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Michael Freude

Katrin Moeller

1. Februar 2008

* um 1620 in Plau in Mecklenburg, † 1692 in Lübeck, protestantischer Pastor, Verfasser zahlreicher sittlich-moralischer Schriften

Kurzbiografie

Um 1620 wurde Freude als Sohn einer kleinen Handwerkerfamilie in der mecklenburgischen Kleinstadt Plau geboren, unweit seiner späteren Wirkungsstätte Kuppentin, wo er zwischen 1645 bis 1678 als Pastor tätig war. Freude lies sich intensiv von der umfassenden Konfessionalisierungspolitik des Güstrower Herzogs Gustav Adolf inspirieren und bemühte sich, christliche Moral und protestantische Sittenzucht in seiner Gemeinde Wirklichkeit werden zu lassen. Allerdings stieß er bei diesen Versuchen sehr schnell an die Grenzen der Realisierbarkeit, da die verschiedenen Gemeindemitglieder seine fanatischen Bemühungen alsbald passiv und aktiv boykottierten. Überdies befand sich Freude mit seinen intensiven christlichen Disziplinierungsversuchen in einer deutlichen Minderheit innerhalb der mecklenburgischen Geistlichkeit. 1678 gab Freude nach intensiven Streitigkeiten mit den adligen Obrigkeiten des Kirchspiels seine Stelle auf und zog zunächst nach Wismar, 1788 nach Lübeck. An beiden Orten wurde er als Vizerektor tätig.

Nach seiner gescheiterten praktischen Tätigkeit als Pastor setzte Michael Freude seinen Elan in ein ungemein produktives literarisches Schaffen um. In knapp 25 Jahren verfasste er etwa dreißig Abhandlungen im Kontext moralischer Erbauung und protestantischer Sittenzucht. Seine Schriften über das Delikt der Hexerei markieren den Ausgangspunkt dieser Betätigung, gehen dabei unmittelbar auf Freudes Erfahrungen als praktizierender Geistlicher zurück und fallen noch in die Zeit seiner Kuppentiner Tätigkeit. Sein Werk: Gewissens-Fragen von Processen wieder die Hexen erschien erstmals 1667 in Güstrow. Eine weitere – stark erweitere Ausgabe – wurde nur wenige Zeit später (1671) in Frankfurt gedruckt (Gewissens-Fragen oder Gründlicher Bericht von Zauberey und Zauberern). Diese umfassende Ergänzung und Neukonzeption verdankt sich wohl maßgeblich der Unterstützung von geistlichen und weltlichen Angehörigen der Güstrower Regierung. Ergänzt wird sein Buch durch eine umfassende Abhandlung zur Besessenheit, ein Phänomen, mit dem Freude durch das Schicksal zweier besessener adliger Jungfrauen in der Nachbarschaft sehr intensiv beschäftigt war. Die Aussagen der beiden Mädchen führten zu zahlreichen und sehr langwierigen Verfahren, die teils durch die Regierung in Güstrow, teils in Schwerin begutachtet wurden.

Gewissens-Fragen oder Gründlicher Bericht von Zauberey und Zauberern

Freude wurde aufgrund seines Buches und Wirkens häufig als fanatischer Hexenjäger bewertet, folgte jedoch in seiner dreiteiligen Auseinandersetzung mit dem Thema sehr eng den prozessual-rechtlichen Grundlagen der Carolina, einer ausgesprochen protestantischen Dämonologie, und der „mecklenburgischen Praxis Güstrower Prägung“ (Johann Georg Godelmann, Ernst Cothmann, Josua Arnd, Johann Otto Tabor). Neben ausgesprochenen Befürwortern der Hexenverfolgung wie Jean Bodin, Peter Binsfeld oder Martin del Rio kannte Freude ebenso die einschlägigen Werke der Verfolgungskritiker (Adam Tanner, Johann Matthäus Meyfart, die anonym erschienene Cautio Criminalis von Friedrich Spee).

