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Espen, Zeger-Bernard van

Jan Hallebeek

10. Juli 2008

* 08.07.1646 in Löwen, Professor für kanonisches Recht an der Universität Löwen, † 02.10.1728 in Amersfoort

1. Kurzbiographie


Abb. 1:

Van Espen studierte die Humaniora im Kollegium der Oratorianer in Temse und darauf in Löwen Jura. Im Jahr 1673 wurde er zum Priester geweiht, ein Jahr später Professor für kanonisches Recht in Löwen. Sein Hauptwerk, das Jus Ecclesiasticum Universum, erschien 1700; bereits 1704 wurde es verurteilt. Dieses Werk enthält eine Gesamtdarstellung des kanonischen Rechts, wobei die Dekretalen nicht länger per Titel kommentiert wurden, sondern die kirchenrechtlichen Themen nach dem Muster der Justinianischen Institutionen angeordnet sind. Van Espen setzte die Rechtskraft des Corpus iuris canonici voraus, übte zugleich jedoch auch Kritik an den Missbräuchen, die zur Zeit der Gregorianischen Kirchenreform durch verschiedene pseudoisidorische Dekretale in das kanonischen Recht Eingang fanden. Er selbst gründete seine Ansichten vor allem auf die frühe Kirche und die Lehre der Kirchenväter. Van Espen lehrte unter anderem, dass die Appellation an die weltliche Behörde erlaubt ist, falls kirchliche Gewalthaber die Vorschriften des kanonischen Rechts nicht beachteten. Er lehrte außerdem, dass alle Bischöfe als Nachfolger der Apostel über die gleiche Gewalt verfügen, der Papst lediglich bestimmte Privilegien hat und dass ansonsten jegliche kirchliche Gewalt in der Kirche als Ganzes gründet. Er verteidigte die Gültigkeit der Wahl und Konsekration eines eigenen Bischofs für die Kirche von Utrecht in 1723 bzw. 1724. Aus diesem Grund wurde er vom Gericht der Universität Löwen verurteilt. Er reiste darauf in die nördlichen Niederlande ab und zog in das kurz davor gegründete Seminar der Kirche von Utrecht in Amersfoort, wo er nicht lange darauf starb. Van Espen vertrat eine relativ skeptische Haltung gegenüber dem Hexenglauben, die sich aus den traditionellen Vorbehalten des Canon Episcopi herleitete und sich an skeptische Stimmen zur Hexenverfolgung anschloss. Weitgehend schätzte er den Hexenglauben als Produkt dämonischer Vortäuschungen und Wahnvorstellungen ein.

2. Haltung zur Magie

2.1 Allgemeine Vorbemerkungen

Nur an wenigen Stellen in seinen Werken geht Van Espen näher auf Themen wie Divination, Zauberei und Hexerei ein. In seinem Kommentar zu den Konzilkanones, der in seiner ersten Fassung aus dem Jahr 1693 datiert, bespricht er die verschiedenen Arten des „Aberglaubens“, die im 61. Kanon des Konzils von Trullo (692) verurteilt wurden, u. a. Personen, die aus der Hand lesen, das Konsultieren von Astrologen oder das Vertreiben von Amuletten. Im vierten Titel des dritten Teils seines Hauptwerks Ius Ecclesiasticum Universum widtmet er unter den kirchlichen Delikten (de delictis ecclesiasticis)einen Abschnitt der Divination, der Zauberei und „dergleichen“ Problemfällen (caput V: de sortilegio, magia et aliis similibus). Eine weitere Darstellung dieser Themen enthält van Espens Kommentar zur 26. Causa des Dekrets Gratians (1140/45) in seinem Brevis Commentarius in secundam partem Gratiani, der 1729 postum veröffentlicht wurde. Einzelne Bemerkungen darüber sind zerstreut auch in anderen Schriften zu finden. Spezielle Fragen können am besten im Indexband einer Ausgabe der Opera Omnia anhand von Stichwörtern wie magia, saga, sortilegium und superstitio nachgeschlagen werden.

