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Witekind, Hermann (Pseud.: Augustin Lercheimer)

Jürgen Michael Schmidt

13.12.99

geb. 1522 in Neuenrade an der Lenne (Grafschaft Mark) als Hermann Wilcken (Wilchen); gest. 7. Februar 1603 in Heidelberg (Kurpfalz)

Mathematikprofessor und Gegner der Hexenverfolgung

Über Witekinds Bildungsweg ist bislang nur sicher bekannt, daß er 1545/46 in Frankfurt/Oder und 1547 in Wittenberg studierte, wo er die Freundschaft Philipp Melanchthons erwarb, 1552 Rektor der Latein- bzw. Domschule in Riga wurde, 1561 seine Studien an der Universität Rostock fortsetzte und an das Pädagogium im reformierten Heidelberg berufen wurde. 1563 wurde er zum Professor für Griechisch an die Universität Heidelberg (Annahme des Namens Witekind) ernannt und 1569 schließlich zu deren Rektor. Während der kurzzeitigen lutherischen Restauration unter Kurfürst Ludwig VI. wechselte der gemäßigt reformierte Witekind nach Neustadt/Hardt an die reformierte Gegenhochschule Pfalz-Lauterns, kehrte 1583 nach dem Tode Ludwigs aber wieder an die Heidelberger Universität zurück, wo er eine Professur der Mathematik erhielt.

Witekind war Verfasser verschiedener Werke historischen, philologischen, mathematischen und astronomischen Inhalts. Sein Buch gegen die Hexenverfolgung erschien 1585 in Heidelberg unter dem Titel: "Christlich bedencken und erinnerung von Zauberey/woher/was und wie vielfältig sie sey/wem sie schaden könne oder nicht: wie diesem laster zu wehren/und die/so damit behafft/zu bekehren/oder auch zu straffen seyn". Es war das erste wirklich erfolgreiche verfolgungsablehnende Werk, das der Autor in deutscher Sprache konzipiert hatte: Eine zweite umfangreichere Auflage folgte schon 1586 zu Straßburg, die letzte vom Autor betreute erheblich vergrößerte Auflage 1597 zu Speyer. Weitere Drucke erschienen 1593 und 1627 in Basel sowie 1627 und wohl 1654 in Frankfurt. Darüberhinaus wurde Witekinds Werk in das weit verbreitete "Theatrum de veneficis" (Frankfurt/ M. 1586) und andere Sammlungen aufgenommen. Vor allem wohl um den Blick von der Person auf die Argumente zu lenken, veröffentlichte Witekind die "Christlich bedencken" unter dem Pseudonym Augustin Lercheimer. Seine Autorenschaft wurde aber in Heidelberg wohl noch vor der Drucklegung, dann auch über die Kurpfalz hinaus schnell bekannt.

Mit seinem Buch gehörte Witekind nach Johann Weyer zu den bedeutendsten protestantischen Gegnern der Hexenverfolgung. Anlaß zur Abfassung waren offensichtlich keine Hexenprozesse, die er unmittelbar selbst erlebt hätte, sondern eher Nachrichten über Verfolgungen in seiner westfälischen Heimat. Ferner hat offensichtlich die Frontstellung gegen den Weyer-Gegner Jean Bodin Witekind zu seinem Werk motiviert.

Weniger auf Autoritäten gestützt, sondern viel mehr auf das Neue Testament, das ihm Richtschnur allen Handelns ist, fordert er in tiefer Nächstenliebe und Humanität das Ende der Hexenverbrennungen. Obwohl Witekind konfessionelle Polemik vermeiden wioll, schreibt er aus einer dezidiert protestantischen Sicht. In beinahe schon frühaufklärerischer Weise ist seine Argumentation dabei von empirischen, naturwissenschaftlichen Gedanken durchsetzt, mit denen er immer wieder an die tägliche Erfahrung und den gesunden Menschenverstand des Lesers appelliert, dem Unsinn der Zaubereibeschuldigungen nicht zu glauben. Trotz solcher aufklärerischer Ansätze überwiegt aber das traditionelle Weltbild, ist Witekind ebenso wenig wie Weyer unter die Aufklärer zu rechnen (Schwerhoff). Witekinds Buch richtet sich in erster Linie an die Landesherren und Laienrichter, die einen entscheidenenden Einfluß auf die Prozesse haben. Deshalb wählt er die deutsche Sprache und einen betont unwissenschaftlichen und bildhaften Stil. Dies dürfte dazu geführt haben, daß Witekind im gelehrten Diskurs nicht allzu häufig zitiert wurde, obwohl dem Buch bei näherem Hinsehen ein sehr wissenschaftlicher Aufbau zugrunde liegt (Sommer) und es, wie die Auflagen vermuten lassen, viel gelesen wurde. Unter den großen literarischen Stimmen sind immerhin Johann Georg Gödelmann und Antonius Praetorius maßgeblich von Witekind beeinflußt. Ansonsten ist die Rezeption schwer zu bestimmen.

