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Goldschmidt, Peter

Markus Meumann

20. August 2010

*1662 (April 4) † 1713 (um die Osterzeit), Evangelischer Pastor, vehementer Verteidiger des Hexenglaubens [PND: 128748206]

Kurzbiografie

Goldschmidt wurde am 4. April 1662 in Husum als Sohn des Goldschmieds Matthias Petersen geboren. Nachdem er mit 14 Jahren den Vater verloren hatte, fand er Aufnahme im Hause des Archidiaconus Simon Rechelius, der ihm wohl auch den Besuch der Husumer Gelehrtenschule ermöglichte. 1680 oder 1681 nahm Goldschmidt das Theologiestudium in Kiel auf, wo er möglicherweise von dem orthodoxen Theologen Christian Kortholt und dem Literarhistoriker Daniel Georg Morhof beeinflusst wurde.

Nach dem Studium wirkte Goldschmidt einige Zeit als Hauslehrer bei dem Pastor Marcus Lorentzen in Esgrus, seinem künftigen Schwiegervater, sowie bei dem adligen Gutsherrn Henning Rumohr. 1690 war er als Konrektor in Hadersleben tätig, seit 1691 als Pastor in Sterup (Schleswig), das damals zu Dänemark gehörte. Während der Steruper Jahre verfasste er zwei Streitschriften gegen Balthasar Bekker und Christian Thomasius (Höllischer Morpheus 1698, Verworffener Hexen- und Zauberer-Advokaten 1705). Ein weiteres Pamphlet gegen Bekker mit dem Titel Lucianus in Balth. Beckero ejusque asseclis redivivus blieb unpubliziert. Danach machte Goldschmidt zunächst Karriere als Domprediger in Güstrow (1707) und Superintendent in Parchim (1709) und stand kurz davor, in Frankfurt an der Oder zum Doktor promoviert zu werden, wurde jedoch 1711 nach heftigen Anschuldigungen wegen Unregelmäßigkeiten in seiner Amtsführung suspendiert. Verarmt, da ihr gesamtes Vermögen beschlagnahmt wurde, fand die Familie Aufnahme in der Nähe von Hamburg, wo Goldschmidt „als ein Schenck-Wirt in der hamburgischen Nachbarschaft“ (Jöcher) 1713 starb.

Verteidigung des Hexenglaubens

Laut eigener Aussage hatte Goldschmidt schon in der Jugend Interesse an bzw. sogar Kontakt mit Geistern. Auch in späteren Jahren kam es wiederholt zu Begegnungen mit dem Teufel in Gestalt von Geistererscheinungen und Gepolter.

1698 publizierte er die gegen den niederländischen Geistlichen Balthasar Bekker, dessen Betoverde Weereld 1693 auf Deutsch erschienen war, gerichtete polemische Streitschrift Höllischer Morpheus – der Titel „könnte, nach Idee und Wortlaut, durch das damals vielgelesene und auch von Goldschmidt mehrfach erwähnte Werk des Erasmus Francisci [Finx] Der höllische Proteus angeregt worden sein“, worauf auch Ähnlichkeiten im Titelkupfer hinweisen (Terpstra 1965, S. 365). Darin greift er Bekker und dessen Verteidiger Zacharias Webber sowie „Holland“ als Heimat „dieser Ottergezüchte“ scharf an und versucht in zehn Kapiteln, die Existenz von Gespenstererscheinungen und Phänomenen wie dem Zweiten Gesicht und damit auch die des Teufels, auf den diese zurückgehen, zu beweisen. Zugleich wirft er Bekker aufgrund von dessen cartesianisch inspirierter Behauptung, dass der Teufel keine Wirkung in der materiellen Welt haben könne, Atheismus vor, da aus seiner Sicht die Annahme der leiblichen Existenz des Teufels notwendig mit dem Glauben an Gott verknüpft ist.

Nachdem Christian Thomasius mit seiner Schrift De Crimine Magiae von 1701 die Debatte um Bekker neuerlich befeuert hatte, sah Goldschmidt zwei gleichgesinnte „vortreffliche Advocaten des Satans“ am Werke und wiederholte den Atheismusvorwurf gegen Bekker:

„Und zwar / wenn ich recht offen herzig reden will / wie die Sache an sich selbst ist; so ist D. Bekker in der That atheus indirecte talis, subtilis, und palliatus. Denn derselbe / welcher sich ernstlich unterstehet / die Gespenste und Hexen zu leugnen, der wird auch bald anfangen die Geister und Teuffel zu leugnen / leugnet er diese / so leugnet er auch bald ein künfftiges Leben, und wird folglich alle Hauptstücke der Religion leugnen.“

