaltverzicht und das Aushandeln eines neuen, gemeinsamen Sicherheitsverständnisses ermöglicht (vgl. auch den Nordirlandbeitrag in diesem Band). Erst dann können neue Selbst- und Fremdbilder jenseits der Feinbilder entstehen.

Die Autorinnen und Autoren dieses Bandes können zeigen, dass es sich bei den hier geschilderten subjektiven Hindernissen bzw. Voraussetzungen für Deeskalation keineswegs um Phänome handelt, die nur spezifisch für bürgerkriegsähnliche Konflikte mit oder ohne Beteiligung terroristischer Gewaltformen gelten. Mentale Verlängerungen von Kriegsschatten in einen Friedensschluss hinein gab es nach den Großen Kriegen des 20. Jahrhunderts, sie wirkten negativ verstärkend im Kalten Krieg, verhinderten die Deeskalation seitens der USA im Vietnamkrieg. Umgekehrt hing es eben maßgeblich von subjektiven Einsichten gerade auch der staatlichen Eliten ab, ob es, wie in der Ära Gorbatschow, zu nachhaltig deeskalatorischem Handeln kam.

Zu den Beiträgen dieses Bandes

Mit seiner begrifflichen Provokation vom „self-sustained conflict“, mit der Jost Dülffer in das erste Kapitel, „Weltordnung und Konflikt“, einführt, bescheinigt der Autor dem Ost-West-Konflikt eine „erstaunliche Stabilität“. Dülffer begründet diese mit vier Strukturmerkmalen. Es sind dies erstens die Langzeitwirkungen der traumatischen Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges, zweitens das atomare Wettrüsten zwischen militärischer Omnipotenz einerseits und einer „Nullpotenz“ zum politischen Einsatz dieser Waffen andererseits, drittens die ideologische Aufladung des Konflikts, in der sich die „kulturelle Softpower“ des Westens als virulenter gegenüber dem Osten herausstellen sollte, und viertens die immense Mobilisierung ökonomischer, ziviler wie militärischer Ressourcen, die die sowjetische Seite des Konfliktgefüges schließlich überforderte. Am Rande des Konfliktes konnten zwischen 1947 und 1989 einige gewalthaltige, „partielle Konflikte“ entschärft werden, wie exkursartig am Abkommen von Taschkent 1966 ausgeführt wird. Der sich selbst reproduzierende, nachhaltige Konflikt der Supermächte deeskalierte vollständig erst 1989/90.

Aus politikwissenschaftlicher Perspektive ergibt sich die aktuelle Relevanz des Themas Deeskalation, so Tobias Debiel, zum einen aus dem eklatanten Aufschwung der Kriegshäufigkeit nach 1989/90, aber auch aus neuen Erfahrungen mit der Beilegung dieser Konflikte. Von den seit 1945 gezählten etwa 140 Gewaltkonflikten könne nur etwa ein Drittel als erfolgreich beigelegt angesehen werden; in ca. zwei Dritteln der Fälle sei die Friedenskonsolidierung jedoch gescheitert. Dafür seien sehr unterschiedliche Faktoren auf der Makroebene (ökonomische Strukturen), der Mesoebene (politische Systeme) und der Mikroebene (soziale und mentale Akteursdisposition) verantwortlich. Externe Akteure, die sich im Sinne des Peacebuilding engagieren, sind deshalb mit zahlreichen Dilemmata und Zielkonflikten konfrontiert. So genannte „multiple Einsätze“, die militärische und zivile Interventionen verbinden, versprächen gegenwärtig am meisten Erfolg. In einer Welt, in der immer mehr Ökonomie und weniger Politik zu herrschen scheint, komme es weniger auf das Management von Konflikten an, wie noch in den 1990er Jahren, sondern auf eine globale Steuerung von Entwicklung, um einzelne Konflikte adäquater transformieren zu können.

Die Rolle der Supermächte in Deeskalationprozessen in der bipolaren sowie in der unipolaren Welt ist das Thema des Beitrages von Randall Forsberg. Das Ende des Kalten Krieges sei von einer neuen Welle des Nationalismus und Ethnizismus begleitet gewesen. Trotzdem seien zahlreiche Sezessionen überraschend ohne Gewalteskalation verlaufen. Anhand einer Konfliktmatrix benennt und interpretiert Forsberg teilweise erfolgreiche, weniger erfolgreiche und gescheiterte Deeskalationen der Supermächte. Trotz des rigiden Klimas im Kalten Krieg war es den Supermächten möglich, deeskalierend einzugreifen; auch die unipolare Ordnung seit 1990 schloss Deeskalation strukturell nicht aus. Die Rückkehr geo- und machtpolitischer Interessen in den internationalen Beziehungen eröffne aber neuerdings anderen Staaten(gruppen) neben der Supermacht USA – etwa den EU-Staaten – Spielräume für alternative Formen der Konfliktbearbeitung.

