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Tanner, Adam

Teresa Novy

18. März 2014

* 14. April 1572 in Innsbruck; † 25. Mai 1632 in Unken bei Salzburg; Jesuit, Theologe und Kritiker der Hexenprozesse

I. Kurzbiographie

Adam Tanner wurde am 14. April 1572 als Sohn von Christoph und Margarethe Tanner in Innsbruck geboren. Dort besuchte er das Gymnasium; an den Universitäten Dillingen und Ingolstadt studierte er Rhetorik und Theologie. Am 6. Oktober 1590 trat er dem Jesuitenorden bei. 1596 wurde Tanner Professor für Hebräisch in Ingolstadt. 1601 nahm er mit seinem Lehrer Jakob Gretser auf Seiten der Katholiken am Regensburger Religionsgespräch teil, bei dem über die Heilige Schrift als Rechtsquelle disputiert wurde. Ab 1603 lehrte Tanner an der Universität Ingolstadt scholastische Theologie. Nur kurzzeitig dozierte er auch an anderen Universitäten, wie München, Dillingen, Prag oder ab 1618 auf Anfrage vom österreichischen Kaiser Matthias in Wien. Im Jahr 1627 wurde er an der Universität Prag zum Kanzler ernannt. Aus gesundheitlichen Gründen gab Tanner 1628 diesen Posten wieder ab und lehrte mehrere Jahre am Jesuitenkolleg in Hall in Südtirol. Kurz nach seiner Rückkehr nach Ingolstadt wollte Tanner vor Kriegshandlungen in Bayern nach Tirol fliehen, er starb jedoch auf der Reise am 25. Mai 1632 bei Salzburg.

II. Werke

Tanner schrieb über ein Dutzend theologische Werke, hauptsächlich Streitschriften gegen den Protestantismus. Bereits 1599 veröffentlichte er seine erste Schrift in Ingolstadt (De verbo die scripto et non scripto et de judice controversarium). 1602 folgte in München eine ähnliche Streitschrift (Relatio compendiaria de initio, progressu et fine colloguii Ratisbonensis). Eines seiner größten Verdienste war die Verbreitung des Molinismus nördlich der Alpen. In einer seiner beiden Schriften über Astrologie lobte er Galileo als einen herausragenden Mathematiker, obwohl er das Konzept des heliozentrischen Weltbildes ablehnte. Sein Hauptwerk (Universa theologia scholastica, speculativa, practica), das 1626/27 veröffentlicht wurde, gleicht nicht nur in der Anordnung, sondern auch in der Prägnanz seiner Ausdrucksweise und der Strenge seiner Lehre der Summa des Thomas von Aquin. Ab 1629 erschienen in ganz Deutschland weitere Ausgaben; in Einzelfällen wurde sogar nur das „Hexenkapitel“ als eigenständiger Traktat herausgegeben.

III. Kritik an der Hexenverfolgung

Hexerei spielte nur eine geringe Rolle in Tanners Werken. Nicht selten klammerte er das Thema Hexerei aus seinen Argumenten aus, wenn er über falsche Wunder, Idolatrie oder über magische Kräfte von Kirchenglocken diskutierte. Wenn er allerdings über Hexen schrieb, distanzierte er sich dabei von seinen Lehrern Gregor von Valenzia und Jakob Gretser, die bekannte Verfolgungsbefürworter waren. 1601 etwa kritisierte Tanner öffentlich den Protestanten Jakob Heilbronner, der einen Kabbalist als Hexer denunzierte. In einem seiner astrologischen Werke bezeichnete er Astrologie als abergläubischen Unsinn, verteidigte aber Johannes Trithemius gegen Magiebeschuldigungen.

