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Binsfeld, Peter

Kurtrier

Johannes Dillinger

17.12.02

* 1546 Binsfeld (Kr. Wittlich-Eifel), + 24. 11. 1598 in Trier;

Peter Binsfeld wurde 1546 im Dorf Binsfeld in der Eifel geboren. Binsfeld kam aus einer unbedeutenden Bauernfamilie. Da er jedoch als außerordentlich begabtes Kind auffiel, akzeptierte ihn das Zisterzienserkloster Himmerod als Schüler und Novizen. Abt Johann von Briedel ermöglichte es ihm, von 1570 bis 1576 am Collegium Germanicum in Rom zu studieren, wo Binsfeld auch zum Priester geweiht wurde und den Doktorgrad in Theologie erhielt. Nach Trier zurückgekehrt profilierte sich Binsfeld als rigoroser Verfechter eines tridentinisch erneuerten Katholizismus'. Als Protegé des Erzbischofs Jakob III. von Eltz machte Binsfeld rasch Karriere. Zunächst wurde er mit der Reform der Benediktinerabtei Prüm betraut. 1578 wurde Binsfeld zum Propst des Simeonstiftes in Trier ernannte. Er erhielt die Pfründe Wasserbillig. Im selben Jahr wurde Binsfeld als Weihbischof nominiert, die offizielle Bestätigung aus Rom erfolgte zwei Jahre später. 1580 wurde Binsfeld zum Generalvikar der Erzdiözese Trier erhoben. Auf die Priesterausbildung gewann er als Vorsitzender der Prüfungskommission unmittelbaren Einfluss. Binsfeld amtierte 1580 als Vizekanzler der Universität Trier, als Dekan 1582/83 und 1587/88. In persönlichen Briefen kritisierte er trotz seiner Erfolge die eigenen Leistungen und Fähigkeiten als unzureichend und äußerte Lebensmüdigkeit. 1598 fiel Binsfeld in Trier einer Epidemie zum Opfer. Beigesetzt wurde er in der zur Kirche umgebauten Porta Nigra. Sein Grabmal wurde bei der Freilegung des römischen Stadttores zerstört.

Tractatus de confessionibus maleficorum

Binsfeld publizierte den Tractatus de confessionibus maleficorum et sagarum 1589 in Trier. Im selben Jahr hatte Erzbischof Johann VII. von Schönenberg die theologische Fakultät Trier gebeten, ein Gutachten über die Zuverlässigkeit von Besagungen zu erstellen. Möglicherweise hat Binsfeld mit seinem Traktat dieses heute nicht mehr auffindbare Gutachten kommentiert oder erweitert.

Der Traktat besteht aus zwei Teilen. Der erste befasst sich mit den Voraussetzungen des Hexenwesens und den Fähigkeiten der Hexen. Der zweite Teil behandelt den Hexenprozess.

Der erste Teil wird mit vierzehn praeludia eröffnet. In diesen praeludia stellt Binsfeld kurz grundlegende Annahmen der Dämonologie vor: Hexerei betrifft die kirchliche wie die weltliche Gerichtsbarkeit, da sie sowohl Häresie als auch körperliche Schädigung umfasst. Zwei Punkte, die für seine folgende Argumentation zentrale Bedeutung erlangen, streicht Binsfeld besonders heraus. Alle Aktivitäten des Teufels brauchen die Erlaubnis Gottes ( permissio Dei ), ohne die ihm die Hände gebunden sind. Der Teufelspakt kann ausdrücklich oder stillschweigend abgeschlossen werden. Für Binsfeld ist jede Magie dämonisch, eine Unterscheidung von Hexerei und anderen Arten von Magie ist daher sinnlos und irreführend. Jede Wirkung, die keine offensichtlich natürliche Ursache hat, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Hexerei zurückzuführen. Der Zugriff des Teufels auf die menschlichen Sinne ist fast total: Selbst frommen Christen kann er in der Gestalt von Christus selbst erscheinen.

Nach den praeludia wendet sich Binsfeld der Diskussion der causae , den Voraussetzungen von Hexerei zu. Dazu zählt er die sündhafte persönliche Schwäche derjenigen, die auf die Verführung des Teufels hereinfallen als auch die verantwortungslose Pflichtvergessenheit von Staat und Kirche. Binsfeld kritisiert weltliche Autoritäten, die Hexen nicht entschieden genug verfolgen. Ebenso scharf richtet er sich gegen Priester, die nach seinem, am Tridentinum orientierten Verständnis unfähig und ungebildet sind, die Seelsorge vernachlässigen und die unorthodoxen Praktiken deskirchlichen Volksglaubens dulden. Binsfeld lehnt die Dämonen abwehrende ‚kirchliche Magie' des Populärkatholizismus de facto ab. Sie erscheint ihm schlicht als vom Teufel kreierter Aberglaube oder zumindest als Gefährdung der Reinheit des kirchlichen Kultes durch dämonischen Missbrauch.

