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Zaubersprüche

Peter Dinzelbacher

(Übersetzung von Johannes Peisker)

07.Februar 2011

Zauber wird sowohl in der Umgangssprache wie auch in Wissenschaftsliteratur mit Zauberformel, Beschwörung und Verzauberung synonym verwendet. All diese Begriffe bezeichnen etymologisch das kraftvolle magische Wort, sei es gesprochen oder gesungen. Gleichwohl wurden die Worte fast immer von Gestik und Handhabung magischer Objekte begleitet. Wir werden uns an diese Definition halten und Zaubersprüche als Typ oraler und schriftlicher Tradition behandeln, obwohl Zauber auch die Handlung, einen Zauber zu wirken (z.B. der ‚malocchio‘/Böser Blick) und der verhexende Effekt solcher Aktionen bedeuten kann (die langdauernde Aussetzung jeder Bewegung im Märchen Dornröschen beispielsweise).

In alten Zeiten war die Überlieferung dieser Formeln selbstverständlich mündlich, weshalb alle Zaubersprüche in unzähligen Variationen existiert haben müssen. Lediglich das, was zufällig schriftlich konserviert wurde ist uns bekannt. Trotzdem ist ein unerschöpflicher Reichtum von Zaubersprüchen bereits in antiken Quellen übermittelt worden, sowohl literarischen Charakters als auch in Form von praktisch verwendeten Metalltafeln, epigraphischen Eintragungen, Papyri, etc. Viele mittelalterliche lateinische und mundartliche Manuskripte beinhalten Beschwörungen, besonders reichhaltig in der Literatur der Angelsachsen. Die bekanntesten (da am häufigsten studierten) frühen Beispiele sind allerdings die beiden Merseburger Zaubersprüche in althochdeutscher Sprache. Es gibt ebenfalls eine Reihe skandinavischer Inskriptionen auf Holz, Stein und Metall (in Runenschrift). Vom späten 15. Jahrhundert an ist eine ganze Reihe von kleinen gedruckten, Zaubersprüche und entsprechende Riten enthaltenden Magiebüchern erhalten oder zumindest dokumentiert, mit einem Höhepunkt im 17., 18. und 19. Jahrhundert. Es verwundert nicht, zu erfahren, dass heutzutage (eher einfache) Sprüche von Versand-Buchhandlungen (z.B. Lexa Rosean: Easy Enchantments) oder aus dem Internet („By the powers of earth, fire, and water, May love come to me. / By the powers of 1, 2, and 3, / Let no harm be. / So let it be!“) bezogen werden können. Offensichtliche glauben noch einige Menschen an ihren praktischen Nutzen, was insofern wahr sein könnte, da ihre Rezitation einen positiven autosuggestiven Effekt bewirken mag.

Zaubersprüche bestehen aus einem einzelnen Wort, einer Wortgruppe oder Formeln von mehreren Seiten; sie können in Prosa, in Versen oder gemischt auftreten. Oft ist die Erzählung einer Situation oder einer Handlung „in illo tempore“ beigefügt, die als ein Muster fungiert, dessen Struktur vermöge der Magieworte wiederholt werden sollte. Folglich lautet ein altenglischer Spruch, um verlorenes Vieh zu finden: „Bethlehem hig the borough / in which Christ was begotten, it is far-famed throughtout all the earth: So may this deed before men be known through the holy rood of Christ. Amen.” (Cockayne III, S. 60f.) Das ‘epische’ Element ist hier ein Gleichnis und bietet ein Beispiel für etwas weithin Bekanntes – wie es auch dem Sprecher zuteilwerden sollte, der Ort, an dem die Tiere zu finden sind. Viele Zaubersprüche beinhalten Anspielungen auf das, was Jesus, Maria oder ein Heiliger gemäß der Evangelien oder apokryphen Quellen taten. Man bedenke beispielsweise diese deutsche Segnung des 14. Jahrhunderts, um Blutungen zu stillen, die einen Verweis sowohl auf einen heiligen Propheten und den Begründer des Christentums enthält: „Saint Elias sat in the desert and the blood run out of both his nostrils. Then he began to cry to god and said: ‘Lord god, now help me and master this blood, as you have mastered the Jordan before saint John baptised you therewith.’ Speak three Pater Noster and three Ave Maria.” (Holzmann, S. 206).

