P-Z

Torrenté, Ulrich von

Kathrin Utz Tremp

19. Juni 2008

Inquisitor der Westschweizer Diözesen Lausanne, Genf und Sitten, 1423-1442

Die dominikanische Inquisition in den Diözesen Lausanne, Genf und Sitten mit Sitz im Lausanner Dominikanerkonvent bestand seit der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts zunächst auf dem Papier, seit der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts wurde sie operativ tätig, zunächst gegen angeblich freigeistige Beginen in Freiburg, die 1375 von François von Moudon, Mitglied des Dominikanerkonvents von Lausanne und erster Inquisitor in der Westschweiz, verfolgt wurden. Ende 1399 fand ebenfalls in Freiburg ein erster Waldenserprozess statt, der vom Lausanner Dominikaner Humbert Franconis geleitet wurde und mit einem Freispruch endete. 1430 wurde den Freiburger Waldenseranhängern wiederum ein Prozess gemacht, der diesmal mit mehreren Verurteilungen endete und letztlich das Ende der waldensischen Bewegung in Freiburg bedeutete.

Diesen zweiten Freiburger Waldenserprozess leitete der Dominikaner Ulrich von Torrenté, der das Amt des Inquisitors seit 1423 ausübte, nachdem er zuvor 1419 als Prior des Lausanner Dominikanerkonvents erwähnt wurde. In den Jahren 1423/1424 ging er gegen einen Augustinermönch namens Nicolas Serrurier vor, der aus Tournai stammte und 1416 auf dem Konzil von Konstanz wegen häretischer Ansichten und Predigten bereits verurteilt worden war. In diesem Zusammenhang wurde Ulrich von Torrenté, der bisher wahrscheinlich nur vom Vorsteher der französischen Dominikanerprovinz in das Amt des Inquisitors eingesetzt worden war, am 18. März 1424 von Papst Martin V. (1417-1431) bestätigt, wohl weil der damalige Bischof von Lausanne, Wilhelm von Challant (1406-1431), die Verfolgung des Augustiners nur halbherzig unterstützte.

Im Jahr 1428 schritt Ulrich von Torrenté im savoyischen Unterwallis (Diözese Sitten) erstmals gegen Hexer und Hexen ein. Diese Verfolgung ist als Teil einer weit umfassenderen Verfolgung zu werten, die in den Jahren 1428-1436 im bischöflichen Wallis (ebenfalls Diözese Sitten) tobte. Hier war der Inquisitor aus dem Lausanner Dominikanerkonvent indessen nicht erwünscht, obwohl das Wallis durchaus zu seinem Inquisitionsbereich gehörte, denn die Verfolgungen wurden von Laiengerichten geführt. Dagegen rief man Ulrich von Torrenté 1429 erstmals nach Freiburg, um gegen Hexer und Hexen im Umland der Stadt vorzugehen, eine Verfolgung, die unter Umständen von der gleichzeitigen Hexenjagd im Wallis inspiriert gewesen sein könnte. Dabei wurde der Inquisitor von einem Vertreter des Bischofs von Lausanne begleitet, und ebenso im folgenden Jahr, als er in Freiburg einen grossen und letztlich entscheidenden Prozess gegen die dortigen Waldenseranhänger zu führen hatte. Die Inquisition in den westschweizerischen Diözesen Lausanne, Genf und Sitten blieb während des ganzen 15. Jahrhunderts vom Willen der jeweiligen Bischöfe, vor allem aber des Bischofs von Lausanne abhängig.

Unmittelbar nach dem Waldenserprozess in Freiburg wurde Ulrich von Torrenté im Sommer 1430 von seinen Mitbrüdern nach Genf gerufen, wo damals der benediktinische Wanderprediger Baptista von Mantua predigte. Obwohl der Inquisitor dem Ruf sofort folgte, wahrscheinlich nicht zuletzt, weil die Inquisition in Genf damals noch zwischen Dominikanern und Franziskanern umstritten war, fand er jedoch weder die Unterstützung des Bischofs von Genf, François von Metz (1426-1444), noch diejenige des Herzogs von Savoyen, Amadeus VIII. (1391-1451), der damals ebenfalls in Genf weilte, das er zur Hauptstadt des Herzogtums Savoyen machen wollte.

