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Hexenverfolgung in den Jahren 1578-1690 - Grafschaft Wertheim

Robert Meier

13.03.2003

Territorium

Die Grafschaft Wertheim lag zwischen den Hochstiften Mainz und Würzburg am Untermain. Die Grafen hatten früh im 16. Jahrhundert die Reformation eingeführt und waren mit Graf Michael III. 1556 ausgestorben. Sie wurden durch den Grafen von Löwenstein beerbt. Nach dem Tod des Grafen Ludwig III. von Löwenstein-Wertheim regierten seine vier Söhne die Grafschaft gemeinschaftlich. Um 1600 wurden die Ämter Laudenbach, Remlingen, Freudenberg und Schweinberg, die Würzburger Lehen waren, von Würzburg eingezogen und gingen für die Grafschaft verloren. Die Grafschaft Wertheim umfasste jetzt noch etwa 300 qkm und hatte um 1800 etwa 13.000 Einwohner. Bereits im 17. Jahrhundert entstanden die beiden Löwenstein-Wertheimer Linien, die bis 1806 im Kondominat die Grafschaft Wertheim beherrschten. Die Grafen von Löwenstein-Wertheim-Virneburg blieben protestantisch, während die Grafen von Löwenstein-Wertheim-Rochefort mit dem in kaiserlichen Diensten stehenden Grafen Johann Dietrich 1621 zum Katholizismus zurückkehrten. In die von Kondominatsverfassung und konfessioneller Spaltung geprägte Zeit um 1630 fiel die Hauptphase der Wertheimer Hexenverfolgung. 1631-1634 schließlich war die Grafschaft wie ganz Franken schwedisch besetzt und die katholische Linie vertrieben.

Anfänge und Verlauf der Hexenverfolgung

Erste Nachrichten über Hexereivorwürfe in der Grafschaft stammen aus dem Jahr 1578 aus Freudenberg [Langguth 1990].

Ebenfalls dort kam es zu einer ersten Verfolgungswelle in den Jahren 1590 bis 1592 mit insgesamt zwölf nachweisbaren Hinrichtungen [Weiss 1994]. In Freudenberg, das nach 1600 an Würzburg verloren ging, sollen in den folgenden Jahrzehnten etwa 150 Personen hingerichtet worden sein [Mai 1908]. Diese Zahl lässt sich allerdings derzeit nicht aus den Quellen bestätigen. Aus anderen Teilen der Grafschaft gibt es aus diesen Jahren überhaupt keine Nachrichten über Verfolgungen. Nachweisbar ist dann ein "Bund gegen die Hexen" (siehe unten) aus dem Jahr 1602, der in Anlehnung an die Hexenverfolgung im benachbarten kurmainzischen Tauberbischofsheim entstanden war. Es folgen vereinzelte Nachrichten aus den Jahren 1602, 1611 und 1616, wobei es in letzterem Jahr zu einer Verfolgungswelle in der würzburgischen Zent Remlingen kam, zu der auch Orte der Grafschaft gehörten. Weitere Hexereianklagen datieren aus den Jahren 1625 und 1628. Sie scheinen jedoch nicht zu Hinrichtungen geführt zu haben, sondern endeten mit Landesverweisungen und Urfehden. Dies ist angesichts der zahlreichen Verbrennungen in diesen Jahren im benachbarten Hochstift Würzburg bemerkenswert. Während in Würzburg 1628 die Hexenprozesse zum Stillstand kamen, erreichten sie in Wertheim mit der Verfolgungswelle der Jahre 1629-1634 ihren Höhepunkt. Neunzehn Hinrichtungen sind in diesen Jahren nachweisbar. Schwerpunkte bildeten dabei die Stadt Wertheim sowie der Grafschaftsort Unterwittbach im Spessart, hinzu kommen 1629 Anklagen gegen zaubernde Kinder aus Bettingen, von denen allerdings keines hingerichtet wurde [Meier 2002]. Wann diese Verfolgungen begannen, ist unsicher. Vom Ende des Jahres 1628 datieren mehrere Schreiben aus der Bevölkerung sowie von Geistlichen an die Grafen, die zur energischen Verfolgung der Hexen auffordern.