Der Beitrag von Gottfried Niedhart über den Beginn der deutschen Ostpolitik in der Ära Willy Brandts eröffnet das zweite Kapitel des Bandes, „Die bipolare Ordnung“, und akzentuiert anhand neuer Quellen den Stellenwert des politischen Dialoges zwischen verfeindeten Staaten bzw. Parteien. Es mache viel Sinn, den westdeutschen Beitrag zur Entspannung, der sich eng mit den Protagonisten Willy Brandt und Egon Bahr verbindet, in Kategorien der Deeskalation zu beschreiben. Der Abbau der Feindbilder – für den Osten wie den Westen – habe den Ausstieg aus der Konfrontation des Ost-West-Konfliktes ermöglicht. Als Handlungsebenen unterscheidet Niedhart in Anlehnung an Habermas zwischen „kommunikativem Handeln“ (Verständigung auf der Basis partieller Interessenidentitäten) und „strategischem Handeln“ (Veränderung des Status quo zum eigenen Vorteil). Die Kunst deutscher Ostpolitik habe darin bestanden, die Deeskalation mit dem Ziel der Transformation der anderen Seite und der Auflösung des Konflikts selbst zu verbinden.

Peter Schlotter betont am Beispiel des KSZE-Prozesses die Relevanz von Dialogpolitik für erfolgreiche wie für gescheiterte Deeskalationen. Sie ermöglichte es, „Wiederholungszwänge in Köpfen politischer Eliten und der Bevölkerungen aufzubrechen“. Eine zentrale Bedingung von Entspannung war die Anerkennung von Staatlichkeit im Fall der DDR und legitimer Interessen der anderen Seite. Dialogprozesse seien nicht nur relevant für die politischen Eliten, sondern auch für die gesellschaftliche Ebene. Der KSZE-Prozess habe neben der Vertrauensbildung auf militärischem Gebiet den Demokratiebewegungen in Mittelosteuropa eine Berufung auf Menschenrechte geboten – eine heute zunehmend wichtige gesellschaftliche Dimension von Außenpolitik, die sie weniger berechenbar für Eliten mache.

Auch Wilfried Loth bezieht sich auf die subjektiven Faktoren als vielleicht entscheidende Deeskalationsleistung am Ende des Ost-West-Konfliktes. Es sei wesentlich der Wandel in der Einstellung der sowjetischen Führung gewesen, der, inspiriert unter anderem durch die Debatten in der Palme-Kommission über „Gemeinsame Sicherheit“, den Weg für die Beendigung des Kalten Krieges durch Gorbatschow frei gemacht habe. Die Vorteile, die die Sowjetunion aus der Entspannung zog, wurden so hoch eingeschätzt, dass man sie nicht durch konfrontatives Handeln in Frage stellen wollte. Unter Hinzuziehung neuerer Dokumente aus den 1980er Jahren folgert Loth: Militärische Abschreckung war sicher notwendig als „zweitbeste Lösung“; sie bedurfte aber der Ergänzung durch Rüstungssteuerung und Vertrauensbildung, die überzogene Bedrohungsvorstellungen abbauen half und eine ideologische Anpassung an die Wertvorstellungen der Sozialistischen Internationale anbahnte.

Kontrapunktisch für die bipolare Ordnung demonstriert Bernd Greiner am Beispiel des Vietnamkrieges die „ausgesprochene Unfähigkeit zur Deeskalation“ seitens der US-Führung in diesem Konflikt. Dafür seien drei strukturelle Gründe wesentlich gewesen: erstens der Zwang, sich beweisen zu müssen und eine daraus resultierende politische Selbstfesselung; zweitens die Last der Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg, weshalb Eskalation als Königsweg zum Sieg gesehen wurde; und drittens der Zwang zur institutionellen Selbstbehauptung des Militärs, das Kriege der Zukunft nach erfolgreichen Modellen der Vergangenheit führen wollte. Diese vorwiegend mentalen Prägungen der politischen und militärischen Eliten der USA ließen „Pazifizierungs“strategien zur zynischen Rhetorik verkommen und führten schließlich in die Niederlage.

Zu Beginn des dritten Kapitels, „Konfliktbearbeitung in regionalen Kontexten“, untersucht William Zartman aus der Perspektive der von ihm maßgeblich entwickelten „ripeness theory“, warum und wann Konfliktparteien bereit sind, Verhandlungen zu beginnen. Man spricht von einem „Mutually Hurting Stalemate“ (MHS) als einer gegenseitig als schmerzlich empfundenen Sackgasse, die den Anstoß für eine Suche nach einem Konfliktausstieg gibt. Mit dem Begriff einer „Mutually Enticing Opportunity“(MEO) schlägt Zartman eine konzeptionelle Weiterentwicklung vor, wonach dauerhafte Konfliktlösungen gefunden werden sollen. Reifung eines Konfliktes sei zunächst Ausdruck von Eskalation; eine Dynamik in Richtung Deeskalation werde durch objektive und subjektive Faktoren determiniert. Ziel müsse sein, ein Kontinuum zu schaffen, das ein instabiles MHS in eine stabilere MEO überführt. Dabei seien neue Beziehungen – „ein gemeinsames Drittes“ – zu etablieren, die letztlich von den Konfliktparteien selbst getragen und nicht von außen implementiert werden können. Haupthindernisse einer so verstandenen Deeskalation seien: erstens Spoiler, die weder gewinnen noch verlieren können; zweitens ein zwanghaftes Festhalten am Status quo; drittens die Abwesenheit einer kohärenten Organisation für die Erreichung der Ziele auf Rebellen- und/oder Staatsseite; und viertens unzureichende Vermittlung und Erschöpfung in der Oberflächlichkeit halber Lösungen.

