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Jauer bzw. Magni de Jawor, Nikolaus (Nikolaus Jauer, Nikolaus Groß)

Katrin Moeller

 

1. Juni 2007

* um 1355 in Jawor/Schlesien, † 22. März 1435 in Heidelberg

Geboren wurde Nikolaus de Jawor um 1355 in der aufblühenden Stadt Jawor (Schlesien). Er studierte zunächst in Wien, dann in Prag Theologie und wurde dort als Prediger tätig sowie 1397 zum Rektor ernannt. In diesem Zusammenhang entstanden mehrere Predigten, die sich auch mit der inneren Reformation der Kirche beschäftigten. 1402 ging Jawor nach Heidelberg. Dort lehrte er bis zu seinem Tod 1435 an der theologischen Fakultät, war als Rektor und mehrmals als Vizekanzler und Dekan sowie Notar des Pfälzer Kurfürsten tätig. Jawor trat als Vertreter der kirchlichen Orthodoxie für Reformen der Kirche ein, wurde in diesem Sinne in der Synodalbewegung tätig und beschäftigte sich ausgiebig mit dem Problem der Ketzerei. Mehrfach trat Jawor den Ansichten John Wyclifs und Jan Hus’ entgegen. Er war Teilnehmer des Konstanzer und später des Baseler Konzils, welches für die frühe Verbreitung der Hexenlehre wichtig wurde.

Die Abfassung des Traktats „De supersititionibus“ und eine Abhandlung über den Begriff „benedicere“ stehen wohl im unmittelbaren Zusammenhang mit Jawors Tätigkeit in der Kommission zur Verurteilung des Lektors des Austinerklosters Laudenburg, Werner von Freiburgs, wegen Verwendung und Verbreitung superstitiöser Praktiken 1405. Während Felix Hemmerlin ihn verteidigte, ging die Widerlegung der Ansichten Freiburgs wohl auf Jawor zurück. Durch diese Beschäftigung veranlasst, verfasste Jawor das Traktat „De superstitionibus“, welches zwar nie gedruckt und über das 15. Jahrhundert auch wenig rezipiert worden ist. Seinem Werk wird für das 15. Jahrhundert durch Frank Fürbeth jedoch eine überragende Rolle zugesprochen, was letztlich seine weite Verbreitung im universitären und seelsorgerischen Milieu (über 120 Handschriften des Werks sind nachweisbar) dokumentiert.

Die Schrift Jawors findet man unter verschiedenen Bezeichnungen: Tractatus incantacionum, De illusionibus et supersticionibus, Tractatus contra nigromanticos, divinos, ariolos et de quampluribus superstitionis observanciis, De illusione demonis.

Tractatus de superstitionibus

Der Traktat beschäftigt sich umfassend mit dem Problem, ob der Teufel die Menschen durch Täuschungen verführen könne und ob es den Menschen erlaubt sei, für nützliche Werke die Hilfe des Teufels in Anspruch zu nehmen. Jawor unterteilte drei Einwirkungsebenen des Teufels: die Sinne, den Intellekt und die Emotionen (Affekte, Begierde). Obwohl der Dämon direkt nur in die Wahrnehmung, indirekt aber auch in das Denken der Menschen eingreifen kann, spricht ihm Jawor über Täuschungen und Vorspiegelungen die Möglichkeit zur Beeinflussung von Sinnen und Verstand, nicht aber der Gefühle zu. Auch eine Besessenheit des Menschen erfolgt nur partiell. Zwar kann der Körper betroffen sein, in die Seele des Menschen kann der Dämon jedoch nicht eindringen. Ebenso wenig vermag er die Gedanken und Gefühle eines Besessenen zu lesen, wohl aber anhand der Körperreaktionen zu deuten.

Als Fähigkeiten, die den Teufel zu besonderen Künsten im Bereich der Mantik verhilft, kennt Jawor den Scharfsinn und die Lebenserfahrung des Teufels. Kreatürliche oder echte mantische Fähigkeiten werden dem Teufel jedoch konsequent abgesprochen. Die guten und schlechten Dämonen sind über ihre Suggestionskräfte zwar in der Lage, menschliche Gedanken zu manipulieren, dies bedeutet jedoch keine Teilhabe an seiner Seele. Gefährlich wird es für die menschliche Seele immer dann, wenn sie Müßiggang erleidet, da sie sich in solchen Momenten den Einflüsterungen des Teufels zuneigt.

Intensiv verfolgt Jawor die Frage nach der Beschaffenheit der Dämonen. In Anlehnung an Bonaventura unterscheidet er zwischen Geist und Körper des Teufels. Letzteren hat der Teufel nur angenommen, keineswegs besitzt er eine feste Tiergestalt oder vegetative und schöpferische Funktionen. Ebenso wenig vermag er Dinge zu ändern, er kann sie lediglich bewegen.

Damit sind die Wechselbälger nicht die Nachkommen von Teufeln und „alten Weibern“, sondern es handelt sich hierbei um die Dämonen selbst. Auch bei den alten Weibern, die sich des Nachts zu den Wiegen schleichen, um die Säuglinge zu stehlen, zu zerfleischen und zu braten, handelt es wieder um Dämonen. Diese Weiber benennt Jawor (auf Wilhelm von Paris zurückgehend) als „Larven“ (larvae), aber auch als „vetulae“ und „lamiae“. Damit werden sündige Eltern gestraft, die ihre Kinder mehr lieben als Gott. Jawor spricht von einem wahren Kult ängstlicher Mütter zum Schutz ihrer Kinder, was wenig für eine emotionslose Eltern-Kind-Kultur des Spätmittelalters spricht.

