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Francois Perreaud

P.G. Maxwell-Stuart

(Übersetzung von Johannes Peisker)

04.04.2013

(english version ↓)

* 1572/1577, † 1659; französischer calvinistischer Geistlicher; Ziel einer heftigen Poltergeistattacke zwischen September und Dezember 1612; Autor von L`Antidémon de Mâcon;

François Perreaud war zweimal verheiratet und zog nach acht Jahren als Pfarrer in Buxy mit seiner neuen Frau 1611 nach Mâcon, einer im südlichen Burgund gelegenen Stadt. Mâcon hatte eine protestantisch und katholisch gemischte Bevölkerung und Perreaud schloss rasch Freundschaft mit Mitgliedern beider Gemeinschaften. Am 19. September 1612, nach einer fünftägigen geschäftlichen Abwesenheit, kehrte Perreaud in sein Haus zurück und fand seine Frau und ihre Magd in einem Zustand großer Verzweiflung vor. Sie erzählten ihm, dass sie während seiner Abwesenheit von einer Reihe unerklärlicher Phänomene verängstigt wurden. Betttücher wurden ihnen während der Nacht heruntergezogen, die Magd ist zu Boden geworfen worden, die Küchentür weigerte sich, aufzugehen. Als dann ein Junge vorbeikam und die Tür ohne Probleme öffnete, fanden sie Geschirr und andere Küchenutensilien über den Boden verstreut. Dies sei drei Nächte nacheinander passiert, sagten sie, und immer von einem lauten summenden Geräusch begleitet. Perreaud forschte nach und fand nichts Außergewöhnliches. Aber diese Nacht, als sich der Haushalt zurückgezogen hatte, störten sie laute Geräusche und Klopfen, obwohl Perreaud, als er aufstand, um herauszufinden was den Aufruhr verursachte, nichts fand und zu dem Schluss gelangte, dass es sich um einen bösen Geist handeln muss, da die Quelle nicht menschlich zu sein schien.

Am nächsten Tag konsultierte er die Ältesten seiner Kirche und seinen guten Freund, François Tornus, ein Katholik. Sie kamen zusammen und leisteten Perreaud für mehrere Abende Gesellschaft, oft bis nach Mitternacht. Zunächst passierte nichts, aber nach einer Weile fing das Wesen an zu pfeifen und dann zu reden. Es wiederholte „Pfarrer, Pfarrer“ immer und immer wieder, und brach schließlich aus in Rezitationen von Gebeten und Psalmen, das Glaubensbekenntnis und die Zehn Gebote. Damit begonnen, verständlich zu sprechen, schien es unfähig, aufzuhören und setzte an zu Anekdoten über Perreauds älteren Bruder, der in Pays de Gex lebte. Danach offenbarte es persönliche Details über die Privatleben der mit Perreaud im Zimmer Anwesenden und wechselte im Verlauf der Tage von Geplapper zu Blasphemie hin zu Scherzen und Clownerei. Nichts, das Perreaud als Zurechtweisung sagen konnte, schien irgendeinen dauerhaften Effekt zu haben. Diese Unterhaltungen und Monologe gingen Tag für Tag weiter, selbst während Perreaud und seine Begleiter umhersuchten, um zu sehen, ob sie die Herkunft der Stimme lokalisieren oder eine Art an ihnen verübten Schwindel aufdecken konnten. Aber sie fanden nichts und schienen damit zufrieden zu sein, dass das Phänomen (was auch immer es sein möge) authentisch war.

Das Wesen amüsierte sich weiterhin auf ihre Kosten. Es behauptete, es befinde sich eine große Geldsumme im Haus und lud die Männer ein, ihm zu folgen und es würde enthüllen, wo das Geld versteckt war. „Wollten sie sehen, wie er aussah?“, fragte der Dämon. Er würde jede lebendige physische Gestalt annehmen, die sie vorschlagen würden. Dann veränderte sich als Reaktion auf Perreauds ständige Ermahnungen und Verurteilungen die StimmungDas Wesen drohte ihm Gewalt an, bevor es seinen Ton erneut wechselte und Prophezeiungen äußerte: die Hugenotten in Frankreich würden leiden werden, Perreauds Frau sei schwanger und würde eine Tochter gebären, Perreaud selbst hätte nur noch drei Jahre zu leben. Aber schließlich kündigte das Wesen am 25. November plötzlich an, dass es nicht mehr sprechen werde, und von diesem Moment an bis zum Ende des gesamten Vorfalls sagte es nicht ein weiteres Wort mehr. Dies bedeutete jedoch nicht, dass es mit dem Haushalt fertig wäre. Das Wesen genoss es, das Hausmädchen zu ärgern, indem es ihr einen Kerzenständer aus der Hand schlug, ihre Kleidung in Unordnung brachte und Seile mit so festen Knoten an das Bettgestell band, sodass diese von Menschenhand nicht geöffnet werden konnten. Ähnliche physische Streiche wurden innerhalb und außerhalb des Hauses üblich und für mehrere Tage warf das Wesen unaufhörlich für zehn oder zwölf Stunden am Stück Steine – manche ziemlich schwer – in jede Ecke des Hauses. Perreauds katholischer Freund wurde ebenfalls mit Steinen harmlos beworfen und als er sie aufhob, waren sie heiß.