Margret Johannsen geht in ihrem Beitrag zum israelisch-palästinensischen Konflikt der Frage nach, warum der als gradualistische Deeskalation angelegte „Oslo-Prozess“ als gescheitert anzusehen ist. Die gegenseitige Anerkennung der Kontrahenten Israel und PLO sei in einer sehr asymmetrischen Weise erfolgt, der die staatliche Komponente für die palästinensische Seite ausschloss. Der vorübergehende Gewaltverzicht geschah aus der Schwäche der PLO und ohne Absicherung durch ein Gewaltmonopol. Die Asymmetrie wurzelte in der postkolonialen Geschichte des arabisch-jüdischen Verhältnisses; sie führte zurück zur Gewalt, die für die Identitäten der beiden Nationalbewegungen konstitutiv war. Die fortgesetzte israelische Landnahme aktualisierte den alten Kern des Konfliktes um das „Land als Ganzes“. Als Lehren ließen sich verallgemeinern: Erstens, graduelle Prozesse sind bei extrem asymmetrischen Verhältnissen vom Scheitern bedroht, wenn sie sich selbst überlassen bleiben. Zweitens, Drittparteien müssen spürbar in den Frieden investieren und ihre Autorität beiden Konfliktparteien leihen. Drittens, die höchst komplexe externe Akteurs- und Interessenstruktur des Konfliktes verweist andererseits auch auf die Grenzen deeskalatorischer Außeneinwirkung.

Mit dem Eritreisch-Äthiopischen Konflikt (1941–2004) stellen Richard Trivelli und Francesco Zappatelli Dilemmata der Deeskalation beim Übergang von innergesellschaftlichen zu zwischenstaatlichen Konfliktstrukturen vor. Das Horn von Afrika sei geprägt von Lokalzentrismus und Gewaltkulturen, die durch die Globalisierung verstärkt würden. Externe Mediationsversuche hätten stets als ungewollte Einmischungen gegolten. Interventionen im dreißigjährigen eritreischen Unabhängigkeitskrieg seien nur vordergründig an den Ost-West-Konflikt gekoppelt gewesen; größere Bedeutung besaßen die regionalen Kontexte, etwa die Nähe Eritreas zu den panarabischen Bewegungen. Fehleinschätzungen der internationalen Gemeinschaft gegenüber den seit 1991 als Staaten agierenden Konfliktparteien sollten sich auch nach Ende des Kalten Krieges fortsetzen: Zusagen hinsichtlich Demobilisierung und Abrüstung hätten unter der Hand einer umfassenden Restrukturierung des Militärs in beiden Staaten gedient, so dass der Kriegsausbruch im Mai 1998 völlig unerwartet kam. Im Juni 2000 habe der internationale Druck zwar einen Friedensschluss bewirkt; es sei aber offenkundig, dass die Folgen von 9/11 eher der weiteren Verschleierung des Konfliktes dienen. Die Regime würden im Kampf gegen den Terror gebraucht, deshalb könnten sie die starken Staaten manipulieren, obwohl sie selbst schwach sind.

Am Beispiel des nordirischen Friedensprozesses diskutiert Corinna Hauswedell Möglichkeiten und Grenzen externer Konfliktintervention angesichts langlebiger Gewaltkulturen. Sicherheit und Demokratie erschienen zunächst als schwer vereinbare Zielperspektiven. Zwar gelten politische Anerkennung und Inklusion der radikalen Konfliktparteien, die schließliche Abrüstung der IRA im September 2005 und der damit verbundene Legitimationszuwachs ebenso wie die Reetablierung des staatlichen Gewaltmonopols durch die Polizeireform als Deeskalationsleistungen. Als Hindernisse müssen dagegen die historisch gewachsene Lagermentalität (sectarianism), der damit verbundene Vertrauensmangel in der nordirischen Gesellschaft sowie ein schleichender, sozial determinierter Übergang von politischen zu kriminellen Gewaltformen angesehen werden. Die Auflösung bzw. Integration der paramilitärischen Strukturen steht noch aus. Solange das Demokratieversprechen des Good Friday Agreement von 1998, im Kern eine autonome Regionalregierung des power-sharing zwischen Protestanten und Katholiken, nicht realisiert ist, wird den Konfliktparteien ihre fehlende Souveränität aus London bzw. aus Dublin „geliehen“.

