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Hesse, Otto Justus Basilius

Dirk Fleischer

20. Oktober 2008

 

* in Klettenberg in der Grafschaft Hohnstein (Harz), evangelischer Theologe, Gegner leibhaftiger Teufelsvorstellungen; † 6. Juni 1793

Kurzbiografie

Über Otto Justus Basilius Hesses Leben und Werk ist bislang nur wenig bekannt. Nach dem Schulbesuch in Nordhausen studierte er in Halle Theologie. Er wirkte vor 1764 als Lehrer am Großen Waisenhaus zu Potsdam und drei Jahre als Vertreter eines (Garnisons)-Feldpropstes. Von 1764 bis 1770 erhielt er eine Pastorenstelle in Benneckenstein (Harz). 1770 berief man ihn nach Bleicherode, wo er zuletzt als Pastor primarius und Superintendent tätig war. Zugleich war er Kircheninspektor des Loraischen Kreises der Grafschaft Hohnstein.

Kulturgeschichtliche Bedeutung der theologischen Theoriebildung Hesses

Hesse hat einige Schriften verfasst, die aber schon lange in Vergessenheit geraten sind. Kulturgeschichtlich ist allerdings seine anonym erschienene Schrift: Versuch einer biblischen Dämonologie, oder Untersuchung der Lehre der heiligen Schrift vom Teufel und seiner Macht (Halle 1776) von Bedeutung, zu der der bekannte Hallenser Theologe Johann Salomo Semler (1725-1791) eine umfassende Einleitung und einen Anhang verfasste. Die Schrift gehört zu den zentralen Schriften des zweiten Teufelsstreites, der ab 1772 durch Wilhelm Abraham Tellers Artikel Satan/Teufel im Wörterbuch zum neuen Testament zur Erklärung der christlichen Lehre (Berlin 1772, 61806) ausgelöst wurde und der durch die zeitgleichen Exorzismusversuche des katholischen Pfarrers Johann Josef Gassner (1727-1779) eine hohe Öffentlichkeitswirksamkeit erfuhr.

In diesem für das Selbstverständnis der Aufklärung wichtigen positionellen Streit stand die Frage der Existenz und Personenhaftigkeit des Teufels zur Diskussion. Auf der einen Seite verteidigten eine Reihe von Gelehrten, für die die Verbindlichkeit des traditionellen orthodoxen Kirchenglaubens außer Frage stand, die Lehre von der Existenz und Personenhaftigkeit des Teufels und seiner Macht vor allem mit dem biblizistischen Argument, dass die Aussagen der Heiligen Schrift an der Gewißheit dieser Lehre keinen Zweifel zuließen. Für diese Position steht beispielsweise der Gießener Historiker He(i)nrich Martin Gottfried Köster (1734-1802) mit seiner teilweise ironischen Schrift Demüthige Bitte um Belehrung an die großen Männer, welche keinen Teufel glauben (Gießen 31775). Die Gegenposition in diesem Streit wurde von Gelehrten vertreten, die alle der Aufklärung verpflichtet waren, wie Teller, Semler, Christian Wilhelm Kindleben.oder Hesse. Mit seiner Schrift hat Hesse maßgeblich mit dazu beigetragen, dass die Lehre von der Dämonologie aus den protestantischen Lehrbüchern weitgehend verschwand, wobei sicherlich Semlers Einleitung und Anhang mitentscheidend waren für die große Beachtung, die das Buch erfahren hat. In der Folgezeit verlor die Dämonologie in der theologischen Theoriebildung deutlich an Plausibilität.

Mit seiner Kritik an der traditionellen Vorstellung vom Teufel und seiner Macht steht Hesse in der Tradition der Teufelskritiker, wie z. B. Balthasar Bekker. Maßgeblichen Einfluss auf sein Denken hat auch Semler ausgeübt. Allerdings ist Hesse, wie Semler ausdrücklich betont, keiner seiner Schüler. In seiner Vorrede betonte Hesse, dass er „ nicht immer in der gebrochenen Bahn habe bleiben können“, die Semler in der Diskussion über den Teufel vorgegeben habe [Dämonologie, Vorrede S. 3]. D.h. er übt in seiner Dämonologie deutlich schärfere und weitergehende Kritik an der traditionellen Lehre vom Teufel als Semler. Im Gegensatz zu Semler zielt Hesse auch auf die Frage nach der Existenz des jüdischen Teufels.

