P-Z

Hexenverfolgungen Reutlingen (Reichsstadt)

Thomas Fritz

13.06.00

Das Territorium - Allgemeine politische, soziale und wirtschaftliche Rahmenbedingungen

Die Stadt Reutlingen gehörte seit ihrer Gründung im hohen Mittelalter zum Reichsgut. Die Bürgerschaft meinte im 13. und 14. Jahrhundert ein Patriziat, welches sich aus Großkaufleuten, Ministerialen und dem niederen Adel der Umgegend zusammensetzte. Im Verlauf des 14. Jahrhunderts gelang es jedoch den Zünften, sich politisch gegen diese Oberschicht durchzusetzen und sie im Lauf des 15. Jhdts. vollständig aus der Stadt zu verdrängen. In dieser Zeit glückten der Stadt auch einige Erwerbungen: Insgesamt sieben umliegende Dörfer konnten - unter dem rechtlichen Dach des städtischen Spitals - der Stadtherrschaft eingegliedert werden.

Die Einwohnerzahl Reutlingens kann man für das Jahr 1600 mit rund 5000 Personen beziffern. Dazu kamen in den sieben Dörfern nochmals rund 2000 Untertanen. Geographisch-politisch bildete Reutlingen eine Enklave im Herzogtum Württemberg. Das Verhältnis war ambivalent: Einerseits bestand durch die lutherische Konfession seit der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts eine gemeinsame ideelle Basis. Andererseits sprachen wirtschaftliche und machtpolitische Gesichtspunkte - vor allem auf württembergischer Seite - gegen ein allzu freundschaftliches Verhältnis. So kam es im 16. und 17. Jahrhundert immer wieder zu Spannungen in den Außenbeziehungen Reutlingens.

Die Zünfte - es gab insgesamt zwölf - waren in der Stadt nicht nur in politischer, sondern auch in wirtschaftlicher Hinsicht maßgeblich. Sie profitierten von der Rolle der Stadt als zentralem Marktort von regionaler Bedeutung. Allerdings hatte man in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts den Höhepunkt der wirtschaftlichen Entwicklung bereits überschritten. Vor allem ein Niedergang des Weinbaus und des Textilgewerbes ist in dieser Zeit zu beobachten.

Die soziale Differenzierung scheint nicht sehr stark ausgeprägt gewesen zu sein. Es finden sich Mitte des 16. Jahrhunderts in der Mehrzahl mittlere und untere Vermögen in der Stadt. Den Mangel an größeren Vermögen kann man wohl mit dem Fehlen einer Großkaufmannschaft erklären.

Gerichtsverfassung

Das Reutlinger Gericht war mit dem Rat identisch. Dieser wurde alljährlich entsprechend der spätmittelalterlichen Wahlverfassung gewählt. Die zünftische Wahlordnung nach dem Schmalkaldischen Krieg wieder einzuführen, war den Reutlingern von Kaiser Maximilian II. erlaubt worden. Damit nahm die Stadt unter den Reichsstädten Südwestdeutschlands in der frühen Neuzeit eine besondere Stellung ein. Denn dort waren die von Kaiser Karl V. oktroyierten, patrizisch orientierten Ratsverfassungen meist beibehalten oder die alten zünftischen Verfassungen nur dem Namen nach retabliert worden.

Die Strafrechtspflege lag ausschließlich in den Händen des Kleinen Rats. Die einfachen Fälle wurden im Rat diskutiert, nach einer Umfrage wurde dann eine Mehrheitsentscheidung gefällt. In komplizierteren Prozessen wurde manchmal ein Gutachten bei einer juristischen Fakultät eingeholt, vorzugsweise an der nahen Universität Tübingen. Im Falle von Hexenprozessen wurde dieses Verfahren allerdings nur angewandt, wenn sich im Rat Selbstzweifel über die Rechtmäßigkeit der Verfahren einstellten.

Maßstab für diese "Rechtmäßigkeit" in Strafrechtssachen war dabei - wie in allen Reichsstädten - seit 1532 die Carolina. Ihre Auslegung und Umsetzung in einen ordentlichen Strafprozeß war jedoch problematisch, da die Räte durchweg keine studierten Juristen waren und insbesondere das anspruchsvolle Beweisverfahren der Carolina oftmals nicht richtig begriffen.