Im abschließenden Beitrag des Bandes erörtert die Völkerrechtlerin Christine Bell, inwiefern Gewaltabbau und Menschenrechtswahrung als vereinbare Zielperspektiven von Deeskalation funktionieren können. Während es Erfahrungen gibt, dass das Einfordern von Menschenrechten in Konflikten zunächst eskalierend wirken kann, zeigt Bell anhand einiger Friedensabkommen (Mittelamerika, Afrika, Bosnien, Nordirland), dass andererseits die Bezugnahme auf internationale Menschenrechtsstandards einen Verhandlungsprozess und das mögliche Ergebnis positiv strukturieren, institutionell „schützen“ und insofern den Weg zu einem „gerechten Frieden“ ebnen kann. Menschenrechte würden klassischer Weise meist von der schwächeren Seite eingeklagt, die internationale Gemeinschaft könne hier im Sinne eines Interessenausgleichs wirken. Bell plädiert für eine Komplementarität von Versöhnung und Gerechtigkeit, Amnestie und Strafverfolgung, von moralischer Gleichbehandlung und Rechenschaft, von verhandelbaren und zunächst nicht verhandelbar erscheinenden Zielen. Sieg oder Niederlage sind zu vermeiden; am Ziel eines Vertragsfriedens sei auf jeden Fall festzuhalten. Dilemmata seien weniger durch eine Konfrontation zwischen Prinzipien und Pragmatismus zu lösen, sondern durch eine verabredete Reihenfolge und Kombination (sequenzing and synchronizing) und eine geduldige Organisation des Wandels (timing).

Agenda für Forschung und internationale Politik

Die Zeitgeschichtsschreibung zur Deeskalation und zivilen Transformation von Gewaltkonflikten steht erst am Anfang. Der vorliegende Band versteht sich als ein bescheidener Beitrag dazu, Aufgaben und Desiderate einer im Entstehen befindlichen Forschungsagenda zu formulieren. Die Komplexität des Themas erfordert eine entwickelte Form der Komparatistik von Fallstudien sowohl für die zwischenstaatliche als auch für die innerstaatliche Konfliktbearbeitung. Die Historizität individueller und kollektiver Sozialisierungen ebenso wie diejenige nationalstaatlicher Interessen prägt die Frage, wie mit der Geschichte umgegangen wird und was aus ihr zu lernen wäre. Eine der vermeintlichen Lehren des Zweiten Weltkrieges („Nie wieder Appeasement“) enthalte, so Gottfried Niedhart im Rahmen der Abschlussdiskussion der Tagung, auch Fallstricke für heutiges, auf Politikberatung gerichtetes Nachdenken. Wie sind windows of opportunity für Deeskalation zu öffnen und dann offen zu halten? Welches sind die Motive für Deeskalation, welches die Ziele der Konfliktparteien, wenn sie sich auf einander einlassen? Externe Akteure bringen ihrerseits eigene, mit den endogenen Strukturen eines Gewaltkonfliktes keineswegs immer vereinbare Ziele ein. Eröffnung des Dialoges, Anerkennung der Realitäten der anderen Seite, wechselseitige Bestandssicherung, Gewaltverzicht, Grenzanerkennung und schließlich Abrüstung und Versöhnung sind zentrale Perspektiven und Etappen einer Deeskalation. Dazu kann gehören, die guten Phasen einer konfliktreichen Geschichte im Sinne gemeinsamen Erinnerns wieder aufleben zu lassen. Aber auch wenn Dinge offen bleiben, können friedensgerichtete Effekte von Verhandlungen und Vereinbarungen ausgehen. Deeskalation wird Konflikte nicht zum Verschwinden bringen, sondern kann den Umgang mit ihnen verändern. Der Faktor Zeit bedeutet, dass Deeskalation immer ein längerer, nicht linearer Prozess ist, den es auch gegen maximalistische Anforderungen zu schützen gilt.

Die Überwindung der bipolaren Konfrontation hat zwar den Blick für die Eigengesetzlichkeiten und Deeskalationschancen lokaler oder regionaler Gewaltkonflikte geweitet. Aber asymmetrische Konfliktverhältnisse sind schwerer zugänglich für Deeskalation, auch wenn heute wegen der Diversität der „internationalen Gemeinschaft“ grundsätzlich mehr Erfahrungen und Instrumente zur Verfügung stehen. Die zunehmende Vielzahl potenzieller Gewaltakteure, ihre Instabilität als „Bewegungen“, die sich auch militärisch im Inneren von Gesellschaften zu legitimieren suchen, geht mit einer Privatisierung von Gewaltanwendung und Kriegführung einher. [25] Hier und möglicherweise mehr noch in der vielfach beschworenen „großen Krise“, [26] die sich im Zusammenstoß der globalen, geopolitischen Interessen andeutet und die nur unzureichend mit den Antinomien der westlichen und der islamischen Welt beschrieben ist, liegen die neuen Herausforderungen für Strategien der Deeskalation. Wie könnte die Weiterentwicklung eines öffentlich legitimierten Gewaltmonopols aussehen, wie soll der internationale Schutz von Menschenrechten wirksam gewährleistet werden? Behält die These des „demokratischen Friedens“ ihre Relevanz? Lassen sich Erfahrungen der internationalen Diplomatie und zivilgesellschaftlicher Vermittlung auf die Fragen der Verhandlung mit Akteuren des transnationalen Terrorismus übertragen? [27]