Äußerst wichtiges Anliegen Freudes – und hier ist die persönliche Erfahrung in vielen Passagen überaus lebendig vor Augen – bleibt die Beseitigung von nachbarschaftlichem Zank, Missgunst, Rache, die schnell in Hexenprozessen mündeten. Diese eigentlichen Sünden der Menschen auszurotten, die Sittlichkeit der Menschen zu stärken, sei daher der beste Weg auch die Hexerei zu beseitigen. Dies umfasst eine weit gespannte Aufklärung über unsittliche Verhaltensweisen sowie die Beweisführung über die Unmöglichkeit der äußerst vielgestaltigen superstitiösen Praktiken und Vorstellungen, zu denen auch Wahrsagerei, Verfluchung, zauberisches Anblasen, der Glaube an Wetter-, Milch-, Brau- und Ungezieferzauber und alle magischen Gegenmittel gehören.

Die Macht der Hexen schrumpft bei Freude, wie bei vielen Verfolgungskritikern und protestantischen Autoren, zu einer sündigen Schuld gegenüber Gott zusammen, denn selbst der Teufel ist in seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten durch die Zulassung Gottes arg beschränkt handlungsfähig. Die Hexerei wird in klassischer Manier völlig von seinem magischen Gewand entkleidet, da der Teufel nur aufgrund seiner herausragenden Wahrnehmungs- und Erfahrungskünste überhaupt Schädigungen frühzeitig erahnen und den Hexen dann jeweils als Schädigungsakt suggerieren kann. Der Glaube an Hexerei und die Bereitschaft, sich mit dem Teufel zu verbinden, beinhaltet die gravierende Sünde des Abfalls von Gott, die es zu ahnden gilt. Sündig sind aber ebenso jene, die an Hexerei glauben bzw. sich durch Hexerei als geschädigt ansehen, denn fromm ist nur derjenige, dem weder Schaden zugefügt wird, noch sich über Schaden aufregt.

Für die Realität des Teufelspaktes spricht sich Freude nicht klar aus. Da jedoch die eigentliche Strafwürdigkeit des Delikts auf diesen Bundschluss zurückgeht, darf man eine solche wohl unterstellen. Ähnlich unklar und verunsichert äußert sich Freude zu den anderen imaginierten Bestandteilen des Hexereibegriffs. Erst in den frühen 80er Jahren des 17. Jahrhunderts kam es in Mecklenburg-Güstrow zu einer Überwindung des gelehrten Hexereibegriffes, indem die fiktiven Bestandteile des Hexereikonstrukts zu „abergläubischen“ Vorstellungen degradiert wurden.

Die intensiven Diskussionen innerhalb der Güstrower Regierung sind auch in Freudes Ausführungen zur Lösung des Teufelspaktes und einer Resozialisierung der Sündigen wieder zu finden. Da sich der Teufel als vertragsbrüchig zeigt, kann die Hexe das Bündnis ebenso lösen. Insgesamt steht der erzieherisch-seelsorgerische Umgang mit den Angeklagten im Vordergrund, auch wenn anschließend über Strafmaß und Strafwürdigkeit reflektiert wird.

Zunächst jedoch argumentiert Freude – ganz auf der Basis der Verfolgungskritiker wie Spee und Meyfart – für einen maßvollen und vorsichtigen Umgang mit dem Hexereidelikt. Hexerei wird zwar als crimen exceptum taxiert, dennoch werden die Standards des processus ordinarius, die Herausgabe der Akten und die Möglichkeit zur Verteidigung sowie die Ablehnung der Hexenproben und Besagungen (Denunziationen) gefordert. Einer einfachen Besagung spricht Freude jeden Beweiswert ab und spricht äußert sich für einen sehr vorsichtigen Umgang mit Gerüchten, Konfrontationen, widerrufenen Besagungen und Besagungen bei Hinrichtungen aus. Vor allem die Konfrontation wird von ihm intensiv diskutiert, was wohl auf eine breite Diskussion innerhalb der Güstrower Regierung und die Schriften von Johann Otto Tabor zurückgeht.

