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Dürer, Albrecht

Ewald Lassnig

18. September 2007

* 21. Mai 1471 in Nürnberg, † 06. April 1528 in Nürnberg; Künstler und Kunsttheoretiker

Kurzbiografie

In Nürnberg zunächst als Goldschmied, danach als Maler ausgebildet, hatten dem bedeutendsten deutschen Renaissancekünstler die während seiner Wanderjahre am Oberrhein und auf seiner ersten Italienreise um 1494/95 gewonnenen Erfahrungen ein Fundament bereitet, von dem er zu seiner eigenständigen Entwicklung gelangte. Während er auch als Maler zu den größten Meistern seiner Zeit zählte, war besonders sein umfangreiches druckgraphisches Gesamtwerk von nachhaltigem Einfluss auf die europäische Kunst der Neuzeit. Um etwa 1510 forcierte er seine kunsttheoretischen Studien zur Abfassung von Lehrbüchern, die ab dem Jahr 1525 in Druck erschienen und entsprechende Resonanz fanden.

Die Hexendarstellungen Dürers

Der seit Joachim von Sandrarts Deutung bis heute gewöhnlich "Vier Hexen" genannte Kupferstich Dürers (B. 75) vermittelt nach jüngeren Forschungserkenntnissen keine Hexen (Sandrart 1675, Bd. I, S. 222; Schuster 1991, Bd. 1, S. 264-268; Hinz 1998, S. 207 ff.; Schoch 2001, S. 61-64; Schauerte 2003, S. 52 f.; Hinz 2007, S. 226 ff.). Somit ist zum Thema der Hexendarstellungen in Dürers gesamtem Oeuvre nur ein einziges Beispiel vorzufinden, das im Kupferstich "Die Hexe" (B. 67) besteht.

Um 1500 schuf Dürer eine in zwei Hauptgruppen unterteilbare Serie undatierter Kupferstiche von verhältnismäßig kleinem, annähernd gleichem Format (Flechsig 1928, S. 223-230). "Die Hexe" (116x72 mm) gehört dieser inhaltlich sehr unterschiedliche Themenbereiche umfassenden Werkgruppe an.

In der oberen Hälfe des Bildes wird eine nackte, in verkehrter Position auf einem Ziegenbock durch die Luft reitende Frau gezeigt. Ihre Erscheinung ist betont rauh, alt und ohne Anmut. In der Gestaltung dieser Figur lassen sich Einflüsse der "Invidia" (Neid) des Kupferstiches "Schlacht der Seegötter" von Andrea Mantegna (B.17) erkennen (Anzelewsky 1983, S. 116; Bach 1996, S. 22). Mit geöffnetem Mund wendet sie ihr Profil dem linken Bildrand zu, von dessen oberstem Bereich ein Hagelschauer niedergeht. Da Hexen in der zeitgenössischen Literatur die Fähigkeit der zauberischen Erzeugung von Hagel und Stürmen zugesprochen wurde, ist die einen Spinnrocken tragende Figur, an deren gegen die Reitrichtung hochwehenden Haaren widernatürlicher Wind zum Ausdruck kommt, als Hexe anzusehen (Schoch 2000, S. 70).

Im unteren Bildteil befinden sich vier geflügelte Amoretten in unterschiedlicher Tätigkeit. Einen kleinen, eingetopften Zierbaum auf seiner Schulter tragend stützt sich ein Putto auf einen Stock, um vom hinteren Landschaftsausschnitt, der vom vorderen durch eine Grabenlinie getrennt ist, in weit ausfallendem Schritt nach vorne zu gelangen. In einer Körperstellung als wollte er einen Purzelbaum schlagen, reicht ein anderer seinen Stab einem Dritten, welcher seine Hand danach ausstreckt während er rechts an jenem Trenngraben sitzt. Im Unterschied zu den beiden Amoretten des linken Bereichs ist diese Figur bekleidet. Ein Stoffband umgibt auch den vierten Putto, der mit einem unbekannten Gegenstand beschäftigt ist (Makowski 1999, S. 65-80). Das Objekt ist nicht zur Gänze sichtbar, augenscheinlich hat es die Form einer Kugel und weist zwei Öffnungen auf, von denen der oberen und größeren das hauptsächliche Augenmerk des Putto zu gelten scheint. Hinsichtlich der Amoretten im untersten Bildteil ist die Stellung der linken Figur mit einer des 1514 entstandenen Neujahrsblattes Hans Baldungs vergleichbar, die, auch wenn hier keine Stabsübergabe eine Neuperiode unterstreicht, als gestischer Ausdruck der Jahreswende gedeutet wird (Koerner 1993, S. 345). Den größten Bereich des Stiches nimmt die rittlings auf einem Ziegenbock befindliche Hexe der oberen Bildhälfte ein. Thematisch sind in dieser Gruppe ganz unterschiedliche Bedeutungsebenen enthalten. Während das dargestellte Tier, dessen hinterer Teil durch das weite, sonderbar auslaufende Tuch der Hexe vollkommen verunklärt ist, als astrologischer "Bockfisch" angesehen wird (Anzelewsky 1983, S. 101-117; Bach 1996, S. 19-40; Sonnabend 2007, S. 92), klingen in diesem Wesen, dessen Reiterin das zungenartig geschwungene Horn hinter ihrem Gesäß umgreift, zudem auch irdischere Aspekte an. Die Konnotation des Ziegenbockes mit körperlichen Begierden hatte seit der Antike keine Einbußen erfahren (Cicero 1496, lib.2; Megenberg 1861, S. 128). In dieselbe Richtung verweisen sowohl die aus antiken Darstellungen bekannten venerischen Bocksritte (Carstensen 1982, S. 129; Mesenzeva 1983, S. 187-202; Zika 1998, S. 118-140; Schoch 2001, S. 86 f.), als auch die in der gemäßigten Tradition des "Canon Episcopi" stehenden zeitgenössischen Literatur als bloße Hexenphantasie, bei Heinrich Institoris jedoch als real gehandelten nächtlichen Himmelsritte von Hexen auf wilden Tieren, - metaphorisch: "in Dianas, oder Herodias Gesellschaft" (Nider 1472, Cap. IX f.; Molitor 1489, s. pag.; Sprenger/Institoris 1487, I, S. 12, S. 149, II, S. 30, S. 41 f.).

