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Koch, Andreas (Prozeßopfer) - Pfarrer

Lippe, Grafschaft (Lemgo)

Gisela Wilbertz

13.12.99

Andreas Koch (* wohl 1619 + 1666) wurde wohl 1619 als fünftes Kind des Pfarrerehepaares Hermann Koch (oder latinisiert Coccaeus) und Anna (oder Elsabe) Heinenkamps geboren. Als die Eltern 1632 für sich und ihre zehn Kinder das Lemgoer Bürgerrecht erwarben, ist sein Name erstmals in einer Quelle genannt. Der Vater, zunächst 1609 Lektor am Gymnasium, erhielt zwei Jahre später ein Pfarramt an der Lemgoer Altstadtkirche St. Nicolai. Wie auch die Mutter entstammte er der (bildungs-)bürgerlichen Honoratiorenschicht, die bereits seit Generationen städtische Ehrenämter bekleidete oder in landesherrlichen Diensten stand und ein grenzübergreifendes Konnubium pflegte. Andreas Koch war daher mit den meisten der Lemgoer Bürgermeister (-> Lemgo, Stadt), mit Ratsherren und Hexendeputierten nahe verwandt. Nach einem Studium an der Universität Rostock wurde er 1647 zum Nachfolger des damals verstorbenen Vaters gewählt. Etwa gleichzeitig heiratete er die aus einer bedeutenden Herforder Familie stammende Anna Elisabeth Pöppelmans. Durch die späteren Eheschließungen ihrer jüngeren Schwestern wurde er zum Schwager des Kantors am Lemgoer Gymnasium, Bernd Grabbe, seines Pfarrerkollegen an St. Nicolai, Magister Johann Kemper, und wohl auch von Dr. Arnold Spruthe, Sohn erster Ehe von Anna Veltmans Witwe Böndel.

1653 begann in der Stadt Lemgo eine neue Welle der Hexenverfolgung. Den Lemgoer Pfarrern war dabei eine reguläre Rolle zugedacht: Sie wurden als Leumundszeugen der Angeklagten gehört, sie waren bei der Bestätigung ihres Geständnisses zugegen, sie hatten sie in Vorbereitung des Todes zur Reue und Buße zu ermahnen - was gleichzeitig bedeutete, dafür zu sorgen, daß sie ihr Geständnis nicht widerriefen - und schließlich zur Hinrichtung zu begleiten. Bei Erfüllung dieser Amtspflichten fielen Andreas Koch in den Bekenntnissen der angeblichen Hexen Widersprüche auf, die ihn zur Nachfrage veranlaßten: Wie ist es möglich, auf dem Hexentanz Personen zu erkennen, wenn die Augen "verblendet" sind? Man kann nur vermuten, daß solche und ähnliche unlogische Aussagen erste tiefe Zweifel in ihm weckten und ihn dazu veranlaßten, sich auch theoretisch mit dem Hexenprozeß auseinanderzusetzen. Die Lektüre des lutherischen Theologen und Erfurter Professors Johann Matthäus Meyfarth wird später ausdrücklich erwähnt, doch hat er möglicherweise auch die "Cautio Criminalis" von Friedrich Spee gekannt. Wie diese beiden Autoren bestritt Andreas Koch nicht die Existenz von Hexen oder die Möglichkeit zu Schadenzauber, doch sah er wie sie die Gefahr, daß durch ein fragwürdiges Prozeßverfahren Unschuldige ihr Leben verlören. Damit stand er repräsentativ für die Lemgoer Oberschicht, die in der Prozeßwelle 1653-1656 erstmals nicht mehr bereit war, Beschuldigungen gegen ihre Familienangehörigen fraglos zu akzeptieren, und sich mit allen juristischen Mitteln dagegen wehrte.

Diese zunächst nur in der Studierstube und im engen Freundeskreis ausgetragenen Zweifel erhielten neue Nahrung, als 1665 die Hexenverfolgungen wieder einsetzten. Am 27. Juni jenes Jahres hatte Andreas Koch als eine der ersten Verurteilten die Müßmansche, Hermann Sauermanns Frau Elisabeth Tillen, zum Richtplatz zu begleiten. Unterwegs beteuerte sie ihm als ihrem Beichtvater ihre völlige Unschuld - was in Lemgo bis dahin noch nicht vorgekommen war. Auch hier läßt sich nur vermuten, daß es dieses Erlebnis war, das ihn erschütterte und in seinen Zweifeln endgültig bestärkte. Jedenfalls suchte er danach die Öffentlichkeit. In seinen Predigten, in Gesprächen und bei allen möglichen Gelegenheiten, so wurde ihm später vorgeworfen, habe er zur Vorsicht bei den Hexenprozessen gemahnt, vor leichtfertigen und vorschnellen Beschuldigungen gewarnt, die Art der Prozeßführung in Frage gestellt, wodurch es gar nicht möglich sei, mit Sicherheit festzustellen, wer eine Hexe oder ein Zauberer sei oder nicht, und offen von der Unschuld dieser oder jener Hingerichteten gesprochen. Diese öffentlichen Warnungen vor der Verfolgung Unschuldiger und ihre Errettung - er wies verschiedentlich auf die Geschichte von Susanna und Daniel hin - waren für ihn eine selbstverständliche Aufgabe seines geistlichen Amtes, darin Friedrich Spee sehr ähnlich: "Rechtschaffene Prediger dürfen nicht blinde Wächter sein, die nichts wissen, noch stumme Hunde, die nicht bellen ..." Bei der Mehrheit der Lemgoer und Lemgoerinnen fand er mit seiner Forderung nach Vorsicht beim Hexenprozeß jedoch keine offenen Ohren, und dies ermöglichte seinen Gegnern, gegen ihn vorzugehen.