Am Ende des ersten Teils schildert Binsfeld die Fähigkeiten von Dämonen und Hexen. Der körperliche Flug der Hexen ist ebenso Realität wie die Teufelsbuhlschaft und der Schadenzauber. Der Canon Episcopi ist irrelevant: Zum einen ist seine kanonische Autorität zweifelhaft, zum anderen leugnet er nicht die Möglichkeit des Fluges. Inwieweit dieses sehr alte kirchliche Gesetz überhaupt auf die neue Hexensekte angewandt werden kann, erscheint Binsfeld fragwürdig. Zudem beweisen die Hexenprozesse selbst, dass Flug und Sabbat real sind. Binsfeld fordert die Todesstrafe sowohl für Hexen als auch für Personen, die sich Rat und Hilfe von Heilern und Wahrsagern holen, welche nach seinem Verständnis natürlich ebenfalls Hexen sind. Konfiskationen lehnt Binsfeld ab. Aus Profitinteresse hochgetriebene Verfahrenskosten, wie er sie wohl aus seiner Trierer Heimat kannte, verurteilt er.

Im zweiten Teil des Tractatus befasst sich Binsfeld mit seiner zentralen Frage: Wie zuverlässig sind Besagungen? Sollen Personen, die von geständigen Hexen als Komplizen denunziert wurden, vor Gericht gebracht werden? Zunächst hält Binsfeld fest, dass Hexerei äußerst schwer zu beweisen ist. Da es sich um ein crimen exceptum handelt, können die üblichen Verfahrensregeln jedoch missachtet werden. Zunächst einmal sind alle Richter dazu verpflichtet, Hexen zur Denunziation von Mittätern anzuhalten. Weiter verlangt Binsfeld, dass Kinder als Zeugen zugelassen werden. Er ist einer der Ersten, der sich dem Problem der Zeugnisfähigkeit von Kindern in Hexenprozessen zuwendet. Auch hier dürften, obwohl Binsfeld es peinlich vermied Beispiele der Verfolgungspraxis im Kurfürstentum Trier direkt anzusprechen, konkrete Erfahrungen mit minderjährigen Zeugen in den 1580er Jahren im Hintergrund gestanden haben. Binsfeld fordert, dass Ermittlungen gegen Personen angestrengt werden sollen, gegen die nur eine einzige Besagung vorliegt. Selbst zur Folter soll eine einzige Besagung genügen, wenn sie durch ein zusätzliches Verdachtsmoment bestätigt wird. Worin dieses Verdachtsmoment bestehen soll, lässt Binsfeld bewusst offen. Faktisch verlangt er also die Einleitung eines Verfahrens und die Folter aufgrund nur einer Denunziation. Zwei Besagungen sollen ohne jedes weitere Indiz die Tortur rechtfertigen.

Dass Binsfeld Denunziationen einen so hohen Stellenwert zuerkennt, scheint seiner Feststellung, dass Dämonen sich in jedweder Gestalt zeigen können, zu widersprechen. Tatsächlich gibt er zu, dass Dämonen die Gestalt von Menschen annehmen und sich in dieser ‚Verkleidung' auf dem Hexensabbat zeigen können. Dennoch sind Denunziationen von Hexen stets zuverlässig: Gott erlaubt es nämlich nicht, dass Dämonen die Gestalt von Menschen annehmen, die darin nicht eingewilligt haben. Das bedeutet freilich, dass die Teufel sich nur der äußeren Erscheinung derjenigen bedienen dürfen, die mit ihnen bereits im Bund sind. Es ist also gleichgültig, ob eine Person, die auf dem Hexensabbat gesehen wird, tatsächlich diese Person oder nur ein Dämon in ihrer Gestalt ist: Sie ist in jedem Falle schuldig, da die Höllengeister nur die äußere Erscheinung von Hexen annehmen dürfen. Um die Besagung zum zentralen Indiz zu erheben, benutzt Binsfeld hier das Konzept der permissio Dei kombiniert mit der Annahme, nach welcher es Gott nicht zulassen würde, dass Unschuldige in Hexenprozessen abgeurteilt werden.