Mit der konkreten Prozeßführung waren meist zwei Commissare beauftragt, welche aus den Reihen der Räte ernannt wurden. In den Hexenprozessen waren diese Männer von zentraler Bedeutung, da sie die Aussagen der Verdächtigen und Zeugen für den Rat filterten, indem sie die Ergebnisse ihrer Verhöre in sog. Referaten vortrugen.

Überblick über den Verlauf der Prozesse

Die Hexenverfolgungen in der Reichsstadt Reutlingen erstreckten sich über einen Zeitraum von fast genau hundert Jahren: von 1565 bis 1667. Sie kosteten 53 Menschen das Leben. Die Prozesse konzentrierten sich in einigen wenigen Verfolgungswellen, die jeweils im Abstand von ca. 30 Jahren aufeinander folgten und dabei in der Regel 6-8 Opfer forderten. Der Frauenanteil bei den Opfern lag bei 83%; der Anteil der Freigelassenen bei 16%.

Auffällig ist vor allem das Ausmaß der letzten Verfolgungswellen von 1660/61 und 1665-67 denen insgesamt 25 Menschen zum Opfer fielen; also annähernd soviele, wie in den knapp hundert Jahren zuvor.

Zwischen den vier großen Verfolgungswellen fanden noch einige Einzelprozesse wegen Hexerei statt. Allerdings wichen diese Fälle fast immer vom herkömmlichen Schema ab und nahmen gegenüber den vier größeren Verfolgungen eine Sonderstellung ein: In der Regel handelte es sich bei den Opfern um geistig Verwirrte oder gewöhnliche Straftäter, deren Delikt erst im Verlauf des Verfahrens vor dem Hintergrund der Hexerei gedeutet wurde.

Die einzelnen Verfolgungswellen

Auslöser und Verläufe

Die erste Welle von Hexenprozessen fand im Jahre 1565 statt. Ihr fielen von Mai bis Oktober acht Frauen zum Opfer. Die Anklagepunkte entsprachen dem elaborierten Hexenbegriff. Allen Urgichten gemeinsam war das Bekenntnis, durch Wetterzauber Hagel und Reif verursacht und dadurch mehrere Ernten in den letzten Jahren schwer geschädigt zu haben. Dies legt den Schluß nahe, daß ernteschädliche Witterungsverhältnisse diese erste Verfolgungswelle mit ausgelöst haben.

Während der zweiten Verfolgungswelle von 1603 wurden sieben Frauen hingerichtet. Der Auslöser lag hier bereits zehn Jahre zurück: Im Winter 1593 war es zu mehreren Bränden in der Stadt gekommen, deren Begleitumstände auf Brandstiftung schließen ließen. In diesem Zusammenhang waren rasch Gerüchte laut geworden, die einige Frauen beschuldigten, Hexen zu sein und die Feuer gelegt zu haben. Die damals führende Gruppe von Räten um Bürgermeister Georg Gayler hatte jedoch die Prozesse von 1565 und ihren negativen Ausgang noch in Erinnerung gehabt und sich geweigert, den Verfolgungswünschen der Bürgerschaft nachzukommen. Bis 1603 aber war diese Führungsgruppe um Bürgermeister Gayler im Rat aus Altersgründen innerhalb von nur zwei Jahren abgelöst und durch eine neue Generation ersetzt worden. Die neuerlichen Verfolgungen begannen unmittelbar nach dieser Ablösung an der Führungsspitze der Stadt. Unzufrieden mit dem Ausgang der damaligen Untersuchungen strebten die 1593 noch relativ jungen Ratsmitglieder, die jetzt die Macht in Händen hielten, eine Aufklärung der mysteriösen Vorgänge von vor zehn Jahren an. Die Versuchung sich damit auch vor der Bevölkerung zu profilieren und die eigene Position beim Kampf um die Neuverteilung der Macht zu verbessern, spielte dabei eine nicht unerhebliche Rolle.

Im Jahr 1633 schließlich wurden in einer dritten Verfolgungswelle sechs Frauen hingerichtet. Auch für diese Prozesse gab es einen unmittelbaren Auslöser. Es waren damals starke Indizien vorhanden, daß eine Witwe aus Ohmenhausen, ihre drei Ehemänner mit Arsen vergiftet hatte. Das Verfahren gegen sie mündete jedoch in eine Hexenverfolgung, welche rasch um sich griff. Auch in diesem Fall ist ein Generationswechsel in der Führungsspitze des Rates in den 1630er Jahren zu beobachten.