Der High Level Panel Report, den der UN-Generalsekretär im Rahmen der Reformdebatte der Vereinten Nationen Ende 2004 vorgestellt hat, [28] enthielt auch neue, bemerkenswerte Akzente im Hinblick auf internationale Deeskalationschancen: Das Prinzip „Kollektiver Sicherheit“ wurde erstmals explizit als Strategie der Staatengemeinschaft formuliert; das bedeutete eine implizite Absage an unilaterales Handeln der Supermacht USA. Zweitens wurde „Entwicklung“ als elementare Voraussetzung für Sicherheit formuliert und zivilen außenpolitischen Instrumenten der „Konfliktprävention“ ein deutlicher Vorrang im Umgang mit den Verwerfungen der Globalisierung eingeräumt. Problematisch hingegen, unter dem Gesichtspunkt wirksamer Deeskalationsstrategien, erscheint die Berufung auf den so genannten „erweiterten Sicherheitsbegriff“, der sich auch in zahlreichen anderen strategischen Dokumenten nationaler und internationaler Außen- und Sicherheitspolitik findet. [29] Die in dieser Begrifflichkeit vorgenommene Verbindung bzw. Gleichrangigkeit so verschiedenartiger Bedrohungen wie Terror und Massenvernichtungswaffen, Seuchen und Unterentwicklung, Genozid und organisiertem Verbrechen wird in der Konsequenz zu Verwischungen führen – bei der Analyse von Gewaltkonflikten ebenso wie bei den Handlungsoptionen für die Konfliktbearbeitung. Die eigentlich erforderliche größere Trennschärfe, d.h. die Fähigkeit zur Unterscheidung und Hierarchisierung von Konfliktpotentialen im Hinblick auf ihre Gewalthaltigkeit, kann dabei leicht verloren gehen. Für die wenigsten dieser Bedrohungen ist das Militär die richtige Antwort, in den meisten Fällen sein Einsatz vielmehr kontraproduktiv. Es ist deshalb zu befürchten, dass hinsichtlich der Frage, ob und wann militärische Mittel eine geeignete Art der Konfliktintervention darstellen, aus dem erweiterten Sicherheitsbegriff mehr Probleme als Lösungen erwachsen. Mit der Diskussion darüber, ob und wie militärische und zivile Strategien und Instrumente in bewaffneten Konflikten deeskalierend und friedensfördernd zusammenwirken können, stehen wir erst am Anfang. Dem try and error der Politik kann friedenswissenschaftliche Forschung mit historisch fundierten Konflikt- und Bedrohungsanalysen und der Evaluierung erfolgreicher und gescheiterter Deeskalationen zur Seite stehen.

Die Beiträge dieses Bandes verweisen auf einige Leistungspotentiale von Deeskalation. Sie lassen sich aus Konflikten ableiten, die erfolgreich in eine zivile Kooperationsperspektive überführt werden konnten. Interessanterweise sind dies Erfahrungen, die in ähnlicher Weise sowohl bei der Beendigung des Ost-West-Konfliktes als auch in ethno-nationalen Konfliktkonstellationen, wie z.B. dem Nordirlandkonflikt, beobachtet wurden:

1) Nachhaltige politische Entspannung und Gewaltverzicht zwischen Konfliktparteien, staatlichen und nichtsstaatlichen Akteuren, entsteht nur mit Hilfe von Kommunikationsstrategien, die auf der Anerkennung der anderen Seite, gegebenenfalls auch der Hardliner, beruhen und auf eine gleichberechtigte Teilhabe an dem anvisierten Transformationsprozess abzielen.

2) Mentale Abrüstung, d.h. die Bereitschaft, Feindbilder abzubauen, ist eine entscheidende Voraussetzung, um den Blick für die Interessen der anderen Konfliktparteien und mögliche gemeinsame Interessenlagen zu öffnen. Sie verweist auf den hohen Stellenwert des subjektiven Faktors in jedem Deeskalationsprozess.

3) Militärische Abrüstung, ein strategisches Ziel jeder Deeskalation, ist in der Regel keine Einbahnstraße und bedarf meist eines regionalen bzw. multilateralen Kontextes. Sie lässt sich eher im Ergebnis eines neuen Sicherheitskonsenses erreichen, denn als dessen Voraussetzung. Rüstungskontrollregime – dies gilt für Massenvernichtungswaffen in ähnlicher Weise wie für Kleinwaffen und hängt auch mit deren politischer Symbolfunktion in gewalthaltigen Konflikten zusammen – sind essentiell zur Vertrauensbildung und um Ausstiegsszenarien vorzubereiten.

