P-Z

Hexenverfolgungen Rottweil (Reichsstadt)

Mario Zeck

13.12.99

Zur Reichsstadt Rottweil gehörte im 17. und 18. Jahrhundert ein Territorium mit einer Größe von 220 km². Zwischen dem ausgehenden 14. Jahrhundert und dem Ende des 16. kamen insgesamt 27 Dörfer zu dem Gebiet der katholischen Stadt.

Insgesamt sind für Rottweil zwischen 1525 und 1701 287 Verfahren wegen Hexerei, Zauberei oder Magie bekannt. Davon waren 234 Frauen und 53 Männer angeklagt. 266 der Angeklagten wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet. Die Prozesse verliefen in Wellen. Die Verfolgungsschwerpunkte fielen in die Zeiträume zwischen 1561-1566, 1571-1577, 1579-1610, 1616-1617, 1624-1626 und in das Jahr 1629.

Zur Ursachenfindung der Rottweiler Hexenprozesse muß auf die politische und vor allem die ökonomische Situation der Reichsstadt zunächst in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts hingewiesen werden. Dabei ist auch für Rottweil die allgemeine Konjunkturphase des 16. Jahrhunderts, gefolgt von einem Bevölkerungswachstum zu konstatieren. Im Zuge und zugleich als Mitursache der gestiegenen Wirtschaftskraft kam es zu einer Intensivierung der Handelsbeziehungen der Reichsstadt weit über die Grenzen hinaus. Ältere Kontakte wurden vorübergehend gefestigt, wobei hier in erster Linie die Eidgenossenschaft als Bündnis- und Handelspartner zu nennen ist. Auf den verschiedensten Gebieten (administrativer, juristischer, kaufmännischer, religiöser und intellektueller Art) stand die Reichsstadt in enger Beziehung und intensivem Austausch mit der Schweiz.

Obwohl die Quellenlage über den Ursprung der Rottweiler Hexenprozesse wenig Auskunft gibt, muß auf die sehr frühe erste Erwähnung eines solchen Prozesses im Jahr 1525 hingewiesen werden. Berücksichtigt man die Tatsache, daß die Schweiz als "Brutstätte" der Hexenverfolgung betrachtet werden kann, und berücksichtigt man darüber hinaus die langjährige intensive Beziehung der Reichsstadt Rottweil zur Eidgenossenschaft auf allen vorgenannten Gebieten, wird die Möglichkeit einer Süd-Nord-Wanderung sehr wahrscheinlich.

Rottweiler Gelehrte wie Reinhard Lutz oder Johann Spreter sorgten in den folgenden Jahrzehnten ihrerseits für eine Verbreitung der Hexenvorstellungen durch die Publikation ihrer Traktate. Die vielen ortsansässigen Juristen - Rottweil war Sitz des Kaiserlichen Hofgerichts - wurden zudem bald in weitem Umkreis als Kapazität in Hexenangelegenheiten bekannt. Ebenso wie an die juristischen Fakultäten der Universitäten Freiburg, Tübingen und Innsbruck wandte man sich nach Rottweil zur Einholung entsprechender Rechtsgutachten. Des weiteren wurde das Kaiserliche Hofgericht als Zivilgericht unter anderem für Ehrverletzungen, wie zum Beispiel Hexereiverleumdungen, angerufen. Berücksichtigt man, daß die Hexenprozesse in ganz starkem Maße auch juristische 'Modeerscheinungen' waren, bietet die Akkumulation von Rechtsgelehrten eine geradezu ideale Grundlage zur Durchführung von Prozessen.

Da der Magistrat mit seiner Abordnung der sogenannten "Herren Fünf", "Herren Sieben" oder "Deputierten zur Malefiz" zuständig für sämtliche Malefizfälle der Stadt und ihres Territoriums war und zwischen Rat und Kaiserlichem Hofgericht teilweise Personalunion herrschte, ist der Einfluß des Hofgerichts auf die Entscheidungen des Rats nicht unerheblich. Das Fehlen einer Appellationsinstanz bedeutete für die Angeklagten von Anfang an eine äußerst ungünstige Rechtslage. Das Fehlen einer Kontrollinstanz erklärt womöglich auch die ungewöhnlich hohe Zahl von Todesurteilen, die in den meisten Fällen auch vollstreckt wurden. Die Urteile erfolgten auf der gesetzlichen Grundlage der Carolina . Das Verfahren selbst wurde unter Anwendung von Folter, vor allem durch das sogenannte "Aufziehen" durchgeführt.

