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Tränen

Peter Dinzelbacher

(Übersetzung von Johannes Peisker)

06. Januar 2011

Tränen und die Fähigkeit, zu weinen, wurden in Inquisitionsverfahren häufig als Entscheidungsindiz herangezogen, ob es sich um eine Hexe handelte oder nicht, da während der Folter Hexen angeblich nicht weinten.

Heute wissen wir, dass das Vergießen von Tränen unter besonders stressigen physiologischen und psychischen Bedingungen blockiert sein kann. Ab dem 15. Jahrhundert allerdings zeigten sich die meisten Hexenjäger davon überzeugt, dass eine Frau, die während des Verhörs und der Folter nicht weinte, sehr wahrscheinlich eine Anhängerin des Teufels sein müsse, der diesen natürlichen Ausdruck verhindere. Der Malleus verlangt von den Inquisitoren explizit zu beobachten, ob in dieser Situation eine verdächtigte Person in der Lage wäre zu weinen, da eine Hexe dazu selbst unter Zwang und größtem Druck nicht fähig sei. Der Richter sollte sie bei Jesus Tränen der Liebe und Marias Tränen des Feuers und allen, von den Heiligen vergossenen Tränen beschwören - sie muss weinen, wenn sie unschuldig ist. Ob sie es unter anderen Umständen konnte, sollte nicht als von Wichtigkeit erachtet werden (Malleus 3, 15, 11). Der Einfluss dieses Handbuchs und die Rezeption seiner Lehren in späteren Abhandlungen (wie der von Prierias) garantierten die weitverbreitete Beobachtung dieses Zeichens während der späteren Hexenprozesse, obwohl die römische Inquisition dieses Anzeichen nicht anerkannte. Es gab verschiedene Varianten dieses Glaubens: Jean Bodin erzählt uns beispielsweise, dass nur aus dem rechten Auge einer Hexe drei Tränen fielen. Um diese Einschätzung eines physiologischen Vorgangs zu verstehen, muss beachtet werden, dass gemäß den Evangelien Christus nie lachte, aber mehrmals weinte. Die direkte biblische Basis ist sein Logion in Lukas 6, 21: „Selig seid ihr, die ihr jetzt weint; denn ihr werdet lachen.“ Selbstverständlich wurde dies in einem eschatologischen Rahmen interpretiert: In dieser Welt, dem „Tal der Tränen“, zu weinen, würde in der anderen Welt belohnt werden. Deshalb enthielt die alte Missale Romanum eine Formel, für Tränen zu beten, und alle spirituellen Enthusiasten flehten um die „Gabe der Tränen“ („donum lacrimarum“, wie der theologische terminus technicus lautet). Diese Fähigkeit ist tatsächlich ein Gemeinplatz in der katholischen Heiligengeschichte, die schon mit den Wüstenvätern begann. Im späteren Mittelalter ist das Weinen bei Frauen häufiger berichtet als über Männer, da es für sie nicht nur eine Möglichkeit der Nachahmung des Gründers der Christenheit war, sondern auch eine Imitatio Mariae und eine Imitatio Mariae Madalenae, die beide unter dem Kreuz geweint hatten. Die in dieser Hinsicht bekannteste Person war die Mystikerin Margery Kempe, deren Weinkrämpfe - kombiniert mit ihrer „well of terys“ (Tränenquelle)- sie im 15. Jahrhundert berühmt und berüchtigt machten. Manche hielten sie für eine lebende Heilige, andere für eine Heuchlerin oder noch schlimmer. Besonders ihre weinende Hingebung machte sie des Lollardentums verdächtig und mehr als einmal war sie in Gefahr, als Häretikerin verbrannt zu werden. Andere Beispiel sind Elisabeth von Ungarn, Richard Rolle und John of Bridlington (†1379), einer von Kempes Beichtvätern, die aufgrund dieser Gabe ebenfalls wohlbekannt waren. Besonders Bridlington wurde bei seiner Heiligsprechung deswegen gepriesen. Deshalb konnte die Fähigkeit, Tränen zu vergießen, die als Zeichen der Heiligkeit und bei der Buße als unentbehrlich galt als ein Mittel benutzt werden, die Geister zu unterscheiden, und als Test eingesetzt werden, eine Hexe zu entdecken.

Literatur

Pierre Adnés, Larmes. In: Dictionnaire de la Spiritualité ascétique et mystique 9. Paris 1975, S. 287 - 303.

J.-U. Görlich, Zum Indiz der Tränenlosigkeit im Hexenprozeß, in: Jahrbuch 1986 für den Landkreis Holzminden, 1986, S.18 - 28.

Hartmut v. Henting, Über das Indiz der Tränenlosigkeit im Hexenprozeß, in: Schweizerische Zeitschrift für Strafrecht 48, 1934, S. 368 - 381.

Gudrun Schleusener-Eichholz, Das Auge im Mittelalter, München 1985, S. 723 ff.

Empfohlene Zitierweise

Dinzelbacher, Peter: Tränen. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jdzun/

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Erstellt: 28.07.2011

Zuletzt geändert: 28.07.2011

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