Die vierte und letzte Verfolgungswelle läßt zeitlich in zwei Abschnitte aufteilen: 1660/61 und 1665-67. Beide hängen jedoch eng miteinander zusammen. 1660/61 wurden neun Menschen wegen Hexerei hingerichtet. Ausgelöst worden war die Verfolgung durch den Prozeß gegen die siebzigjährige Margarethe Osswald, welche bezeichnenderweise schon lange in der Stadt als "Teufels Gretha" bekannt gewesen war.

Die Prozesse hatten im Mai, unmittelbar vor dem entscheidenden Wahltermin im Juli begonnen. Sie wurden vor allem von dem ehrgeizigen Schuhmacherzunftmeister Johann Philipp Laubenberger und dem Amtsbürgermeister von 1659/60, Conrad Felchlin gefördert, welche die Verhöre als Commissare leiteten. Dieses Engagement konnte besonders Laubenberger in politische Gewinne ummünzen. Er zählte zu den Gewinnern der Ratswahlen von 1660, in denen er zum Zweiten Schultheißen aufstieg.

In dieser Zeit ist wiederum ein deutlicher Generationswechsel zu beobachten. Eine Führungsgruppe um Bürgermeister Beger, der rund 20 Jahre an der Spitze des Gemeinwesens gestanden hatte, trat allmählich zurück.

Allerdings hatte sich Laubenberger durch seinen rasanten Aufstieg nicht nur Freunde im Rat gemacht. In den "hexenlosen" Jahren nach 1661 mußte er durch eine gegnerische Gruppe eine empfindliche politische Niederlage einstecken. Die Hauptexponenten dieser Fraktion waren der angesehene Apotheker und Ratsherr Heinrich Efferen, der Erste Schultheiß Sebastian Wucherer und der Bürgermeister Johann Schmidt. Diese hatten auch den Hexenprozessen von 1660/61 äußerst reserviert gegenüber gestanden, aber noch nicht genug Einfluß besessen, um sie gänzlich verhindern zu können. Erst als es im Zusammenhang mit den Verfahren zu einigen Skandalen, wie dem ungenehmigten Einsatz der Folter, gekommen war, hatte man sie Anfang 1661 eindämmen können.

Andererseits wurde Laubenbergers politisches Ansehen 1663 durch gewisse diplomatische Ungeschicklichkeiten während einer Konfrontation mit dem Herzog von Württemberg schwer beschädigt. Er bezahlte dies mit einer demütigenden Rückstufung in der Ratshierarchie bei den Wahlen des Jahres 1664. In dieser ungünstigen Situation bot sich ihm im Jahr darauf eine einmalige Gelegenheit, das verlorene Terrain wieder gutzumachen: Ein Knabe namens Urban Helbling behauptete vom Teufel besessen zu sein und denunzierte zahlreiche Bürger, daß er sie auf verschiedenen Hexentänzen gesehen habe. Diese Vorwürfe erregten die Gemüter der Bevölkerung sofort aufs Äußerste. Es kam auf der Straße zu Zusammenrottungen und man drohte sogar mit Lynchjustiz, falls keine Prozesse eingeleitet würden. Der Rat gab diesem Drängen schließlich nach, und Laubenberger verstand es geschickt, dies zu seinem Vorteil auszunutzen: Er ließ sich sogleich wieder das Amt eines Commissars übertragen und leitete, zusammen mit einigen Gleichgesinnten im Rat, die Prozesse bald im Sinne der Bürgerschaft. Das Prestige, welches Laubenberger dadurch gewann, katapultierte ihn bei den Ratswahlen im Sommer 1665 auf den Sitz des Amtsbürgermeisters. Gleichzeitig gelang es seinen Anhängern, die wichtigsten Positionen im Rat zu besetzen. Seine Gegner hingegen wurden politisch völlig entmachtet. Im Falle seines Hauptrivalen Heinrich Efferens gelang es ihm sogar, jenen aus der Stadt zu vertreiben. Laubenberger und seine Anhänger hatten dazu gezielt beklagte Frauen auf der Folter gedrängt, Efferens Ehefrau als "Gespielin", d.h. als Mittäterin zu denunzieren. Dadurch war innerhalb kürzester Zeit auch der Ruf des Ehemanns in der Bürgerschaft ruiniert worden.

