Personen

  / historicum.net / Themen / Hexenforschung / Lexikon / Personen

Bökel, Johann

Claudia Kauertz

03.05.00

Geb. 1. November 1535 in Antwerpen, gest. 21. März 1605 in Hamburg

Medizinprofessor in Helmstedt und Kritiker der Hexenverfolgungen

Johann Bökel (Bokelius, Böckel, Bokel) war der Sohn niederländischer Glaubensflüchtlinge, die sich in Hamburg niedergelassen hatten. In seiner Jugend studierte er nach dem Besuch der Artistenfakultät in Wittenberg auf Wunsch seines Vaters zunächst Theologie bei Philipp Melanchthon. Wahrscheinlich Ende der 1550er Jahre wandte er sich dann dem Studium der Medizin zu, das er in Wittenberg begann und in Italien und Frankreich fortsetzte, wo er schließlich 1562 oder 1563 an der Universität Bourges den medizinischen Doktorgrad erwarb. Nach seiner Rückkehr fand Bökel 1564 zunächst eine Anstellung als Stadtarzt in Hamburg, von wo ihn Herzog Wilhelm d. J. von Braunschweig-Lüneburg 1565 als Leibarzt berief. Zu Beginn des Jahres 1571 wechselte er in den Dienst des späteren Universitätsgründers Herzog Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel (1569-1589) über, dem er ebenso wie dessen Sohn und Nachfolger Heinrich Julius (1589-1613) als Leibarzt diente. Im Jahr 1576 wurde er von Herzog Julius zum Medizinprofessor an die neugegründete Landesuniversität Helmstedt berufen und maßgeblich mit dem Aufbau und der Organisation der medizinischen Fakultät betraut. Da es nach dem Regierungswechsel in Braunschweig-Wolfenbüttel 1589 zu Spannungen zwischen Bökel und dem jungen Herzog Heinrich Julius kam, die sich nicht zuletzt auf die Hexenfrage erstreckten, verließ Bökel Ende des Jahres 1591 das Herzogtum, um in seine Heimatstadt Hamburg zurückzukehren. Hier war er bis zu seinem Tod als Stadtarzt tätig.

Neben verschiedenen medizinischen Schriften hat Bökel während seiner Helmstedter Tätigkeit zwei lateinische Stellungnahmen zu Aspekten des Hexen- und Zauberwesens bzw. zur zeitgenössischen Hexenverfolgungspraxis verfaßt, die im Druck veröffentlicht wurden: den 1599 in Hamburg erschienenen Tractatus de philtris, eine Schrift über den Liebeszauber, und die 1589 gedruckte Oratio funebris, eine Leichenrede auf Herzog Julius, die kritische Äußerungen zu den Hexenverfolgungen enthält. Außerdem haben sich einige handschriftliche Aufzeichnungen erhalten, die belegen, daß Bökel sich darüber hinaus noch ausführlicher zu verschiedenen magischen Handlungen wie auch zum Hexenwesen zu äußern gedachte. Doch konnte er solche Äußerungen im Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel ebensowenig veröffentlichen wie den bereits 1587 fertiggestellten Tractatus de philtris. Hauptsächlich für die Zensur der Bökelschen Schriften verantwortlich war die orthodox-lutherische Helmstedter Theologenfakultät. Sie kritisierte Bökels vorwiegend physiologische Betrachtung magischer Phänomene, die den Akzent auf deren natürliche Wirkungslosigkeit legte, weil ein solcher Ansatz den nach theologischer Auffassung maßgeblichen Beitrag des Teufels vernachlässigte.

Darüber hinaus erregte Bökels Kritik an den Hexenverfolgungen das Mißfallen des jungen Herzogs Heinrich Julius, der in der Hexenfrage eine Haltung einnahm, die der seines Leibarztes genau entgegengesetzt war. Gerade zu Beginn seiner Regierungszeit trat Heinrich Julius als eifriger Hexenverfolger in Erscheinung, der keineswegs bereit war, eine Infragestellung seiner Ansichten hinzunehmen.

Von Bedeutung ist der Zensurfall Bökel deswegen, weil er sich in einem protestantischen Territorium ereignete. Damit kann die in der Forschung verbreitete These von der konfessionellen Spaltung der Hexendebatte differenziert werden, die davon ausgeht, daß protestantische Obrigkeiten toleranter im Umgang mit verfolgungskritischen Positionen gewesen seien. Aufgrund der Kontrolle durch die Zensur, die in protestantischen wie in katholischen Territorien gewährleistet war, konnte es auch für einen Protestanten schwierig sein, radikal verfolgungskritische Stellungnahmen zu veröffentlichen, wenn diese auf den Widerstand der theologischen Orthodoxie stießen bzw. den Ansichten des jeweiligen Landesherrn widersprachen.