Die potenziellen Stärken einer Deeskalation liegen also vor allem in der Initiierung des politischen Dialoges zum Aufbrechen einer Konfliktstruktur und in der Adressierung der sicherheitspolitischen Dimensionen eines Gewaltkonfliktes. Wenn es gelingt, zivile Ressourcen zu mobilisieren, welche die Dynamik einer Deeskalation auch gegen Rückschläge verteidigen, kann politischen Zielen wie der Sicherung von Menschenrechten und Demokratie in dem jeweiligen Konfliktfall Geltung verschafft werden. Diese Binnenkonsolidierung von Gewaltkonflikten, die nicht ohne Zivilgesellschaften funktioniert, ist die eigentliche Bewährungsprobe jeder behutsam und geduldig zu führenden Deeskalation. Deshalb sollten Deeskalationsstrategien von vornherein die Konfliktursachen, die unterschiedlichen Interessenlagen und Vorteilserwartungen der Konfliktparteien in den Blick nehmen und entsprechende soziale und kulturelle Anreize bereit halten. Deeskalation, nicht Eskalation soll sich auszahlen. Die Ordnungsvorstellungen der mächtigen Staaten sind, wenn sie sich geopolitisch gerieren, nicht immer die besten Ratgeber für eine so verstandene Deeskalation.

 

 

 

Anmerkungen:

[1] Für den deutschsprachigen Raum vgl. v.a. die epochenübergreifende Studiensammlung zu Kriegsbeendigung und Friedensschlüssen von Bernd Wegner (Hg.), Wie Kriege enden. Wege zum Frieden von der Antike bis zur Gegenwart, Paderborn 2002; sowie Jost Dülffer / Martin Kröger / Rolf-Harald Wippich, Vermiedene Kriege. Deeskalation von Konflikten der Großmächte zwischen Krimkrieg und Erstem Weltkrieg (1856–1914), München 1997. Für unseren Kontext ebenfalls von Interesse die Befassung mit den Folgewirkungen der beiden Weltkriege in Deutschland bei Gottfried Niedhart / Volker Riesenberger (Hg.), Lernen aus dem Krieg? Deutsche Nachkriegszeiten 1918 und 1945, München 1992.

[2] Wegweisend für die Erweiterung des traditionellen Gewaltbegriffs jenseits vorsätzlich destruktiven Handelns durch einzelne Täter oder Tätergruppen bleibt Johan Galtung, Strukturelle Gewalt. Beiträge zur Friedens- und Konfliktforschung, Reinbek bei Hamburg 1975. Eine systematische Einführung in neuere sozialwissenschaftliche Diskurse und methodische Fragen bieten Wilhelm Heitmeyer (Hg.), Gewalt. Entwicklungen, Strukturen, Analyseprobleme, Frankfurt/M. 2004; sowie Wilhelm Heitmeyer / John Hagan (Hg.), International Handbook of Violence Research, Dordrecht 2003. Kulturhistorische Perspektiven des Gewaltbegriffs untersuchen Rolf Peter Sieferle / Helga Breuninger (Hg.), Kulturen der Gewalt. Ritualisierung und Symbolisierung der Gewalt in der Geschichte, Frankfurt/M. 1998.

[3] Vgl. auch Corinna Hauswedell, Deeskalation – Paradigma für Konfliktforschung? In: Wissenschaft und Frieden (W&F) (2005) 2, S. 7-10.

[4] Zu dem komplexen Wechselverhältnis von militärischer Abrüstung als Vorbedingung bzw. Konsequenz umfassender Deeskalation vgl. u.a. Herbert Wulf, Abrüstung und Rüstungskontrolle. Voraussetzung oder Folge von Deeskalation? In: Wissenschaft und Frieden (W&F) (2005) 2, S. 15-18. Zur Vielschichtigkeit mentaler Abrüstung aus historischer Perspektive vgl. Jost Dülffer / Gerd Krumeich (Hg.), Der verlorene Frieden. Politik und Kriegskultur nach 1918, Essen 2002.

[5] Georg Elwert / Stephan Feuchtwang / Dieter Neubert (Hg.), Dynamics of Violence. Processes of Escalation and Deescalation of Violent Group Conflicts, Berlin 1999, S. 10 (Übersetzung C.H.).

[6] Benjamin Ziemann (Hg.), Perspektiven der Historischen Friedensforschung, Essen 2002, S. 14.