Hexenproben verurteilt Binsfeld als Aberglauben. Verdächtige dürfen nicht durch Lügen und falsche Versprechungen des Gerichtspersonals zum Geständnis provoziert werden. Hexen, die echte Reue zeigen, werden vor der Hinrichtung zum Empfang der Sakramente zugelassen.

Binsfeld bietet in seinem kurzen Traktat - die Erstausgabe verzichtet fast völlig auf exempla - sowohl einen guten Überblick über die Hexenlehre als auch praktische Richtlinien für die Prozessführung. Binsfelds Werk steht auf der Höhe der zeitgenössischen Dämonenlehre. Die Radikalität von Binsfelds Argumentation entspricht der Stringenz, mit der er sie gemäß der seinem Werk eigenen Logik konstruiert. Der Traktat wurde 1591, 1596, 1605 und 1623 neu aufgelegt, zwei deutsche Versionen erschienen 1590 in Trier sowie 1591 und 1592 in München. Binsfeld erweiterte sein Werk in den späteren Auflagen, bei den Zusätzen handelt es sich größtenteils um exempla .

1591 versah Binsfeld den Traktatus mit einem sehr umfangreichen Anhang, dem Commentarius in Titulum Codicis Lib. IX de Maleficis et Mathematicis . Binsfeld wiederholt seine Verdammung jedweder Magie als dämonisch. Orientiert an dem Kapitel über Magie des Codex Iustinianeus behandelt er dann detailliert besondere Formen von Magie und magieverdächtige Praktiken. Mathematik und Astronomie sind an sich natürlich erlaubt. Sie können jedoch zum Zweck der Wahrsagerei missbraucht werden. Versuche, die Zukunft vorauszusagen sind nicht nur sinnlos, sondern satanisch inspiriert. Alchemie gilt Binsfeld zwar als moralisch fragwürdig und intellektuell nicht respektabel, mit Hexerei identifiziert er sie per se jedoch nicht. Liebeszauber wird ebenso verdammt wie der Versuch, Hexerei mit Gegenzauberei zu beantworten.

Danach wendet sich Binsfeld abermals dem Hexenprozess zu. Er bestätigt seine Ablehnung von Hexenproben und betont erneut die Zuverlässigkeit von Besagungen. Über den Tractatus geht er insofern hinaus, als er weitere Indizien für Hexerei nennt. Neben allen Verdachtsmomenten, welche die Carolina aufgeführt hatte, stellt er unter anderem fest, dass Fluchen und Aberglauben, die offensichtliche Furcht vor Verfolgung sowie die mangelnde Bereitschaft, sich gegen Hexereivorwürfe zur Wehr zu setzen, als Belastungsindizien gewertet werden sollten. In einem Anhang listet Binsfeld Magieverbote aus dem kanonischen Recht auf.

Binsfelds Werk stieß in Trier auf Opposition. Der Theologe Cornelius Loos widersprach Binsfeld mit seinem Buch De vera et falsa magia , das Hexen als bloße Opfer von Träumen und Einbildungen darstellte. Binsfeld war die treibende Kraft hinter den kirchlichen Disziplinarmaßnahmen, die 1593 gegen Loos ergriffen wurden. Die Drucklegung von Loos' Buch wurde unterbunden. Im Beisein Binsfelds widerrief Loos jene Thesen vor Octavio Frangipani, dem päpstlichen Nuntius. Durch seinen Triumph über den Verfolgungsgegner trug Binsfeld entscheidend dazu bei, dass die Kritik an den Hexenprozessen von Seiten deutscher katholischer Theologen bis zur Zeit Tanners verstummte.

Während Binsfelds Traktat keinerlei Einfluss auf die weltliche Gesetzgebung gegen Magie in Kurtrier hatte, gewann er im Herzogtum Bayern große Bedeutung.

Weitere Werke

Im ganzen übrigen umfangreichen Werk Binsfelds spielt Magie kaum eine Rolle. Sein Handbuch der Pastoraltheologie Enchiridion theologiae pastoralis et doctrinae neccessariae sacerdotibus (Trier 1591) besteht aus fünf Teilen: Einer Sakramentenlehre, Abhandlungen über die Sünde, den Dekalog, Fragen der Kirchenorganisation und des kanonischen Rechtes, sowie einer Diskussion kirchlicher Disziplinarmaßnahmen und des Ausschlusses vom priesterlichen Amt. Der Debatte der Kirchendisziplin wird der Vorrang vor der Ecclesiologie eingeräumt. Eine Homiletik (Theorie der Predigt) fehlt. Bei der Diskussion des Ersten Gebots ergeht sich Binsfeld in einem langen wütenden Angriff auf alle Formen von Magie, der vollständig dem Tenor des Tractatus de confessionibus entspricht.