Hinrichtungen mit dem Feuer traten in gehäufter Weise erstmals in den vierziger Jahren des 16. Jahrhunderts auf. Zu einer regelrechten Welle von Hexenprozessen kam es in den sechziger Jahren desselben Jahrhunderts. Dies ging einher mit den gleichzeitigen Krisenjahren in der Ökonomie. Der Lebensstandard begann deutlich zu sinken. Diese Situation wurde noch erschwert in den Jahren nach 1580, in denen es zu Serien von Mißernten kam, in deren Gefolge Hungersnöte und Seuchen die Stadt und ihr Territorium heimsuchten. Um 1600 verschärfte sich die Krise durch das Einsetzen einer schweren Agrardepression, die eine Stagnation der ökonomischen Entwicklung und ein Anwachsen politischer Spannungen in vielen europäischen Ländern bewirkte. Setzt man die Jahre der Agrarkrise, also Zeiten der Mißernten und Hungersnöte, in Relation zu den Hexenprozessen, so ist festzustellen, daß es gerade diese Jahre waren, in denen die Hexenverfolgungen Konjunktur hatten und in denen man durchaus von Wellen der Hexenprozesse sprechen kann.

Im Umfeld von Mißernten und Hungersnöten traten auch immer wieder Seuchen auf. Diese wirkten je nach Dimension unterschiedlich auf den Verlauf der Prozesse. Für die Jahrzehnte bis zur Mitte der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, also bis ungefähr 1629, wirkten die Seuchenzüge verfolgungsintensivierend. Dementsprechend wird in den Urgichten auch stets Wetterzauber und das Bewirken des "Serbens und Sterbens" von Mensch und Tier gestanden. Da die Geständnisse nach einem festen Fragekatalog abgelegt wurden, kann Bedeutung und Einfluß von Mißernten und Krankheitszügen für den Verlauf der Hexenprozesse als sehr hoch eingeschätzt werden, zumal diese Anklagepunkte in nahezu jedem Geständnis auftauchen. Dementsprechend konnten für die Seuchenjahre überdurchschnittlich viele Hexenprozesse nachgewiesen werden. So fällt auch der absolute Höhepunkt der Rottweiler Hexenprozesse (1629 mit 20 Hinrichtungen) in ein Seuchenjahr.

Der Zusammenhang zwischen Seuche und Verfolgungsintensität ist für Rottweil aber auch in gegenteiliger Hinsicht nachzuweisen. In den Jahren der großen Seuche zwischen 1632 und 1636 fanden nach der Quellenlage nämlich keine Hexenprozesse statt. Dies ist durch einen Bevölkerungsschwund von nahezu zwei Dritteln der Gesamtpopulation zu erklären. Durch die verheerenden Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges und diesen existenzbedrohenden Bevölkerungsrückgang wurde das öffentliche Leben der Stadt vorübergehend lahmgelegt. Der Krieg und der seuchenbedingte Bevölkerungsrückgang dürften daher wesentlich für das Ende der Hexenverfolgung verantwortlich sein. Hinzukommend dürfte nach dem Verfolgungsexzeß von 1629 auch ein Wandel in der Haltung der Rechtsprechung eingetreten sein. Unklar muß bleiben, ob dies eine Folge des obrigkeitlichen respektive juristischen Einsehens war, oder ob eher pragmatische Überlegungen vor allem bevölkerungspolitischer Art im Vordergrund standen. Nach 1629 kam es denn nur noch sporadisch zu Prozessen, wobei die wenigsten mit der Hinrichtung der Delinquenten endeten. Die Landesverweisung und das Eingrenzen in die Wohnung traten immer deutlicher als Sanktion hervor. Bei den Hingerichteten trat auch das Delikt der Hexerei immer mehr in den Hintergrund; säkulare Straftaten dominierten zusehends. Die Hexenprozesse "tröpfelten" in Abständen oft mehrerer Jahre regelrecht aus.