In den nächsten Jahren verlieren sich sowohl die Spuren des Wanderpredigers Baptista von Mantua als auch des Inquisitors Ulrich von Torrenté. Dieser ist zwar 1432 noch einmal in Freiburg nachweisbar, wo er die 1430 zu lebenslänglicher Haft verurteilten Frauen begnadigte, doch dann wird er bis 1438 nicht mehr erwähnt, eine Zeitspanne die er möglicherweise zum Besuch einer Universität benutzt hat, denn später führte er die Titel eines Magisters und Professors. Dagegen scheint er nicht am Konzil von Basel (1431-1449) teilgenommen zu haben.

Im Sommer 1438 führte Ulrich von Torrente in der Herrschaft Dommartin (nordöstlich von Lausanne), Besitz des Domkapitels von Lausanne, einen ersten Hexenprozess, und zwar gegen einen gewissen Pierre de la Prélaz, der vom Inquisitor und einem Vertreter des Kapitels von Lausanne zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt wurde. Damit wurde in der Herrschaft Dommartin eine eigentliche Tradition der Hexenverfolgungen begründet, die am Ende des 15. Jahrhunderts sowie in den 1520er Jahren ihre Fortsetzungen fanden. Nur eine Woche nach der Verurteilung von Pierre de la Prélaz (23. Juli 1438) empfing der Inquisitor im Dominikanerkonvent in Lausanne einen jungen Mann namens Aymonet Maugetaz aus Epesses (oberhalb von Cully, am Genfersee), dessen Vater fünf Jahre zuvor durch ein weltliches Gericht als Hexer zum Tod verurteilt worden war. Ulrich von Torrenté liess ihn zur Abschwörung zu und schickte ihn zur Erlangung der Absolution zum Generalvikar des Bischofs von Lausanne.

Im Sommer 1439 verurteilte der Inquisitor Ulrich von Torrenté in Neuenburg zwei wahrscheinlich politisch unliebsame Männer, Jaquet dou Plain und Enchimandus le Masseler, zum Tod auf dem Scheiterhaufen, den ersteren als Häretiker und den zweiten gar als Häresiarchen, beide „hartnäckig und nicht reumütig“. Damit begann auch in Neuenburg eine Tradition der Hexenverfolgungen, die sich zu Beginn der 1480er Jahre fortsetzte. In den gleichen Jahren 1438-1442 führte auch die Stadt Freiburg erneut Hexenprozesse gegen Leute aus dem Umland der Stadt, doch zog sie dabei den zuständigen Inquisitor aus dem Lausanner Dominikanerkonvent, Ulrich von Torrenté, den sie von den Verfolgungen von 1429 und 1430 sehr wohl kannte, nicht mehr bei, sondern ging auf eigene Faust vor.

Im Jahr 1438 ist Ulrich von Torrenté neben seiner Inquisitorentätigkeit auch als Lektor des Dominikanerkonvents von Lausanne bezeugt, und in den Jahren 1439–1444 amtete er als Prior. Im Winter 1440/1441 stritt er sich in seiner Eigenschaft als Inquisitor mit dem savoyischen Vizekastellan von Vevey/La-Tour-de-Peilz, der eine mutmassliche „Hexe“, Sybille Gonra oder Blandis Loquiis, nicht nach Lausanne ausliefern wollte. Diese wurde schliesslich wahrscheinlich ohne Mithilfe des Inquisitiors 1441 in Vevey zum Tod verurteilt und hingerichtet, was Ende der 1440er Jahre (und wiederum um 1480) zu weiteren Hexenverfolgungen in Vevey und an der waadtländischen Riviera führte.

Im Jahr 1442 trug Ulrich von Torrenté gleichzeitig den Titel eines Generalvikars des Konzilspapstes Felix V. (vormals Herzog Amadeus VIII. von Savoyen), den Titel eines Inquisitors und denjenigen des Vorstehers des Lausanner Dominikanerkonvents. Zwei Jahre zuvor hatte er von Papst Felix V. eine Anwartschaft auf eine Pfründe seiner Wahl bekommen, doch als er 1443 das Spital von Cully in seinen Besitz zu bringen versuchte, leisteten dessen Vorsteher und die Bevölkerung erbitterten Widerstand. Aus diesem Zusammenhang geht hervor, dass Ulrich von Torrenté zwischen dem 19. Dezember 1444 und dem 21. November 1445 gestorben ist.