Bereits vor der Hexenverfolgungswelle von 1665 hatte Andreas Koch in seinen Predigten Trunksucht, Ehebruch, Geiz, Habsucht und Verleumdung angeprangert, die in der Lemgoer Führungsschicht, unter Bürgermeistern und Ratsherren eingerissen waren. Daraus mußten in seinen Augen auch zwangsläufig Mißbräuche beim Hexenprozeß erwachsen, denn dieser sei "nicht einem jeden anzuvertrauen, sondern [es] müssen dazu gottesfürchtige Gelehrte, erfahrene, in allen Tugenden geübte und vorsichtige Leute verordnet werden." Mit dieser Auffassung rüttelte der Prediger von St. Nicolai an den Grundfesten der Macht, so wie sie in Lemgo verstanden wurde. Gegen die von Gott gesetzte Obrigkeit zu opponieren, bedeutete für Bürgermeister und Rat, die göttliche Weltordnung in Zweifel zu ziehen, und mit der Forderung nach Vorsicht beim Hexenprozeß, wobei doch Gott selbst "das Oberdirektorium führet", wolle er nur "das Unkraut der Zauberei wachsen lassen" und so "das Reich des Teufels erweitern". Wer solche Absichten hegte, war ein gefährlicher Wegbereiter Satans. Eine bewußte Instrumentalisierung des Hexenglaubens anzunehmen, mit dessen Hilfe die damalige Lemgoer Führungsclique wider besseres Wissen unbequeme Gegner aus dem Weg geräumt habe, wie es z.B. Karl Meier in seinen Veröffentlichungen darstellt, ist demnach nicht notwendig. Nicht nur für Andreas Koch waren geistliche und weltliche Kritik, die Untugenden der Herrschenden und die Mißbräuche beim Hexenprozeß, zwei Seiten derselben Medaille. Genauso, allerdings diametral entgegengesetzt, bildeten auch für die Lemgoer Obrigkeit die Angriffe gegen ihre Person, gegen die Führung von Hexenprozessen und gegen Gott eine untrennbare Einheit. Wer ihr Feind war, war auch der Feind Gottes und somit der Verbündete des Teufels.

Als Bürgermeister und Rat im Sommer 1665 bald nach den ersten Hexenprozessen Andreas Koch den Zutritt zu den Inhaftierten verboten, war dies geeignet, in der Stadt Mißtrauen gegen ihn zu säen, das Gerücht zu schüren und allmählich den Verdacht der Hexerei keimen zu lassen. Ob Anna Veltmans verwitwete Böndel tatsächlich zu Aussagen gegen ihn gezwungen wurde oder nicht - auch ohne dem ließen die ersten Beschuldigungen, er sei auf dem Hexentanz gesehen worden, nicht lange auf sich warten. Als auch noch Dr. Arnold Spruthe in aller Öffentlichkeit gegen den angeblich erzwungenen Verdacht protestierte, war damit eine Lawine losgetreten, die nicht mehr aufzuhalten war. Der Lemgoer Bürgermeister Dr. Henrich Kerckmann, für drei Hexenverfolgungswellen verantwortlich, ließ sich umgehend vom Rat ermächtigen, bei der Universität Rinteln ein Gutachten einzuholen, wie weiter mit Andreas Koch zu verfahren sei. Die von Rinteln empfohlene Suspendierung wurde am 24. Oktober 1665 realisiert: Ab sofort habe sich der Pfarrer von St. Nicolai des Predigtstuhls zu enthalten.

Zu diesem Zeitpunkt hätte wahrscheinlich noch die Möglichkeit bestanden, die Stadt zu verlassen und anderswo neu anzufangen. Doch im Bewußtsein seiner Unschuld und davon überzeugt, immer nur die Pflichten seines geistlichen Amtes erfüllt zu haben, wählte Andreas Koch den Weg der Appellation an den Landesherrn in Detmold, Graf Hermann Adolph zur Lippe (1652-1666). Die umfangreiche Akte dieses Appellationsprozesses ist die Hauptquelle für das Verfahren gegen Koch, da die Akte seines Hexenprozesses bis auf Bruchstücke nicht erhalten ist. Da Graf Hermann Adolph zu den Befürwortern von Hexenprozessen zählte - mehr als die Hälfte der in der Grafschaft Lippe wegen Hexerei Hingerichteten fanden in den vierzehn Jahren seiner Regierungszeit den Tod -, waren die Erfolgsaussichten für die Appellation denkbar gering. Sie verschlechterten sich noch einmal, als zur Jahreswende 1665/66 eine Schmähschrift (Pasquill) aufgefunden wurde, die sich gegen die Lemgoer Hexendeputierten und gegen enge Vertraute des lippischen Grafen richtete, und Andreas Koch als Mitverfasser in Verdacht geriet. Unterdessen zog sich in Lemgo das Netz der Besagungen immer enger um ihn zusammen. Die über ihn umlaufenden Gerüchte gewannen eine Eigendynamik und wurden mit immer fantastischeren Details ausgeschmückt, so daß er schließlich als einer der kommandierenden Oberhexenmeister erschien. Zwei von ihm eingeholte Gutachten der Universität Helmstedt, die seine Suspendierung als unbegründet und die Verdachtsmomene gegen ihn als unzureichend erklärten, fanden keine Beachtung.