Literatur

Fedja ANZELEWSKY, Dürer-Studien, Untersuchungen zu den ikonographischen und geisteswissenschaftlichen Grundlagen seiner Werke zwischen den beiden Italienreisen, Berlin 1983.

Friedrich Teja BACH, Struktur und Erscheinung, Untersuchungen zu Dürers graphischer Kunst, Berlin 1996.

Jens CARSTENSEN, Über das Nachleben antiker Kunst und Kunstliteratur in der Neuzeit, insbesondere bei Albrecht Dürer, Dissertation, Freiburg im Breisgau 1982.

Marcus Tullius CICERO, De Natura Deorum, Libri Tres, in: Opera, Venedig 1496.

Eduard FLECHSIG, Albrecht Dürer, Sein Leben und seine künstlerische Entwicklung, Bd. 1, Berlin 1928.

Berthold HINZ, Aphrodite, Geschichte einer abendländischen Passion, München und Wien 1998.

Berthold HINZ, Baldung und Dürer: Nackte Figuren und ihre Bildgelegenheiten, in: Bodo Brinkmann (Hg.), Hexenlust und Sündenfall, Die seltsamen Phantasien des Hans Baldung Grien, Ausstellungskatalog, Frankfurt 2007.

Joseph Leo KOERNER, The Moment of Self-Portraiture in German Renaissance Art, Chicago und London 1993.

Claude MAKOWSKI, Le songe du Docteur et La Sorcière, Nouvelle approche iconographique, Genf 1999.

Konrad von MEGENBERG, Von der wilden Gaiz, in: Franz Pfeiffer (Hg.), Das Buch der Natur von Konrad von Megenberg, Die erste Naturgeschichte in deutscher Sprache, Stuttgart 1861, S. 128.

Charmian MESENZEVA, Zum Problem: Dürer und die Antike, Albrecht Dürers Kupferstich "Die Hexe", in: Zeitschrift für Kunstgeschichte 46, 1983, S. 187-202.

Ulrich MOLITOR, De laniis et phitonicis mulieribus, Teutonice vnholden vel hexen, Konstanz 1489.

Johannes NIDER, Preceptorium diuine legis, Köln 1472.

Joachim von SANDRART, Teutsche Academie der Bau-, Bild- und Mahlerey-Künste, Nürnberg 1675.

Thomas SCHAUERTE, Albrecht Dürer, Das große Glück, Kunst im Zeichen des geistigen Aufbruchs, Unter Mitarbeit von Birgit Münch, Ausstellungskatalog, Bramsche 2003.

Rainer SCHOCH, Die Hexe, um 1500, in: G. Ulrich Großmann (Hg.), Albrecht Dürer - 80 Meisterblätter, Holzschnitte, Kupferstiche und Radierungen aus der Sammlung Otto Schäfer, Ausstellungskatalog Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, München, London, New York 2000, S. 70.

Rainer SCHOCH, Vier nackte Frauen (Die vier Hexen); Die Hexe, in: Rainer Schoch, Matthias Mende und Anna Scherbaum (Hg.), Albrecht Dürer, Das druckgraphische Werk, Bd. I, München, London, New York 2001, S. 61-64; S. 86-87.

Peter-Klaus SCHUSTER, MELENCOLIA I, Dürers Denkbild, Berlin 1991.

Martin SONNABEND, Die Hexe [um 1500], in: Martin Sonnabend (Hg.), Albrecht Dürer, Die Druckgraphiken im Städel Museum, Köln 2007, S. 92, Nr. 37.

Jakob SPRENGER, Heinrich INSTITORIS, Der Hexenhammer (Malleus maleficarum), Hg. J. W. R. Schmidt, Berlin 1906.

Charles ZIKA, Dürer's witch, riding women and moral order, in: Dagmar Eichberger und Charles Zika (Hg.), Dürer and his culture, Cambridge 1998, S. 118-140.

Empfohlene Zitierweise

Lassnig, Ewald: Dürer, Albrecht. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/45zox/

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Erstellt: 18.09.2007

Zuletzt geändert: 28.09.2007

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