2.2 Divination

J.E.U. (1700) III.4.5 n. 1-18: Divination (sortilegium) bedeutet, die Zukunft aus bestimmten Zeichen abzulesen. Die Umschreibung in C.26 q.1 c.1 im Dekret Gratians stammt von Isidor von Sevilla (560-636) (Etymologiae, 8. Buch 9. caput). Papst Leo IV. (ca. 790-855) rechnete Divination zu den Verbrechen und viele Kanones haben sie verboten. Ob implizit oder explizit, Divination umfasst immer eine Vereinbarung mit einem Dämon. Ähnliche Zeichen, wie Wahrsager sie benutzen um die Zukunft weiszusagen, werden benutzt um anderen zu schaden. Einen Wahrsager nach dem Befinden des Fürsten zu befragen, wurde bereits im römischen Recht mit der Todesstrafe bestraft (PS 5.21.3). Danach behandelt van Espen die Konstitution gegen Wahrsager, die 357 von Kaiser Constantius II (317-361) erlassen worden ist (C. 9.18.5).

Brevis Commentarius in secundam partem Gratiani (1729) ad causa 26: Es ist verboten, Wahrsager zu konsultieren. Van Espen verweist dafür auf Augustinus (354-430), De doctrina christiana, 2. Buch, 20-23. caput, und bemerkt, dass es sich lohne, diese Abschnitte ganz zu lesen und nicht nur die verstümmelten, bei Gratian zu findenden Fragmente. Anschließend behandelt er die Natur von Dämonen und ihre Fähigkeit die Zukunft zu kennen. Er hält fest, dass Gratian die Kanones aus der Sammlung des Martin von Braga (515-579) oft unter dem Namen Papst Martins († 655) zitiert.

2.3 Zauberei

J.E.U. (1700) III.4.5 n. 19-60: Van Espen bemerkt in bezug auf visigotische und karolingische Rechtsquellen, dass Zauber Unwetter verursachen können. Bereits Tertullian (ca. 160-ca. 230) erörterte (De anima, kap. 57), wie Zauber Verstorbene herbeirufen, welche die Zukunft weissagen, und wie die Sinne manchmal von teuflischen Täuschungen betrogen werden. Zauberkünste wurden von den heiligen Kanones der Kirche und von kaiserlichen Gesetzbestimmungen verboten und von den Schriften der Kirchenväter verurteilt. Johannes Chrysostomos (ca. 345-407) ermahnt Menschen, die ein Amulett tragen (Homilie 43, zu Matthäus 23). Anschließend stellt van Espen maßßgebliche Aussagen bezüglich der Zauberei zusammen: aus dem Liber Extra, aus der Pariser theologischen Fakultät, von verschiedenen Diözesan- und Provinzialsynoden (n. 37-44) und aus der weltlichen Gesetzgebung (n. 47-48). Früher war Zauberei ein kirchliches Verbrechen, doch verfügte das Pariser Parlament 1387, der weltliche Richter sei zuständig. Auch ßgemäß dem Konkordat zwischen Karl V. (1500-1558) und dem Bischof von Lüttich (tit. 9 art. 15) ist ausschließßlich der weltliche Richter zuständig (n. 49-52). Van Espen ermahnt diese Richter, weise und behutsam vorzugehen. Was als Zauberei erscheint, könne eine natürliche Ursache haben (53). Bischöfe und Priestern wird geraten, das Volk über diese Angelegenheiten zu unterrichten (54). Beim Volk gebe es viel „Aberglauben“ (55-56).

Brevis Commentarius in secundam partem Gratiani (1729), ad causa 26: Gratian behandelt die verschiedenen Arten von Zauberei und wie jemand aufgrund von Zauberei exkommuniziert werden kann. Er verweist dabei auf einen Kanon des zweiten Konzils von Karthago (419) für die Auffassung, dass ein Priester einen Sterbenden ohne vorangegangene Konsultation des Bischofs nicht mit der Kirche versöhnen darf (C.26 q.6 c.5 und DG post C.26 q.6 c.11). Gratian habe diese Regel jedoch nicht richtig verstanden, weil er die in der alten Kirche geltende Ordnung nicht gekannt habe. Der Kanon spricht nicht über die für das Seelenheil notwendige Versöhnung, sondern über eine vollständige Versöhnung mit der Kirche, einschließlich einer erneuten Teilnahme an der Eucharistie. Übrigens fügt van Espen hinzu, dass Christen die verschiedenen Arten heidnischen Aberglaubens meiden sollten, wie das Feiern bestimmter Tage (observatio calendarum) oder die Ausschmückung von Häusern mit Lorbeer und Baumgrün (C.16 q.7 c.13-14). Zauberkünste haben keine Wirkung (C.16 q.7 c.15).