Intensive Vorbehalte werden gegen die Anwendung der Folter ins Feld geführt, münden jedoch letztlich in einen Entscheidungskonflikt, da Freude auch keine besseren Mittel zur Beweisführung und zur Geständniserlangung anzubieten hat. Ebenso bleibt die Strafwürdigkeit mit Todesurteil bei hartnäckigen Sündern unangefochten. Immerhin wird die Tortur nicht als notwendiges Beweismittel angesehen, wie dies etwa in Mecklenburg-Schwerin der Fall war. Dort wurden selbst geständige Hexen der Folter unterworfen, weil das Geständnis nur durch den Folterakt einen Beweiswert erhielt. Sehr viel Aufmerksamkeit erfährt die Aufgabe des Pastors als Seelsorger der Angeklagten. Wichtig ist Freude, dass sich die Pastoren nicht für richterliche Aufgaben der Beweissuche und Sanktion vereinnahmen lassen, sondern dem Angeklagten Mitgefühl und Menschlichkeit spenden. Das Freude eher unter den mäßigenden Verfolgungskritikern und protestantischen Skeptikern einzuordnen ist, zeigt das bei vielen Kritikern gezogene Resümee: „Es ist weniger Boeses in der Verschonung eines Sünders / als in Abstraffung deß Unschuldigen“.

Freudes Werk ordnet sich damit in eine Reihe protestantischer Autoren ein, die das Hexereikonzept stark einschränkten, die magischen Komponenten und Imaginationen in ein säkulares Erklärungsmodell umformten und einen stark moralisch-erzieherischen Impetus verfolgten. Handlungsbedarf wurde weit weniger bei der Verfolgung der Hexerei gesehen, als bei der intensiven Sanktionierung eines allgemein sündigen Verhaltens. Umfassende sozialdisziplinierende und frühaufklärerische Ansätze werden weit über den eigentlichen Verfolgungsbemühungen von Hexerei angesiedelt, ja Hexerei erscheint nicht mehr durch Verfolgung, sondern lediglich durch Aufklärung ausrottbar. Freude rezipierte und verarbeitete eine sehr rational geprägte Auffassung von Zauberei, setzte sich intensiv mit zentralen Gedanken der Rechtsreform, der Kritik an Folter und Beweisführung und der protestantischen Supersititionskritik auseinander. Genau diese Verquickung von Prozess- und Aberglaubenskritik entsprach den Auffassungen der Güstrower Geistlichkeit, die sich Ende der 70er Jahre des 17. Jahrhunderts innerhalb der Regierung durchsetzen konnten. Bereits ein Jahrzehnt nach dem Erscheinen der „Gewissens-Fragen“ wurde die Hexenverfolgung eingestellt, weil der Hexenglaube selbst als magisch verworfen wurde.

Ausgaben

Gewissens-Fragen von Processen wieder die Hexen, Insonderheit denen Richtern hochnötig zuwissen, Güstrow (Scheippel) 1667. [Schlüsselseiten bei VD 17]

Gewissens-Fragen Oder Gründlicher Bericht Von Zauberey und Zauberern, Von Mitteln wider dieselbe, Und was für einen Process Christliche Obrigkeit wider die Zauberer gebrauchen solle. Benebenst einem Anhang Von Geist- und Leiblicher Besitzung und Außtreibung deß bösen Geistes, Frankfurt/Main (Wüst) 1671.[Schlüsselseiten bei VD 17]

Literatur

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Artikel "Freude, (Michael)". In: Johannes Christoph Adelung, Fortsetzung und Ergänzungen zu Christian Gottlieb Jöchers allgemeinen Gelehrten-Lexikon. Bd. 2: C-J. Hildesheim 1960 (Nachdruck Leipzig 1787), Sp. 1235-1236.

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Sönke Lorenz, Johann Georg Godelmann - ein Gegner des Hexenwahns? in: Roderich Schmidt (Hg.), Beiträge zur Pommerschen und Mecklenburgischen Geschichte, Marburg/Lahn 1981. S. 61-105.

Katrin Moeller, Alltagserfahrung und Hexereidiskurs: Kommunikation über die mecklenburgische Hexenverfolgung am Beispiel der Schriften Michael Freudes, in: Katrin Moeller und Burghard Schmidt (Hg.), Realität und Mythos. Hexenverfolgung und Rezeptionsgeschichte, Hamburg 2003, S. 102-120.

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Robert Zagolla, Folter und Hexenprozess. Die strafrechtliche Spruchpraxis der Juristenfakultät Rostock im 17. Jahrhundert (Hexenforschung 11), Bielefeld 2007.

Empfohlene Zitierweise

Moeller, Katrin: Freude, Michael. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/45zpk/

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Erstellt: 13.02.2008

Zuletzt geändert: 13.02.2008

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