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Gandinus, Albertus

Hans Schlosser

5. März 2008

Alberto da Gandino (A. di G. da Crema), * zwischen 1245-1250 in Crema (Prov. Cremona), † nach 1310. Rechtsstudium in Padua (Schüler von Guido da Suzzara), Berufsrichter in Strafsachen an den kommunalen Tribunalen von Lucca (1281), Bologna (1284, 1289, 1294/5), Perugia (1286/7, 1300), 1288 (Florenz), 1299 (Siena). In Fermo war er 1305 podestà und noch 1310 in Florenz oberster Richter („vicarius“) des podestà.

Gandinus gilt als einer der wichtigen Wegbereiter der gelehrten Strafrechtswissenschaft und des Inquisitionsprozesses.

Leben und Wirken

Gandinus war kein Rechtslehrer, sondern Zeit seines Lebens einflussreicher Justizpraktiker. Im Spruchalltag befasste er sich mit Rechtskontroversen, die zwischen dem Statutarrecht und dem gelehrten Recht aufgetreten waren. Sein Hauptziel war dabei, die im materiellen wie im formellen Strafrecht bestehenden Widersprüche zu harmonisieren und die Lösungen in das Ius commune systemgerecht einzuordnen.

Die Ergebnisse seiner Richtertätigkeit in Bologna fasste er 1289 in der empirisch-kritischen Schrift „Quaestiones statutorum“ zusammen. Die um Herstellung von Rechtssicherheit in der Praxis bemühte Arbeit brachte ihm den Ehrentitel „magnus practicus“ ein.

Über seine vielen kommunalen Wirkungskreise hinaus bekannt und wirklich berühmt wurde Gandinus durch seinen „Tractatus de maleficiis“. Die erste Fassung dieses ebenfalls für die praktische Strafjustiz bestimmten Handbuchs verfasste er 1286/87 in Perugia. Nach weiteren Versionen, Korrekturen, Ergänzungen und Aktualisierungen publizierte er die Endfassung 1299 als Richter in Siena.

Der Strafrechtler und Rechtshistoriker Hermann Kantorowicz hat 1926 mit der kritischen Edition des „Tractatus“ zu einer Renaissance des Gandinus als Kriminalist beigetragen. Neuere Forschungen haben manche Fehler in der Textfassung und Bewertung berichtigt (Cordero, Sbriccoli), die nach den damaligen Editionsmöglichkeiten unvermeidlich waren. Heute gilt der „Tractatus“ als wichtiges Handbuch des frühen scholastischen Strafrechts, das allerdings nicht die Originalität besitzt, die Kantorowicz ihm zugeschrieben hatte.

Gandinus hatte aus eigenen richterlichen Erfahrungen sowie aus einer Vielzahl unterschiedlicher Quellen geschöpft, dabei jedoch Eigenes von fremden Anleihen nicht immer deutlich getrennt und deren Herkunft kenntlich gemacht. Auf diese Weise entstand ein teilweise chaotisches Handbuch, das dem Richter bei der Überführung des Inquisiten und Findung der objektiven, materiellen Wahrheit verlässliche praktische Hilfen an die Hand geben wollte. Der Inhalt erschöpfte sich in einer Vielzahl strafrechtlicher Rechtsfragen („quaestiones“), die unterschiedlichen Kriminalfällen entnommen und nur zum geringen Teil aus der eigenen richterlichen Tätigkeit des Autors entstammten. Ohne Nachweise wurden Rechtsfälle einbezogen und verarbeitet, die den bekanntesten zeitgenössischen Quaestionensammlungen der führenden Kriminalisten des 13. Jahrhunderts entlehnt waren (z. B. Odofredo Denari [† 1265], Giudo da Suzzara [† um 1290] oder Dino del Mugello [† nach 1299]).

