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Oliver Auge

Hexenverfolgungen in der Grafschaft Rechberg

(Hohenrechberg, Donzdorf, Rechberghausen; heute in Baden-Württemberg gelegen)

Die Familie der Herren von Rechberg ging, soweit es die Quellen zu erkennen geben, aus der staufischen Ministerialität hervor. Nach dem Untergang der Staufer traten die Rechberger an mehreren Orten im Umkreis der staufischen Stammburg in die Besitzrechte der Staufer ein. Ihr im heutigen Baden-Württemberg gelegener Herrschaftskomplex - die in Bayern befindlichen Gebiete bleiben hier außen vor - befand sich zwischen dem Herzogtum Württemberg im Westen und den Territorien der Reichsstädte Schwäbisch Gmünd und Ulm im Norden beziehungsweise Südosten. Aufgrund der bis ins 16. Jahrhundert besonders zahlreichen Nachkommenschaft kam es zu vielfachen Herrschaftsteilungen, auch in den hier behandelten Teilherrschaften der Seitenlinien Rechberg-Hohenrechberg, Rechberg-(Staufeneck-)Donzdorf sowie Rechberg-Rechberghausen. Erstere beide wurden zu Beginn des 17. Jahrhunderts, als sich die Zahl der Seitenlinien erheblich verkleinerte, vereint. Die Herren von Rechberg waren im Zeitalter der Reformation protestantisch geworden, doch hatte in ihrem Territorium auch der Katholizismus weiterhin Bestand (etwa in Form von Wallfahrten). 1601 erfolgte die kaiserliche Erhebung in den Freiherrenstand.

Die Quellen zur Geschichte der rechbergischen Familie und Herrschaften befinden sich heutzutage vor allem im Archiv der Gräflichen Familie in Donzdorf, dessen Benutzung durch den immer noch schlechten Ordnungszustand erschwert ist. Freilich muss im Einzelfall auch die jeweilige Parallelüberlieferung in den Nachbarterritorien herangezogen werden, was die Auffindung der einschlägigen Quellen teilweise erheblich erschwert.

Soweit es der spärliche Forschungsstand zu erkennen gibt, fand im Unterschied zum bayerisch-schwäbischen Herrschaftsbereich im Stammterritorium der rechbergischen Familie eine nur maßvolle Hexenverfolgung statt.

Hans von Rechberg hatte unter dem Druck von Teilen der bäuerlichen Bevölkerung in den Jahren 1563 bis 1565 eine ganze Prozesswelle wegen Hexerei in der rechbergischen Herrschaft Illereichen im heutigen Bayern eröffnet. Zahlreiche Personen waren als Verdächtige daran beteiligt, ein Großteil davon überlebte allerdings den Prozess. Diese Verfolgungswelle war die erste große im Raum des heutigen Bayern. Da der Rechberger bei der Verfolgung zumindest teilweise gegen Reichsrecht verstoßen hatte - er hatte Verdächtige widerrechtlich verhaften und foltern lassen -, wurde er in ein Verfahren verwickelt, das vor dem Reichskammergericht zu Speyer zwischen 1567 und 1603 geführt wurde. 1590 fand in der rechbergischen Herrschaft Kellmünz, ebenfalls im heutigen Bayern gelegen, eine weitere rechbergische Prozesslawine statt, in deren Verlauf fünf Menschen den Hinrichtungstod fanden.

Ungefähr zeitgleich soll Graf Haug Erkinger von Rechberg-Rechberghausen eine Frau wegen Hexerei hingerichtet haben. An authentischen Quellen fehlt es freilich, so dass sich die Vermutung nicht genau verifizieren lässt. Im Prinzip könnte von ihm auch ein anderes - damals todeswürdiges - Verbrechen abgestraft worden sein, etwa ein Gift- oder Kindsmord. Nähere Angaben zu den Lebensverhältnissen der Frau erhalten wir nicht. Vielleicht ist das Datum des Prozesses auf die Zeit um 1580 oder früher zu veranschlagen. In diesem Jahr erbat Haug Erkinger von Kaiser Rudolf die Zuerkennung des Blutbanns. Ein interessanter Aspekt ist der überlieferte Transfer der Verurteilten von Rechberghausen nach dem ebenfalls rechbergischen Donzdorf. Zu vermuten ist, dass es Haug Erkinger trotz eigener Hochgerichtsbarkeit schlichtweg am "Hochgericht" in seiner materiellen und personellen Bedeutung, an der zur Hinrichtung der Frau nötigen "Infrastruktur" fehlte.