„Versuch einer biblischen Dämonologie“

In seiner Vorrede zur Dämonologie stellt Hesse unmißverständlich fest:


Abb. 1:

„Und was kan denn wohl, eine Lehre, vor Einfluß auf wahre Beruhigung der Menschen haben, die GOttes Herrlichkeit und Grösse verdunkelt, den menschlichen Verstand verdüstert, die Luft und die Erde, allenthalben, mit bösen Geistern, erfüllet, die dem Menschen nachstellen, ihn zur Sünde reitzen und verführen, seine Gesundheit zerrütten, bey Tage und bey Nacht umher schwärmen, und allenthalben Furcht und Schrecken verbreiten, und Schaden und Unglück anrichten sollen? GOtt höret auf GOtt zu seyn, wenn der Teufel das wäre, wofür er ausgegeben wird. Kan Satan noch immer die Werke GOttes zerrütten, hat er noch einen steten Einfluß auf die Erde und auf den Menschen, ist er noch immer der unsichtbare mächtige Verführer zur Sünde, der er seyn soll; so hätte ja der Sohn GOttes, der dazu erschien, die Macht des Teufels wegzuschaffen und seine Werke zu zerstören, seine Absichten nicht erreichet.“ (Hesse 1776, Vorrede S. C7rf)

 

Bei seiner scharfen Ablehnung der Lehre vom jüdischen Teufel berief sich Hesse ausdrücklich auf die Definition von Aberglaube, die der Abt Johann Friedrich Wilhelm Jerusalem (1709-1789) in seinen Betrachtungen über die vornehmsten Wahrheiten der Religion formuliert hat (Jerusalem 1769/2007 S. 407). Nach dieser Definition sind alle Zusätze, die ohne eingehende Erkenntnis und Prüfung zu den wesentlichen Teilen der christlichen Religion hinzugezählt werden, „Aberglaube“. Entsprechend dieser Definition von „Aberglauben“ besteht die erklärte Absicht seiner Schrift darin zu zeigen, dass die traditionelle Lehre vom Teufel und seinen Wirkungen nicht der christlichen Religion entsprach und mithin zu überwinden war:

„Nein, der jüdische Lehrbegrif vom Teufel, kan keine göttliche Lehre, keine evangelische Warheit seyn, und wird, auch blossen Vorurtheil, dafür ausgegeben. Er ist Irrthum und die Quelle unzähliger und recht grober Gattungen des Aberglaubens, deren jede ein Schandfleck der menschlichen Vernunft, und eine gefährliche Pest unter den Menschen ist.“ (Hesse, 1776, Vorrede S. C8rf)

Hesse geht es also letztendlich um eine Entzauberung der Wel, die christologisch begründet wird. Die Juden hätten „dem Satan die fürchterlichste Herrschaft und Gewalt über sich eingeräumet“. Jesus sei dann gekommen, „den Teufel und seine Macht wegzuschaffen und zu vernichten“ (Dämonologie, S. 12). Seiner Überzeugung nach stammte die Vorstellung von einem Teufel ursprünglich aus dem Heidentum und gelangte dann über das Judentum in die christliche Theologie. Daher spricht er von einem jüdischen „Aberglauben“.

Ausgehend von Überlegungen zur unsichtbaren Welt und zu Geistwesen kommt Hesse zu dem Ergebnis, dass Philosophie und Vernunft nichts von einem Teufel oder Satan wissen. Auch die Historie, soweit sie wahre Erzählung ist, wird vom Teufel oder vom Satan „nichts melden können“. Die Erfahrung als allgemeine verallgemeinerungs- und wahrheitsfähige Objekterkenntnis wird damit von Hesse auf die sichtbare Welt reduziert. Nur göttliche Belehrungen, d. h. göttliche Offenbarungen „von der Macht böser Geister“ würden „alle Zweifel“ beheben und die Existenz und die Macht dieser Geister bestätigen. Da es aber eine solche Offenbarung Gottes nicht gibt, kann es den Teufel mit der ihm zugeschriebenen Macht nicht geben (Hesse 1776, S. 10/11). Hier äußert sich bei Hesse deutlich das neuzeitliche Wahrheitsbewusstsein. Die Vernunft wird bei ihm zum erkenntniskritischen Maßstab auch für die Beurteilung der Bibel. Und nach der von Hesse vorgenommenen Reduzierung der Wahrheitsfähigkeit menschlicher Erfahrungen allein auf die sichtbare Welt müssen die Aussagen der Bibel auch dem neuzeitlichen naturwissenschaftlichen Weltbild entsprechen, wenn sie für sich einen wissenschaftlichen Geltungsanspruch reklamieren wollen.

Hesses Interpretationen der neutestamentlichen Stellen, die vom Teufel bzw. vom Satan handeln, ist klar von der Absicht bestimmt, den jeweiligen Text so zu erklären, dass kein Raum für einen real existierenden transzendenten Teufel oder Satan mit eigener Macht über die Menschen bleibt. Dies erreicht er vor allem durch „natürliche“ Erklärungen.

Auch bei der Untersuchung der Vorstellung von Dämonen im Neuen Testament zielt Hesses Argumentation daraufhin, plausibel und nachvollziehbar zu zeigen, dass alle Plagen und Krankheiten, die den Dämonen zugeschrieben wurden, natürliche Krankheiten waren. In diesem Zusammenhang übte er auch Kritik an Martin Luther und dessen Bibelübersetzung.