Der Tractatus de philtris ist die älteste gedruckte Abhandlung, die sich speziell mit der Wirkung des Liebeszaubers auseinandersetzt, doch wurde er nur in einer Auflage gedruckt und von den Zeitgenossen anscheinend kaum zur Kenntnis genommen. Die (medizin-)historische Forschung (Urs Benno Birchler) hat die Schrift bislang übersehen.

In seiner Schrift untersucht Bökel die Wirkung von Philtren (Liebestränken). Dieser bereits in der griechischen Antike geprägte Begriff umfaßte bis zum 18. Jahrhundert verschiedenartige, sowohl materielle als auch immaterielle Mittel, die nach verbreiteter Auffassung dazu geeignet waren, die leidenschaftliche Liebe eines Menschen zu einer bestimmten Person oder zu einem bestimmten Objekt zu erwecken. Der Gebrauch und die Wirkungsweise derartiger Mittel, die traditionell mit Magie, Schadenzauber und Dämonenwerk assoziiert waren, hatte seit dem 15. Jahrhundert nicht nur Eingang in die gelehrte Zaubereidebatte gefunden, sondern war allgemein zu einem beliebten Thema der interdisziplinären Diskussion geworden. Aufgrund seiner forensischen Relevanz zog der Gebrauch von Philtren die Aufmerksamkeit der Juristen auf sich, die nicht selten bereit waren, die Einnahme eines Philtrums als strafmildernden Umstand zu berücksichtigen, während die Theologen sich in erster Linie auf den Zusammenhang mit der dämonischen Magie konzentrierten. Das größte Interesse wurde den Liebestränken jedoch von den Medizinern und Naturgelehrten entgegengebracht, die sich nicht nur um die Diagnose und Therapie von Inphiltrationen bemühten, sondern auch nach den Wirkmechanismen der verwendeten Mittel fragten.

Dabei wurde die Wirkung der Philtren von den Verfechtern der beiden zeitgenössischen Naturauffassungen, des Aristotelismus und Hermetismus, unterschiedlich erklärt. So stellten die Anhänger der Sympathielehre die natürliche Wirkungsmacht solcher Mittel keineswegs grundsätzlich in Abrede, doch schrieben sie nicht allen eine natürliche Wirkung zu, sondern unterschieden zwischen wahren Philtren, die auf der Basis der Sympathielehre natürlich wirksam seien, und sog. Pseudophiltren, deren Wirkung allein durch den Teufel zustande komme. Die aristotelisch-galenische Schulmedizin propagierte demgegenüber die natürliche Wirkungslosigkeit sämtlicher Philtren, so daß dort, wo dennoch ein Effekt beobachtet werden könne, stets der Teufel am Werk sein müsse. Vertreter dieser Richtung waren es, die im 17. und frühen 18. Jahrhundert deutlich zwischen materiellen und immateriellen Philtren differenzierten und allenfalls eine unspezifisch sexuell stimulierende Wirkung einiger ihrer materiellen Inhaltsstoffe konzedierten. Damit deutete sich eine Entwicklung an, die im Lauf des 18. Jahrhunderts zur endgültigen Trennung zwischen der stofflichen und der nichtstofflichen Komponente und damit zur Sprengung des traditionellen Philterbegriffs führte, der die Einheit von Materiellem und Immateriellem, von Natürlichem und Magischem vorausgesetzt hatte.

