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Wunder

Peter Dinzelbacher

(Übersetzung von Johannes Peisker)

07. Januar 2011

Ein Vorgang gilt als Wunder (griechisch thauma), wenn sein Zustandekommen nicht erklärbar scheint; ein Wunder ist etwas „Erstaunliches" und „Außergewöhnliches".

Zwei Kriterien sind notwendig, um ein Ereignis als übernatürlich zu definieren: Es muss im Gegensatz zu dem stehen, was der Beobachter aus seiner Erfahrung als gewöhnlich ansieht, besonders natürliche Abläufe der Dinge, und es muss mit einer numinosen Macht in Verbindung gebracht werden. Folglich hängt das, was als wundertätig erachtete wird, von der Bildung des Beobachters und dem Weltbild der Gesellschaft ab, in der er lebt. Die Geschichten aller höheren Religionen sind reich an Aufzeichnungen von Wundern, deren hauptsächliche Wirkung beschrieben werden kann als Macht über die belebte und unbelebte Natur, Heilung oder Wiederbelebung von Menschen oder Tieren, Bestrafungen von Ungläubigen und Übeltätern, Veränderung der psychischen Lage, Kontakte mit dem Übernatürlichen via Visionen, Erscheinungen, Auditionen und Träumen.

Für Christen ist Wunderglauben selbstverständlich durch die vielen im Alten und Neuen Testament festgehaltenen Phänomene garantiert. Die meisten von den Heiligen – oder, theologisch korrekter: von Gott durch die Fürbitte der Heiligen - vollbrachten Wunder sind Nachahmungen der Taten des Gründers dieser Religion. Wenn allerdings in einer dualistischen Religion wie dem Christentum ein übernatürliches Phänomen erscheint, stellt sich die Frage, welche numinose Macht es verursacht hat. War das entsprechende Phänomen ein Werk Gottes oder eines des Teufels? Für die Entscheidung ist der positive oder negative Effekt des Geschehens ein unzureichendes Mittel, da Gott Menschen, die er zurechtweisen will, ebenfalls Schmerzen zufügt und der Teufel Menschen hilft, um sie zu verleiten. Deshalb weisen viele Heiligenwunder und Hexenverbrechen für sich betrachtet, genau dieselbe Struktur auf. Als beispielsweise die Heilige Birgitta von Schweden (†1373) erfuhr, dass ein angesehener Gläubiger ihren Offenbarungen keinen Glauben schenkte, betete sie zu Christus, der ihr versprach, den Mann zu züchtigen. Er wurde bald depressiv und starb an der Gicht. Nun war das Verursachen der Gicht durch Hexerei einer der typischen Vorwürfe in Hexenprozessen. War doch noch Maria Renata Singer als eine der letzen Hexen in Deutschland 1749 deswegen hingerichtet wurden. Mehrere vergleichbare Ereignisse könnten zitiert werden, welche auf sehr ähnliche Weise sowohl von heiligen wie auch von unheiligen Frauen begangen wurden: Wetterbeeinflussung, Nahrungsvermehrung, Kontakt mit Toten. Die Ambivalenz zwischen göttlicher und teuflischer Hilfe wird vielleicht besonders deutlich, wenn man kurz das Verfahren gegen die Waldenser in Freiburg (Schweiz) von 1430 bedenkt. Dort wird eine Frau erwähnt, die Gott so gut diente, dass er, immer wenn sie ihn um Rache für ein Vergehen an ihr bat, diese sofort verübte. War das das Gebet einer Heiligen oder einer Hexe? War das folgende Wunder Gottes Werk oder das des Teufels, den die Frau als Gott verehrte?

Das gleiche Problem ergab sich, wenn ein Mann - oder häufiger eine Frau behauptete - ein innerliches Wunder als Illuminationen des Heiligen Geistes oder übernatürliche Visionen und Erscheinungen erfahren zu haben. Waren diese echte Manifestationen von Gott oder vom Bösen verursachte Illusionen? Diese problematische Analogie war einer der Gründe, warum im späteren Mittelalter die Geisterunterscheidung mehr und mehr ausgearbeitet werden musste. Sie blieb allerdings ein unsicheres Instrument: 1391 stand Dorothea von Montau gemäß des Urteils der fachkundigen kirchlichen Gerichtsbarkeit am Rande der Verbrennung als Hexe, da damals viele Priester nicht glaubten, dass ihre Wunderstimmen und Visionen von Gott kamen; heute wird sie in der gesamten katholischen Kirche als Schutzheilige von Preußen verehrt.

Sobald diese Erscheinungsformen nicht mehr innerhalb eines religiösen Schemas interpretiert, sondern als natürliche oder psychische Phänomene, oder auch als Schwindel, verstanden werden, die bona oder mala fide fehlinterpretiert worden sind, wird die Frage nach dem Wunder obsolet. Diese Kritik begann mit der Reformation, als Wunder bald lediglich dem Gründer des Christentums vorbehalten waren und wurde durch die Arbeit der Aufklärung fortgesetzt, bis schließlich die modernen Wissenschaften, Psychologie und Parapsychologie eine plausible Erklärung für das Unglaubliche lieferten. Heute bildet Wunderglauben einen Bereich des Katholizismus, der noch als Dogma besteht und für die Heiligsprechung notwendig ist, von den meisten Theologen und Pastoren aber umgangen wird. Die Zahl der offiziell anerkannten Wunder ist derzeit klein und üblicherweise verbunden mit besonderen Pilgerstätten wie Lourdes, wo eine Gruppe von speziell für diesen Zweck deputierten Theologen und Chirurgen die Tätigkeiten des übernatürlichen sehr kritisch kontrolliert.

Literatur

R.M. Burns, The Great Debate on Miracles, Lewisburg, 1981.

Peter Dinzelbacher, Heilige oder Hexen? Schicksale auffälliger Frauen (4th. Ed.), Düsseldorf, 2001.

Gustav Mensching, Das Wunder im Glauben und Aberglauben der Völker, Leiden, 1957.

Redmond Mullin, Miracles and Magic, London, 1979.

Richard Swinburne, The Concept of Miracle, London, 1970.

Wunder, in: Lexikon für Theologie und Kirche 10, Freiburg 2001, S. 1311-1319.

Empfohlene Zitierweise

Dinzelbacher, Peter: Wunder. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jdzvk/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 28.07.2011

Zuletzt geändert: 28.07.2011

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