Der einfachste Spruch bestand in einem Wort: Als Georgius Florentinus (538-594), der später der Heilige Bischof von Tour werden sollte, seinem kranken Vater helfen wollte, ließ er ein Holzscheibchen mit einem Wort, und zwar dem Namen ‚Joshua‘, unter sein Kissen legen, und der Mann gesundete (so erzählt er uns selbst in seiner De gloria confessorum c. 39). Manchmal wird ein einzelnes Wort wiederholt: es kann als „Epheserreihe“ geschrieben sein, d.h. das Wort verliert bei jeder Wiederholung einen Buchstaben, bis lediglich ein Buchstabe verbleibt. Nicht so selten ist die Einfügung unverständlicher, die mysteriöse Faszination steigernder Wörter. Dabei hilft, dass Zaubersprüche unter dem Siegel der Verschwiegenheit kommuniziert werden.

Ihr Ziel kann sein, Hilfe oder Schutz für den Verwender zu bieten; diese Kategorie stellt den größeren Anteil des Materials dar (Sprüche gegen Krankheiten, für Blutgerinnung, gegen langsame Geburt; Liebeszauber; um eine Waffe des Gegners unwirksam zu machen, Diebe fernzuhalten, einen Gefangenen zu befreien, eine gefahrlose Reise sicherzustellen; um einen Zwerg zu vertreiben; um einen Gerichtsprozess zu gewinnen). Sie wurden aber ebenfalls angewendet, um Schaden und Verletzung herbeizuführen (Todeszauber, Impotenz verursachende Sprüche). Eine Gruppe von Zaubersprüchen betrifft nicht Menschen, sondern Tiere (um Wunden und Krankheiten zu heilen, wilde Tiere oder Schädlinge fernzuhalten, einen verschwundenen Bienenschwarm zurückzuholen, Fische zu fangen) oder sogar tote Objekte (Sprüche, um Feuer zu löschen, Regen oder Hagel zu verhindern, gute Butter zu machen). Es scheint buchstäblich einen Spruch für alles gegeben zu haben.

Es scheint, dass für lange Zeit Zaubersprüche von Menschen aller Gesellschaftsschichten benutzt worden sind; die gewaltige Zahl heidnisch-angelsächsischer Gegenstände, die in Manuskripten mit christlichen Inhalten überliefert werden, zeigt, wie interessiert sogar Kirchenmitglieder, besonders die Mönche, im Frühmittelalter gewesen sein müssen. Die Christianisierung brachte Anpassung und Einsetzung von Heiligen für die alten Götter, veränderte oft aber nicht die grundlegenden Strukturen. Es gibt keine scharfe Trennung zwischen einem christianisierten Zauberspruch und einem christlichen Segenswunsch. Erst mit der Reformation und Gegenreformation, und besonders der Aufklärung, wurden diese Versuche, Alltagsprobleme zu lösen, wahrscheinlich Teil dessen, was wir heute volkstümlichen Aberglauben nennen.

