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Thomas von Aquin

P. Korbinian Thomas Linsenmann

14. März 2008

* 1225 Roccasecca, † 7.3.1274 Fossanova bei Terracina; Dominikaner, Kirchenlehrer, Magister in Paris und Lektor in Orvieto. Bis heute eine der maßgeblichen theologischen Autoritäten.

1. Kurzbiografie

Thomas, der auf dem väterlichen Schloss Roccasecca nördlich von Neapel aus adliger Familie geboren war, wurde in seiner Kindheit Benediktiner in Montecassino. Ungefähr 1239 wurde er zum Studium der artes nach Neapel geschickt, wo er um 1244 in den Dominikanerorden eintrat. Seine Studien absolvierte er bei Albertus Magnus, vorwiegend in Köln, aber auch in Paris. 1252 wurde er von den Dominikanern als sententiarius nach Paris gesandt. 1256/57 wurde er magister actu regens. 1261 in Orvieto lector am Dominkanerkonvent. Ab 1265 Aufbau eines studium generale des Ordens in Rom. 1268 ein zweites Mal magister in Paris. 1272 Rückkehr nach Neapel, wiederum um ein studium generale einzurichten. 1274 verstarb er auf der Reise zum vierten Laterankonzil in Fossanova.

2. Haltung zur Magie

2.1. Allgemeine Vorbemerkungen.

Thomas von Aquin hat niemals eine ausdrückliche Abhandlung zum Thema Magie verfasst. Fast alle Texte, in denen er sich diesem Thema widmet, sind Teile anderer Schriften, oder haben zumindest eine Fragestellung zu beantworten, die nicht primär auf Magie zielt. Im Werk des Aquinaten kann, wenn er sich der Magie zuwendet, zwischen Divination (Wahrsagerei) und Zauberei unterschieden werden. Hexerei (maleficium) ist für ihn kaum Thema, wie bereits sprachliche Untersuchungen seiner Werke zeigen: Die Worte maleficium und malefica kommen so gut wie gar nicht vor. Insbesondere die Vorstellung vom Teufelspakt durch den Vollzug des Geschlechtsverkehrs, die in der späteren Hexereivorstellung – etwa des Hexenhammers – eine zentrale Rolle spielte, ist Thomas fremd.

Sein Hauptaugenmerk liegt auf der Divination, und hier vor allem auf der Astrologie. Es spricht vieles dafür, diese Schwerpunktsetzung als den „Sitz im Leben“ seiner Magielehre anzusehen: Divinatorische, astrologische Praktiken und das Loswerfen waren Dinge, die offenbar in seiner Lebenswelt und Umgebung real vorkamen.

Vor dem Hintergrund des Weltbildes des 13. Jahrhunderts, das den common sense vertrat, die Sterne seien Teil der höheren Sphären, die einen konkreten physikalischen Einfluss auf die niedrigeren Sphären hätten, ist die mittelalterliche Astrologie auf keinen Fall mit dem zu vergleichen, was wir heute darunter verstehen.

2.2. Divination

Divination meint jeden Versuch des Menschen, die Zukunft über das ihm von der Natur vorgegebene Maß hinaus zu erforschen.

Für dieses Erforschen verwendet der wahrsagende Mensch Mittel, die zu diesem Zweck nicht taugen. Thomas kennt neben der Astrologie in diesem Bereich eine ganze Fülle weiterer Techniken. So sind ihm die Wahrsagetechniken der römischen Antike ebenso bekannt wie die in der Bibel angeführten. Auch die Ausführungen früherer Theologen, insbesondere Augustins von Hippo und Isidors von Sevilla, sind ihm geläufig. Den Eindruck einer wirklich persönlichen, nicht nur literarischen Kenntnis gewinnt man jedoch lediglich bei Astrologie und Loswerfen. Zum Loswerfen hat Thomas sogar ein eigenes Werk verfasst, das Opusculum De Sortibus, in dem es um die konkret an ihn gestellte Frage geht, ob eine Bischofswahl auch durch Losen entschieden werden darf.

Ausschlaggebend für die Unterscheidung zwischen erlaubter Erforschung der Zukunft und unerlaubter, sündhafter Divination ist, ob der Mensch zukünftige Ereignisse aus ihren Gründen erschließen kann, oder ob er dabei seine Grenzen, die ihm von Gott gesetzt sind überschreitet.

Einer solchen Grenzüberschreitung des Menschen liegt immer eine Kollaboration mit widergöttlichen Mächten zugrunde. Thomas spricht hier durchgängig vom Pakt mit den Dämonen, niemals mit dem Teufel. Die Dämonen können durch ihre wesentlich subtilere, nicht stoffliche Natur erheblich mehr vorauswissen als der Mensch. Sie sind auch in der Lage, dieses Wissen weiterzugeben.

Ruft nun der Mensch die Dämonen ausdrücklich um Informationen an, handelt es sich um einen ausdrücklichen Pakt (pactum expressum). Eröffnet er den Dämonen durch sein leichtsinniges Forschen nur einen Spielraum, so dass sie sich in seine Bemühungen einmischen können, liegt ein stillschweigender Pakt (pactum tacitum) vor.

2.3. Zauberei

Die Frage der Zauberei greift Thomas gewöhnlich im Kontext des Wunders auf. Er geht davon aus, dass es echte Wunder gibt, die die Naturordnung überschreiten, und die nur Gott selbst vollbringen kann. Allerdings gibt es auch miracula quoad nos, das heißt Geschehnisse, die den Menschen wunderbar erscheinen, aber sich noch im Rahmen der natürlichen Ordnung bewegen.