Witekind gehörte zu jenen Skeptikern, die den gelehrten Hexenbegriff in seinem Kern angreifen, indem sie Gottes Allmacht betonen und ihm allein Eingriffe in die Natur zugestehen, womit alles andere einer naturwissenschaftlichen Überprüfung zugänglich wird. Die Hexen vermögen mit ihrer Zauberei keinen Schaden zu verüben, und der Teufel ist für Witekind nur der Erfüllungsgehilfe Gottes. Ebenso unmöglich ist im Normalfall der Flug der Hexe durch die Luft und damit auch ihre Teilnahme am Hexentanz. Obwohl sich Witekind diesbezüglich an ein paar Stellen in Widersprüchlichkeiten verwickelt, gilt doch im allgemeinen: Was die Frauen erleben sind nur vom Teufel erzeugte Phantasien. Allein der Wille der Hexen, Schaden zu stiften, reicht nicht aus, um sie zum Tode zu verurteilen. Real ist für Witekind der Abfall der Hexen von Gott durch den Teufelspakt, aber auch dieser darf nicht mit dem Tode bestraft werden. In einer für die damalige Zeit recht radikalen Weise lehnt Witekind diesen Einstieg in die Ketzerverfolgung ab und spricht dem Christen jederzeit das Recht zu, von Gott abzufallen. Die Strafbestimmungen des Alten Testaments sind mit dem Neuen Testament aufgehoben, wo etwa Matthäus 13,24-30 oder Lukas 9, 51-56 die Ketzerverfolgung ausdrücklich verbieten. Wegen seines Glaubens oder Unglaubens darf niemand zum Tode verurteilt werden. Der Abfall von Gott ist für Witekind als tief überzeugten Christen zwar das schlimmste Delikt, aber eben nicht von der weltlichen Gerichtsbarkeit zu strafen, sondern nur von Gott allein. Witekind schränkt dieses zunächst wieder aufklärerische Postulat der Glaubensfreiheit allerdings insofern etwas ein, als er im Sinne der zeitgenössischen Konfessionalisierung die Abtrünnigen nicht im Land dulden will: Wenn sie sich nicht durch den Pfarrer bekehren lassen wollen und auch Zwangsmaßnahmen der Regierung nichts helfen, sind sie des Landes zu verweisen.

Da Witekind prinzipiell die Strafbarkeit des Hexereidelikts durch die Kriminaljustiz ablehnt, erübrigt es sich eigentlich für ihn, über Verfahrensfragen zu sprechen. Er geht angesichts der Justizfrevel in laufenden Hexenprozessen aber auf das Thema ein - verstärkt in der Auflage von 1597 als Reaktion auf die Exzesse der 1590er Jahre. Witekind stellt sich dabei ganz auf den Boden des processus ordinarius und verwirft die Ansicht, das Hexereidelikt als crimen exceptum erlaube es, die Schranken des ordentlichen Verfahrens zu durchbrechen. Gegen den Einsatz der Folter im Strafprozeß und die Möglichkeit, durch sie die Wahrheit zu entdecken, erhebt er grundsätzlich die schwersten Bedenken. Der Forderung nach Abschaffung der Folter kommt er ungeheuer nahe, bleibt aber dann dabei stehen, ihren Einsatz von klaren Indizien für die Schuld des Angeklagten abhängig zu machen. Besagung, Teufelsmal und Tränenlosigkeit sind für ihn keine relevanten Indizien. Die Wasserprobe und ähnliche Ordalien erfüllen selbst den Tatbestand der Zauberei.