Auch der Flug mit den Dämonen beschäftigt Jawor, den er mit Hinweis auf den Canon Episcopi als pure Illusion beschreibt.

Eine Nutzung der Teufelsdienste verbietet sich für Jawor nicht nur aufgrund der Sünde gegen Gott, die damit unweigerlich verbunden ist, sondern auch weil der Teufel keinerlei gute Werke unterstützt. Insgesamt wird dem weiblichen Geschlecht eine Affinität zur Magie zugeschrieben. Jawor wendet sich allerdings genauso scharf gegen alle Formen gelehrter Magie. Da der Teufel über weit größere Mächte verfügt als der Mensch, ist für ihn die Annahme, man könne dem Dämon Befehle erteilen völlig irrig. Mit Verweis auf die Bibel (Marc. 9,28) benennt er lediglich das Fasten und Beten als Mittel des Exorzismus`. Alle anderen Gebräuche lehnt er ab oder fordert zunächst deren Genehmigung durch offizielle Würdenträger der Kirche.

In seiner anschließenden Einteilung der verschiedenen Formen von Superstitiones stützt sich Jawor weitgehend auf Thomas von Aquin. Großen Einfluss auf seine Schrift haben auch die Werke Bonaventuras und des Bischofs Wilhelm von Auvergne (Guilelmus Auvergne, Wilhelm von Paris). Dessen Traktat „De universo“, das sich als Kampfschrift gegen den Manichäismus versteht, setzt sich im zweiten Hauptteil „De daemonibus“ ausgiebig mit dämonologischen Fragen (Besessenheit, Magie, Divination, Illusionen, etc.) auseinander. In seinem Werk „De fide et legibus“ geht Wilhelm von Auvergne ausführlich auf die Idolatrie ein.

Tagesaktuell werden dabei Praktiken im Schnittpunkt zwischen Häresie und Superstition aufgelistet, etwa die Abhaltung von Laienmessen. Daneben behandelt Jawor zahlreiche Divinationstechniken und die Ordalienpraxis. Intensiv setzt er sich mit Formen der natürlichen Magie (okkult-natürliche Kräfte) auseinander. Solange die Wirkung von Wörtern, Kräutern und Steinen als Kräfte der Natur lediglich zu natürlichen Wirkungen gebraucht werden, sind diese legitim. Jeder Gebrauch übernatürlicher Wörter oder heiliger Mittel umfasst für ihn jedoch einen stillschweigenden Dämonenpakt.

In seiner Konsequenz geht Jawor schließlich über Thomas von Aquin hinaus. Während dieser das Tragen von Amuletten und die Verwendung von Segenssprüchen zum Schutz von Kindern unter strengen Auflagen erlaubte, wendet sich Jawor gegen solche Zugeständnisse, da sie Einfallstor für viele abergläubische Praktiken bilden. Im Gegensatz zu Johannes von Frankfurt fordert allerdings Jawor keinerlei weltliche Konsequenzen oder strafrechtliche Verfolgungen.

Nach Franz und Fürbeth ist das Traktat vor allem mit der Entstehung der katechetischen Literatur im Umkreis der Wiener Universität und den Kreis der augustinischen Ordensreform in Verbindung zu bringen. In Anschluss an die gelehrte Schrift Wilhelm von Auvergnes entstand so ein „Aufklärungsbuch“ für die Kleriker. Als didaktische Lehre des Werkes ergibt sich, dass letztlich jede Superstition einen stillschweigenden Pakt mit dem Teufel beinhalte, ein Gedanke der in der protestantischen Dämonologie eine starke Aufwertung erfuhr. Davor kann sich der Mensch jedoch aufgrund seines freien Willens schützen. Notwendigerweise muss er dazu jedoch die Gefahren kennen, die sich aus der Nutzung verbotener Praktiken ergeben. Genau darüber will das Werk aufklären und gibt daher einen umfassenden Überblick von magischen Praktiken.

Jawors Schrift ist vor allem durch Felix Hemmerli und Dionysius Rickel angegriffen worden.

Digitalisierte Ausgabe

Archival/Manuscript Material UPenn Ms. Codex 78. Folios 35r-63v.: http://dewey.library.upenn.edu/sceti/

Literatur

Adolph Franz, Der Magister Nikolaus Magni de Jawor. Ein Beitrag zur Literatur- und Gelehrtengeschichte des 14. und 15. Jahrhunderts, Freiburg 1898, S. 151-196.

Ansgar Frenken, Nikolaus Jauer, in: BBK, Band VI, 1993, Sp. 888-889. http://www.bbkl.de/lexikon/bbkl-artikel.php?art=./N/Ni-Nj/nikolaus_ja.art

Frank Fürbeth, Johannes Hartlieb, Untersuchungen zu Leben und Werk, Tübingen 1992.

Wieland Schmidt, Nikolaus von Jauer, Verfasserlexikon, Bd. 3, Berlin 1943, Sp. 583-588.

Lynn Thorndike, A history of magic and experimental science, Vol. IV, New York 1934, S. 274-283.

Heinrich Walter, „Tractatus de exorcismis“, Felix Hemmerlins Plädoyer für eine Tierheilung mittels Beschwörungsformeln, Liz.-Arbeit der Phil. Fakultät Universität Zürich 2003.

Empfohlene Zitierweise

Moeller, Katrin: Jawor, Nikolaus de. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/45zrj/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 21.08.2007

Zuletzt geändert: 21.08.2007

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