[7] Im Rahmen der Strategic Studies, der klassischen realistischen Schule des Kalten Krieges, wurde zunächst über die Implikationen von Eskalation nachgedacht, erinnert sei an die programmatische Schrift „On Escalation“, die Herman Kahn 1965 als Direktor des Hudson Institute verfasste; siehe auch Thomas C. Schelling, The Strategy of Conflict, Cambridge MA 1960. Aber auch der Begriff der Deeskalation nahm in jener Zeit, im Wesentlichen als Reflex auf den Vietnamkrieg, Gestalt an. Die anglo-amerikanisch geprägte Forschung über Conflict Resolution, die sich u.a. mit Namen wie Alexander George, Robert Randle oder Louis Kriesberg verbindet, nahm dort ihren Anfang. Gradualismus als Methode der Deeskalation wird erstmals bei Charles E. Osgood, An Alternative to War and Surrender, Urbana 1962 entwickelt. Vgl. auch Thomas V. Bonoma, Conflict: Escalation and De-escalation, London 1975; neuere Arbeiten von Christopher Mitchell, Anatomy of De-escalation, in: Ho-Won Jeong (Hg.), Conflict Resolution: Dynamics, Process and Structure, Aldershot 1999; Louis Kriesberg, Constructive Conflicts: From Escalation to Resolution, Oxford 2003. Aktuelle Diskussionen finden sich unter http://crinfo.beyondintractability.org/essay/de-escalation_stage sowie http://www.colo rado .edu/conflict/peace/!treating_overlays.htm (Conflict Research Consortium der University of Colorado, USA).

[8] Vgl. u.a. Mir A. Ferdowsi / Volker Matthies (Hg.), Den Frieden gewinnen. Zur Konsolidierung von Friedensprozessen in Nachkriegsgesellschaften, Bonn 2003; Ulrich Schneckener, Auswege aus dem Bürgerkrieg. Modelle zur Regulierung ethno-nationalistischer Konflikte in Europa, Frankfurt/M. 2002; Heinrich W. Krumwiede / Peter Waldmann (Hg.), Bürgerkriege: Folgen und Regulierungsmöglichkeiten, Baden-Baden 1998; Roger Mac Ginty / John Darby (Hg.), Contemporary Peacemaking. Conflict, Violence and Peace Processes, New York 2003; Paul C. Stern / Daniel Druckman (Hg.), International Conflict Resolution after the Cold War, Washington/DC. 2000; Hugh Miall / Oliver Ramsbotham / Tom Woodhouse, Comtemporary Conflict Resolution, Cambridge 1999.

[9] Vgl. u.a. die neueren Studien des Hamburger Instituts für Sozialforschung von Bernd Greiner / Christian Th. Müller / Dierk Walter (Hg.), Heiße Kriege im Kalten Krieg, Hamburg 2006.

[10] Vgl. u.a. Richard K. Herrmann / Richard Ned Lebow (Hg.), Ending the Cold War: Interpretations, Causation, and the Study of International Relations, New York 2003, sowie Charles Kegley (Hg.), The Long Postwar Peace: Contending Explanations and Projections, New York 2001; aus dem Kontext des Arbeitskreises siehe auch Arnold Sywottek (Hg.), Der Kalte Krieg – Vorspiel zum Frieden? Münster 1994.

[11] Der Begriff geht zurück auf Jürgen Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns, Frankfurt/M. 1981, und entwickelt u.a. eine an Interessen orientierte Rationalität menschlichen und gesellschaftlichen Agierens. Vgl. auch Axel Honneth / Hans Joas (Hg.): Kommunikatives Handeln. Beiträge zu Jürgen Habermas’ Theorie des kommunikativen Handelns, Frankfurt/M. 1996.

[12] Aus der Fülle aktueller Forschungen über Terrorismus als Quelle von Gewaltkonflikten soll hier verwiesen werden auf die soziologischen Befunde von Peter Waldmann, Terrorismus und Bürgerkrieg, München 2003; sowie Gertrud Brücher, Postmoderner Terrorismus. Zur Neubegründung von Menschenrechten aus systemtheoretischer Perspektive, Opladen 2004; für den Kontext des Terrorismus als Herausforderung für Deeskalation vgl. Jörg Calließ (Hg.), Zivile Konfliktbearbeitung im Zeichen des Terrors, Loccumer Protokolle 58/02, Rehburg-Loccum 2003.

[13] Vgl. u.a. Corinna Hauswedell, Vom Gleichgewicht des Schreckens zur schrecklichen Ungleichheit – Die Asymmetrien der Weltordnung vertragen keine Militarisierung, in: C. Hauswedell / C. Weller / U. Ratsch / R. Mutz / B. Schoch (Hg.), Friedensgutachten 2003, Münster 2003, S. 41-51.

[14] Vgl. Roger Mac Ginty / John Darby (Hg.), The Management of Peace Processes, New York 2000, S. 6; Ferdowsi/Matthies (Anm. 8), S. 27.

[15] Zur Unterscheidung verschiedener Typen von Friedensschlüssen und ihrer Relevanz für Deskalation vgl. auch Elwert (Anm. 5), S. 27f.

[16] Für den deutschsprachigen Raum gilt als Standardwerk zu Fragen der Globalisierung „Globale Trends. Fakten, Analysen, Prognosen“, alle zwei Jahre hrsg. vom Institut für Entwicklung und Frieden der Universität Duisburg-Essen (http://inef.uni-due.de/page /PublSerien.html). Vgl. auch Paul Kennedy / Dirk Messner / Franz Nuscheler (Hg.), Global trends and global governance, London 2002.