Das Ende der Verfolgungen

Allerdings scheinen auch Laubenberger, nachdem er sich erst einmal die Macht gesichert hatte, relativ rasch Zweifel und Gewissensbisse angesichts der Umstände der Prozesse gekommen zu sein. Er machte sozusagen eine Wandlung vom "Saulus zum Paulus" in der Hexenfrage durch. Sie dokumentierte sich eindrucksvoll in den Aufzeichnungen, des Reutlinger Chronisten Lorenz Hofstetter.

Im Jahr 1666 ist dann auch deutlich zu beobachten, wie Laubenberger sich bemühte, die noch laufenden Prozesse einzudämmen. Er hielt sich dabei aber geschickt im Hintergrund. Durch einige gezielte Indiskretionen, die die wahren Umstände, wie die Geständnisse der Hingerichteten zustande gekommen waren, nur allzu deutlich machten - nämlich durch Folter, Drohungen und Erpressungen, wurden die Hexenprozesse so gründlich desavouiert, daß sie 1667 nicht nur eingestellt, sondern auch nie wieder aufgenommen wurden. Laubenberger hingegen konnte die Stadt bis zu seinem Tod im Jahre 1683 unangefochten beherrschen.

Der Hexenprozeß

Bezüglich der Opfer kann man feststellen, daß die Prozesse bis in die 1630er Jahre nur Frauen betrafen. Der Hexereiglaube war anfangs auf das weibliche Geschlecht fixiert. Dies entsprach dem gängigen, von der einschlägigen dämonologischen Literatur kolportierten Bild der Hexe.

Die Hingerichteten waren - soweit es aus den Akten hervorgeht - alt und arm, oft auch verwitwet. Der Verdacht, daß diese Personen schwarze Magie übten, war in der Regel schon viele Jahre oder gar Jahrzehnte alt und kursierte meist unter den Menschen der unmittelbaren Nachbarschaft, in der "Gasse" sozusagen. Solche Verdachtsäußerungen gegen bestimmte Personen entstanden vor allem im familiären Milieu, wo ein ungeliebtes Familienmitglied das Ziel einer regelrechten Hetzkampagne werden konnte. Besonders gefährdet durch Hexereivorwürfe waren auch die Nachkommen von hingerichteten Hexen. Hier spielte offenbar vor allem die Vorstellung, daß die Hexen gerne ihre eigenen Kinder und Kindeskinder dem Teufel übergaben, eine verhängnisvolle Rolle.

Im Rahmen der Verfolgung der Hexen durch die Justiz war neben dem schlechten Ruf, dem "gemeinen Geschrei", wie es in den Akten heißt, vor allem der Nachweis konkreter Schadenszaubereien wichtig. Dieser Beweis wurde durch möglichst zahlreiche Zeugen zu führen versucht. Das geschah, indem der Rat die Commissare beauftragte, Erkundigungen über eine verdächtige Person einzuziehen. Diese wiederum veranstalteten dann eine Zeugeninquisition, bei der alle die etwas Verdächtiges über die Betreffenden wußten, aufgefordert waren, sich zu melden. Anhand dieser Aussagen wurden dann weitere Zeugen vernommen, um bestimmte Anschuldigungen auf ihre Glaubwürdigkeit hin zu überprüfen.

Eine dritte Säule der Reutlinger Hexenprozesse, neben dem schlechten Leumund und den Zeugenaussagen, waren die sog. "Besagungen", d.h. die Beschuldigung einer Person durch bereits "überführte" Hexen, mit ihnen an den Hexensabbaten teilgenommen und dort gemeinsam den Teufel angebetet zu haben. Insbesondere dieser letztere Faktor verlieh den Hexenprozessen eine aporetische Struktur.