Gleichwohl hat der „Tractatus“ vor allem den zeitgenössischen Strafprozess entscheidend beeinflusst und die späteren Diskussionen um das neue Profil des inquisitorischen Verfahrensrechts maßgeblich bestimmt. Mit Gandinus beginnt in der Praxis der oberitalienischen kommunalen Tribunale die systematische Verdrängung des bis dahin üblichen akkusatorischen Prozesses und seine Umwandlung auf der Basis der inquisitorischen Untersuchung der Tat- und Schuldfrage von Amts wegen („ex officio“). Für diese neue, im Grundansatz dem kanonischen Recht entlehnte Verfahrensart plädierte Gandinus theoretisch mit den identischen Prozesszwecken. Sowohl der private Kläger wie der „ex officio per inquisitionem“ untersuchende Richter wollten primär die unverzichtbare Bestrafung des einmal begangenen Verbrechens („ut maleficium puniatur“). Dies hatte auch das Ius Commune aus Gründen des öffentlichen Wohls befohlen: „ne crimina remaneant impunita in rei publicae dispendium“. Deshalb, so schloss er, sei die Anerkennung einer „inquisitio ex officio“ in weltlichen Strafprozessen ein Gebot der Sachgerechtigkeit.

In diesem Verfahren kam der Überführung des Inquisiten naturgemäß eine besondere Bedeutung zu. Als Praktiker erkannte Gandinus in dem geltenden gesetzlichen Beweisrecht (Geständnis, 2 klassische Tatzeugen, Urkunden, Augenschein) die größte Schwachstelle. In der strafrechtlichen Spruchpraxis fehlten in der Regel diese Beweismittel und überwogen beweisschwache Indizien, die auf einen Verdächtigen als Täter hinzuweisen schienen. Gegen die alte Prozesspraxis, die in solchen Fällen gegen den Inquisiten rigoros die Folterung als einer Art von Verdachtsstrafe zu verhängen pflegte, entwickelte er ein System von Indizien, deren Vorliegen einer Tortur unbedingt vorauszugehen hatte. Voraussetzung für die Anordnung der Folter waren nach dem „Tractatus“ nur „indicia sufficientia et verisimilia“. Wann Indizien als zureichende oder schon wahrscheinliche Grundlagen der Verurteilung zu gelten hatten, sollte allerdings der Richter nach seinem Ermessen („arbitrium“) und Gewissen („secundum conscientiam et secundum allegata et probata“) entscheiden, da nach Meinung von Gandinus eine feste Reihenfolge wissenschaftlich nicht herstellbar war. Späteren Kriminalisten blieb es vorbehalten, an dieser Quelle der Unsicherheiten weiter konkretisierend und restringierend zu arbeiten.

Bei der Rezeption des italienischen Kriminalrechts durch die deutsche gemeinrechtliche Strafrechtswissenschaft zählte der „Tractatus“ zum Grundbestand der gelehrten Literatur. Auf ihn und seinen Verfasser wurde in Begründungen und Zitaten geradezu stereotyp Bezug genommen (z. B. Klagspiegel, Bambergensis, Carolina).

Literatur

Hermann Kantorowicz, Albertus Gandinus und das Strafrecht der Scholastik, 2 Bde., Berlin-Leipzig 1907, 1926 (in Bd. 2 kritische Ausgabe des „Tractatus“).

Hermann Kantorowicz, Leben und Schriften des Albertus Gandinus, in: Savigny-Zeitschrift für Rechtsgeschichte, Romanistische Abteilung 44, 1924, 224-358.

Franco Cordero, Criminalia. Nascita dei sistemi penali, Editori Laterza, Roma/Bari 1986, 182 ff.

Mario Sbriccoli, „Vidi communiter observari“. L’emersione di un ordine penale pubblico nella città italiane del secolo XIII, in: Quaderni fiorentini 27, 1998, 231- 268.

Diego Quaglioni, Alberto Gandino e le origini della trattatistica penale, in: Materiali per una storia della cultura giuridica XXIX 1, 1999, il Mulino Bologna, 49- 63.

Massimo Vallerani, La giustizia pubblica medievale, il Mulino Bologna 2005, 39 ff.

Empfohlene Zitierweise

Schlosser, Hans: Gandinus, Albertus. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, , in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/45zpn/

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Erstellt: 05.03.2008

Zuletzt geändert: 08.03.2008

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