Die Untersuchung von Rolle und Einfluß der Kirche auf den Verlauf der Verfolgung ergab, daß diese in der Reichsstadt und ihrem Territorium kaum involviert war. Angehörige der Kapuziner traten zuweilen auch über die Stadtgrenzen hinaus als Seelsorger und Beichtväter der Verurteilten auf. Die Dominikaner sind im Zusammenhang mit Hexenprozessen gar nicht in den Quellen erwähnt; ebensowenig die Jesuiten, die sich erst 1652 in Rottweil niederliessen. Angehörige der Gesellschaft Jesu waren allerdings als Prediger schon vorher in der Stadt anzutreffen; aufgrund der heterogenen Einstellung der Ordensmitglieder zur Hexenfrage kann aber keine Aussage über deren Position gemacht werden, zumal keine dieser Predigten erhalten ist. Das gleiche gilt für die wenigen Dominikaner, die sich in Rottweil zu dieser Zeit aufhielten.

Anders verhält es sich mit den Pfarrern der Ortspfarreien. Diese wurden über ihre Eigenschaft als Seelsorger und Beichtväter hinaus in den Verlauf der Prozesse integriert. Durch "gütliches Zureden" sollten sie die Malefikanten zum Geständnis bewegen, was im allgemeinen Verständnis der Zeit als Einsatz für das Seelenheil der Delinquenten verstanden wurde. Die Fürbittgebete der Pfarrei Heilig Kreuz und die Predigten des dortigen Pfarrers Johann Uhl bezeugen aber, daß jegliche Art Unglücks (wie Mißernten, Hungersnöte und Seuchen) als Strafe Gottes gegen die sündigen Rottweiler interpretiert wurde. Von der Geistlichkeit wurden jedenfalls keine Bezüge zu Zauberei und Hexenwerk hergestellt. Als treibende Kraft oder als eine an Hexenverfolgungen besonders interessierte Gruppe scheidet für die Stadt Rottweil und ihr Umland die Kirche daher aus.

Der Zusammenhang zwischen Seuche und Verfolgungsintensität ist für Rottweil aber auch in gegenteiliger Hinsicht nachzuweisen. In den Jahren der großen Seuche zwischen 1632 und 1636 fanden nach der Quellenlage nämlich keine Hexenprozesse statt. Dies ist durch einen Bevölkerungsschwund von nahezu zwei Dritteln der Gesamtpopulation zu erklären. Durch die verheerenden Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges und diesen existenzbedrohenden Bevölkerungsrückgang wurde das öffentliche Leben der Stadt vorübergehend lahmgelegt. Der Krieg und der seuchenbedingte Bevölkerungsrückgang dürften daher wesentlich für das Ende der Hexenverfolgung verantwortlich sein. Hinzukommend dürfte nach dem Verfolgungsexzeß von 1629 auch ein Wandel in der Haltung der Rechtsprechung eingetreten sein. Unklar muß bleiben, ob dies eine Folge des obrigkeitlichen respektive juristischen Einsehens war, oder ob eher pragmatische Überlegungen vor allem bevölkerungspolitischer Art im Vordergrund standen. Nach 1629 kam es denn nur noch sporadisch zu Prozessen, wobei die wenigsten mit der Hinrichtung der Delinquenten endeten. Die Landesverweisung und das Eingrenzen in die Wohnung traten immer deutlicher als Sanktion hervor. Bei den Hingerichteten trat auch das Delikt der Hexerei immer mehr in den Hintergrund; säkulare Straftaten dominierten zusehends. Die Hexenprozesse "tröpfelten" in Abständen oft mehrerer Jahre regelrecht aus.

Die Untersuchung von Rolle und Einfluß der Kirche auf den Verlauf der Verfolgung ergab, daß diese in der Reichsstadt und ihrem Territorium kaum involviert war. Angehörige der Kapuziner traten zuweilen auch über die Stadtgrenzen hinaus als Seelsorger und Beichtväter der Verurteilten auf. Die Dominikaner sind im Zusammenhang mit Hexenprozessen gar nicht in den Quellen erwähnt; ebensowenig die Jesuiten, die sich erst 1652 in Rottweil niederliessen. Angehörige der Gesellschaft Jesu waren allerdings als Prediger schon vorher in der Stadt anzutreffen; aufgrund der heterogenen Einstellung der Ordensmitglieder zur Hexenfrage kann aber keine Aussage über deren Position gemacht werden, zumal keine dieser Predigten erhalten ist. Das gleiche gilt für die wenigen Dominikaner, die sich in Rottweil zu dieser Zeit aufhielten.