Ordnet man Bökels Tractatus de philtris in den Kontext der überregionalen Philtrendebatte ein, so nimmt diese Schrift bereits wesentliche Positionen der Galeniker des 17. Jahrhunderts vorweg. Denn Bökel vertritt den traditionellen aristotelisch-galenischen Standpunkt, der die Wirkungslosigkeit sämtlicher Philtren behauptet. Als erster Galeniker überhaupt stellt er die Einheit des Philterbegriffes explizit in Frage, indem er unter Bezug auf die Gesetze der aristotelischen Physik zwischen materiellen und immateriellen Philtren differenziert, wobei er sich vornehmlich auf die materiellen Philtren konzentriert, denen er eine potentielle natürliche Wirkungsmacht nicht von vornherein abspricht. Nach eingehender Analyse kommt er aber zu dem Schluß, daß beide Formen nicht geeignet sind, die Liebe zu einer bestimmten Person hervorzurufen, da diese nur durch die sinnliche Kenntnisnahme des geliebten Objekts erregt werde. Alle Mittel, die in der Absicht gegeben würden, Liebe zu erwecken, wirkten, wenn überhaupt, giftig oder aber sexuell stimulierend, wobei jedoch im letzteren Fall die Begierde nicht auf eine bestimmte Person gerichtet sei. Obwohl Bökel generell die Wirkungslosigkeit sämtlicher Philtren betont, muß er erklären, warum die Zeitgenossen den Eindruck haben, daß auf die Einnahme eines Philtrums dennoch oft der intendierte Effekt folgt. Er führt dies auf den Beitrag des Teufels zurück, der die Menschen über die angebliche Wirkung der Philtren täusche und diesen unter Zuhilfenahme physiologischer Mechanismen, die jedoch von den verwendeten magischen Mitteln unabhängig seien, scheinbar eine Wirkung verleihe.

In der Oratio funebris hatBökel sich mit dem Hexenwesen und der zeitgenössischen Strafpraxis kritisch auseinandergesetzt. Dabei betont er die Harmlosigkeit der Hexen und macht deutlich, daß er von der Verfolgungskritik des Johann Weyer beeinflußt ist. Ähnlich wie dieser nennt Bökel die Hexen melancholische, vom Satan über ihre magische Potenz getäuschte und verblendete Menschen, die die unter der Folter gestandenen Taten nicht begangen haben könnten, da ihre Zauberrituale keineswegs in der Lage seien, Schaden zu bewirken. Bökel begründet diese Einschätzung auch hier wieder unter Bezug auf die Gesetze der Physik, denen zufolge die von den Hexen verwendeten Zaubermittel keineswegs in der Lage seien, die intendierten Schädigungen hervorzubringen. Indem Bökel die Harmlosigkeit der Hexen in den Vordergrund stellt, kann er unter Rückgriff auf die juristische Tradition, die das Ausmaß des erfolgten Schadens zum wesentlichen Kriterium für die Strafmaßbestimmung erhob, ihre Hinrichtung für rechtswidrig erklären. Dabei artikuliert er Grundpositionen der protestantischen Superstitionskritik, wenn er behauptet, daß der Teufel nicht nur die Hexen über ihre angebliche Wirkungsmacht täusche, sondern auch die verfolgungseifrigen Obrigkeiten verblende. Viele Obrigkeiten seien vom Glauben an die Macht des Schadenzaubers derart eingenommen, daß sie die harmlosen Hexen mit Drohungen zu falschen Geständnissen zwängen, auf deren Grundlage diese dann zu Unrecht grausam bestraft würden.

Literatur

Bokelius, Johannes, Tractatus de Philtris, utrum animi hominum his commoueantur, nec ne Hamburg 1599

Ders., Oratio funebris de Illustrissimo ac Generosissimo Principe ac Domino, Domino Iulio Duce Brvnovicensi et Lunaeburgensi &c. (Sanctae, & foelicis memoriae) quibus studiis vitam domesticam transegerit. Helmstedt 1589, Bl. B4v-Cv.

Kauertz, Claudia, Die Diskussion des Zauber und Hexenwesens an der Universität Helmstedt (1576-1626), i. Dr.

Thorndike, Lynn, A History of Magic and Experimental Science. New York / London 1975, Bd. VI, S. 210-211

Schultze, Karl-Egbert, Als die jungen Herren krank waren. In: Norddeutsche Familienkunde 5 (1956), S. 1-4, 31-33, 61-63

Ders., Die Hamburger Glieder und Versippungen der Ärztefamilie Böckel. In: Zeitschrift für Niedersächsische Familienkunde 26 (1951), S. 24-26, 38-49

Ders., Der Hamburger Stadtphysicus Johann Böckel (1535-1605) und seine Sippe. In: Zeitschrift für Niedersächsische Familienkunde 17 (1935), S. 4 -7

Gernet, Hermann, Mitteilungen aus der älteren Medizingeschichte Hamburgs. Hamburg 1869, S. 124-127

Schröder, Hans, Lexikon der hamburgischen Schriftsteller bis zur Gegenwart. Bd. 1, Hamburg 1851, S. 308-309

 

Empfohlene Zitierweise

Kauertz, Claudia: Bökel, Johann. Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/45zo2/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 15.02.2006

Index


Lesezeichen / Weitersagen

FacebookTwitterGoogle+XingLinkedInDeliciousDiggPinterestE-Mail