Im Commentarius theologicus et iuridicus in titulum iuris canonici de usuris (Trier 1593) diskutiert Binsfeld Zins und Wucher gemäß Moraltheologie, kirchlichem und weltlichem Recht. Er untersucht die Bedingungen von Profitwirtschaft, internationalem Handel und Handelsgerechtigkeit. Binsfeld hält fest, dass es zum Wohl des Staates dienen kann, wenn es Juden gestattet wird, Geld zu einem moderaten Zins zu verleihen.

Binsfelds dogmatisches Hauptwerk Liber receptarum in theologia sententiarum et conclusionum (Trier 1593) behandelt in fünf großen Abschnitten den Sündenfall, die Erbsünde, das Verhältnis der freien Gnade Gottes zum freien Willen des Menschen, die Rechtfertigung und die guten Werke sowie den Lohn und die Strafe nach dem Tod. Im Commentarius in titulum iuris canonici de iniuriis de damno dato (Trier 1597) befasst sich Binsfeld mit Schädigungen und Schadensersatz im weltlichen und kanonischen Recht. Heinrich Bock, Binsfelds Trierer Verleger, publizierte zwei Werke des Weihbischofs posthum: Seine kanonistische Auseinandersetzung mit dem Ämterkauf, Commentarius in titulum iuris canonici de simonia (Trier 1604), und eine voluminöse pastoral- und moraltheologische Abhandlung über die Sünde, Tractatus de tentationibus et earum remediis (Trier 1611). Im letztgenannten Werk beschreibt Binsfeld den Teufel einmal mehr als den nachgerade omnipräsenten Verführer. Schutz vor ihm zu finden ist fast unmöglich: Alles was fromm, heilig, gut zu sein scheint, kann Satan korrumpieren. Seine Macht kann nicht nur alle Sinne, sondern den menschliche Verstand selbst verwirren. Binsfeld vermag es letztlich nicht mehr, ein positives Gegengewicht gegen die teuflische Verführung zu konstruieren. Er beschränkt sich darauf, nicht nur Wachsamkeit, sondern sogar ständige Furcht vor der satanischen Bedrohung anzumahnen.

Binsfelds Tractatus de confessionibus kann als integraler Bestandteil seines Gesamtwerkes gesehen werden. Binsfelds Arbeiten kreisen sämtlich um Verführung und Disziplin, Sünde und Sündenstrafe. Binsfeld versucht, weltliches und kirchliches Recht zum Kampf gegen Sünde und Verbrechen wechselseitig zu integrieren.

Digitalisierte Werke (Schlüsselseiten)

Tractatus de confessionibus maleficorum & Sagarum an et quanta fides iis adhibenda sit. Trier - Bock - 1589
BSB Polem. 228_Beibd.1

Tractat von Bekanntnuß der Zauberer und Hexen. München 1591
BSB 4 Crim. 14

 

Literatur

Johannes Dillinger, "Böse Leute". Hexenverfolgungen in Schwäbisch-Österreich und Kurtrier im Vergleich. Trier 1999.

P.C. van der Eerden, Der Teufelspakt bei Petrus Binsfeld und Cornelius Loos. In: Hexenglaube und Hexenprozesse im Raum Rhein-Mosel-Saar, Hg. Gunther Franz / Franz Irsigler, Trier 1995, S. 51-71.

Patrik Schmidt, Weihbischof Peter Binsfeld und sein Traktat über die Hexen, Theologische Diplomarbeit, Typoskript Trier 1995.

Othon Scholer, "O Kehricht des Aberglaubens, o leerer Wahn der Täuschung und Gespenster der Nacht!" Der Angriff des Cornelius Loos auf Petrus Binsfeld. In: Methoden und Konzepte der historischen Hexenforschung, Hg. Gunther Franz / Franz Irsigler, Trier 1998, S. 255-276.

Wolfgang Seibrich, Die Weihbischöfe des Bistums Trier, Trier 1998, S. 83-90.

 

Siehe auch folgende Artikel:

Kurtrier - Hexenverfolgungen von Walter Rummel

 

Empfohlene Zitierweise

Dillinger, Johannes: Binsfeld, Peter. Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/45znv/

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Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 09.06.2006

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