In diesem Feld gab es selbstverständlich ebenfalls Spezialisten. Wie erwartet, verkünden mittelalterliche spanischer Quellen, dass „los moros“, die Muslime, eine habituelle Affinität zu dieser Magieform hätten; anderswo waren es Sinti & Roma, Häretiker, Hexen und immer ‚das einfache Landvolk‘. Es gibt allerdings keinen Grund anzunehmen, dass professionelle Zauberer Sprüche sehr verschieden von den anderen Menschen sangen, die darauf rekurrierten, zumindest, wenn sie nicht Teil eines Satanistenzirkels waren. In dem Verfahren gegen Matteuccia di Francesco († 1428) findet sich beispielsweise die gleiche Anzahl von Zaubersprüchen, welche Jesus, die Jungfrau und die Heiligen zu Hilfe rufen, und diabolischer Sprüche, gesungen im Namen eines „Phantasma“, oder Luzifer, des Groß-Dämons (Processo, Hg. D. Mammoli, Todi; 2. Ed. 1983, S. 32f.). In den meisten Fällen scheint es allerdings eine unlösbare Frage zu sein, zu entscheiden, ob ein Beschuldigter faktisch nur die jedem bekannten ‚Alltagssprüche‘ verwendete oder dämonische Sprüche anwendete, zu seiner Verteidigung jedoch lediglich die gängigen christianisierten Formeln der Volksmedizin anführte, oder ob er unter Folter gezwungen war, dämonische Sprüche zu erfinden. Der Fall von Gostanza, der Hexe von San Miniato (1594), mag als Vorbehalt genügen: solange ohne Folter befragt, beging sie alle Heilungen lediglich durch die Invokation Gottes und der Jungfrau; sobald sie auf die Streckbank gelegt wurde, gab sie zu, alles mit Hilfe des Teufels getan zu haben; sobald sie ohne Folter verhört wurde, hätte sie aus Angst alles durch Kombination von Volksglauben und Kirchenlehre , etc., erfunden. Andererseits ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass alle in den Protokollen erwähnten Zaubersprüche, um Hagel herbeizuführen oder ein Opfer zu töten, von den Vernehmenden erfunden worden sind.

Solch böse Zaubersprüche haben ebenfalls ihren Weg in die höfliche Literatur Europas gefunden. Um nicht den allzu gefeierten Gesang der Hexen in Shakespeares Macbeth anzuführen, nenne ich ein eher unbekanntes Beispiel aus einem altnordischen Text des 13. oder 14. Jahrhunderts, das Ende eines ‚Gebets‘ der Zauberin Busla der phantasievollen Bosessaga: „Here are to come seven churls, say me their names! But solve first the riddle – if you cannot do that as it should be, than the dogs shall gnaw at you in the hellish home and your soul shall sink into the hellish home.” Dann folgt eine rätselhafte Magieformel, die auch auf älteren Runensteinen gefunden worden ist: “Ristil, aistil, pistil, kistil, mistil, vistil.” (Grambo S. 93 f.).

Literatur

O. Cockayne, Leechdoms, Wort-Cunning, and Star-Craft of Early England. London, 1864/66.

Stephen E. Flowers, Runes and Magic. New York: Peter Lang, 1986.

Ronald Grambo, Norske trollformler og magiske ritualer. Oslo: Universitetsforlaget, 2nd. ed. 1984.

Irmgard Hampp, Beschwörung, Segen, Gebet. Stuttgart,1961.

J. van Haver, Nederlandes Incantatieliteratuur. Gent, 1964.

Ricardus Heim, Incantamenta magica Graeca Latina. Lipsiae [Leipzig] : B.G. Teubner, 1892.

Verena Holzmann, « Ich beswer dich wurm vnd wyrmin… » Formen und Typen altdeutscher Zaubersprüche und Segen. Bern: Peter Lang, 2001.    

Claude Lecouteux, Charmes, conjurations et bénédictions. Paris : Honoré Champion 1996.

F. Ohrt, Trylleord. Copenhague, 1922.

Monika Schulz, Beschwörungen im Mittelalter. Heidelberg: C. Winter, 2002.

G. Storms, Anglo-Saxon Magic. Den Haag, 1948.

Empfohlene Zitierweise

Dinzelbacher, Peter: Zaubersprüche. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jdzvj/

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Erstellt: 28.07.2011

Zuletzt geändert: 28.07.2011

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