2.4 Hexerei

J.E.U. (1700) III.4.5 n. 53: Ein Dämon kann Menschen, vor allem jedoch schwache Frauen (mulierculae) so beeinflussen, dass sie glauben, tatsächlich mit dem Dämon zu verkehren, undanschließend behaupten, dass ihnen Wunder geschehen seien und sie mit dem Dämon einen Pakt geschlossen hätten. Unter Hinweis auf C.26 q.5 c.13, Alonso el Tostado (ca. 1410-1455) und Cajetan (1469-1534), ist van Espen der Ansicht, dass Frauen sich nicht selten irren, wenn sie davon überzeugt sind, sie seien mit Hilfe eines Dämons zu einer Zusammenkunft von Hexen geführt, hätten zusammen mit dem Dämon Wunder verrichtet und mit ihm gesprochen. Die Mitnahme zu Hexenversammlungen seien wahrscheinlich teuflische Wahnvorstellungen und Phantasien schwacher Frauen (mulierculae). Man solle sie nicht beachten, solange ihre Echtheit nicht belegt sei. An Orten, wo Frauen als Hexen verfolgt würden, kämen oft weitere zur Überzeugung, dass auch sie selbst Hexen seien. Aus diesem Grund nähmen Hexenverfolgungen an solchen Orten zu. Wo es keine gerichtliche Verfolgung gebe, würden viel weniger Frauen angetroffen, die dieses Verbrechens verdächtig würden.

Brevis Commentarius in secundam partem Gratiani (1729), ad causa 26: Van Espen zitiert C.26 q.5 c.12 (Canon Episcopi), wo gesagt wird, dass es Frauen gebe, die aufgrund teuflischer Täuschungen meinen, sie hätten in tiefer Nacht mit Diana oder mit Herodias und einer großen Menge anderer Frauen, heimlich auf bestimmten Tiere geritten, große Strecken zurückgelegt, deren Befehle als Herrscherin befolgt und seien in bestimmten Nächte dazu aufgerufen worden, ihr zu dienen. Van Espen wiederholt hier seinen Standpunkt aus J.E.U., dies alles sei lediglich dummes Zeug (mera deliramenta). Es handle sich um Alpträume, die vom Dämon eingegeben würden. Auch heute gebe es jedoch noch Frauen, die derartige Sachen behaupten würden.

3. Literatur

3.1 Quellen

Van Espens Hauptwerk, das Jus Ecclesiasticum Universum, wurde erstmal 1700 in Löwen herausgegeben und danach mehrfach nachgedruckt. Postum erschien 1729 in Paris ein Supplementum. Zusammen mit weiteren Werken wurden J.E.U. ab 1715 auch als Opera Omnia ausgegeben. In der Ausgabe der Opera Omnia von 1753 sind die Ergänzungen des Supplementums eingearbeitet.

3.2 Sekundärliteratur

Guido Cooman, Maurice van Stiphout & Bart Wauters (Hg.), Zeger-Bernard van Espen at the crossroads of canon law, history, theology and church-state relations (Bibliotheca Ephemeridum Theologicarum Lovaniensium, 170), Löwen 2003.

Michel Nuttinck, La vie et l’oeuvre de Zeger-Bernard van Espen, Un canoniste janséniste, gallican et régalien à l’Université de Louvain (1646-1728) (Recueil de travaux d’histoire et de philologie, IVe série, 43), Löwen 1969.

Gustave Leclerc, Zeger-Bernard van Espen (1646-1728) et l’autorité ecclésiastique (Studia et Textus Historiae Juris Canonici, 2), Zürich 1964.

Bart Wauters, Recht als religie. Canonieke onderbouw van de vroegmoderne staatsvorming in de Zuidelijke Nederlanden, Löwen 2005.

 

Empfohlene Zitierweise

Hallebeek, Jan: Espen, Zeger-Bernard van. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/45zp5/

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Erstellt: 14.07.2008

Zuletzt geändert: 08.09.2008

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