Am 6. April 1666 wies die Regierung zu Detmold Andreas Kochs Appellation ab und ließ einen Hexenprozeß ausdrücklich zu. Der bereits unter Hausarrest stehende Pfarrer konnte nun verhaftet und das förmliche Verfahren gegen ihn eröffnet werden. Ein Gutachten der Universität Gießen erlaubte die Anwendung der Tortur (-> Folter), woraufhin er dreimal - wegen Wiederrufs verschiedener Geständnisse - am 16., 19 und 28. Mai gefoltert wurde. Auf ein Bittgesuch seiner Ehefrau Anna Elisabeth Pöppelmans hin begnadigte ihn Graf Hermann Adolph zur Enthauptung mit dem Schwert und anschließender Verbrennung. Die Hinrichtung fand am 2. Juni 1666, dem Samstag vor Pfingsten, in aller Frühe zwischen vier und fünf Uhr unter dem Regenstor, seinem Gefängnis, statt. Der ungewöhnliche Ort und die ungewöhnliche Zeit, wodurch die Öffentlichkeit weitgehend ausgeschlossen war, sollten vermutlich Aufsehen vermeiden. Dies weist darauf hin, daß man in Lemgo die Verurteilung eines Pfarrers wegen Hexerei wohl doch als etwas Besonderes empfand.

Seine Witwe Anna Elisabeth Pöppelmans ging sieben Jahre später eine zweite Ehe mit dem Kaufmann und Kirchenprovisor Hermann Knöpken ein. Seine beiden Töchter heirateten in angesehene Lemgoer Familien (Schnitger, Reineking) und hinterließen zahlreiche Nachkommen, ein Sohn wohnte als Kaufmann im niedersächsischen Dannenberg. Wie Maria Rampendahl und Anna Veltmans Witwe Böndel gehörte auch Andreas Koch in der Lemgoer Historiographie schon früh zu den bekanntesten Opfern der Hexenverfolgung. 1997 entschloß sich die Ev.-luth. Kirchengemeinde St. Nicolai, für ihn in "seiner" Pfarrkirche einen Gedenkstein anzubringen. Er wurde am 2. August 1999 eingeweiht.

Quellen

StadtA Le, A 3660 und A 3664; StA Dt, L 28 Lemgo B IX 2, B IX 3 B.2 und B X 2; FürstlA Lippe-Biesterfeld, Schloß Detmold, Akte Nr. 61.

Literatur

Karl Meier: Lemgo, eine Hochburg der Hexeninquisition, in: Lippische Mitteilungen, Bd. 16, Detmold 1938, S. 5-62;

Ursula Bender-Wittmann: "Hexen machen". Geschlechter- und Hexereidiskurse in einer frühneuzeitlichen Stadt, in: L'Homme. Zeitschrift für Feministische Geschichtswissenschaft, 7. Jg. H 2, Köln-Weimar-Wien 1996, S. 43-55;

Gisela Wilbertz: "... es ist kein Erretter da gewesen ..." Pfarrer Andreas Koch, als Hexenmeister hingerichtet am 2. Juni 1666. Hrsg. von der Ev.-luth. Kirchengemeinde St. Nicolai, Lemgo 1999.

 

Siehe auch folgende Artikel:

Clauss, David d. Ä., Scharfrichter von Gisela Wilbertz

Cothmann, Hermann - Bürgermeister von Nicolas Rügge

Folterinstrumente von Jürgen Scheffler

Grabbe, Bernhard - Kantor und Lehrer am Lemgoer Gymnasium von Regina Fritsch

Hexenverfolgung und lokale Geschichtskultur: Das Hexennest von Jürgen Scheffler

Lippe, Grafschaft (Lemgo) - Hexenverfolgungen von Jürgen Scheffler

Kerkmann, Heinrich von Nicolas Rügge

Meier, Karl - Lehrer und Heimatforscher von Jürgen Scheffler

Rampendahl, Maria (Angeklagte im Hexenprozeß) von Gisela Wilbertz

Stadtarchiv Lemgo (Quellen zur Hexenverfolgung) von Gisela Wilbertz

Empfohlene Zitierweise

Wilbertz, Gisela: Koch, Andreas. Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/45zrq/

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Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 09.06.2006

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