Anders verhält es sich mit den Pfarrern der Ortspfarreien. Diese wurden über ihre Eigenschaft als Seelsorger und Beichtväter hinaus in den Verlauf der Prozesse integriert. Durch "gütliches Zureden" sollten sie die Malefikanten zum Geständnis bewegen, was im allgemeinen Verständnis der Zeit als Einsatz für das Seelenheil der Delinquenten verstanden wurde. Die Fürbittgebete der Pfarrei Heilig Kreuz und die Predigten des dortigen Pfarrers Johann Uhl bezeugen aber, daß jegliche Art Unglücks (wie Mißernten, Hungersnöte und Seuchen) als Strafe Gottes gegen die sündigen Rottweiler interpretiert wurde. Von der Geistlichkeit wurden jedenfalls keine Bezüge zu Zauberei und Hexenwerk hergestellt. Als treibende Kraft oder als eine an Hexenverfolgungen besonders interessierte Gruppe scheidet für die Stadt Rottweil und ihr Umland die Kirche daher aus.

Nicht auszuschließen ist aber, daß die moralischen Ermahnungen der Geistlichen zu gottgefälligem Lebenswandel von Gemeindemitgliedern und Untertanen uminterpretiert wurden. Vorausgesetzt, daß in jener Zeit das Gros der Bevölkerung fest an die vom Christentum gesetzten ethischen Werte ebenso glaubte wie die äußere Not gemäß christlicher Tradition als Strafe Gottes gedeutet wurde, ist die Überlegung naheliegend, daß man beim Zusammenbruch der Weltordnung und beim Verschlechtern der eigenen Umwelt aus Angst um das Seelenheil aktiv wurde. Daß diese Reaktion sich gegen den Sündenbock 'Hexe' richtete, lag aber wohl kaum in der Intention der Rottweiler Geistlichen. Die Fehlinterpretation der Predigten ist auch nur ein kleines Moment, das sich mit Elementen des Volksglaubens, ökonomisch bedingten Existenzängsten, Ängsten vor sozialem Abstieg und eigenen Schuldkomplexen zu einem verhängnisvollen Netz verdichtete, in dessen Maschen sich viele Opfer verfangen sollten.

Zu Tätern und Opfern ist folgendes festzustellen: Die Analyse der lokalen und sozialen Herkunft der Opfer der Hexenprozesse hat gezeigt, daß einerseits viele davon aus dem Territorium der Reichsstadt stammten, andererseits ein besonders großer Teil der Hingerichteten aus fremden Herrschaftsgebieten kam. Diese hielten sich oft nur vorübergehend in Rottweil auf. Die wenigsten Opfer stammten aus der Reichsstadt selbst (Reichsstadt und Altstadt: 61 Personen; Dörfer des Territoriums: 117 Personen; andere Herrschaftsgebiete: 67 Personen; nicht lokalisierbar: 44 Personen).

Bei den Opfern aus der Stadt und ihrem Territorium handelte es sich in der Regel um Angehörige der unteren bzw. ärmeren bäuerlichen oder städtischen Schicht, deren sozialer Abstieg sie bis an den Rand des Bettelns, ja oft bereits darüber hinaus geführt hat.

Was die Ortsfremden betrifft, so waren dies häufig Nichtseßhafte, Umherziehende, Mittellose, Tagelöhner, Kesselflicker, Landstreicher und Bettler. Diese stellten im Zuge der ständig anwachsenden Bevölkerung des 16. Jahrhunderts für die alteingesessenen, etablierten Mittel- und Oberschichten erst dann ein ernstzunehmendes Problem dar, als im Gefolge der Agrardepression, der Mißernten, Hungersnöte und Seuchen die Ressourcen an Nahrungsmitteln knapp wurden. Bettler belasteten das 'Wohlfahrtssystem' der Stadt enorm. Besonders arme Mitbürger würden es vielleicht demnächst belasten. Nachbarschaftshilfe wurde jedenfalls durch beständiges Borgen bereits in Anspruch genommen.

Die reichsstädtische Regierung beantwortete diesen ständigen Zustrom armer Leute mit regelmäßigen Ausweisungsaktionen. Die Bettelvögte wurden zu schärferer Kontrolle der Stadttore angehalten. Es ist offensichtlich, daß umherziehende, bettelnde Arme auch Seuchen verbreiten konnten. Zudem boten sie keinen ästhetischen Anblick. Daß sie mit bösen Mächten in Verbindung gebracht wurden, ist daher nicht verwunderlich.