Deutungsmodell

Der Beginn der größeren Hexenverfolgungswellen in Reutlingen steht stets mit dem Abtritt einer älteren Generation von Führungspersönlichkeiten im Rat im Zusammenhang. Ungefähr jede zweite Generation von Räten setzte eine Hexenverfolgung in Szene. Wenn die mit den Besagungen verbundene Tendenz zur Expansion schließlich den Abbruch einer Prozeßserie erzwungen hatte, sollte diese Ratsgeneration nie wieder Prozesse zulassen. Auch die nächste, jüngere Altersgruppe von Räten, die zur Zeit einer Verfolgung gewissermaßen als "Hinterbänkler" im Magistrat gesessen hatte, scheint durch diese Erfahrung geprägt worden zu sein. Jedenfalls kann man beobachten, daß auch diese Generation nicht zu Verfolgungen neigte, wenn sie schließlich an die Macht gelangt war. Erst die darauf folgende Generation von Räten, welche die letzte Verfolgung allenfalls noch als Kinder oder Jugendliche erlebt hatte, tendierte zur Wiederaufnahme von Prozessen.

Solche Verdachtsäußerungen gegen bestimmte Personen entstanden vor allem im familiären Milieu, wo ein ungeliebtes Familienmitglied das Ziel einer regelrechten Hetzkampagne werden konnte. Besonders gefährdet durch Hexereivorwürfe waren auch die Nachkommen von hingerichteten Hexen. Hier spielte offenbar vor allem die Vorstellung, daß die Hexen gerne ihre eigenen Kinder und Kindeskinder dem Teufel übergaben, eine verhängnisvolle Rolle.

Im Rahmen der Verfolgung der Hexen durch die Justiz war neben dem schlechten Ruf, dem "gemeinen Geschrei", wie es in den Akten heißt, vor allem der Nachweis konkreter Schadenszaubereien wichtig. Dieser Beweis wurde durch möglichst zahlreiche Zeugen zu führen versucht. Das geschah, indem der Rat die Commissare beauftragte, Erkundigungen über eine verdächtige Person einzuziehen. Diese wiederum veranstalteten dann eine Zeugeninquisition, bei der alle die etwas Verdächtiges über die Betreffenden wußten, aufgefordert waren, sich zu melden. Anhand dieser Aussagen wurden dann weitere Zeugen vernommen, um bestimmte Anschuldigungen auf ihre Glaubwürdigkeit hin zu überprüfen.

Eine dritte Säule der Reutlinger Hexenprozesse, neben dem schlechten Leumund und den Zeugenaussagen, waren die sog. "Besagungen", d.h. die Beschuldigung einer Person durch bereits "überführte" Hexen, mit ihnen an den Hexensabbaten teilgenommen und dort gemeinsam den Teufel angebetet zu haben. Insbesondere dieser letztere Faktor verlieh den Hexenprozessen eine aporetische Struktur.

Deutungsmodell

Der Beginn der größeren Hexenverfolgungswellen in Reutlingen steht stets mit dem Abtritt einer älteren Generation von Führungspersönlichkeiten im Rat im Zusammenhang. Ungefähr jede zweite Generation von Räten setzte eine Hexenverfolgung in Szene. Wenn die mit den Besagungen verbundene Tendenz zur Expansion schließlich den Abbruch einer Prozeßserie erzwungen hatte, sollte diese Ratsgeneration nie wieder Prozesse zulassen. Auch die nächste, jüngere Altersgruppe von Räten, die zur Zeit einer Verfolgung gewissermaßen als "Hinterbänkler" im Magistrat gesessen hatte, scheint durch diese Erfahrung geprägt worden zu sein. Jedenfalls kann man beobachten, daß auch diese Generation nicht zu Verfolgungen neigte, wenn sie schließlich an die Macht gelangt war. Erst die darauf folgende Generation von Räten, welche die letzte Verfolgung allenfalls noch als Kinder oder Jugendliche erlebt hatte, tendierte zur Wiederaufnahme von Prozessen.

Die Ursachen für dieses Grundmuster sind vermutlich in der spezifischen soziopolitischen Struktur Reutlingens zu suchen. Durch die Rückkehr zur zünftischen Verfassung 1576 mit ihren alljährlichen Ratswahlen scheint ein potentieller Destabilisierungsfaktor in die politische Struktur der Stadt eingebaut worden zu sein. Zwar gab es auch in Reutlingen Tendenzen zur Oligarchisierung durch die eingangs angesprochenen ratsnahen Familien. Allerdings konnten sich diese Bestrebungen in der Frühen Neuzeit nicht mehr völlig durchsetzen, da hier die wirtschaftliche Situation selbst dieser vermögenderen ratsnahen Familien so war, daß sie nicht "abkömmlich" im Weber'schen Sinne waren, d.h. daß ihnen die entscheidende Voraussetzung zur sozialen Abschließung fehlte. Dadurch gerieten diese Familien in eine Art "Schwebezustand" zwischen oligarisch-herrschaftlichen und demokratisch-zünftischen Tendenzen, der das politische System insgesamt instabiler machte.