Ulrich von Torrenté kann als eigentlicher Begründer der Inquisition in den Westschweizer Diözesen Lausanne, Genf und Sitten angesprochen worden, die während seiner Amtszeit von einer eher passiven zu einer aktiven Rolle überging. Er war indessen zugleich der letzte Inquisitor, der in allen drei genannten Diözesen wirkte, denn zur Diözese Sitten hatte die Westschweizer Inquisition nur beschränkten Zugang, und in der Diözese Genf walteten später die Brüder des Dominikanerkonvents von Genf als Inquisitoren oder Vizeinquisitoren. Vor allem aber fällt in die Amtszeit Ulrichs von Torrenté der Übergang von der Verfolgung der Häresie zur derjenigen der Hexerei, wobei die Hexerei auch als Häresie begriffen werden musste, um in den Zuständigkeitsbereich der Inquisition zu fallen. Dieser Übergang erwies sich in der Westschweiz als irreversibel, abgesehen davon, dass in Freiburg 1429 bereits Hexen – Häretiker neuen Stils – und 1430 noch Waldenser – Häretiker alten Stils – verfolgt wurden. Mit seinen Hexenprozessen in Dommartin, Neuenburg und selbst mit seinen nicht zustande gekommenen Prozessen an der waadtländischen Riviera (Aymonet Maugetaz und Sybille Gonra) begründete Ulrich von Torrenté überall Verfolgungstraditionen, die sich in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts (und noch später) fortsetzten. Die Inquisition Ulrich von Torrentés war jedoch alles andere als nur dominikanisch. Der Bischof von Lausanne war daran beteiligt, und konkurrierende weltliche Gerichte führten ebenfalls Hexenprozesse (der Vater von Aymonet Maugetaz, Sybille Gonra), was die Verfolgungen noch angeheizt haben dürfte.

Literatur

Bernard Andenmatten / Kathrin Utz Tremp, De l’hérésie à la sorcellerie: l’inquisiteur Ulric de Torrenté OP (vers 1420-1445) et l’affermissement de l’inquisition en Suisse romande, in: Zeitschrift für Schweizerische Kirchengeschichte 86, 1992, S. 69-119.

Georg Modestin, L’inquisition romande et son personnel, in: Martine Ostorero / Kathrin Utz Tremp (Hg.), Inquisition et sorcellerie en Suisse romande. Le registre Ac 29 des Archives cantonales vaudoises (1438–1528), Lausanne 2007 (Cahiers lausannois d’histoire médiévale 41), S. 315-411.

Georg Modestin, Un inquisiteur pour trois diocèses: le couvent dominicain de Lausanne et la répression de la sorcellerie en Suisse romande au XVe siècle, in: Mémoires de la Société pour l’Histoire du Droit et des Institutions des anciens pays bourguignons, comtois et romands 64, 2007, S. 59-71.

Franco Morenzoni / Isabelle Jeger, Le prédicateur et l’inquisiteur. Les tribulations de Baptiste de Mantoue à Genève en 1430, Lyon 2006 (Collection d’histoire et d’archéologie médiévale 19).

Kathrin Utz Tremp (Hg.), Quellen zur Geschichte der Waldenser von Freiburg im Üchtland, (1399-1439), Hannover 2000 (MGH Quellen zur Geistesgeschichte des Mittelalters 18).

Kathrin Utz Tremp, Art. Torrenté, Ulric de (D. - 1444/1445), in: Richard Golden (Hg.), Enclyclopedia of Witchcraft. The Western Tradition, 4 Bde., Santa Barbara u. a. 2006; Bd. 4, S. 1126–1127.

Empfohlene Zitierweise

Utz Tremp, Kathrin: Torrenté, Ulrich von. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jdzuo/

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Erstellt: 24.06.2008

Zuletzt geändert: 23.07.2008

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