Diese scheinbaren Wunder können auch von Engeln oder Dämonen verursacht sein. Wie bei der Divination wird hier angenommen, ihre nicht stoffliche Natur ermögliche diesen Geistwesen, Dinge zu bewirken, die für den Menschen wunderbar erscheinen.

Die Textstellen, die über Zauberei handeln, sind im Vergleich zu denen zur Divination erheblich weniger, einen eigenen Traktat oder ein Opusculum zu diesem Thema gibt es gar nicht.

2.4. Hexerei

Zunächst ist festzuhalten, dass der Aquinate Vorstellungen, wie sie in der späteren Hexenliteratur vorkommen, kaum kannte. Insbesondere den Teufelspakt durch einen wirklichen, schriftlichen Vertrag und den Geschlechtsverkehr mit dem Teufel kennt er nicht, genauso wenig den Hexensabbat.

Es finden sich allerdings Stellen, die über Sukkuben und über den bösen Blick handeln. Die Zeugung von Kindern durch Inkuben war eine traditionelle Erklärung der Stelle in Gen 6, 1-4, in der die Rede von den Riesen ist, die von Gottessöhnen mit Menschenfrauen gezeugt wurden. Thomas erklärt diesen Vorgang nicht magisch, sondern natürlich: Die Dämonen geben sich als Sukkuben Männern hin, finden dann die optimale Frau zur Befruchtung und inseminieren sie zur astrologisch idealen Zeugungszeit mit dem den Männern geraubten Samen. Es geht also nicht um Söhne der Dämonen, sondern um einen Transport des Samens durch die Dämonen.

Trotzdem haben diese Gedanken, die vor allem der frühe Thomas vertrat und die in seinen späteren Werken nicht mehr zu finden sind, auch nicht an Stellen, an denen er über Zauberei handelt, in den theoretischen Schriften zur Hexenverfolgung eine starke Wirkungsgeschichte entfaltet.

In den Vorstellungen Thomas von der fascinatio, dem bösen Blick, kommen wir späteren Hexentheorien am nächsten. Thomas nimmt mit Aristoteles an, dass geistige Substanzen wie die menschliche Seele unter Umständen körperliche Substanzen beeinflussen können. Beim bösen Blick beeinflusst die Seele eines Menschen, in der Regel einer Frau, ihr Auge, was bewirken kann, dass sich Spiegel trüben oder Kinder Schaden nehmen. Hat die Frau, deren Bosheit dem Kind schadet, einen Dämonenpakt abgeschlossen, verstärkt der Dämon aus eigener Bosheit den Effekt. Auch diese Gedanken finden sich nicht in den ausdrücklich so betitelten Magietraktaten.

Zusammenfassend muss man feststellen, dass Thomas natürlich die späteren Hexenjäger inspiriert hat, dass sie seine Autorität benutzt haben um sich zu legitimieren. Das mussten sie allerdings in aller Regel durch falsche Zitate und bewusstes Missverstehen seiner Schriften tun.

3. Literatur

3.1. Quellen

Hier werden nur die Werke von Thomas genannt, in denen in nennenswertem Umfang von der Magie die Rede ist.

Thomas von Aquin, De iudiciis astrorum, Sancti Thomae Aquinatis Doctoris Angelici Opera Omnia iussu Leonis XIII. P.M. edita, cura et studio fratrum praedicatorum, Rom, 1882 ff. (kurz: Leonina), Bd. 43.

Ders., De operationibus occultis naturae, Leonina 43.

Ders., Sentenzenkommentar, in: Opera Omnia cum Hypertextibus in CD-Rom, ed. Roberto Busa SJ, ²1996. (=Index Thomisticus).

Ders., De sortibus, Leonina 43.

Ders., Summa Contra Gentiles, hg. von C. Pera, P. Marc, P. Caramello, Turin 1961 und 1967 (Marietti-Ausgabe).

Ders., Summa Theologiae, Bibliotheca de Autores cristianos 77, 80, 81, 83 und 87, cura Fratrum Praedicatorum, Madrid 1977 ff.

3.2. Sekundärliteratur

Antoine Dondaine, Einleitung zu De iudiciis astrorum, in: Leonina 43, S. 189-197.

Ders., Einleitung zu De operibus occultis naturae, in: Leonina 43, S. 163-179.

Ders., Einleitung zu De sortibus, in: Leonina 43, S. 205-226.

Charles Edward Hopkin, The Share of Thomas Aquinas in the Growth of the Witchcraft Delusion, Philadelphia 1940.

Howard P. Kainz, Active and Passive Potency in Thomistic Angelology, Den Haag 1972.

B. Lacroix, A-M. Landry, Quelques Themes de la religion populaire chez le theologien Thomas d’ Aquin, in: Pierre Boglioni (Hg), La culture populaire au Moyen Age, Montreal u.a. 1979.

Thomas Linsenmann, Die Magie bei Thomas von Aquin, Berlin 2000.

Thomas Litt, Les corps celestes dans l’univers de St. Thomas d’Aquin, Louvain-Paris 1963.

William R. Newman, Thomas von Aquin, in: Karin Figala, Claus Priesner (Hgg.), Alchemie. Lexikon einer hermetischen Wissenschaft, München 1998.

P. Sejourne, Sorcellerie, in: Dictionnaire de Theologie catholique, Bd. 14, Paris 1939, Sp. 2394-2417.

Ders., Superstition, in: Dictionnaire de Theologie catholique, Bd. 14, Paris 1939, Sp. 2763-2824.

Empfohlene Zitierweise

Linsenmann, P. Korbinian Thomas : Aquin, Thomas von. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/45zn7/

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Erstellt: 14.03.2008

Zuletzt geändert: 14.03.2008

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