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Visionen

Peter Dinzelbacher

(Übersetzung von Johannes Peisker)

07. Januar 2011

Eine Vision kann als eine außernormale, psychosomatische Erfahrung definiert werden, nämlich als Gefühl, körperlich und geistig in einen anderen Raum transportiert zu werden, während sich der Körper in Katalepsie, Trance, Ekstase oder Tiefschlaf befindet.

Im Regelfall sind diese Orte Teile des religiösen Imaginären (Himmel, Hölle, Fegefeuer, symbolische Räume). Im Gegensatz dazu ist eine Erscheinung das plötzliche Auftauchen einer, für gewöhnlich nicht am selben Ort wie der Körper des Sehers befindlichen, Person, eines Tieres oder Gegenstandes. Hier wechselt nicht der Alltagsraum, sondern sein Inhalt (Erscheinungen von Jesus, Maria, des Lamms, Heiliger, etc.). Der Seher bleibt dabei üblicherweise bei Bewusstsein und behält die Kontrolle über seine Körperfunktionen. Beide Phänomene würden heute während veränderten Geisteszuständen erfahrene, psychische Halluzinationen, Illusionen oder Fantasien genannt werden.

Visionen bildeten einen typischen Teil des Leitbildes mystischer Heiligkeit, das besonders die weibliche Spiritualität des spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Katholizismus beherrschte. Alle bekannten Heiligen dieser Epoche, wie Elisabeth von Ungarn, Birgitta von Schweden, Katharina von Siena, Teresa von Ávila, etc. waren von ekstatischen Offenbarungen geleitet. Auch Betrügerinnen wie Sybille von Marsal im 13. Jahrhundert und Anna Laminit im 15. Jahrhundert behaupteten, regelmäßig Visionen zu haben, da sie sonst kaum als die heiligen Frauen erkannt worden wären, die sie zu sein vorgaben. Eine enorme Gattung religiöser Schriften (die Visionsliteratur) entwickelte sich ab dem Frühmittelalter und beinhaltete sowohl Jenseitsvisionen wie die berühmte Visio Tnugdali (1148/49) oder Franziska von Roms (†1440) ekstatische Reisen durch Hölle und Fegefeuer, als auch mystische Visionen wie die Offenbarungen Heinrich Seuses (†1366) oder Juliana von Norwichs (1373). Noch bis ins 18. und 19. Jahrhundert hinein entstand ein umfangreicher Korpus mystischer Visionen (Emanuel Swedenborg, Anna Katharina Emmerick). Auch die bildenden Künste wurden oft von Visionstexten beeinflusst, auf denen einige ikonographische Innovationen beruhten, vor allem die Szene der Geburt Christi nach einer Offenbarung der Heiligen Birgitta. Die detaillierten Höllenzeichnungen von Marmion, Bosch, Bruegel und anderen nahmen viele Komponenten ihrer Inspiration aus der Visionsliteratur.

Es ist unbestreitbar, dass die Aufzeichnungen von Begegnungen der Hexen mit dem Dämon und die Fahrt zum Sabbat in Wirklichkeit – zumindest im Ansatz – die Ergebnisse von Visionen, Trance und Träumen waren. Die Autoren des Malleus und viele andere Dämonologen zeigten sich überzeugt, dass die Details des Sabbattreffens „imaginaria visione“ erfahren werden könnten, obwohl viele Autoritäten echte Flüge mit einem Hexenbesen für möglich hielten. Es gibt allerdings einen ausgeprägten Unterschied zwischen den Erfahrungen der Heiligen und denen der Hexen: Erstere versuchten diesen Phänomenen zugänglichen psychischen Zustand durch asketische Techniken wie Selbstgeißelung, Schlaflosigkeit, Fasten, Meditation, jedoch nie durch Drogenkonsum zu erreichen. Hexen dagegen versuchten eine ähnlich psychische Disposition durch Schlucken hypnagoger Substanzen oder Salbung des Körpers mit Halluzinogenen zu erzielen. Für die Zeitgenossen tauchte das gleiche Problem wie bei den Wundern auf: Wer verursachte die Visionen, die eine Frau vorgab zu sehen? Wenn der Visionsinhalt unmissverständlich diabolisch war, das Antiparadies des Hexensabbats malend, leuchteten die Dinge ein. Aber wie sollten die unzähligen Offenbarungen, in denen Gott oder ein Heiliger erschien, um diese oder jene Handlung anzuordnen oder Urteile zu sprechen, gedeutet werden? Der Fall von Johanna von Orléans, die als Hexe hingerichtet wurde, ist nur der bekannteste von vielen ähnlichen Auseinandersetzungen: Ihre Verteidiger hielten ihre Engel- und Heiligenerscheinungen für authentisch und ihre Militärmission als die Erfüllung von Gottes ausdrücklichem Befehl, während ihre Feinde diese als teuflische, von niederträchtigen politischen und persönlichen Interessen geleiteten Fantasien denunzierten. Die vielschichtige theologische Literatur bezüglich dieser Geisterunterscheidung zeigt, wie schwierig es war, herauszufinden, ob Gott oder sein Widersacher solche Imaginationen generierte.

Literatur

Ernst Benz, 1969, Die Vision, Stuttgart 1969.

Peter Dinzelbacher, Revelationes, Typologie des sources, Turnhout 1991.

Peter Dinzelbacher, Nova visionaria et eschatologica, in: Mediaevistik 6, 1993, S. 45-84.

Peter Dinzelbacher, Vision Literature, in: Medieval Latin, ed. F. Mantello / A. Rigg. Washington, D.C, S. 668-693.

Peter Dinzelbacher, Heilige oder Hexen? Schicksale auffälliger Frauen, (4th. Ed.),Düsseldorf 2001.

Peter Dinzelbacher, Himmel, Hölle, Heilige. Visionen und Kunst im Mittelalter, Darmstadt 2002.

Vision, in: Lexikon des Mittelalters 8, München 1997, S. 1730-1748.

Empfohlene Zitierweise

Dinzelbacher, Peter: Visionen. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jdzuu/

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Erstellt: 28.07.2011

Zuletzt geändert: 28.07.2011

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