Allerdings gab Graf Ludwig der Kanzlei bereits im Sommer 1628 Anweisungen zur Behandlung der Hexenfrage, aus denen hervorgeht, dass sich schon zu diesem Zeitpunkt Angeklagte in Haft befanden. Die überwiegende Mehrzahl der Anklagen richtete sich gegen Frauen. Unter ihnen befand sich mit Margaretha Semmler auch die vermögende Witwe eines Wertheimer Ratsherrn. Prozesse gegen Prominente scheint es ansonsten in Wertheim nicht gegeben zu haben, sieht man von dem Verfahren gegen den vermögenden Gastwirt Johann Hotz 1642 ab. Bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges kam es immer wieder zu Anklagen und wenigstens 13 Hinrichtungen. Weiss beziffert die Zahl der Opfer von 1627 bis 1648 auf insgesamt 50 Personen. Aus dem Jahr 1649 stammt eine Aufforderung des Grafen Friedrich Ludwig wohl an Schultheißen oder Pfarrer, mit dem Laster der Zauberei behaftete Personen zu Reue und Umkehr zu bewegen. Die letzte bekannte Anklage wegen des Delikts stammt aus dem Jahr 1690.

Probleme und Forschungsstand

Auffallend ist zunächst die Asynchronität der Verfolgungsphasen in Wertheim und den benachbarten Hochstiften Würzburg und Mainz. So fanden die dortigen Verfolgungswellen von 1602 und 1616 in Wertheim anscheinend keine Nachahmung. Ein Erklärungsansatz liegt in der besonderen Situation des Kondominats nach 1611: das Vorhandensein mehrerer gleichberechtigter Herrscher, die sich auf ein gemeinsames Vorgehen verständigen mussten, könnte verfolgungshemmend gewirkt haben. Dies lässt sich für die Verfolgungsphase nach 1629 belegen [Meier 2002]. Die Verfolgungen dieser Jahre wurden ausgelöst durch mehrere Eingaben von Untertanen beziehungsweise Pfarrern, die Reaktionen auf die Verfolgungen in Nachbarterritorien waren. Während die protestantischen Grafen und ihre Räte sich dem Druck beugten, verlangte Graf Johann Dietrich, man solle die Denunzianten vorladen und ihnen eröffnen, dass sie selbst zur Verantwortung gezogen würden, wenn sich ihre Vorwürfe als unhaltbare Bezichtigungen erweisen sollten. Allerdings haben sich die Zentralbehörden bereits vor 1611, also vor der Aufteilung der Herrschaft auf mehrere Linien, zurückhaltend verhalten. Dies zeigt sich deutlich beim Vorgehen der Kanzlei gegen Dorfgemeinschaften (vor allem Urphar und Lindelbach) im Jahr 1602, die sich unter dem Eindruck von Verbrennungen in Tauberbischofsheim zu einem "Bund gegen die Hexerei" vereint hatten und weitere Dörfer zum Beitritt zu bewegen suchten (StAWt-G AN 102 Karton 49 Amtsprotokoll). Man drohte der Obrigkeit mit Steuerverweigerung, wenn sie nicht gegen die Hexen vorgehe. Die Kanzlei bezeichnete dieses Vorgehen als "Aufruhr" und "Zusammenrottung" und untersuchte die Vorgänge eingehend. Obwohl dabei schließlich zwei Frauen wegen Schadenszaubers gegen Vieh denunziert wurden, scheint es nicht zu Anklagen wegen Hexerei gekommen zu sein. Vielmehr stand am Ende der Untersuchungen die Bestrafung der Schultheißen, die den Bund der Kanzlei nicht gemeldet hatten.

Die Wertheimer Hexenverfolgung lässt sich auch für die späteren Jahre gut als Folge eines Interaktionsprozesses von "oben" und "unten", von Obrigkeit und Bevölkerung, verstehen, wobei der Verfolgungsdruck eher von "unten" kam, während die Obrigkeit zögerte.