Literatur

ALBER, Matheus/BIDENBACH, Wilhelm, Ein Summa etlicher Predigen vom Hagel und Unholden, gethon in der Pfarrkirch zu Stuttgarten im Monat Augusto, Anno MDLXII, (...), sehr nutzlich und tröstlich zu dieser zeit zu lesen, Tübingen 1562.

BESCHREIBUNG DES OBERAMTS REUTLINGEN, (hg. vom Königlichen Statistischen Landesamt), Stuttgart 1893.

FISCHER, Gerhard, Die Verfassung der Freien Reichsstadt Reutlingen ab 1500 und das Strafrecht, Diss. masch., Tübingen 1959.

FIZION, Johannes, Cronica unnd Grindtliche beschreibung des Hailigen Römischen Reichs Statt Reuttlingen Erster Anfang, Und Ursprung, (Hg. von Adolf Bacmeister), Stuttgart 1862.

GAYLER, Christoph Friedrich, Historische Denkwürdigkeiten der ehemaligen Freien Reichsstadt izt Königlich Württembergischen Kreisstadt Reutlingen, 2 Bde., Reutlingen 1840/45.

HOFSTETTER, Lorentius, Reutlinger Chronic von Ursprung der Stadt und was sich Merkwürdiges zugetragen bis 1691, in: RGB 20/21 (1981/82), (Bearb. v. Paul SCHWARZ).

HONECKER, F., Hexenprozesse im alten Reutlingen, in: Reutlinger Heimatschriften, Nr. 3, Reutlingen o. J., S. 3-47.

JÄGER, Wolfgang, Die Freie Reichsstadt Reutlingen. Siedlungs- und Verfassungsgeschichte bis 1500, Würzburg 1940.

KOPP, Herbert, Reutlingen, in: KEYSER, Erich, (Hg.), Württembergisches Städtebuch, Stuttgart 1962, S. 408-417.

LÜTCKE, Klaus-Peter, Das Haushalts- und Rechnungswesen der Freien Reichsstadt Reutlingen im 18. Jahrhundert, Diss. masch. Tübingen 1980.

MAIER, Gottfried, Alt-Reutlinger Familien, 2 Bde., Reutlingen o. J.

MAYER, Renate, Die Sozialstruktur der Reichsstadt Reutlingen nach der Türkensteuerliste von 1542, Zula. masch. PH Reutlingen 1979.

SCHENKER, Gabriele, Die Hexenprozesse in Reutlingen im 16. und 17. Jahrhundert, Zulassungsarbeit masch. PH Reutlingen 1971.

SCHÖN, Theodor, Das Tagebuch eines Reutlinger Scharfrichters, in: RGB, 11 (1900), S. 96.

DERS., Des Apothekers Heinrich Efferen Kampf gegen den Hexenwahn, in: Tübinger Blätter, 4 (1898), S. 50 f.

SCHWARZ, Paul, Die Bürgermeister der Stadt Reutlingen ab 1575, in: RGB, 5 (1967), S. 9-27.

DERS./SCHMID, Heinz Dieter, (Hg.), Reutlingen. Aus der Geschichte einer Stadt, Reutlingen 1973.

WEBER, Hartwig, Kinderhexenprozesse, Frankfurt/M. 1991.

WITTMANN, Rudolf, Die Entwicklung der wirtschaftlichen Verhältnisse der Freien Reichsstadt Reutlingen 1648-1803, Reutlingen 1927.

WOHLEB, J. L., Zur wirtschaftlichen Lage der Reichsstadt Reutlingen um 1706, in: ZWLG, 5 (1941), S. 114-123

 

Empfohlene Zitierweise

Fritz, Thomas: Reutlingen - Hexenverfolgungen. Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jdzr3/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 15.02.2006

Index P-Z


Lesezeichen / Weitersagen

FacebookTwitterGoogle+XingLinkedInDeliciousDiggPinterestE-Mail