Ausgangspunkt des 1705 veröffentlichten Verworffenen Hexen- und Zauberer-Advocaten, mit dem sich Goldschmidt gegen Thomasius und dessen Verteidigung Bekkers wandte, ist die dem Hexenhammer entlehnte Behauptung, dass es eine schwere Ketzerei sei, der Existenz und den Verbrechen der Hexen keinen Glauben zu schenken. Thomasius, so der Vorwurf im Titel, rede mit seinen „Superkluge(n) Phantasie-Grillen“ dem „teufflischen Hexen-Geschmeiß“ das Wort. Goldschmidt warnt auch hier vor dem verderblichen niederländischen Einfluss, indem er die große Bedeutung hervorhebt, die Bekker und van Dale für Thomasius haben. Stilistisch ist der Verworffene Hexen- und Zaubereradvocat weniger polemisch als der Höllische Morpheus und eher in warnendem Ton gehalten. Auch inhaltlich macht Goldschmidt im Hexen- und Zauberer-Advocaten einige Zugeständnisse an die Skeptiker. Zwar hält er am Teufelspakt fest; weil er jedoch der Meinung ist, dass der Teufel dazu keines Körpers bedürfe, muss er den körperlichen Beischlaf und die Zeugung von Kindern und Tieren zurückweisen. Weiterhin räumt er ein, nicht alle Vorwürfe gegen Hexen müssten wörtlich genommen werden, und wendet sich gegen die Folter als Mittel zur Geständniserzwingung. Zugleich gibt er sich allerdings als Bewunderer Carpzovs zu erkennen und vertritt die Ansicht, dass die Existenz von Hexen und Zauberern grundsätzlich bereits durch die Bibel verbürgt sei. Im zwölften Kapitel des Hexen- und Zaubereradvocaten distanziert er sich vom Magieglauben und den Ritualen des einfachen Volkes, die er aus gelehrter Warte verurteilt.

Reaktionen

Bekker konnte sich gegen Goldschmidts Vorwürfe nicht persönlich wehren, da er 1698 verstorben war. Aber auch Thomasius griff Goldschmidt erst in der Vorrede zu Johann Websters Med. Pract. Untersuchung Der Vermeinten und so genannten Hexereyen (1719) persönlich an, in der er ihm mit herablassender Ironie begegnet. Die sachliche Auseinandersetzung seitens der Hallenser übernahm der Stargarder Jurist und Vorsitzende des dortigen Schöppenstuhls Jakob Brunnemann, der zuvor als außerordentlicher Professor in Halle gewirkt hatte, in seiner Schrift Aloysii Charitini Discurs Von Betrüglichen Kennzeichen Der Zauberey (Stargard 1708). Die Nachwelt sah Goldschmidt vor allem als Anhänger eines „blinden Teufelsglaubens“. Soldan-Heppe-Bauer charakterisieren den Höllischen Morpheus als „populäre Hexenschrift“ (Terpstra 1965, S. 381), was sicher die Sache nicht ganz trifft. Eher sind seine Schriften bei aller Polemik als Teil der gelehrten Debatte zu diesem Thema um 1700 einzuordnen.

Ausgaben vor 1800

Petri Goldschmids Pastoris Sterupensis Höllischer Morpheus, Welcher kund wird Durch Die geschehene Erscheinungen Derer Gespenster und Polter-Geister So bißhero zum Theil von keinen eintzigen Scribenten angeführet und bemercket worden sind ..., Hamburg: Liebernickel, 1698 [Onlineausgabe der Herzogin Anna Amalia Bibliothek Weimar].

- Dass., 2. Aufl. 1704 [Onlineausgabe bei Google.Buchsuche].

Petri Goldschmidts ... Verworffener Hexen- und Zauberer-Advocat, das ist, Wolgegründete Vernichtung des thörichten Vorhabens Hn. Christiani Thomasii ... und aller derer welche durch ihre Super-Kluge Phantasie-Grillen dem teufflischen Hexen-Geschmeiss das Worte reden wollen …, Hamburg: Liebernickel, 1705

Literatur

Jan Ulbe Terpstra, Petrus Goldschmidt aus Husum. Ein nordfriesischer Gegner Balthasar Bekkers und Thomasius‘, in: Euphorion 59, 1965, S. 361-383.

Erich Kuhlmann, Art. Goldschmidt, Peter, in: Schleswig-Holsteinisches Biographisches Lexikon, hrsg. von Olaf Klose, Bd. 3, Neumünster 1974, S. 128f.

Balthasar Bekker, Die bezauberte Welt (1693). Mit einer Einl. hrsg. von Wiep van Bunge, Bd. 1, Stuttgart-Bad Cannstatt 1997 (Freidenker der europäischen Aufklärung; 7,1), S. 43-49.

Annemarie Nooijen, „Unserm grossen Bekker ein Denkmal“? Balthasar Bekkers Betoverde Weereld in den deutschen Landen zwischen Orthodoxie und Aufklärung (Studien zur Geschichte und Kultur Nordwesteuropas, Band 20), Münster 2009, S. 240f.

 

Empfohlene Zitierweise

Meumann, Markus: Peter Goldschmidt. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/45zpw/

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Erstellt: 19.08.2010

Zuletzt geändert: 24.08.2010

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