Mit der Verabschiedung des Teufels tritt der Mensch, sein Tun und Handeln, seine Schuld und sein Fehlverhalten in den Blick. Hier vor allem verortete Hesse das Böse. Hesses Schrift ist zweifelsohne ein Markstein im Prozess der Verinnerlichung des Bösen. Der Teufel ist also nicht der erdichtete böse Geist mit Macht über Menschen. Dies ist „ein Hirngespinst, es ist jüdische Mythologie, keine Lehre GOttes“. (Hesse 1776, S. 302) In gleicher Weise kritisierte er auch neuere Vorstellungen über böse Wesen, die in der Kirchengeschichte entstanden sind:

„Alles, was man von Bündnissen der Menschen mit dem Teufel, von ihrer Möglichkeit so wohl, als von ihrer Wirklichkeit, gesagt, geschrieben und gegläubet hat, ist lauter Unsinn und Thorheit. Noch weit alberner ist aber, was von Succubis und Incubis, oder, von fleischlichen Vermischungen der Teufel mit den Menschen, und von den so genanten Wechselbälgen erdichtet und geglaubet ist. Wehrwölfe, Kobolte, Unken; Vampyren, Hecke-Männer, Polter- und Nacht-Geister, sind nicht einmahl das, was Irrwische und der fliegende Drache sind. Diese sind dich noch leuchtende Dünste, jene sind nichts als demüthigende Beweise menschlicher Schwachheit und Thorheit.“ (Hesse, 1776, S. 305)

Quellen

He(i)nrich Martin Gottfried Köster, Demüthige Bitte um Belehrung an die großen Männer, welche keinen Teufel glauben, in: Ders., Historische Encyclopädie. Gesammelte Artikel über Historik und Didaktik aus der Deutschen Encyclopädie, herausgegeben, eingeleitet und kommentiert von Horst Walter Blanke und Dirk Fleischer, Bd. 2, Waltrop 2003, S. 285-314.

 

Anonym [Christian Wilhelm Kindleben]: Ueber die Non-Existenz des Teufels. Als Antwort auf die demüthige Bitte um Belehrung an die großen Männer, welche keinen Teufel glauben, Berlin 1776.

Johann Friedrich Wilhelm Jerusalem, Betrachtungen über die vornehmsten Wahrheiten der Religion an Se. Durchlaucht den Erbprinzen von Braunschweig und Lüneburg, Braunschweig 21769, S. 407 [ND: Hildesheim u.a. 2007];

Otto Justus Basilius Hesse, Versuch einer biblischen Dämonologie, oder Untersuchung der Lehre der heil. Schrift vom Teufel und seiner Macht. Mit einer Vorrede und einem Anhang von Johann Salomo Semler, Halle 1776 [ND: Waltrop 1996].

Literatur

 

Johann Georg Meusel, Lexikon der von Jahr 1750 bis 1800 verstorbenen teutschen Schriftsteller, Bd. V, Leipzig 1805 [ND: Hildesheim 1967], S. 442f.

Gustav Roskoff, Geschichte des Teufels, Bd. 2, Leipzig 1869 [ND: Aalen 1967], S. 501ff.

Karl Aner, Die Theologie der Lessingzeit, Halle 1929 [ND: Hildesheim 1964], S. 245.

Martin Pott, Aufklärung und Aberglaube. Die deutsche Frühaufklärung im Spiegel ihrer Aberglaubenskritik, Tübingen 1992, S. 258 u. ö.

Heinz Dieter Kittsteiner, Die Abschaffung des Teufels im 18. Jahrhundert. Ein kulturhistorisches Ereignis und seine Folgen, in: Alexander Schuller / Wolfert von Rahden (Hg.), Die andere Kraft. Zur Renaissance des Bösen, S. 55-92.

Dirk Fleischer, Zur Entzauberung der Welt. Johann Salomo Semlers und Otto Justus Basilius Hesses Position im Teufelsstreit der Spätaufklärung, als Einleitung zum Reprint des Versuchs einer biblischen Dämonologie, oder Untersuchung der Lehre der heil. Schrift vom Teufel und seiner Macht, Waltrop 1998, S. III-LXXXVIII.

Ders., Wider die Dämonen. Johann Salomo Semlers und Hugo Farmers Kampf gegen die Vorurteile besessenheitsgläubiger Christen, als Vorrede zum Reprint von: Hugh Farmer: Versuch über die Dämonischen des Neuen Testamentes. Aus dem Englischen übersetzt von L.F.A. von Cölln. Nebst einer Vorrede D. Joh. Sal. Semlers, (Bremen und Leipzig 1776), Waltrop 2000, S. I-LVI.

Ders., Art. Hesse, Otto Justus Basilius, in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Bd. 23, Nordhausen 2004, Sp. 658/9. [Digitale Ausgabe: http://www.bbkl.de/lexikon/bbkl-artikel.php?art=./H/He/hesse_o_j_b.art]

Ders., Zwischen Tradition und Fortschritt: Der Strukturwandel der protestantischen Kirchengeschichtsschreibung im deutschsprachigen Diskurs der Aufklärung, Bd. 2, Waltrop 2006, S. 656-75

 

Empfohlene Zitierweise

Fleischer, Dirk: Hesse, Otto Justus Basilius. Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/45zq9/

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Erstellt: 17.08.2009

Zuletzt geändert: 17.08.2009

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