Dies berührt das Problem der Machtkompetenzen einzelner Gerichte. Zuständig für Malefizvergehen waren zunächst die Zenten, eine aus dem Mittelalter stammende Hochgerichtsspezialität des Main-Tauber-Neckar-Raumes, bei der eingesetzte Zentgrafen einem deutschrechtlich fungierenden Schöffenkolleg vorsaßen. Hexenprozesse vor Zentgerichten gab es in den Zenten Michelrieth und Remlingen. Bei den Prozessen in Freudenberg ist dagegen von einem Zentgraf nicht die Rede, obwohl Freudenberg einen eigenen Zentbezirk bildete. 1590 setzten Graf Ludwig und seine Mitherren eigens ein "Malefiz- und Halsgericht" unter ihrem dortigen Amtmann ein. In Wertheim selbst war die mit Juristen besetzte Kanzlei Gerichtsstand. 1629 waren dies vier Juristen, weil jeder der regierenden Grafen ein Mitglied der Kanzlei berufen konnte. Bisweilen nahmen die Grafen auch persönlich an den Kanzleisitzungen teil. Der Zentgraf dagegen führte in der Stadt Wertheim lediglich im Auftrag der Kanzlei Verhöre durch. Die Verfahren selbst wurden gemäß der Carolina abgewickelt. Anfang 1629 beschloss man in der Kanzlei, eine förmliche Deputation für die Hexenprozesse zu bilden. Diese war personell allerdings mit der Kanzlei identisch - ein typisches Strukturmerkmal einer kleinen Verwaltung dieser Zeit. Interessant ist die Frage, ob die Kanzlei die Hexenprozesse genutzt hat, um die ältere Zent als Gerichtsstand zu verdrängen und damit zu einer (römisch-rechtlichen) Modernisierung der Justiz zu nutzen.

Eine Beeinflussung der Hexenverfolgung durch die konfessionelle Spaltung der Grafschaft nach der Konversion des Grafen Johann Dietrich ist nicht auszumachen. In den Jahren 1629/30 war Johann Dietrich eher ein bremsendes Element bei der Verfolgung. Umgekehrt ist schwer einzuschätzen, ob wegen des konfessionellen Gegensatzes zu den benachbarten Hochstiften deren Verfolgungen in den Jahrzehnten zuvor nicht übernommen wurden. Die Frage ist, bei aller Vorsicht, wohl eher zu verneinen. Die Vorgänge in der Grafschaft Wertheim scheinen ein Beleg für die These zu sein, dass konfessionelle Motive bei der Ausprägung der Hexenverfolgung in den einzelnen Territorien keine bedeutende Rolle spielten. Die Jahre der schwedischen Besetzung Frankens und auch Wertheims 1630-1634, als der katholische Graf und seine Beamten vertrieben waren, hatten auf die Hexenverfolgung ebenfalls wenig Einfluss: sie ging weiter.

Quellenlage

Die Wertheimer Hexenprozesse sind seit dem Buch des Frankfurter Jesuiten Johann Diefenbach von 1886 in der Literatur bekannt [Diefenbach 1886]. In diesem Buch beschäftigte sich Diefenbach auch mit den zaubernden Kindern aus Bettingen und edierte verschiedene Aktenstücke aus Wertheim. Sie sind erst unlängst im Staatsarchiv Wertheim (StAWt) wieder aufgefunden worden und zeigen, dass Diefenbach bei seinen Abdrucken kleinere Manipulationen vorgenommen hat. Im Staatsarchiv Wertheim befindet sich der Hauptteil der Quellen zur Hexenverfolgung in der Grafschaft. Dabei wurden die Unterlagen in den Archiven der beiden Linien vermutlich im 19. Jahrhundert überwiegend kassiert (zum Beispiel Löwenstein-Wertheim-Rosenberg'sches Archiv Rep. 16i Criminalia). Die meisten Quellen haben sich daher im Gemeinschaftlichen Archiv, der bis in die 1630er Jahre gemeinschaftlich gebrauchten Registratur, erhalten. Zu nennen ist insbesondere der Bestand StAWt-G Rep. 102 Aktennachträge (Kartons 55, 56, 171, 388 und 389). Im selben Bestand liegen Kanzleiprotokolle mit Hexenbetreffen (Kartons 49, 51, 60). Unterlagen zu den Prozessen in Freudenberg befinden sich im Bestand 57 (Freudenberg Nr. 19) und 57 N (Klagsachen Nr. 99). Ergänzt wird die Überlieferung durch Rechnungsbestände (R 31 Zentrechnung Michelrieth, Rechnungen zu Verfolgungen in Freudenberg) und Korrespondenzen der Räte (etwa StAWt-R Rep. 102 Nr. 1016). Weiterhin befinden sich Hexenmaterien in den Unterlagen des Zentgerichts Remlingen (StAWt-G Rep. 58). Für weitere Hinweise zu den Wertheimer Hexenquellen vergleiche die Internetpräsentation: http://www.landesarchiv-bw.de/

