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Biermann, Martin

Claudia Kauertz

03.05.00

Geb. ? in Aschersleben (Hochstift Halberstadt), gest. 10. November 1595 in Wittenberg (Herzogtum Sachsen)

Medizinprofessor in Helmstedt und Kritiker Jean Bodins

Biermann immatrikulierte sich 1569 zunächst in Wittenberg, bevor er 1578 nach Helmstedt kam, um hier Medizin zu studieren. Zur Vervollständigung seiner medizinischen Ausbildung begab er sich nach Italien sowie an die Universität Basel. Nachdem er dort 1588 zum Doktor der Medizin promoviert worden war, kehrte er nach Helmstedt zurück, wo er Ende des Jahres die Stelle eines Professors medicinae et physices erhielt und am 19. Juli 1590 Sophia Hedwig Bökel, die dritte Tochter seines Helmstedter Medizinerkollegen Johann Bökel, zur Frau nahm. Seine Professur in Helmstedt versah Biermann bis 1593; um dann einem finanziell einträglicheren Ruf nach Wittenberg zu folgen. Hier starb er bereits 1595.

Martin Biermann ist als Präses medizinischer Disputationen hervorgetreten, in denen er sich als Vertreter der hippokratisch-galenischen Krankheitslehre und der aristotelischen Naturphilosophie offenbart. Sein bekanntestes Werk ist die 74 Thesen umfassende Dissertation De magicis actionibus exetasis succincta: sententiae Johannis Bodini iureconsulti Galli opposita aus dem Jahr 1590, in der er die Wirkungsweise verschiedener magischer Handlungen untersucht, ohne sich jedoch zur zeitgenössischen Hexenprozeßpraxis zu äußern. Wie aus dem Vorwort des Respondenten Johann von Petkum hervorgeht, hatte Biermann über diese Dissertation hinaus noch ein größeres Werk geplant, in dem er sich nicht nur mit den bedeutendsten aristotelischen Dämonologen der Scholastik, Albertus Magnus und Thomas von Aquin, auseinanderzusetzen gedachte, sondern auch mit dem aristotelischen Purismus des Italieners Pietro Pomponazzi, der zu Beginn des 16. Jahrhunderts jede innerweltliche Wirkungsmacht von Dämonen geleugnet hatte. Allerdings hat er diesen Plan bis zu seinem frühen Tod nicht realisieren können. Insgesamt erlebte die exetasis bis 1629 insgesamt fünf Auflagen. Davon stammen zwei aus dem Jahr 1590 und eine aus dem Jahr 1629. Darüber hinaus wurde die Schrift von Biermanns Wittenberger Medizinerkollegen Tobias Tandler in dessen Dissertatio de fascino et incantatione , ein Sammelwerk über verschiedene Arten von Bezauberungen, aufgenommen, das 1613; erneut aufgelegt wurde. Als bedeutendstes Werk Biermanns wurde die exetasis von namhaften Verfolgungskritikern, z.B. von dem Rostocker Juristen Johann Georg Gödelmann, rezipiert. Von der Hexenforschung ist sie allerdings bislang kaum zur Kenntnis genommen worden.

Wie der Untertitel der exetasis deutlich macht, richtet Biermann seine Thesen hauptsächlich gegen den prominenten französischen Weyergegner (-> Johann Weyer) und Aristoteleskritiker Jean Bodin. Dieser hatte die naturgelehrte Zaubereibetrachtung in seiner 1580 erschienen Démonomanie des Sorciers fundamental kritisiert, weil er das Zauberwesen als übernatürliches, allein mit metaphysischen Kategorien zu erfassendes Phänomen betrachtet wissen wollte und zudem eine weitgehend realistische Deutung der verschiedenen Elemente der Hexenlehre (Teufelspakt, Teufelsbuhlschaft, Ausfahrt, Hexensabbat, Tierverwandlung) bevorzugte. Hauptansatzpunkt für Bodins Kritik ist die von der christlichen Tradition sanktionierte Vorstellung von der Beschränktheit der Teufelsmacht durch die Gesetze der Natur, wobei er sich in erster Linie gegen die zeitgenössischen Anhänger der aristotelischen Physik wendet, von denen er sich als Verfechter eines hermetisch geprägten Naturverständnisses deutlich distanziert.