Der nächste, diesmal ausführlich dokumentierte Hexenprozess im "württembergischen" Herrschaftsbereich der Rechberger war der gegen Maria Bützin von Böhmenkirch, der sich 1615 ereignete. Der Prozess spielte sich hauptsächlich im Rahmen der dörflichen Konfliktebene ab. Mehrere Ortsbewohner, zum größeren Teil der dörflichen Mittel- und Unterschicht zuzurechnen, waren an dem Prozess mittelbar als Zeugen oder unmittelbar als Angeklagte beziehungsweise Ankläger beteiligt. Die in Böhmenkirch geborene und zur Zeit des Prozesses etwa fünfzigjährige Maria Bützin wurde vor ein rechbergisches Gericht zitiert, da man von den vielen Hexereigerüchten erfahren hatte, die sich um sie rankten. Nach ihrer Zeit als wandernde Magd wurde sie Mutter von fünf Kindern (von denen drei starben) und hatte dann - nach dem Tode des ersten Mannes - erneut geheiratet. Sie wurde von mehreren Dorfbewohnern, selbst von ihrem eigenen Mann, des Schadens- und Molkezaubers bezichtigt. Auffälliger Weise wurde das Wort Hexerei bei den Anschuldigungen niemals verwendet. Die Bützin wehrte sich offensiv gegen die Vorwürfe. Nicht von "oben" ging allem Anschein nach der Prozess aus, sondern von "unten". Die Obrigkeit führte das Verfahren maßvoll und vor allem nach dem damaligen Rechtsverständnis. Das macht einen für die Bützin glimpflichen Ausgang des Prozesses recht wahrscheinlich. Von einer Verurteilung wissen wir nichts.

Zwischen 1623 und 1646 soll es - die betreffenden Originalquellen scheinen verloren gegangen zu sein - durch einen Hexer namens Hans Hurm oder Sturm zu Massenbesagungen gekommen sein. 126 Personen, auch und gerade aus dem benachbarten Schwäbisch Gmünd wurden der Hexerei bezichtigt. Hurm verstand seine Verurteilung immer wieder durch Angabe weiterer, in vielen Fällen renommierter Mitschuldiger hinauszuschieben: des Stadtschultheißens und dessen Ehefrau, des Stadtmeisters, des Grettmeisters samt Ehefrau, des Bürgermeisters Seybold, der Frau des Spitalmeisters usw. Wir wissen nichts über Hintergründe und Ausgang des Verfahrens und erhalten auch keinen Grund genannt, warum das Verfahren so erstaunlich lang gedauert haben soll.

Der nächste Prozess ereignete sich 1644/45. Gegen Ende des Jahres 1644 ließ der Graf vom Hohenrechberg vier Landstreicher, zwei Schwestern und zwei mit ihnen verbundene Männer bzw. Jungen, verhaften. Ihnen warf man Kirchen- und andere Diebstähle, Blutschande, Ehebruch und Unzucht sowie Hexerei vor. Die Angeklagten wurden auf der Burg gefoltert, worauf sie die Delikte, die man ihnen zur Last legte, gestanden. Unter anderem bekannten sie, tatsächlich Hexen und Hexer zu sein und an Hexentänzen teilgenommen zu haben. Die Männer nannten die Namen von 200 Gmünder Bürgern, die ebenfalls Hexenwerk betrieben hätten. Nach diesen Aussagen ließ der Graf zur Jahreswende 1644/45 die zwei Männer als Hexer hinrichten und verbrennen. Die beiden Frauen entkamen jedoch und flohen auf das Gebiet der Reichsstadt Schwäbisch Gmünd. Glaubten sie sich allerdings dort sicher, so mussten sie sich darin getäuscht sehen. Bald wurden sie in Mutlangen ergriffen und nach Gmünd ins Gefängnis geschafft, wo das Verfahren - diesmal unter reichsstädtischer Regie - wieder aufgenommen wurde. Es endete mit der Hinrichtung der beiden Frauen, von denen der einen, Ursula Schrägin, Hexerei als Delikt zur Last gelegt worden war. Sie wurde daher nach ihrer Enthauptung zusätzlich verbrannt. Der Prozess erscheint insgesamt als ein von der Obrigkeit initiiertes Verfahren zum Zweck der Sozialdisziplinierung. Ein anderes erkennbares Phänomen ist die Kooperation zweier benachbarter Herrschaften, die wohl durch das Verständnis der Hexerei als überterritorialer Gefahr ermöglicht wurde.

Literatur

Oliver Auge: Rechberger Hexenprozesse im 16. und 17. Jahrhundert, in: Einhorn Jahrbuch Schwäbisch Gmünd 1997, S. 125-140 (aktualisierter Wiederabdruck in: Rechberg. Ein Heimatbuch, Schwäbisch Gmünd 2004, S. 101-114).

Ders.: Hexenverfolgung und territorienübergreifende Kooperation. Überlegungen zur Zusammenarbeit der Reichsstadt Schwäbisch Gmünd mit der Grafschaft Hohenrechberg in einem Hexenprozeß des Jahres 1645, in: Einhorn Jahrbuch Schwäbisch Gmünd 1995, S. 157-164.

 

14.01.2005

Empfohlene Zitierweise

Auge, Oliver: Rechberg - Hexenverfolgungen. Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jdzqm/

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Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 15.02.2006

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