[17] Vgl. u.a. Tobias Debiel, Konfliktbearbeitung in Zeiten des Staatsverfalls: Erfahrungen und Lehren zu Beginn des 21. Jahrhunderts, in: U. Blanke (Hg.), Krisen und Konflikte –Von der Prävention zur Friedenskonsolidierung, Berlin, 2004, S. 21-38.

[18] Vgl. Dieter Senghaas, Den Frieden denken. Si vis pacem, para pacem. Frankfurt/M. 1995; Erhard Eppler, Vom Gewaltmonopol zum Gewaltmarkt? Frankfurt/M. 2002.

[19] Vgl. „Weißbuch zur Sicherheitspolitik der Bundesrepublik Deutschland und zur Zukunft der Bundeswehr“, Vorläufige Fassung, 28. April 2006 (der Diskussionsentwurf des Bundesministeriums für Verteidigung, offiziell noch nicht veröffentlicht, ist dokumentiert bei http://www.geopowers.com/Machte/Deutschland/doc_ger/vorl._WB_2006.pdf).

[20] Wegweisend für die Analyse der sich selbst reproduzierenden Strukturen der „Gewaltmärkte“ und die Rolle externer Akteure in Krisenregionen ist Georg Elwert, Markets of Violence, in: Elwert/Feuchtwang/Neubert (Anm. 5), S. 85-102.

[21] Neuere quantitative Studien sprechen wegen dieses Problems der Rückfallhäufigkeit bei zunächst beendeten Bürgerkriegen von der „conflict trap“ als einem entscheidenden Deeskalationshindernis bzw. als einem Resultat unvollendeter Deeskalation; vgl. z.B. die Studie von Paul Collier et al., Breaking the Conflict Trap: Civil War and Development Policy, World Bank Report 2003 (http://econ.worldbank.org/prr/CivilWarPRR/), in der u.a. davon ausgegangen wird, dass ca. 2/3 der seit 1945 eingeleiteten Friedensprozesse innerhalb der ersten zehn Jahre einen Rückfall in die Gewalt erlebten.

[22] Christopher Daase: Der Krieg und die Friedensforschung, Kleine Polemik zugunsten der Polemologie, in: Hajo Schmidt / Uwe Trittmann (Hg.), Kultur und Konflikt, Festschrift für Johan Galtung, Münster 2002, S. 83-95.

[23] Vgl. z.B. Lothar Brock, Zwischen kollektiver Friedenssicherung und republikanischem Krieg. Das Verhalten von Demokratien gegenüber Nicht-Demokratien in Krisen- und Konfliktsituationen, HSFK, Frankfurt/M. März 2004 (http://web.uni-frankfurt.de/fb3 /brock/mat/Zwischen_kollektiver_Friedenssicherung.pdf).

[24] Jeder neue Krieg oder bewaffnete Angriff, der mit dem Ziel der Terrorismusbekämpffung begründet wird, wie die jüngste Eskalation zwischen Israel und Libanon, vertieft diese völkerrechtlichen Dilemmata eines „gerechten Krieges“, vgl. aktuell Michael Bothe, Die Frage ist, ob man angreifen darf, in: Süddeutsche Zeitung vom 3.8.2006, S. 11 (Interview von Andrian Kreye mit dem Frankfurter Rechtswissenschaftler).

[25 Vgl. u.a. Herbert Wulf, Internationalisierung und Privatisierung von Krieg und Frieden, Baden-Baden 2005. Einen historischen Langzeitvergleich der Privatisierung von Gewalt unternahm die Tagung „Die Rückkehr der Condottieri? Krieg und Militär im Spannungsfeld zwischen Verstaatlichung und Privatisierung. Die Entwicklung vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart“, die im Mai 2006 gemeinsam von verschiedenen Institutionen der deutschen Militärgeschichte und historischen Friedensforschung durchgeführt wurde (http://www.akhf.de/MGFA_Tagungsprogramm_Condottieri.pdf). Eine Publikation der Tagungsergebnisse ist für 2007 geplant.

[26] Vgl. Richard Holbrooke, Die Mitschuld der Vereinigten Staaten. Die Welt steuert auf eine große Krise zu, doch Washington tut wenig, um eine schlimme Kettenreaktion zu verhindern, in: Süddeutsche Zeitung, 12./13.8.2006, S. 2.

[27] Vgl. I. William Zartman (Ed.), Negotiating With Terrorists, Leiden/Boston 2005.

[28] United Nations High-level Panel on Threats, Challenges and Change, A More Secure World: Our Shared Responsibility, New York 2004.

[29] Vgl. Corinna Hauswedell, Das große Versprechen: „Erweiterte Sicherheit“, in: R. Mutz / B. Schoch / C. Hauswedell / J. Hippler / U. Ratsch (Hg.), Friedensgutachten 2006, Münster 2006, S. 63-72.

Empfohlene Zitierweise

Hauswedell, Corinna: Deeskalation als Paradigma historischer Friedensforschung (2006), in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/67zjw/

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Erstellt: 25.10.2006

Zuletzt geändert: 25.10.2006


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