Im Vergleich zu anderen Territorien kann man die Quellenlage insbesondere für die Jahre nach 1629 als gut bezeichnen. Eine vollständige Übersicht lässt sich allerdings derzeit wegen des Erschließungszustands des Gemeinschaftlichen Archivs nicht gewinnen. Für den relevanten Bestand StAWt-G Rep. 102 existieren noch keine brauchbaren Findmittel. Zudem ist damit zu rechnen, dass sich hier weitere bislang unbekannte Quellen befinden. Ebenso sind Amtsbücher und Protokolle noch nicht systematisch ausgewertet. Bis auf weiteres sind daher keine exakten Zahlenangaben zur Hexenverfolgung in der Grafschaft möglich.

Literatur

Johann Diefenbach, Der Hexenwahn vor und nach der Glaubensspaltung in Deutschland, Mainz 1886.

Erich Langguth, Johann Leykauff (II.), lutherischer Pfarrer zu Freudenberg (1559-1603), und sein Nachfolger Philipp Henrici (1604-1612), in: Wertheimer Jahrbuch 1990, 41-82.

Eugen Mai, Geschichte der Stadt Freudenberg am Main, Freudenberg 1908.

Robert Meier, Hexenverfolgung im Kondominat. Die Grafschaft Wertheim um 1630, in: Mainfränkisches Jahrbuch 54, 2002, 70-82.

Peter Müller, Von Teufelsbuhlschaften, wilden Luftfahrten und allerlei Schadenszauber oder was Wertheimer Hexenakten berichten, in: Frauengeschichte(n). Vorträge im Rahmen der Bronnbacher Gespräche 2001, Stuttgart 2002, S. 9-34.

Elmar Weiss, Grafschaft Wertheim, in: Hexen und Hexenverfolgung im deutschen Südwesten. Aufsatzband zur Ausstellung des Landesmuseums Karlsruhe, hrsg. von Sönke Lorenz, Stuttgart 1994, 282-292.

Link

Staatsarchiv Wertheim

 

Bei der Mehrzahl der neu entdeckten Schriftstücke handelt es sich um Verhörprotokolle und Urgichten (Geständnisse) zu Prozessen der Jahre 1629-1633. Darunter findet sich auch neues Material zum Prozess gegen die Zauberkinder aus Bettingen, mit dem die Verfolgungswelle von 1629 ihren Anfang nahm. Eine umfangreiche Akte betrifft die 1629 verbrannte Witwe eines vermögenden Wertheimer Ratsherrn, Margaretha Semmler. Unter den Funden sind auch detaillierte Abrechnungen zu würzburgischen Hexenprozessen des Jahres 1629 in Freudenberg. Besonders interessante Einzelstücke sind ein im Gefängnis hinterlassener Brief des Jeremias Ötzel, dem 1629 die Flucht gelang (siehe unter "Berichtsserien"), und das Notizbüchlein eines an der Hexenverfolgung Beteiligten, der hier penibel die Hinrichtungsdaten eintrug.

 

Empfohlene Zitierweise

Meier, Robert: Wertheim - Hexenverfolgungen. Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jdzqp/

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Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 05.05.2006

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