Der Dämon verschwand endgültig am 22. Dezember. Am nächsten Tag wurde eine große Giftschlange entdeckt, die aus Perreauds Haus kam. und als Beweis für Perreauds „Dämon“ in der Stadt zur Schau getragen. Perreaud selbst schien dies nicht geglaubt zu haben. Uns ist ein großer Teil dieses langandauernden Vorfalls bekannt, weil Perreaud einen detaillierten Bericht davon in seinem Buch, L`Antidémon de Mâcon, lieferte, das er viele Jahre später 1656 veröffentlichte, nachdem er mehrmals über 30 Jahre hinweg von der Provinzsynode darum gebeten worden war. Darin bietet er fünf verflochtene, aber nicht ganz widerspruchsfreie Erklärungen dafür, warum er im Fokus übernatürlicher Aktivität stand: (i) Dämonen sind zu bestimmten Zeiten aktiver als zu anderen und 1612 fiel mit einer ihrer Aktivperioden zusammen; (ii) nach seiner Ankunft in Mâcon habe er sich in bestimmten Vierteln unbeliebt gemacht, da er versuchte, seine Gemeinde von ihrer relativ abgelegenen zu einer Kirche näher dem Stadtzentrum zu verlegen, und jemand habe das Wesen absichtlich geschickt, um ihn zu drangsalieren; (iii) die Magd seiner Frau wurde verdächtigt, eine Hexe zu sein und schien mit dem Geist auf außergewöhnlich gutem Fuß zu stehen; (iv) der Vorbesitzer des Hauses sei ermordet worden (wurde von seiner Frau gesagt) und das Wesen könnte sein zorniges Gespenst gewesen sein; (v) die Frau des ermordeten Manns sei einst im Haus entdeckt worden, Flüche von sich gebend gegen Perreaud und seine Familie. Im Großen und Ganzen schien Perreaud gedacht zu haben, dass das Wesen ein böser Geist gewesen sei, der absichtlich heraufbeschworen worden ist, um ihm und dem Rest des Haushalts Ärger zu verursachen (Die Bemerkung über den zornigen Geist eines ermordeten Menschen steht den restlichen Vorschlägen Perreauds entgegen).

Perreauds Ruf als ein ehrbarer, ehrlicher Mann war weitverbreitet. Seine Provinzsynode schrieb über ihn in lobenden Worten, sein katholischer Freund war bereit, seine Integrität zu bezeugen und der Naturphilosoph und Alchemist, Robert Boyle, der ihn Anfang der 1640er Jahre in Genf traf, schrieb unmissverständlich von seinem Glauben an Perreauds Aufrichtigkeit. Nur 1681 finden wir einen einzelnen feindseligen Bericht, der nahelegt, der Vorfall war lediglich ein Betrug, und das ist eher Ausdruck einer persönlichen Meinung als die Enthüllung irgendwelcher neuer Beweise. Perreauds Wesen bleibt daher ein interessantes und detailliertes Beispiel von Poltergeist-Verhalten mit ganz eigenen, besonderen Begleiterscheinungen.

    English Version

Francois Perreaud

François Perreaud (1572/77-1659) was a French Calvinist minister who, together with his household, underwent a prolonged poltergeist attack between September and December, 1612. Perreaud was twice married and, after eight years as a pastor in Buxy, came with his new wife in 1611 to Mâcon, a town situated in the south of Bourgogne. Mâcon had a mixed population of Catholics and Protestants and Perreaud quickly made a number of friends in both communities. On 19 September, 1612, after an absence of five days on business, Perreaud returned to his house to find his wife and her maid in a state of great distress. They told him that while he was away, they had been frightened by a series of unexplained phenomena. Bedclothes had been pulled off them during the night, the maid had been thrown to the ground, the kitchen door refused to open, and then when a boy came along and opened the door without difficulty, they found crockery and other kitchen utensils scattered all over the floor. This had happened, they said, three nights running and always accompanied by a loud humming noise. Perreaud investigated and found nothing untoward, but that night, when the household had retired, loud noises and knocking disturbed them, although when Perreaud got up to find out what was causing the racket, he found nothing and came to the conclusion that since the source did not appear to be human, it must be an evil spirit.