Unterstellt man den von weiterem sozialen Abstieg bedrohten ärmeren Dorf- und Stadtbewohnern einen ausgeprägten Sozialneid gegenüber den bessergestellten, liegt für diese Opfergruppe der Schluß, dieselben im Umfeld von Teufelspakt und Schadenzauber anzusiedeln, nicht mehr fern.

Als durch die enormen Bevölkerungsverluste als Folge des Dreißigjährigen Krieges Stadt und Land quasi wiederbesiedelt werden mußten, nahm man hingegen auch ärmere Leute wieder auf. Ausweisungsaktionen wurden unnötig, Wegzüge aus dem Territorium sogar unter Strafe gestellt. Die soziale Konfliktfront zwischen Armen und Reichen hatte sich vorübergehend entspannt. Die Hexenprozesse nahmen fast schlagartig ab, was den Zusammenhang offensichtlich werden läßt.

Als Fazit dieser Ausführungen muß festgehalten werden, daß die Rottweiler Hexenprozesse keineswegs ein von kirchlicher oder weltlicher Obrigkeit oktroyiertes Phänomen waren. Die treibenden Kräfte müssen vor allem in den städtischen respektive ländlichen Mittel-, aber auch Oberschichten lokalisiert werden.

Armut allein war aber offenbar keine ausreichende Eigenschaft, die jemanden in den Verdacht bringen konnte, mit dem Laster der Hexerei behaftet zu sein. Bei vielen Opfern ist eindeutig ein abweichendes Verhalten von den Normen des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu konstatieren.

Für die Opfergruppe der Fremden heißt das, daß sie oftmals sozial entgleist waren und sich als Diebe und Kleinkriminelle durchschlugen. Die Bedeutung des Leumunds bei Strafverfahren unterstreicht die ungünstige Ausgangsposition der Opfer aus dieser Gesellschaftsschicht. Es war sehr schwierig, Zeugen zu finden, die eine unvoreingenommene Einschätzung der Angeklagten abgeben konnten. Sie hatten keine Familie, keine Freunde oder einflußreiche Bekannte, die sich für sie verwenden konnten. Sie waren nicht eingebettet in die Gesellschaft. Sie standen abseits; sie waren asozial.

Bei der Opfergruppe der Ortsansässigen ist festzustellen, daß sie oftmals in Nachbarschaftsstreitigkeiten verwickelt waren, daß ihnen Almosen abgeschlagen wurden, daß man sich weigerte, ihnen etwas zu borgedn oder Geborgtes zurückzugeben, was Fluchen und Verwünschungen zur Folge hatte. Nicht selten wurden sie durch Alkoholmißbrauch und 'unzüchtigen' Lebenswandel auffällig. In nahezu allen Fällen liegt eine soziale Konfliktsituation zugrunde. Eine auftretende Krankheit oder unerwartetes Unglück wurden entsprechenden Ablaufmustern des Volksglaubens nach als Auswirkungen eines Schadenzaubers interpretiert, der aus vorgenannten Ursachen bewirkt wurde.

Literatur

Gedruckte Quellen

Crusius, M., Schwäbische Chronik, übers. von J.J. Moser, Frankfurt/Leipzig 1738.

Sekundärliteratur

Hecht, W., Der Hexenprozeß gegen das Pumpel-Annele im Jahre 1701, in: Rottweiler Heimatblätter 36 (1975) Nr. 2, S. 3.

Laufs, A., Die Verfassung und Verwaltung der Stadt Rottweil, Stuttgart 1963.

Merckle, J.A., Das Territorium der Reichsstadt Rottweil in seiner Entwicklung bis zum Schluß des 16. Jahrhunderts, Stuttgart 1913.

Ruckgaber, H., Die Hexenprozesse zu Rottweil am Neckar, in: Württembergische Jahrbücher für vaterländische Geschichte, Geographie, Statistik und Topographie, 1. Heft (1838) S. 174-196.

Zeck, M., Reichsstadt Rottweil, in: Lorenz, S. (Hg.), Hexen und Hexenverfolgung im deutschen Südwesten, Ostfildern 1994, Aufsatzband S. 381-388.

Ders., "Im Rauch gehn Himmel geschüggt". Hexenprozesse in Rottweil am Neckar, (in Vorbereitung).

 

Empfohlene Zitierweise

Zeck, Mario: Rottweil - Hexenverfolgungen. Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jdzr6/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 05.05.2006

Index P-Z


Lesezeichen / Weitersagen

FacebookTwitterGoogle+XingLinkedInDeliciousDiggPinterestE-Mail