Im dritten Band seines Hauptwerkes von 1626/27 nimmt er zum Thema Hexerei kritisch Stellung. Seine Argumente basieren auf einem – heute leider verschollenen – Gutachten Tanners, das er für die Bayerische Regierung zur Frage der Hexenverfolgungen 1602 erstellt hatte. Vermutlich nahm Tanner das Thema wieder auf, weil neue und heftige Verfolgungen entbrannten. In Ingolstadt selbst herrschte nur ein gemäßigter Hexenglaube und viele Theologenkollegen an der Universität waren ebenfalls milde Hexenprozesskritiker.

Tanner stellt in seinem Werk nicht die Realität der Hexerei in Frage oder kritisiert den Hexenglauben seiner Zeitgenossen; seine Kritik bezieht sich auf die Prozesspraxis, genauer auf die Unmöglichkeit der absoluten Schuldzuweisung, auf die Gefährdung von Unschuldigen und auf die uneingeschränkte und subjektive Entscheidungsgewalt der weltlichen Richter.

Tanner fordert in den Hexenprozessen etwa stärkere Indizien als in herkömmlichen Strafprozessen, die Aufstellung von genaueren Regeln für die Richter, den Einsatz der Folter erst nach der Überführung anhand von Indizien und die Abschaffung von Denunziationen.

Tanner kommt zu dem Schluss, dass, wenn all seine Forderung erfüllt wären, es keinen absoluten Nachweis für die Schuld einer Hexe gäbe. So nutzt er, wie andere Kritiker, etwa Friedrich Spee, das Gleichnis des „Unkraut unter dem Weizen“ (Mt. 13, 24 – 30), um für die Abschaffung der Prozesse zu plädieren, da nicht gewährleistet werden könne, dass kein Unschuldiger zu Schaden kommt.

Zum Schutz vor Hexerei empfiehlt Tanner Präventivmaßnahmen, wie einen grundsätzlichen guten christlichen Lebenswandel. Er gibt auch detaillierte Gegenmaßnahmen an, wie tägliches Gebet, Buße, öffentliche Glaubensbekenntnisse oder die Verehrung von Heiligen und Schutzengeln etwa durch Reliquien oder Heiligenbilder. Für geständige Hexen sieht Tanner nicht die Todesstrafe vor, sondern Straffreiheit zur Rettung ihrer Seelen.

Schon zu Lebzeiten genoss Tanner unter anderen katholischen Theologen einen tadellosen Ruf. Davon zeugt nicht nur sein langes Beschäftigungsverhältnis an der Universität Ingolstadt, sondern auch das Interesse der Kaiser Mathias und Ferdinand II an seinen theologischen Fähigkeiten. Tanner galt nicht nur Friedrich Spee als Vorbild, der seine Argumentationsstrategien an seine anlehnte. Auch unter Theologen, die sich nicht mit Hexerei beschäftigten, diente Tanner als zitierfähige Autorität und so wurde die Theologica scholastica zum Standardwerk nicht nur für Jesuiten.

Literatur:

Wolfgang Behringer, Zur Haltung Adam Tanners in der Hexenfrage. Die Entstehung einer Argumentationsstrategie in ihrem gesellschaftlichen Kontext, Hartmut Lehmann / Otto Ulbricht (Hg.), Vom Unfug des Hexen-Processes, Gegner der Hexenverfolgung von Johann Weyer bis Friedrich Spee, Wiesbaden 1992, S. 161-185.

Johannes Dillinger, Tanner, Adam (1572-1632), in: Richard Golden (Hg.), Encyclopedia of Witchcraft, The Western Traditions, Volume 4, Q-Z, Oxford 2005, S. 1106-1107.

Johannes Dillinger, Friedrich Spee und Adam Tanner: Zwei Gegner der Hexenprozesse aus dem Jesuitenorden, in: Spee-Jahrbuch 7, 2000, S. 31–58.

Franz Heinrich Reusch, Tanner, Adam, in: Allgemeine Deutsche Biographie, Band 37, Leipzig 1894, S. 380-382.

Empfohlene Zitierweise

Novy, Teresa: Tanner, Adam. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/45zuf/

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Erstellt: 24.07.2013

Zuletzt geändert: 18.03.2014

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