Next day he consulted the elders of his church and his good friend François Tornus, a Catholic. Together they came and kept Perreaud company for several evenings, often until past midnight. At first nothing happened, but after a while the entity began to whistle and then to speak. It repeated ‘Minister, minister’ over and over again, and finally burst into recitation of prayers and psalms, the Creed and the Ten Commandments. Having started to speak intelligibly, it appeared to be unable to stop and launched into anecdotes about Perreaud’s elder brother who was living in the Pays de Gex. Then it revealed personal details about the private lives of those in the room with Perreaud, and over the course of days switched from chatter to blasphemy to banter and buffoonery. Nothing Perreaud could say by way of rebuke seemed to have any lasting effect. These conversations and monologues went on day after day, even while Perreaud and his companions searched around to see if they could locate the origin of the voice or uncover some kind of trickery being practised against them. But they found nothing and so seem to have been satisfied that the phenomenon (whatever it might be) was genuine.

The entity continued to entertain itself at their expense. It suggested there was a large sum of money in the house and invited the men to follow it and it would reveal where the money was hidden. Did they want to see what he looked like? he asked. He would take any living physical form they might suggest. Then the mood changed in answer to Perreaud’s frequent rebukes and condemnations, and the entity threatened him with violence before switching its tone again and uttering prophecies: the Huguenots in France were going to suffer Perreaud’s wife was pregnant and would give birth to a daughter, Perreaud himself had only three years to live. But finally, on 25 November the entity suddenly announced that it would not speak any more, and from that moment until the time the whole episode ended, it did not say another word. This did not mean, however, that it had finished with the household. It enjoyed teasing the housemaid by knocking a candlestick out of her hand, disarranging her clothes, and tying ropes to the bedsteads with knots so tight, they could not be undone by human hands. Similar physical pranks became common both within and outwith the house, and for several days the entity threw stones – some quite heavy – in every part of the house incessantly for ten or twelve hours at a time. Perreaud’s Catholic friend also had stones thrown harmlessly at him, and when he picked them up he found they were hot.

Finally, on 22 December, the entity left. The next day, a large poisonous snake was discovered coming out of the Perreauds’ house and was paraded through the town as evidence of Perreaud’s ‘demon’. Perreaud himself seems not to have believed this. We know a great deal about this lengthy episode because Perreaud provided a detailed account of it in a book, L’Antidémon de Mâcon, which he published many years later, in 1656, having been asked to do so several times over thirty years by the provincial synod. In this he offers five interlinked, but not quite consistent, explanations for his being the focus of preternatural activity: (i) demons are more active at certain times than at others, and 1612 coincided with one of their active periods; (ii) on his arrival in Mâcon, he had made himself unpopular in certain quarters by trying to move his congregation from its relatively isolated church to one nearer the centre of town, and someone had deliberately sent the entity to harass him; (iii) his wife’s maid was suspected of being a witch and seemed to be on unusually good terms with the spirit; (iv) the previous owner of the Perreauds’ house had been murdered (it was said by his wife), and the entity may have been his angry ghost; (v) the murdered man’s wife had once been discovered in the house, uttering curses against Perreaud and his family. By and large then, Perreaud seems to have thought that the entity was an evil spirit, and that it had been conjured deliberately to cause trouble for him and the rest of his household. (The notion of the angry ghost of a murdered human runs counter to the rest of Perreaud’s suggestions).

Perreaud’s reputation as an honourable, truthful man was widespread. His provincial synod wrote about him in laudatory terms, his Catholic friend was willing to testify to his probity, and the natural philosopher and alchemist, Robert Boyle, who met him in Geneva in the early 1640s, wrote in no uncertain terms of his belief in Perreaud’s honesty. Only in 1681 do we find a single hostile account, suggesting that the episode was merely a fraud, and that is the expression of a personal opinion rather than the revelation of any new evidence. Perreaud’s entity thus remains as an interesting and detailed example of poltergeist behaviour with concomitant peculiarities of its own.

 

Empfohlene Zitierweise

Maxwell-Stuart, Peter G.: Perreaud, Francois. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/45zsu/

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Erstellt: 06.09.2013

Zuletzt geändert: 24.09.2013

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