Es liegt nahe, Witekinds Darstellung auf die in vielen Teilen sehr ähnliche Argumentation Johannes Weyers zurückzuführen, wie es die Forschung auch lange getan hat. Erst jüngst wurde aber zur Vorsicht gemahnt, Witekind einfach als Epigonen Weyers zu betrachten (Ulbricht), denn Weyer ist offenkundig nicht die alleinige und wichtigste Grundlage, auf der Witekind aufbaut: viele Parallelen zwischen beiden sind auch darauf zurückzuführen, daß Witekind auf dieselben älteren Autoren zurückgreift wie Weyer ( Johannes Geiler von Kaysersberg, die württembergische Canon-Episcopi-Tradition um Martin Plantsch, Andreas Alciatus). Ein Grundproblem bei der Frage nach den Traditionen, in denen Witekind steht, ist, daß er einerseits lebende Autoren grundsätzlich nicht beim Namen nennt (um eben nicht durch Persönliches von den Argumenten abzulenken) und zweitens erst in der stark erweiterten dritten Auflage von 1597 in größerem Maße die Fachliteratur zitiert und identifizierbar macht. So muß vielfach offen bleiben, welche Werke er schon für die erste Auflage herangezogen hat und welche Werke er erst danach gelesen hat. Was die Rezeption von Weyer angeht, so hatte die in der Kurpfalz dominierende Partei der Verfolgungsgegner parallel zu Weyer bereits eine ganz ähnliche Einstellung zur Hexerei entwickelt, so daß Weyer als direkter Vordenker für Witekind gar nicht unbedingt nötig war. Tatsächlich läßt sich zeigen, daß Witekind weit mehr von der kurpfälzischen Tradition beeinflußt war als von irgendeinem Autor der Hexenliteratur. In seinem Buch manifestiert sich die verfolgungsablehnende Haltung der Kurpfalz. Mit seinem eindeutig erkennbaren Ziel, diese milde Haltung der Kurpfalz in das übrige Deutschland zu exportieren, wird er zu ihrem wichtigsten literarischen Exponenten.

Witekinds Buch stellt dennoch nicht nur eine Kompilation anderer verfolgungsablehnender Schriften und die literarische Umsetzung der kurpfälzischen Haltung dar. Denn Witekind schaffte nicht nur neue Zusammenhänge und ergänzte und überarbeitet alte Argumente mit neuen Überlegungen, er hatte über das bisher gesagte hinaus auch noch einen ganz eigenen sozialkritischen Ansatz, der ihn in dieser Stärke von allen Vorgängern unterscheidet: Während bei der Frage, wie es überhaupt dazu kommen kann, daß die Menschen von Gott abfallen und sich dem Teufel ergeben, die Hexenverfolger dies einfach der verbrecherischen Gesinnung der Hexen zuschreiben und Weyer auf die Unzurechnungsfähigkeit der geisteskranken Frauen verweist, macht Witekind in besonders hohem Maße gesellschaftliche Mißstände und obrigkeitliches Versagen dafür verantwortlich: Die Hexen werden weniger durch eigene Schuld als durch äußere Verhältnisse in die Arme des Teufels getrieben. Was die geistige Ebene betrifft, so wird die Obrigkeit ihrer von Gott erteilten Aufgabe, die Untertanen zu frommen Christen zu erziehen, meistens nicht gerecht. Witekind zeichnet diesbezüglich ein düsteres Bild von den religiösen Verhältnissen, besonders im katholischen, aber auch in weiten Teilen des protestantischen Deutschlands. Die meisten Untertanen kennen nicht einmal die elementarsten Grundlagen des christlichen Glaubens, wissen nichts von Gott und sind gar nicht gewappnet, um dem Teufel Widerstand zu leisten. Darüber hinaus fördert die Obrigkeit durch krasses Fehlverhalten bisweilen sogar selbst noch den Unglauben im Volk, etwa wenn die Fürsten bei Wahrsagern und Zauberern Rat suchen. Im Grunde legt Witekind damit nahe, daß beim Teufelspakt gar kein Abfall von Gott vorliegt, weil die Betroffenen nie wahre Christen, sondern Heiden waren. Nicht das Hexenbrennen, sondern die Christianisierung durch religiöse Unterweisung und polizeilicher Verhaltenskontrolle ist nach Witekind die Pflicht der Obrigkeit (Sozialdisziplinierung an Stelle der Hexenverfolgung).