Auf der Basis eines gegenüber der protestantischen Theologie deutlich erweiterten Providentialismus und in Orientierung an den dämonologischen Positionen Thomas von Aquins ist es dem französischen Katholiken möglich, die Begrenzung der Teufelsmacht durch die Naturgesetze als sündhafte Beschränkung der Allmacht Gottes zu deuten, der seinem Instrument, dem Teufel, nach Belieben jede nur mögliche Macht verleihen könne. Unterstützt wird diese Kritik an der physiologischen Betrachtung des Zauberwesens noch durch die grundsätzlich aristoteleskritische Haltung Bodins, dessen Naturverständnis vom Neuplatonismus und insbesondere von der Kabbala geprägt ist. Darüber hinaus sind in seinem Werk Einflüsse des im Frankreich des ausgehenden 16. Jahrhunderts weitverbreiteten Skeptizismus zu bemerken, der ebenfalls deutlich aristoteleskritische Züge aufweist, da er die Zuverlässigkeit der menschlichen Sinneswahrnehmung, welche für Aristoteles das Fundament der Naturwissenschaft war, radikal in Zweifel zieht.

Demgegenüber verfaßt Biermann eine Apologie der naturgelehrt-aristotelischen Betrachtung magischer Phänomene, indem er die Beschränktheit sämtlicher innerweltlicher Bewegungen und Wirkungen durch die Naturgesetze betont und damit auch alle magischen Handlungen zum Gegenstand physiologischer Untersuchung erklärt. Dabei unterscheidet Biermann, der das Zauberwesen in klassischer Weise als Verbindung von Teufelspakt und Schadenzauber definiert, zwischen solchen magischen Effekten wie den Spezifika des Hexenwesens (Ausfahrt, Teufelsbuhlschaft und Hexensabbat), die den Hexen selbst widerführen, und heil- und schadensmagischen Handlungen, durch die die Zauberer Einfluß auf ihre Umgebung nähmen.

Durch die detaillierte Analyse der verschiedenen magischen Effekte will Biermann zeigen, daß sich der Satan zur Erzeugung von Blendwerken wie auch realer Wirkungen stets physiologischer Mechanismen bediene und magische Handlungen daher sehr wohl als Untersuchungsgegenstand der Physik geeignet seien. Bis auf die Ausfahrt, deren Realität er in manchen Fällen durchaus zugesteht, werden die traditionell umstrittenen Elemente der Hexenlehre (Sabbat und Buhlschaft) von ihm sämtlich als dämonische Illusionen interpretiert, während die in den Blick genommenen heil- und schadensmagischen Handlungen entweder als teuflische Sinnestäuschungen verstanden oder auf unabhängige natürliche Mechanismen zurückgeführt werden.

 

Literatur

Biermann, Martin, De magicis actionibus exetasis succincta: sententiae Johannis Bodini iureconsulti Galli opposita, Respondente Johanne a Petkum Hamburgensi. Helmstedt 1590

Kauertz, Claudia, Die Diskussion des Zauber- und Hexenwesens an der Universität Helmstedt (1576-1626), i. Dr.

Clark, Stuart, The Scientific Status of Demonology. In: Vickers, Brian (Hg.), Occult and Scientific Mentalities in the Renaissance. Cambridge 1984, S. 351-352

Ders, Thinking with Demons, The Idea of Witchcraft in Early Modern Europe. Oxford 1997, S. 213

Thorndike, Lynn, A History of Magic and Experimental Science. Bd. VI, New York, London 1975, S. 534 -535

Zimmermann, Paul (Hg.), Album Academiae Helmstadiensis. Bd. 1, Hannover 1926, S. 410

 

Empfohlene Zitierweise

Kauertz, Claudia: Biermann, Martin. Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/45znr/

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Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 15.02.2006

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