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Fredegunde

Peter Dinzelbacher

(Übersetzung von Johannes Peisker)

11. Januar 2010

Fredegunde (* ca. 545; † 597) war zunächst Mätresse und ab etwa 567 Ehefrau des merowingischen Königs Chilperich I. von Neustrien und Mutter des Thronfolgers Chlothar II., ihre Biografie belegt Formen des Magieglaubens im 6. Jahrhundert und kulturelle Reaktionsmuster darauf

Kurzbiografie

Fredegunde, niederen Ursprungs, war eine der Mätressen des merowingischen Königs Chilperich I. von Neustrien. Sie wurde seine Ehefrau, nachdem sie ihn dazu brachte, seine Frau Gailswintha (ca. 567) zu erdrosseln, ein Mitglied der königlichen Gotendynastie. Dies war Ursache für den erneuten Krieg zwischen den fränkischen Königreichen Neustrien und Austrasien. Nach Chilperichs Ermordung (585), über den sie eine beachtliche Macht ausgeübt hatte, agierte sie als Regentin für ihren Sohn Chlothar II., zu dessen Vorteil sie befahl, mehrere Söhne zu töten, die ihr Mann mit anderen Frauen hatte. Die fränkische Historiographie porträtiert sie als eine äußerst grausame und machtbesessene Königin, die nach ihrem Belieben viele Männer und Frauen auch von hohem Stand folterte und ermordete. Es gibt keine Quelle, die ein gegenteiliges Urteil erlauben würde.

Schadenszauberdelikt und Ahndung

Fredegunde wird mit zwei Fällen von Zauberei in Verbindung gebracht. Als ihre Söhne während einer Epidemie gestorben waren, gelangte sie zu der Überzeugung, dass eine ihrer Dienerinnen sie verflucht hatte und beabsichtigte, analog mit ihr zu verfahren. Der angebliche Grund, warum diese Frau die Königin und ihre Kinder töten wollte, lag darin, dass ihre Tochter als Mätresse von Chilperichs Sohn Chlodwig agierte und so hoffen konnte, des zukünftigen Königs Frau zu werden, wenn Fredegunde und ihre Söhne beseitigt würden. Deshalb ließ die Königin sowohl die Frau als auch ihre Tochter gefangen nehmen und foltern. Die Frau gestand die Anwendung von magischen Künsten oder Gift, („maleficiis“) und beschuldigte Chlodwig, den Fredegunde bald ermorden ließ. Die verdächtigte Hexe „was condemned to be burnt alive. As she was dragged of to the stake, the poor creature started to admit that she had lied. Her confession availed her nothing…” ("wurde verurteilt, bei lebendigem Leibe verbrannt zu werden. Als sie zum Scheiterhaufen weggezogen wurde, begann die arme Kreatur zuzugeben, dass sie gelogen hatte. Ihr Geständnis ersparte ihr nichts...“ Gregory V, 39).

Etwas später starb Fredegundes junger Sohn Theoderich ebenfalls, wahrscheinlich an der Ruhr. Wiederum suchte sie den Schuldigen und fand ihn in der Person des Präfekten Mummolus, welchen sie hasste. Er hatte geprahlt, ein bestimmtes Kraut in seinem Besitz zu haben, welches die besagte Krankheit heilen könne. Da die Königin diesen königlichen Beamten nicht direkt angreifen konnte, ließ sie eine Reihe von Pariser Frauen zusammentreiben und foltern; sie wurden zum Geständnis gezwungen, „that they were witches… and responsible for many death… ‘We sacrificed your son, O Queen, to save the life of Mummolus’. Fredegund then had these poor wretches tortured in an even more inhuman way, cutting off the heads of some, burning others alive and breaking the bones of the rest on the wheel (dass sie Zauberinnen waren... und verantwortlich für viele Tode... ‚Wir opferten deinen Sohn, O Königin, um das Leben von Mummolus zu retten‘. Dann ließ Fredegunde diese armen Wesen auf noch unmenschlichere Weise Foltern, einigen den Kopf abschneidend, andere lebend verbrennen und dem Rest die Knochen auf dem Rad brechend).” Das war ihre Bestrafung dafür, “maleficiis et incantationibus”, Zauberei (oder Gift) und Beschwörungen benutzt zu haben, um Theoderich zu ermorden. Durch Fredegundes Betreiben ließ der König den Präfekten in ähnlicher Weise befragen, der aber alle Zauberei leugnete, allerdings zugab, dass er Salben und Tränke benutzt habe, um sich das Wohlwollen des Königs und seiner Frau zu beschaffen. Sogar nach seinen Qualen prahlte er damit, den Schmerz nicht gespürt zu haben. Daher schloss Chilperich, dass „it must be true then, that he is a sorcerer, if the punishment which we are giving him does not hurt him.( es wahr sein muss, dass er ein Zauberer ist, wenn die Strafe, die wir ihm geben, ihn nicht schmerzt).“ Also ließ er ihn erneut strecken, was er nicht lang überlebte (Gregor, VI, 35).

Aus einer Reihe von Gründen sind diese Vorfälle informativ für die Geschichte der Zauberei während des frühen Mittelalters: Wir erfahren daraus, dass die Anwendung von Magie, um sowohl Liebe zu wecken als auch Leben zu zerstören, auch im Gallien des 6. Jahrhunderts recht häufig gewesen sein muss. Wenn auch ein Mann der Anstifter sein mag, waren es Frauen, die in erster Linie der Zauberei verdächtigt wurden. Es war die Folter, die Hexen schuf. Verbrennung war eine übliche Strafe für magische Verbrechen (in Einklang mit Lex Salica 19, 1). Folglich ist die Situation in vielerlei Hinsicht vergleichbar mit derjenigen des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit. Allerdings waren es die kirchlichen und bürgerlichen Institutionen der Hexenverfolgung, welche noch nicht existierten, und es gibt keinen Hinweis auf eine Einbeziehung dämonischer Kräfte. Daher blieben vor dem 15. Jahrhundert alle Fälle von Zaubereiverfolgung eher isoliert.

Literatur

Eugen Ewig, Spätantikes und fränkisches Gallien I, München 1976, S. 142-148.

Lewis Thorpe (Hg.), Gregory of Tous, History of the Franks, Harmondsworth 1974.

Augustin Thierry, Recits des Temps Merovingiens, Paris 1898.

Ian Wood, The Merovingian Kingdoms, 450-751, London 1994.

 

Empfohlene Zitierweise

Dinzelbacher, Peter: Fredegunde. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/45zpj/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 11.01.2011

Zuletzt geändert: 11.01.2011

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