Nicht ganz so gravierend wie auf der Ebene der religiösen Erziehung ist nach Witekind das Versagen der Obrigkeit auf sozialer Ebene. Denn hier ist die Gesellschaft insgesamt gefragt, sowohl mit obrigkeitlichen als auch mit privaten Maßnahmen. Sind es vor allem die alten, armen Frauen, die sich dem Teufel ergeben, so treibt sie die materielle Not mit allen psychischen und physischen Auswirkungen in die Arme des Teufels, der ihnen schnelle Hilfe verspricht, die nachher natürlich immer ausbleibt. Bisweilen können der Hunger und die schlechte Ernährung auch einfach zum Verlust der geistigen Kontrolle führen und damit zum Teufelsbündnis in unzurechnungsfähigem Zustand. Aber nicht nur die materielle Not ist es, die die alten Frauen zum leichten Opfer des Teufels werden läßt, sondern auch ihre Vereinsamung. Sie haben sich vom gesellschaftlichen Leben abgekapselt und sind von der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Witekind fordert von der Obrigkeit und den Mitbürgern, ein christliches Verhalten und sowohl materielle Hilfe für diese Frauen als auch ihre Reintegration in die Gesellschaft. Die sozialen Probleme sieht Witekind vor dem Hintergrund einer materialistisch orientierten Welt, in der die Menschen nur an ihren eigenen Vorteil denken, nicht aber die Not der Mitmenschen sehen und ihre karitativen Pflichten vernachlässigen. Im Gegsatz zu ähnlichen Thesen der modernen Hexenforschung (Keith Thomas und Alan Macfarlane) geht es Witekind aber in erster Linie um die Einwirkungen des neuen Besitzindividualismus auf die Armen, nicht auf die psychische Verfolgungsdisposition der Reichen.

Witekinds Sozialkritik hat indes Auswirkungen auf die Geschlechterfrage. Wurde in den dämonologischen Schriften bislang ein Frauenbild vermittelt, das die Frau von ihrer Natur her als minderwertig und deshalb den Einflüsterungen des Teufels leichter zugänglich darstellte, so tritt Witekind zwar eingangs diese Einschätzung bei. Er relativiert sie dann aber durch seine sozialkritischen Ansätze, wenn er klar macht, daß es oftmals eben gar nicht die Natur der Frau ist, die sie in den Teufelspakt treibt, sondern ihre schlechtere Stellung in der Gesellschaft: ihre materielle Not und ihre soziale Isolierung.

Literatur

Jürgen Michael SCHMIDT: Die Hexenverfolgung in der Kurpfalz, Diss. Tübingen 1997 (in Druck)

Dieter STIEVERMANN: Lercheimer, Augustin [=Hermann Witekind], in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Bd. 4, (1992), Sp. 1518-1524

Carl BINZ, Augustin Lercheimer (Prof. H. Witekind in Heidelberg) und seine Schrift wider den Hexenwahn [...] Straßburg 1888

Otto ULBRICHT: Der sozialkritische unter den Gegnern: Hermann Witekind und sein Christlich bedencken und erjnnerung von Zauberey von 1585, in: Vom Unfug des Hexen-Processes. Gegner der Hexenverfolgung von Johann Weyer bis Friedrich Spee, hrsg. von Hartmut LEHMANN und Otto ULBRICHT, (Wolfenbütteler Forschungen 55), Wiesbaden 1992, S. 99-128

Benedikt SOMMER: Funktion und Realisation. Zu Hermann Witekind und seinem "Christlich Bedencken von Zauberey". In: Text und Kontext. Anleitung zur Lektüre deutscher Texte der frühen Neuzeit. Hrsg. von Alexander Schwarz und Laure Abplanalp. Bern, Berlin Frankfurt a.M. 1997 S., 257-289.

Benedikt SOMMER: Edition und Analyse von Hermann Witekinds Christlich Bedencken von Zauberey, editio princeps, Heidelberg 1585, 2 Bde., Magisterarbeit Berlin 1991/1992

Gerd SCHWERHOFF: Rationalität im Wahn, Zum gelehrten Diskurs über die Hexen in der frühen Neuzeit, in: Saeculum 37 (1986), S. 45-82.

 

Siehe auch folgende Artikel:

Hexen-Sonderauftrag; Hexenkartothek von Jürgen Michael Schmidt

Kursächsische Konstitutionen von Jürgen Michael Schmidt

Praetorius, Antonius von Jürgen Michael Schmidt

 

Empfohlene Zitierweise

Schmidt, Jürgen Michael: Witekind, Hermann. Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/45zvh/

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Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 09.06.2006

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